von Angelo Wehrli
Eilig hastete sie nach dem Unterricht über den Campus der Sprachenschule Richtung Ausgang. Vorbei an Mitschülern, die hier die deutsche Sprache erlernen wollten. Vor der Drehtür zum Hof versperrte ihr ein Mann den Weg. Sie roch seinen schlechten Atem, den dumpfen Schweiß seiner Kleidung, musste stehen bleiben und schaute ihn genervt an. „Hallo meine Hübsche, ich will mit dir einen Kaffee trinken“, sagte er auf Spanisch. Wortlos wich sie ihm aus und wollte an ihm vorbeigleiten. Blitzschnell packte er ihre Schulter. „Aua! Lass mich in Ruhe“, zischte sie ärgerlich in der gleichen Sprache. Wuttränen kullerten ihren Wangen hinunter und da er sie festhielt, musste sie in sein rundes, hässliches Gesicht schauen. Der Kerl hieß Ramon, war in ihrem Sprachkurs und nervte sie schon seit Tagen. Sie hatte ihm schon mehrmals deutlich gemacht, dass sie auf seine Gesellschaft kein Wert legte. Sein Lächeln war verschwunden. „Du gibst mir einen Korb, Chica? Wenn ich sage, dass du mitkommen sollst, dann gehorchst du gefälligst.“ Sie riss seine Hand von ihrer Schulter und versuchte, ihn wegzustoßen: „Ich dir gehorchen? Du spinnst wohl? Du bist hier nicht auf Cuba, wo du Frauen ungestraft antatschen kannst. Verstanden? Oyes?“ Einige Mitschüler hatten den Streit mitbekommen und beschimpften ihn: „Lass Miranda in Ruhe, sonst gibt es Ärger“. Sie löste sich aus dem Gedränge und eilte zur U-Bahn-Station.
„Wenn der Kerl el locco dich weiter bedroht, dann werde ich ihn mir mal vorknöpfen“, sagte Osman und rührte am Herd in einem großen, köchelnden Suppentopf Arroz Y Frijoles Negros. Er trug Kochkleidung. Aus seinem Piratenkopftuch kräuselten angegraute Haare hervor. Das Weiß seiner Augen glitzerte unter der Deckenbeleuchtung der Küche seines Restaurants Buena Vista. Der Laden war geschlossen. Theke und Küche bildeten eine Einheit die von Bänken, Tischen und Stühlen aus Wohnungsauflösungen umgeben war. Von der Decke sorgten große Fenster für blasses Tageslicht. An den Wänden hingen riesige Ölgemälde mit kubanischen Landschafts- und Städteansichten.
„Pase lo que mas! Ich kann mit diesem ekligen Kerl el locco allein fertig werden“, sagte sie und trank einen Schluck Wasser aus ihrem Glas, stellte es auf die Theke, stützte sich mit ihren Ellenbogen darauf ab und fuhr mit beiden Händen durch ihre Haare. Sie war wie Osman dunkelhäutig, zierlich, trug ein buntes Sommerkleid und um den Hals eine Kette mit braunen und gelben kleinen Perlen. Die Kette betonte ihren Hals und ihre schmalen Schultern. Die Locken ihrer Afrofrisur umrahmten ihre großen braunen Augen und den kleinen Kirschmund. „Dieser Kerl ist gefährlich, Miranda“, erwiderte Osman und probierte seine Arroz Y Frijoles Negros, schüttelte den Kopf und goss noch etwas Tabasco in die Suppe.
„Er hat sich mit mir angelegt, Amigo. Jetzt muss er meine Antwort aushalten.“
Osman schaute sie an und bemerkte nachdenklich: „Der Verrückte, el locco, weiß nicht, mit wem er sich angelegt hat.“
„Ich frage mich, warum el locco nach Deutschland gekommen ist. Vermutlich hat er zu Hause irgendetwas verbrochen oder jemandem auf die Füße getreten.“
„Wir können Juan fragen, ob er die iluana zu den geweihten Bata-Trommeln singen kann, um dich in Trance zu versetzen. Vielleicht sagen dir die Götter, was du jetzt tun sollst?“
Miranda nickte: „Daran hatte ich auch schon gedacht. Wir müssen el locco von seinen bösen Absichten befreien“. Osman kostete zufrieden die Arroz Y Frijoles Negros, ließ Miranda auch probieren und als sie nickte, meinte er, „Ich rufe ihn an.“
Zwei Tage später versperrte ihr el locco erneut den Weg. „Nina eres atractiva,“ er grinste: „Wo wollen wir Kaffee trinken gehen? Drüben im Coffee-Shop? Oder vielleicht woanders?“ – „Such‘ dir jemand anderen, dem du auf die Nerven gehen kannst“, sagte Miranda wütend. „Oh, jetzt wird meine Hübsche auch noch aufmüpfig“, lachte er und riss ihre Perlenkette vom Hals. Braune und gelben Perlen lösten sich vom Halsband, fielen auf den Boden, rollten über den Gehweg und verloren sich zwischen Bordstein, Gullydeckel und Wiese. Die wenigen Perlen in seiner Hand steckte er mit dem dicken rötlichen Halsband in seine Hosentasche. Sie erstarrte. ‚Diese Kette ist mein Leben‘, dachte sie verzweifelt, ‚meine Patrina wird mich bestrafen, wenn sie spürt, dass sie von einem Ungläubigen entweiht, wurde‘. – „Gib‘ mir sofort meine Kette wieder“, giftete sie, „es ist eine geweihte Kette meiner Priesterin von zu Hause, elekes der Orishas.“ Erschrocken riss er seine Augen auf und betrachtete die Perlen in seiner Hand. Er schluckte unsicher und dachte: ‚Was bin ich bloß für ein Idiot? Ich habe mich mit einer Hexe angelegt‘. Einige Mitschüler waren stehen geblieben. Eine Frau schrie: „Lass‘ Miranda in Ruhe, du Machoarschloch.“ Miranda zog unbemerkt eine lange silberne, perlenbesetzte Haarnadel aus ihrer Afrofrisur, stach mit voller Wucht in seine Schulter und eilte zum Eingang der Sprachenschule. Der schrie, schaute Hilfe suchend in die Gesichter der verblüfften Menschenmenge, fasste sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Schulter, auf der sich auf seinem Hemd ein Blutfleck bildete. „Warte nur, du Schlampe. Ich kriege dich!“, brüllte er ihr hinterher und verschwand.
