Mach das Licht aus, du Monster und lass mich raus.

Kurzgeschichte zum METALLICA Song „Enter Sandman“.

von Angelo Wehrli

Benommen wacht er auf und öffnet vorsichtig die Augen. Schweiß rinnt über seine Stirn. Er will seinen Kopf anheben. Geht nicht. Alles um ihn herum dreht sich. Sein Kopf schmerzt. „Ich muss hier raus“, jammert er, schüttelt seine schweißnassen Haare, schließt die Augen, öffnet sie in der Hoffnung, dass das Karussell in seinem Kopf aufhört, und linst aus seinem Bett auf das vergitterte Fenster. Nebliges Sonnenlicht wabert durch die Gitterstäbe über den brüchigen Betonboden. Im Sonnenstrahl tanzen Staubwölkchen. Mutlos sackt sein Kinn auf die Brust. Auf seinen trockenen Lippen schmeckt er Blut. Seit ihm das Monster nachts nicht von der Seite weicht, beißt er sich die Lippen blutig.

Er hat alles probiert. Die Träume lassen ihn nicht los.

Während seiner letzten Clubtour stand das Monster bei jeder Show an der Bühne, und streckte ihm seine Klauen entgegen. Es wollte ihn in den Abgrund reißen. „Warum?“, fragte er sich, fand aber keine Antwort. Er beruhigte sich mit dem Gedanken: „Solange es bei meinen Shows nicht auf die Bühne springt und mich frisst, geht es mir am Arsch vorbei.“ Gestern Nacht war ihm das Biest wieder auf die Pelle gerückt. Es sah jedes Mal anders aus. Gestern war es riesig, muskelbepackt, überall tätowiert und hatte kaum Zähne im Maul. Mit seinen Pranken drückte es ihm die Kehle zu, lutschte mit seiner sabbernden Zunge über sein Gesicht und grunzte ihm ins Ohr: „Pass gut auf dich auf, Arschloch, ich bin immer in deiner Nähe. Wenn ich irgendwann mal Lust habe, töte ich dich.“ Ihm blieb die Luft weg und er wachte auf: „Was habe ich dem Vieh getan, dass es mich so hasst?“, zerbrach er sich den Kopf.

Die Tür wird aufgerissen, Schritte nähern sich. Eine Gestalt steht vor ihm und atmet schwer, bückt sich und packt sein Kinn. Er starrt in glühende Drachenaugen. Das Biest spürt seine Angst, nickt zufrieden und wickelt ihn vorsichtig in eine Decke ein. „Diese Decke hält dich warm, Wichser. Solange du darunter liegst, bist du sicher. Denk über deine Sünden nach. Mach das so lange, bis ich wiederkomme.“

„Was stimmt hier nicht? Bin ich in einem Fantasieland gelandet?“, fragt er.

Das Lachen dieses Viehs kriecht wie ein dumpfes Echo durch das Zimmer. Schritte entfernen sich. Er hört, wie die Tür mit einem Ruck zugeschlagen wurde.

Er klammert sich an der Decke fest. Will schlafen, vergessen, geht nicht. Das Tageslicht vom Zimmerfenster blendet ihm ins Gesicht. Er kneift ein Auge zu und bemerkt vor dem Bett ein weißes Kopfkissen. Wie gerne hätte er es mit beiden Händen umschlungen und an seine Brust gedrückt. 

Was hatte er schon groß gemacht? Neue Songs und Choreografien mit der Band ausprobiert. Musste man dafür jedes Mal das Monster um Erlaubnis fragen? Nein, natürlich nicht. „Was soll ich jetzt tun?“ und schaut sich, Antworten suchend, im Zimmer um.

Wo ist das Monster?

Warum hört es mich nicht?

„Wenn es dich geben sollte, lieber Gott, sag mir, dass ich nur schlecht geträumt habe. Wenn das Monster mich vernichten will, bevor ich aus meinen Träumen aufwache, soll es meine Seele in deine Hände geben. Ich werde auch ganz still sein, versprochen. Ich bleibe für immer in diesem Zimmer.“

Er hört ein Geräusch.

„Alles wird gut“, tröstet er sich, „das Monster habe ich mir nur eingebildet. Ich werde alles tun, was das Monster von mir verlangt“.

Er legt sich auf das Bett und hofft, dass das Monster bald zu ihm zurückkehrt. Wenn es an seinem Bett steht, wird ihn der liebe Gott beschützen.

„Vielleicht sterbe ich, bevor ich aufwache“, denkt er und schläft ein, „dann soll der Himmel für meine Seele beten. Das Biest unter dem Bett ist nur ein Gehirngespinst.“

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

Katgeorien Musik1 Kommentar

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