Rio stolpert über seine Vergangenheit

Von Angelo Wehrli

Arch Enemy und Amon Amarth hatten amtliche Konzerte abgeliefert. Danach war Rio mit seinen Freunden ins Night Light auf St. Pauli gefahren. Sie hatten schon während der Show einige Bier getrunken. Achim und Torsten bestellten an der Bar ständig neues Bier. Der Club war gerammelt voll, die Freunde standen in der zweiten Reihe hinter der Theke, die Luft vibrierte, zum Klo gab es kaum ein Durchkommen, aus den Boxen dröhnten ‚Hellowen‘ mit „Perfect Gentleman“. Neben ihnen standen ältere Rocker, Metal-Fans und schwarz gekleidete Ladies. Irgendwann drehte sich alles um Rio herum. Er sah seine Freunde doppelt und die Ladies waren aus seinem Blickfeld verschwunden. Er ging nach draußen und kotzte in den Gully. „Schweren Abend gehabt?“ fragte ihn einer der Rocker, die vor ihren Bikes standen und kifften.

„Komm´ schon klar“, erwiderte Rio lallend.

„Kotz dich ruhig aus, Bruder“, meinte sein Gegenüber, Glatze, Lederkutte, seine nackten Arme mit vielen Tattoos und saugte an seinem Joint. „Whow,“ lachte er, als Rio sich langsam aufrichtete,“ jetzt siehst du wenigstens nicht mehr so scheiße aus“.

„Danke“, nuschelte Rio und wischte sich die Kotze aus dem Gesicht. Hinter ihm traten seine Freunde aus der Kneipentür.

„Man Rio, was ist mit dir los? Mach bloß nicht schlapp“, rief Achim ihm zu.

„Bringt den Looser nach Hause, der ist fertig“, meinte der Rocker und grinste. Seine Freunde packten Rio rechts und links unter den Schultern und schleppten ihn zum Truck. Rio fiel auf die Rückbank der Fahrerkabine und rührte sich nicht mehr. Achim setzte sich ans Steuer, während Torsten vom Beifahrersitz nach hinten schaute.

„Rio ist völlig im Eimer. Wir bringen ihn nach Hause.“

Sie waren vom vielen Bier auch angeschlagen, aber nicht so fertig wie Rio.

„OK“, meinte Achim,“ ich hab am wenigsten getrunken. Ich fahre. Hoffentlich kotzt Rio nicht auf die Rückbank. Wie spät ist es jetzt?“

„Halb fünf,“ Torsten schaute nach Rio.

„Er atmet noch, die Zentralambulanz können wir heute auslassen“.

Beide grinsten. Sie fuhren über die hell erleuchtete nächtliche Königstraße in Richtung Ottensen. Als sie in Rios Straße einbogen rüttelte Torsten ihn an seiner Schulter.

“ Hey! Wach auf Rio. Wir sind gleich vor deinem Haus“. Er öffnete die Augen und richtete sich mühselig auf.

“ Super, Leute, Danke. Das war ein sch..schöner Aa..bend mit euch“, stotterte er leise.

„Man Rio, du bist voll wie eine Haubitze, sollen wir dich noch in dein Bett hieven?“

“N..nnein, alles gut, ich schaffe das schon“, war die wenig überzeugende Antwort.

Achim stoppte und fixierte Rio und meinte „Torsten, geh mit. Bis zur Haustür, sonst pennt er auf der Straße noch ein“.

Torsten nickte und half Rio aus dem Wagen,“ wo ist dein Schlüssel“?

„In meiner Hosentasche.“

Rio machte umständliche Anstalten, den Schlüssel aus seiner Hosentasche herauszuziehen. Er stolperte und stieß gegen Torstens Schulter.

„Rio, lass mal, ich mach das schon“, Torsten fischte den Haustürschlüssel aus Rio Jeanstasche.

„Danke. Torsten, du bist ein Freund. Tschüss Achim“, rief Rio.

„Na klar, bester Freund, gute Nacht,“ winkte Achim aus dem Wagen.

„So Rio, ich schließ jetzt das Tor auf und bring dich zur Tür.“

Torsten, packte ihn an der Schulter und zog ihn in den Innenhof der Wohnanlage, einem dreistöckigen ehemaligen Fabrikgebäude. Man konnte neben den Hoflaternen, vor den vier Hauseingängen des Lofts die Schatten mehrerer Bäume sehen, Bambussträucher, eine große Rasenfläche und in der Ferne den Hofteich. Er führte ihn über den gepflasterten Gehweg zum Wintergarten seines Hauses.