Osman und Juan saßen im Schneidersitz mit nackten tiefschwarz glänzenden Oberkörpern auf dem blau, weiß, roten Teppich vor der Theke des geschlossenen Buena Vista. Mit seinen eins achtzig überragte er Juan, der eine kubanische Conga auf seinem Schoß hielt, die mit einem dicken blutroten Schlagfell aus Rinderhaut in eine bunte Holzumrandung eingespannt war. Vor ihnen lag ein buntgefiederter toter Hahn und ein Küchenmesser in einer Blutlache. Juan trommelte, die Hand leicht angewinkelt, mit den Fingerspitzen und Handballen einen religiösen Voodoo-Rhythmus. Osman summte dazu einen alten Reggae-Song von Bob Marley
They say the sun shines for all
But in some people world, it never shine at all
Some people life is a dream
So they make matters worse
Und brabbelte dabei unverständliche Beschwörungsformeln. Miranda bewegte sich barfuß und geschmeidig mit geschlossenen Augen zu den Trommelklängen. Ihre Arme und Hände kreisten zum Rhythmus in sanften Gesten Richtung Himmel. Unzählige goldene Reifen, Ohrringe und Fußkettchen folgten ihren Bewegungen mit leisem Klimpern. Das Blut des geschlachteten Hahns tropfte über ihr Gesicht, tränkte den Stoff ihres bunten Sommerkleids, lief über ihre Hände und die nackten Füße auf den Boden. Osman reichte ihr eine braune Stoffpuppe, die dem Aussehen von el Locco ähnelte. Sie umklammerte die Puppe, riss in Ekstase ihre lange Haarnadel aus ihrem Afro und stach mit ihren blutigen Händen schreiend so lange auf die Figur ein, bis sie zerfetzt und blutgetränkt zu Boden fiel. Am Ende der Trance flüsterte sie: „Die Götter verlangen von el Locco ein sehr großes Opfer“.
Zur gleichen Zeit saß el Locco in seiner Unterkunft auf seinem Etagenbett. Ihm war schwindelig und übel. Seine Schulter schmerzte immer noch von Mirandas Nadelstich. Seit Stunden quälten ihn Kopfschmerzen und Magenkrämpfe. Er steckte seine Hand in die Hosentasche, strich mit den Fingern nachdenklich über die Kettenperlen und musste sich im selben Moment übergeben. Er schielte auf sein stinkendes Erbrochene und dachte an ihre Worte: ‚Gib‘ mir sofort meine Kette wieder. Es ist eine geweihte elekes der Orishas.‘ „Sie ist eine Santeria-Hexe“, hauchte er und spürte dabei einen festen Druck auf sein Herz. Er hatte Angst „Ich muss die Kette loswerden, sonst bringt mich ihr Voodoo-Fluch noch um“.
Am nächsten Tag erfuhr Miranda in der Schule, dass sich el Locco krankgemeldet hatte. „Jetzt weiß er, dass er die Kette zurückgeben muss“, lächelte sie.
