„Dein Porsche“ sagte er und drückte ihr den Schlüssel in die Hand.

von Angelo Wehrli

„OK, der Sound stimmt jetzt“, hörte sie in ihren AirPods Sammys Stimme.
Weit weg von der Bühne sichtete sie die kleine winkende Gestalt, hinter vielfarbig blinkenden Computermonitoren und der riesigen Beschallungsanlage. Sie lächelte und sagte ins Mikro über die Bühnenlautsprecher:“ Danke Sam! Heute Abend wird der Sound noch besser sein“, hängte das Mikro auf den Ständer, schaute zu ihren drei Bandkollegen rüber, lächelte und hob den Daumen.
Sie sah sich auf der Bühne zufrieden um. Mit Nic, James und Ricardo tourte sie schon seit vielen Jahren. Am Anfang ihrer Karriere spielte sie mit ihrer Band in den schmutzigsten Clubs dieser Welt. Manchmal reichten die kleinen Gagen gerade zum Überleben. Mittlerweile war sie eine weltbekannte Rockikone. Ihre Hits wurden in den Radiostationen rauf und runter gespielt.
„Unser gestriger Auftritt in München hat mich fertig gemacht. Wir mussten vier Zugaben geben“, meinte James mit seinem englischen Slang, „Elizy ist einfach zu gutmütig. Sie hätte auch noch zwei weitere Songs gesungen, wenn ich sie nicht böse angeschaut hätte und zu ihrer Überraschung ein falsches Riff gespielt hätte.“
Sie lachte, „Hat doch funktioniert. Rock ’n‘ Roll muss nicht immer perfekt sein, hat Ozzy Osbourne mal gesagt“.
Sie verließen sie die Bühne und liefen durch die Backstage Zone zum Ausgang.
An der Laderampe wartete ihr Fahrer am Tourbus. Eilig warf er seine brennende Zigarette auf das Pflaster und öffnete die Schiebetür des Busses. Die Jungs stiegen ein und meinten, „Heute Abend gibt Elizy mindestens zehn Zugaben. Die Hälfte der Songs stammen noch aus ihrer Frühphase und die haben wir noch nie live gespielt“.
„Haut bloß ab“, zischte sie,“ wenn ihr nicht bald mit euren Sticheleien aufhört, covern wir heute Abend ein ‚Ein Bett im Kornfeld‘ von Jürgen Drews“.
„Uhhh!“, heulten die Jungs. „Grüß Harry von uns“, rief Nic ihr nach, während der Fahrer die Schiebetür zuzog. Der Bus rauschte vom Hof.
Elizy schaute sich um und sah auf ihre Uhr. Von Harry ihrem kleinen Bruder war weit und breit nichts zu sehen „Genau drei“, ‚seufzte sie, „mit Pünktlichkeit hatte er es ja nie so.“
Sie fror, zog den Reißverschluss ihrer mit Nieten beschlagenen Kunstlederjacke zu und schüttelte ihre langen blonden Haare. Ihre Ohrringe aus Edelstahl klimperten. Ohne ihre Markenzeichen, schwarz geschminkten Augenlidern und knallrot angemalten Lippen, ging sie nie vor die Tür. Egal ob zu Hause in LA oder auf Tour.
Sie erschrak, als ein mattschwarzes Auto lautlos über den Hof auf Elizy zu brauste und mit quietschenden Reifen wenige Zentimeter vor ihr zum Stehen kam.
„Harry!“, stöhnte Elizy genervt,“ Der kann es einfach nicht anders. Immer laut, schrill und durchgeknallt“.
Ein Traumauto stand vor ihr: mattschwarz, breite Reifen, jede Karosseriekurve ein Genuss, abgeblendete runde Scheinwerfer und breite Außenspiegel.
Harry saß hinter der abgedunkelten Windschutzscheibe am Steuer und winkte ihr zu.
„‘Faster than schnell‘ würde als Song zu dieser Karre passen“, dachte Elizy.
Die Fahrertür sprang geräuschlos auf und Harry stieg aus.
„Hi Schwester“, begrüßte er sie herzlich,“ keiner braucht ihn, jeder möcht‘ ihn. Darf ich vorstellen: Das ist dein Porsche. Ich hab‘ ihn gerade für dich abgeholt“, und drückte ihr einen elektronischen Schlüssel in die Hand und bewegte sich Richtung Beifahrerseite.
Sprachlos schaute sie zuerst den Schlüssel in ihrer Hand und dann den grinsenden Harry an, strich vorsichtig mit ihren langen schwarzen Fingernägeln über das glänzende Autodach und schüttelte den Kopf.
„Du hast echt einen Knall“, setzte sie an.