“ Rio“, rief Torsten und schaute ihm in die Augen,“ kommst du ab jetzt alleine klar?“

„Torsten, du bist mein bester Freund, weißt du das“? murmelte Rio selig grinsend.

„Klar, so jetzt geh rein und schlaf deinen Rausch aus. Tschüss, wir müssen los. Bis Brunsbüttel fahren wir noch über eine Stunde“. Er umarmte Rio und verschwand aus dem Hof. Rio wollte noch etwas sagen, aber Torsten war schon weg.      

Kampfhaft versuchte seine Haustür aufzuschließen. Das klappte aber nicht.

„Ich finde dieses blöde Schlüsselloch nicht. Scheiße“, dachte er und drückte die Türklinke versuchsweise runter. Die Tür war auf.

„Häh“, grunzte er und stolperte ins Haus. „Ich hatte die Tür heute Nachmittag abgeschlossen. Egal!“

Der Raum in der ehemaligen Fabrik hatte hohe Decken und rote Steinwände. Im hinteren Teil war die Küche, direkt neben der Haustür befand sich eine Sitzgruppe. Die Stehlampe neben der Couch brannte. Auch über dem Küchentisch glimmte eine kleine Lampe . Auf dem Tisch sah er verschwommen erst eine im nächsten Moment verschwommen zwei halbvolle Flaschen Spätburgunder Rotwein, daneben ein bis zwei leere Gläser. „Wer treibt sich in meinem Haus rum?“ fragte Rio mit lauter Stimme. Niemand antwortete ihm. „Das Haus war leer, als ich zur Sporthalle gefahren bin“ dachte Rio, „wer war hier drinnen? Bis auf Klaus hat keiner einen Schlüssel“. Er blickte sich um, am Garderobenhaken hing ein beiger Teddy Bear-Mantel mit einem dicken weißen Strickschal darüber. Auf dem Boden lagen schwarze Stiefel. Frauenklamotten! Er roch am Mantel. Moschusduft.

“ Wen hat Klaus reingelassen? Wem gehören die Sachen und wer hat hier Burgunder getrunken?“

Er schüttelte sich, fühlte sich elend und stützte sich mit beiden Händen an der Arbeitsplatte der Küchenzeile ab.

 „Mm, was jetzt?“ fragte er sich, ging vorsichtig zur Espressomaschine, schaltete sie ein, malte Kaffeebohnen, presste Kaffeemehl in die Kelle und wartete, dass der Wasserdruck auf 18 bar anstieg. Er brauchte einen klaren Kopf.

„Mantel, Stiefel, Moschus, Rotwein? Wo ist die Frau dazu?“, grübelte Rio mit dem Kaffeegeschirr in der Hand.“ Klaus, mein Nachbar, dieser Verräter, hat bestimmt einem meiner One-Night-Stands die Tür aufgeschlossen. Bestimmt, weil sie ihm irgendetwas vorgejammert hat. `Ich weiß nicht wohin`. `Ich muss Rio etwas Wichtiges sagen`. Irgend so einen Scheiß “.

Er schäumte Milch auf und ließ den Espresso in die Tasse durchlaufen. Die aufgeschäumte Milch löffelte er in die Kaffeetasse und trank den Kaffee im Stehen aus.

„Sie ist bestimmt oben“, überlegte er, “ich sehe mal nach.“

Eine Holztreppe führte in die oberen Etagen.

Martha und Nita trugen keine Teddymäntel oder schwarze Stiefel. Moschus mochten beide nicht. Martha hatte ihn vor einem halben Jahr verlassen. Er hatte sich nach der Trennung dieses Haus gekauft und lebte hier allein. Martha würde hier ohne Ankündigung niemals auflaufen. Nita gab ihm die Schuld an der Trennung, hasste ihn dafür und hielt zu ihrer Mutter. Nach der Trennung hatte er hin und wieder kurze Beziehungen, aber irgendwie waren die nicht so wie die fünfundzwanzig Jahre mit Martha. Nur die Firma war ihm geblieben. Sein Job lenkte ihn vom Alleinsein ab. Hier im Haus spürte er seine Einsamkeit. Das war der Grund, warum er selten zu Hause war.