„Du bist doch bescheuert, Ramon“, schimpfte sein Freund Carlos am nächsten Tag in der Unterkunftskantine. Sie saßen an einem langen Tisch und aßen zu Mittag. Es gab Chili con Carne. Die Kantine war gut besucht, Geschirrgeklapper an den Tischen und Essensgerüche von der Ausgabestelle. „Ich wusste nicht, dass sie eine Voodoo-Hexe ist“, jammerte Ramon, „ich wollte nur mit ihr ausgehen“. Genervt ließ Carlos das Besteck auf seinen Teller fallen und fauchte ihn an: „Du hast von der Polizei und der Unterkunftsleitung schon Verwarnungen wegen Frauenbelästigungen eingefangen und jetzt legst du dich auch noch mit einer ‚Santeria‘-Hexe an. Weißt du, was das heißt?“ Ramon starrte mit eingezogenen Schultern und hängenden Kopf auf seinen Teller und flüsterte: „Ich hatte damals bei der Staatssicherheit auf Kuba mit Priestern der ‚Santeria‘ zu tun. Bevor wir sie foltern konnten, sind sie mir nichts, dir nichts einfach gestorben oder die Kollegen, die sie gefoltert hatten, starben plötzlich an Herzversagen oder sind jämmerlich erstickt.“ Carlos nickte und schwieg. „Ich muss ihr die Kette zurückgeben“, murmelte Ramon. Carlos schüttelte seinen Kopf: „Einfach zurückgeben wird nicht reichen. Du musst der Priesterin ein Opfer anbieten“. Ramon schaute Carlos an und sagte: „Ja, ich weiß. Aber welches Opfer soll ich ihr geben? Die Familien der verstorbenen Folterkollegen haben den Priestern der ‚Santeria‘ damals oft ein Vermögen angeboten, um deren Seelen zu retten. Ich weiß nicht, was ich ihr für ein Opfer anbieten soll“.
„Ich bin gespannt, wann dir el Locco die Kette zurückgeben wird?“ sinnierte Osman laut und goss Miranda Havana Club ins Schnapsglas. Sie saßen an der Theke im leeren Buena Vista. Osman hatte alle Gerichte für den abendlichen Restaurantbetrieb vorbereitet, sein Piratentuch auf die Theke platziert und prostete Miranda zu. Im Hintergrund lief Salsa-Musik. Wortlos leerten sie ihre Gläser. „Wenn er mir kein Opfer für die Entweihung meiner Kette anbietet, muss ich ihn nach den Regeln der ‚Santeria‘ bestrafen“, sagte Miranda mehr zu sich selbst. Osman schüttelte seinen Kopf: „Es reicht doch, wenn el Locco die Kette zurückgibt und sich entschuldigt. Mehr schafft dieser Macho nicht.“
Miranda schloss ihre Augen und zischte ärgerlich: „Er hat die Kette meiner Patrina entweiht. Er muss ein Opfer anbieten, andernfalls?“, sie vollendete ihren Satz nicht. Osman seufzte: „Miranda, wir sind hier in Deutschland. Wenn du el Locco etwas antust, machst du dich strafbar. Es droht dir Knast und Abschiebung nach Hause.“
„Ich habe meiner Patrina einen Eid geschworen, die Kette niemals in fremde Hände zu geben. Ich habe es zugelassen, dass sie beschmutzt wurde. Sie hat das bestimmt schon gespürt. Deshalb habe ich Kopfschmerzen, Herzrasen, mir ist schwindelig und ich muss dauernd kotzen. Ich muss ein Opfer verlangen. Wenn ich das nicht mache, wird mich meine Priesterin mit einem Bann belegen.“ Osman lachte bitter, holte die Havana Club Flasche aus dem Regal und füllte beide Gläser. Miranda rührte den Drink nicht an. „Hast du schon mal daran gedacht, diese ganze Voodoo-Zauberei aufzugeben?“, fragte er, schaute sie an und trank sein Glas aus. Sie verdrehte verständnislos ihre Augen. Osman wird es nie begreifen. Dem Santeria-Orden kann niemand entkommen. Auch hier in Deutschland nicht.
„Hola Miranda“, begrüßte Ramon sie im Stimmengewirr während der Pause auf dem Flur vor ihrem Klassenraum. Sie sah ihn an. Sie ekelte sich vor seinen gelblichen Zähnen, als er sie verlegen anlächelte. „Äh, ich wollte dir die Perlen deiner Kette zurückgeben. Ich habe sie am Schuleingang wieder aufgesammelt. Ich hoffe, dass es alle Perlen sind. Tut mir nochmal sehr leid“, und hielt ihr dabei seine offene Hand mit braunen und gelben Perlen und der zerrissenen Schnur vor ihre Nase. Sie steckte alles in ihre Umhängetasche und sagte: „Du hast eine geweihte Kettezerstört und beschmutzt. Die Voodoo-Götter verlangen von dir ein Opfer“. Er schaute sie ängstlich an. Miranda drückte wütend ihre linke Faust an seine Brust: „Ich habe einen Vorschlag. Du fliegst innerhalb der nächsten sieben Tage nach Hause. Meine Patrina wird dich in Havana erwarten und während einer heiligen Prozession bestrafen.“ Entsetzt rief er: „Ich kann nicht zurück. Ich habe auf Kuba einen Kartell-Boss getötet. Wenn ich zurückgehe, werden mich die Typos von der ‚Escena Negra‘ umbringen.“
Miranda lächelte.

Spannende Kurzgeschichte mit einer unerwarteten Wendung! Wenn Ramon das überlebt hat er eine Lektion fürs Leben bekommen.
Gruß Jeff
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Danke fürs Lesen! Wenn es eine Fortsetzungsgeschichte auf Cuba geben sollte, wird Ramon dem Voodoo-Kult komplett ausgeliefert sein. Aber wir wissen ja nicht, ob er Mirandas Aufforderung folgen wird?!
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