Er fiel ihr sofort ins Wort,“ Elizy, du stehst jetzt seit vierzig Jahren auf der Bühne und hattest noch nie ein vernünftiges Auto“, und deutete auf das Fahrzeug, “dieser Porsche Taycan 4S ist genau das richtige für dich. Er beschleunigt in vier Sekunden auf 100 km. Hat 530 PS und macht 250 km. Purer Rock n‘ Roll. Nach 500 km brauchst du allerdings immer eine E-Tankstelle“.
Sie war sprachlos.
„Du hast mir vor zehn Jahren bei der Vermarktung deiner Merchandise-Produkte finanziell unter die Arme gegriffen. Jetzt brummt die Bude. Alle Welt will deine Klamotten, deinen Schmuck und deine veganen Kosmetiksachen haben. Da muss doch mal ein Dank für dich abfallen, liebe Schwester“.
Unschlüssig schaute sie zuerst das Auto und dann Harry an. Er hatte ihre Größe, trug eine dunkle Kurzhaarfrisur, war wie sie blauäugig und trug einen Hoodie mit ihrem Band Logo.
„Du bist doch völlig verrückt“, antwortete sie,“ ich brauche keinen Porsche. Außerdem bin ich höchstens drei Monate im Jahr in Deutschland auf Tour. Was soll ich da mit einem Porsche? Der würde nur unnütz bei dir in der Garage herumstehen“?
„Setz‘ dich rein. Probiere ihn aus. Er wird dir gefallen“.
Seufzend öffnete sie die Autotür und glitt auf den mattschwarzen Fahrersitz. Wie von Zauberhand schmiegte sich der Ledersitz mit leisem Surren an ihren Körper.
„Der Sitz passt sich automatisch deinem Körper an“, erklärte Harry, als er sich neben Elizy auf dem Beifahrersitz setzte.
Mit seinem Zeigefinger deutete er auf das leuchtende Armaturenbrett, „Starte den Wagen mit diesem Knopf“.
Elizy tat es und hörte den leisen Summton des E-Motors. Auf der Armatur blinkte ‚Ready E-Power‘, daraufhin legte sie den Rückwärtsgang ein, drehte sich zum Heckfenster um und gab leicht Gas. Der Porsche rollte geräuschlos zurück. Als Nächstes drückte sie die Getriebeschaltung sanft auf ‚Drive‘. Wie von Zauberhand getrieben bewegte sich der Wagen nach vorne, sie blinkte rechts und rollte mit dem Wagen vom Hof auf die Straße.
An der nächsten roten Ampel stoppten sie. Fragend schaute sie Harry an.
„Fahr zur Autobahn. Wir wollen mal sehen, was die Kiste kann“.
Elizy schüttelte ihre blonde Mähne, „Tut mir leid, Harry. Ich will nicht wissen, was dieser Porsche kann und wie teuer er war. Ich fahre jetzt zum Rödingsmarkt in mein Hotel. Vor unserem heutigen Konzert muss ich noch eine Runde schlafen“.
„Na gut“, antwortete Harry beleidigt,“ setz‘ mich vor meiner Firma in der HafenCity ab“.
„Harry, ich will den Porsche nicht! Mach mit dem Auto, was du willst. Ich weiß deine gute Absicht zu schätzen, lieber Bruder. Mich freut, dass du meine kleine Unterstützung nicht vergessen hast. Aber bitte, bitte Harry: kein Porschegeschenk“, sagte sie und strich ihren Bruder sanft über die Schulter, während sie über die Elbbrücken Richtung City fuhren.
„Wenn du ihn nicht willst, dann lass ihn in der Tiefgarage vom Steigenberger stehen. Ich hole ihn dort morgen ab“, antwortete Harry traurig.
Ihm war klar, dass er ihr nichts aufzwingen konnte.
Er hatte gehofft, dass ihr der Wagen gefallen würde. Aber er wusste auch, wenn seine Schwester etwas nicht wollte, dann musste er es akzeptieren.
So war es schon immer gewesen. Nach dem Abitur kam für sie ein Studium nicht infrage. Sie wollte Rock-Sängerin werden. Gegen den Willen ihres Vaters hatte sie sich damals den ‚War Kids‘ angeschlossen. Mit denen tourte sie jahrelang erfolglos durch die Lande, bis sie mit ‚Moon Shadow‘ ihren ersten Hit landete. Im männerdominierten Musikbusiness hatte sie es dann mit eisernem Willen bis nach ganz oben geschafft.
An der Shanghai Allee stoppte Elizy und ließ Harry aussteigen.
„Kommst du heute Abend zu unserer Show“?