„Ich gehe jetzt nach oben und sehe nach, wen Klaus reingelassen hat“, entschied Rio, „Einbrecher kommen nicht im Damenmantel und saufen meinen Wein“.

Er ging in den ersten Stock. Sämtliche Flurlämpchen waren eingeschaltet. Auf der linken Etagenseite lag sein Schlafzimmer, rechts ein kleiner Büroraum. Die Tür zum Schlafzimmer war angelehnt. Er stieß die Tür auf und stolperte vor das einzige Möbelstück, einem großen schwarzen Bett. Durch das bodentiefe Fenster drang schwaches Licht von den Hoflaternen in den Raum.  Im Bett schlief eine Frau. Sein Krach hatte sie nicht geweckt. Sie lag mit dem Rücken zur Tür. Auf dem Kopfkissen konnte er ihr blondes Haar erkennen. Die Bettdecke hob und senkte sich unter ihrem ruhigen Atem. Auf dem Fußboden lagen ihre Kleidungsstücke.

„Was will die Blonde hier“, fragte er sich und schlich leise um das Bett herum, ging in die Knie und betrachtete vorsichtig das Gesicht der Schlafenden.

„Kurze blonde Haare, rundes hübsches Gesicht, vielleicht so Anfang 50“.  

Er stand noch eine Weile im Zimmer, entschied sich dann, sie nicht zu wecken, verließ den Raum und schloss leise die Tür.

„Die Blonde kommt mir irgendwie bekannt vor und wie eine Einbrecherin sieht sie auch nicht aus“, beruhigte er sich und lief über die Treppe nach unten. Rio löschte im Flur und in der Küche das Licht, legte sich auf die Couch und wickelte sich in eine Decke ein. Er schlief sofort ein und träumte von der blonden Frau. Jedes Mal, wenn er wissen wollte, was die Blonde von ihm wollte, trat Martha dazwischen und jagte sie weg.

Irgendwann wurde er aus seinem Traum wachgerüttelt. Noch im Schlag schlug um sich und schimpfte,“ Lass mich in Ruhe. Ich will die Blonde!“ Dann riss er die Augen auf, blinzelte, es war taghell und vor ihm stand die Blonde. „Hallo Rio, nicht so stürmisch, meinst du etwa mich?“ Rio stierte sie an und stotterte, “Nein, äh, nein, ich habe nur geträumt“. Sie musterte ihn, lächelte und meinte, „das muss ja ein ziemlich intensiver Traum gewesen sei. Du hast um dich geschlagen und laut gebrüllt.“

„Ja, kann sein“, Rio schämte sich.

„Ich habe gestern Abend auf dich gewartet. Aber du bist nicht gekommen. Dann war ich müde und bin in dein Bett gegangen. Ein Gästebett hast du ja nicht.“

Rio kniff sich unter seiner Sofadecke ins Knie.

„Die Blonde war keine Fata Morgana. Sie lag tatsächlich in meinem Bett“, dachte er und erhob sich von der Couch.

Rio trug noch seine Klamotten vom Vorabend. Ihm dröhnte der Kopf. Verlegen fragte er die Blondine, „wer bist du und wie bist du hier reingekommen?“

„Du kennst mich nicht mehr? Ich bin Linda. Klaus, dein Nachbar hat mich in dein Haus reingelassen. Im Gegensatz zu dir kannte er mich noch. Sogar meinen Namen“, antwortete sie und lachte.

„Du bist Linda?“ fragte er verwundert.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass sie Frühstück gemacht hatte, sogar mit frischen Brötchen. Gedankenverloren tappte er zur Kaffeemaschine.

„Linda, ja, Linda!“ erinnerte er sich,“ sie war damals 23 und ich 35. Achtundachtzig war das. Da hab ich sie in der Freiheit bei `White Wedding` von Billy Idol angequatscht. Wir sind danach gleich zu ihr nach Hause. Mein Gott war die wild. Sie hat mich jeden Abend fertig gemacht. Jeden Abend! Drei Jahre hat es mit uns gehalten, dann fing sie in Osnabrück ein Studium an und hatte schnell einen anderen Kerl. Mann, ich fass es nicht. Linda!“

Rio stellte sich vor die Kaffeemaschine, ließ frisch dampfenden Kaffee in seine Tasse laufen und setzte sich mit seiner Tasse nachdenklich zur ihr an den Tisch. Er flüsterte mehr zu sich selbst „Linda!“

Beide sahen sich an und schwiegen.