„Klar! Ohne mich schaffst du nicht mal den ersten Song, Elizy“! rief er ihr zu.
„Du Spinner“, dachte sie, „Harry ist ein herzensguter Mensch. Ich liebe ihn. Aber das mit dem Porsche ist eindeutig zu viel des Guten“, winkte und fuhr Richtung Innenstadt weiter.
„Ich brauche jetzt einen Kaffee“, und parkte spontan am Burchard Platz. Während sie die Parkuhr fütterte, stapfte ein Mann um den Wagen herum, schaute durch die Windschutzscheibe ins Fahrzeug und meinte,“ Super Kiste dieser E-Porsche. Hatte 2003 auch einen. Einen Boxter 986. Fuhr 200. Hatte 260 PS“.
Ungläubig betrachtete sie den Mann. Er sah nicht nach einem Porschefahrer aus. Graue Strubbelhaare, Vollbart, zerfurchtes Gesicht, abgerissene Kleidung.
„Sie glauben mir nicht“?, sprach er ihre Gedanken aus, „Ich war nicht immer ein Penner“. Sie roch seinen Schmutz und seine Fahne.
„Ja, kann sein. Ich wünsche ihnen auf alle Fälle bessere Zeiten“, erwiderte sie unsicher und ging über die Straße Richtung Café.
„Danke“, rief ihr der Mann hinterher, „aber ich glaube nicht mehr an bessere Zeiten.“
Elizy drehte sich um, schätzte den Mann mit einem Blick ab und rief zu ihrer eigenen Verwunderung, “ Haben Sie Lust, mit mir einen Kaffee zu trinken. Ich lade Sie ein“.
Verwundert beäugte sie der Mann und folgte ihr über die Straße.
„Danke für die Einladung“, freute er sich und reichte ihr förmlich seine schmutzige Hand, „Udo. Udo Franke ist mein Name“.
Sie schaute diesen Udo an, schüttelte seine Hand und antwortete, „Freut mich. Ich bin Elizy“.
„Ihr Porsche hat ein Hamburger Kennzeichen. Sie kommen aber nicht aus Hamburg. Ihre Stimme klingt eher nach Berlin“.
„Stimmt, ich komme aus Kreuzberg. Der Porsche gehört meinem Bruder“.
Die Stühle und Tische im Außenbereich des Cafés waren jahreszeitbedingt leer. Nur einige Raucher qualmten ihre Zigaretten vor dem Café. Hinter den Schaufensterscheiben konnten sie die Gesichter der Café-Besucher sehen. Drinnen gelangten sie über eine Wendeltreppe in den ersten Stock und setzten sich an den letzten freien Tisch.
Der Mann schaute sich nervös im Café um und betrachtete Elizy schweigend.
„Was möchten Sie trinken“? fragte sie.
„Ich nehme das, was Sie bestellen“, antwortete er.
Bei der Servicekraft orderte sie zwei Espressi.
„Was ist aus Ihrem Porsche geworden“?
„Schrott. Ich habe ihn zu Schrott gefahren“.
„Wie das“?
„Ich bin vor zehn Jahren in St. Georg mit 2 Promille in das Schaufenster des Porsche-Zentrums gefahren. Dabei ist nicht nur mein Boxter draufgegangen, sondern auch einige Fahrzeuge der damaligen neuen Modellreihe. Ein Millionenschaden. Für die Presse war ich wochenlang der ‚Porsche-Killer‘. So werde ich seitdem auf der Straße genannt“.
„ Oje! Und was passierte dann?“
„Ein Jahr Führerschein weg. Job verloren. Schulden“.
Die Bedienung stellte die Kaffeetassen und Wassergläser von ihrem Tablett auf den Tisch und schaute Elizy ehrfürchtig an.
Elizy trank einen Schluck Espresso und fragte, „Was haben Sie früher beruflich gemacht“?
„Ich war Prokurist in einer Reederei. Aufgrund meiner Sauferei habe ich den Job verloren. Meine Frau und meine Tochter wollten auch nichts mehr mit mir zu tun haben. Dann ging es nur noch bergab. Ich lebe seit acht Jahren auf der Straße“.
„Das ist bestimmt ziemlich hart“.
Udo sah sie an und nickte, „Sie sind die Erste, die mich nach vielen Jahren zu einem Kaffee eingeladen hat. Glauben Sie, dass die Menschen mit unsereiner etwas zu tun haben wollen? Nein! Sie fürchten sich vor uns Pennern, weil wir sie daran erinnern, wie schmal der Grat zwischen Porsche fahren und Gosse ist“.
Elizy dachte darüber nach,“ Ganz ehrlich, ich weiß auch nicht, warum ich Sie zu einem Kaffee eingeladen habe“.
Udo erhob sich abrupt,“ Soll ich gehen? Wäre für mich OK. Vielen Dank für Ihre Zeit“.
„Nein, nein“, wiegelte Elizy eilig ab und legte ihre Hand auf seinen Arm,“ bleiben Sie bitte sitzen. Das war nicht so gemeint. Ich komme viel in der Welt herum und sehe nicht nur die Sonnenseiten. Not und Elend gibt es überall. Hier in Deutschland sind Sie im Verhältnis zu den USA oder Südamerika noch gut abgesichert. Sie kriegen Sozialhilfe usw.“
Udo schaute sie an, „Klar, aber um auf der Straße zu überleben, reicht das nicht. Mein Tagesablauf ist anders als Ihrer, vermute ich mal. Jeder Tag ist ein harter Kampf. Wo kann ich in der nächsten Nacht schlafen? Wie verhindere ich, dass meine Sachen geklaut werden? Wo kriege ich etwas zu essen her? Wann kriege ich mal eine Dusche? Wie finanziere ich meinen Schnaps“?
„Das hört sich ziemlich anstrengend an“, bemerkte sie traurig.
„Ja“, antwortete Udo, „niemanden interessiert es, wie unsereins dahinvegetiert. Es geht einzig und allein ums tägliche Überleben“.
Elizy musste tief durchatmen. Udos Leben konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.
„Was haben Sie für einen Job“? fragte Udo interessiert.
„Ich mache Rockmusik und toure mit meiner Band gerade durch Deutschland“.
„Wie heißt denn Ihre Band“?
„Sie trägt meinen Namen. ‚Elizy‘“.
Udo bekam große Augen, „Wow, Sie sind Elizy? Himmel, was habe ich ein Glück. Da sitzt ein Superstar vor mir und ich merke es nicht mal“.
„Ganz ehrlich, Udo“, lächelte sie, “ich mag den ganzen Rummel um meine Person überhaupt nicht. Ich bin froh, dass ich mit Ihnen hier sitzen kann und wie ein normaler Mensch behandelt werde“.
Sie schwieg und schaute sich gedankenverloren im fast leeren Café um.
„Das Leben hat es gut mit mir gemeint, Udo. Die Menschen kommen gerne in meine Konzerte. Das ist mir viel wichtiger als alles Geld dieser Welt. Meine Musik ist mein Leben“.
Elizy konnte ihren Porsche vom Café-Schaufenster aus sehen.
“Den Porsche da draußen wollte mir mein Bruder vor einer halben Stunde schenken“.
„Warum“?
„Ich hab‘ ihn vor Jahren beim Aufbau seiner Firma finanziell unterstützt. Jetzt ist er mit seinen Produkten sehr erfolgreich und wollte mir deshalb eine Freude machen. Ich habe das Geschenk nicht angenommen“.
„Im Ernst? Sie wollen den schönen Porsche nicht und stoßen Ihren Bruder vor den Kopf“.
„Nein“! lachte sie, „Mein Bruder versteht mich. Er wollte mir was Gutes tun. Das weiß ich zu schätzen. Aber ganz ehrlich, es muss kein E-Porsche sein. Mir reicht seine damit gezeigte Dankbarkeit völlig aus“.
„Und jetzt“?
„Keine Ahnung“!
Die Bedienung trat ehrfürchtig an ihren Tisch und fragte, „Bist du nicht …..“?
Elizy nickte.
„Darf ich ein Selfie von uns beiden machen“?
„Klar“.
Freudig zog die Bedienung ihr Mobiltelefon hervor, stellte sich neben Elizy und schoss das Selfie.
„Wenn ich meinen Freundinnen erzähle, dass du heute in unserem Café warst, werden sie vor Neid platzen. Wir haben alle Karten für dein Konzert. Bis heute Abend Elizy“! und verschwand Freude strahlend.
„Mit mir würde keiner ein Selfie machen wollen“, grinste Udo.
„Doch. Ich“, Elizy umarmte Udo schnell, roch Alkohol und Schweiß und drückte auf die Fototaste ihres Mobil-Telefons.
„Ich muss jetzt los“, sagte sie gähnend, legte Geld auf den Tisch und verließ mit Udo das Café.
„Was wollen Sie mit dem schönen Porsche machen, Elizy“? fragte Udo.
„Ich lasse ihn in der Hotelgarage stehen. Mein Bruder wird ihn da abzuholen. Was er dann mit dem Auto macht, weiß ich nicht“.
„War mir ein Vergnügen, Ihnen zu begegnen, Elizy“, sagte Udo zum Abschied.
„Vielen Dank für Ihre Gesellschaft“, antwortete sie, umarmte ihn, ging zum E-Porsche, stieg ein und winkte dem zurückbleibenden Udo nochmal zu.

***

Nach dem Konzert jubelten die Fans Elizy minutenlang zu. Als das Klatschen und Jubeln abgeklungen war, schauten die Zuschauer in Erwartung einer weiteren Zugabe auf die Bühne.
Elizy stand vor dem Mikrofon und wartete, bis alle 7.000 Zuschauer Mucks Mäuschen still waren.
„Liebe Leute“, begann sie, „als Zugabe komme ich jetzt von der Bühne zu euch runter. Hier in diesem Hut“, sie zeigte ihn zum Publikum nach links und rechts, „sammele ich jetzt Geld für einen obdachlosen Mann, den ich heute Nachmittag kennengelernt habe. Das, was ihr in den Hut werft, werde ich dreifach drauflegen und zum Schluss einen Song einer längst verstorbenen Hippie-Königin aus LA singen“.
Sie stieg von der Bühne herunter und zog, mit dem Hut in der Hand, von zwei Bodyguards begleitet, durch die Halle. Ihre Fans freuten sich, dass sie ihrem Star umarmen oder abklatschen konnten, es wurden Späße gemacht, viel gelacht und der Hut füllte sich mit Münzen und Scheinen.
Als sie wieder auf der Bühne stand, rief sie, „Ich singe jetzt, wie versprochen, einen Song Solo ohne Band. Das Stück heißt ‚Mercedes Benz‘ von der einmaligen Janis Joplin. Ich singe das Lied für einen Mann namens ‚Porsche-Killer‘, den ich heute getroffen habe und dessen Lebensgeschichte mich sehr berührt hat. Das Geld werde ich ihm nach der Show übergeben, damit er die Chance auf ein neues Leben hat.
‚Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes-Benz? My friends all drive Porsches…‘ “.

***
Ein schwarzer Sprinter stoppte vor dem Penny-Supermarkt auf der Reeperbahn. Der Fahrer öffnet die Seitentür, aus der Elizy mit ihren Bandkollegen ausstiegen. Der Fahrer reichte ihnen aus der Heckklappe Gitarren und Schlagzeug heraus.
Elizy näherte sich einer Gruppe Obdachloser, die vor dem Supermarkt klönten, bettelten, soffen oder auch nur herumsaßen.
„Habt ihr den ‚Porsche-Killer‘ heute schon gesehen“, fragte sie.
Ein Altpunk schaute Elizy mit aufgerissenen Augen an, trank hastig einen Schluck aus seiner Bierdose, schaute sie nochmal an, schüttelte hastig seinen Kopf und atmete tief durch.
„Du bist doch nicht etwa…“, stotterte er, „das Idol meiner Jugendzeit“?
„Wir wollen euch ein spontanes Ständchen geben“, lächelte Elizy und zeigte auf ihre Bandkollegen, die gerade ihre Gitarren stimmten, „aber nicht ohne den ‚Porsche-Killer‘“.
Mittlerweile hatte sich eine Menschenmenge um Elizy und ihre Bandkollegen gebildet. Polizisten waren aufgetaucht und beobachteten das Geschehen aus der Distanz.
„Mensch, geil, Elizy hier vor Penny. Bei uns“, jubelten der Altpunk.

„Wo ist er?“, fragte Elizy in die Runde, „Ich habe mir sagen lassen, dass er um diese Zeit immer hier sein soll“.
„Na, hier bin ich“, Udo drängelte sich durch die Menschenmenge und wunderte sich, „Sie hier“?
„Ja. Ich hier. Wir singen für euch ein paar Songs. Danach möchte ich Ihnen noch etwas geben, lieber ‚Porsche-Killer‘.“ 

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

Katgeorien Allgemein, RockgeschichtenSchlagwörter , , , , , , , 1 Kommentar

Ein Gedanke zu “„Dein Porsche“ sagte er und drückte ihr den Schlüssel in die Hand.”

  1. Hallo Angelo!

    Du bist ja mal wieder sehr kreativ. Ich freue mich darauf, deine neue Produktion zu lesen.

    Beste Grüße,

    Michael

    Von meinem iPhone gesendet

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