„Diese blauen Augen, der breite Mund, die tolle Figur und dann auch noch naturblond. Linda!“ er schwelgte einen Moment in einer anderen Zeit.

„Rio,“ sagte sie und holte ihn in die Gegenwart zurück,“ du siehst schlecht aus. Wo warst du gestern Abend?“

„Mit Freunden auf einem Rockkonzert in der Sporthalle,“ antwortete er abwesend.

„Rock?“, fragte sie,“ ist das dein Ernst. Du bist Mitte Sechzig und gehst zu einem Rockkonzert?“

„Ich bin schon groß, ich darf das“, antwortete er ärgerlich. „Linda?“, lächelte er gequält und fasste sich an seine Dröhnbirne,“ warum bist du hier“?

Im Stillen dachte er,“ nach so vielen Jahren ist sie immer noch eine scharfe Braut. Ist sie hergekommen, um wieder mit mir etwas anzufangen?“

Er machte sich an der Maschine einen weiteren Espresso und setzte sich wieder zu ihr an den Tisch. Er roch ihren Moschusduft. Sie lächelte ihn an und musterte ihn von oben bis unten.

„Du hast dich nicht viel verändert, Rio. OK, keine gefärbten Haare mehr, keinen Zopf, stattdessen Bart und Glatze, keine bunten Hosen, du trägst jetzt schwarz. Du bist immer noch attraktiv. Während andere Kerle in deinem Alter fett oder ausgemergelt aussehen, wirkst du auf mich, trotz deines Katers, sportlich und fit.  Im Internet habe ich gesehen, dass du eine große Firma aufgebaut hast. Wo sind deine Frau und deine Tochter?“

Rio schwieg, schaute sie traurig an und sagte nur,“ sie sind weg“. Dann ergänzte er, „ich habe Martha jahrelang schlecht behandelt. Sie hat vor acht Monaten die Reißleine gezogen. Nita, meine Tochter, will auch nichts mehr von mir wissen. Zurecht! Ich hab es versaut und vermisse beide“.

Sie blickte ihn mit ihren hellen blauen Augen verständnisvoll an. Rio wischte sich verschämt eine Träne von der Wange.

„Das tut mir leid“.

„Ja“, sagte Rio und schaute sie traurig an. Dann räusperte er sich:“ Linda, warum bist du hier“?

„Ja, warum bin ich hier?“ wiederholte sie seine Frage und schaute ihn dabei nach einer Antwort suchend an. Dann fasste sie sich und antwortete,“ Mein Mann hat mich vor einigen Monaten wegen einer Jüngeren verlassen.“

 „OK,“ lachte Rio, „dann sind wir Schicksalsgenossen? Willst du unsere frühere Freundschaft wiederbeleben?“

„Nein“, sagte sie sanft,“ es gibt aber etwas, dass du jetzt wissen musst“, sie schluckte und hielt den Atem an.

„Was denn?“ fragte Rio interessiert.

„Ich habe 1992 Zwillinge bekommen, Fin und Lara“.

„Super, Glückwunsch. Die beiden müssten jetzt 28 Jahre sein?“

„Ja, ich musste gerade über deinen Musikgeschmack lachen, weil Fin Gitarrist bei den Blind Angles ist. Die kennst Du bestimmt?“ sagte sie warmherzig.

„Nee, echt. Ich hab die schon oft gesehen, aber dass der Gitarrist dein Sohn ist? Fin Schenker. Klar. Spielt immer tolle Soli. Ich habe sie letztes Jahr in Wacken gesehen. Im Herbst werden sie in der Elphi auftreten,“

Rio war begeistert und wurde langsam wach.

„Lara ist Informatikerin bei Bosch in Stuttgart“, ergänzte sie,“ sie will nächstes Jahr in die USA gehen. Sie hat dort mit ihrem Freund ein Jobangebot erhalten“.

„Das hört sich doch gut an,“ bemerkte Rio,“ vielleicht trifft sie da Nita. Die will nach ihrem BWL-Studium ins Ausland“.

Sie schwiegen.

„Du bist doch nicht hier, um mir etwas über deine erfolgreichen Zwillinge zu berichten. Dafür kommst du doch nicht nach 29 Jahren zu mir?“ bohrte Rio.

Linda seufzte. „Du hast Recht. Es gibt noch etwas. Bevor wir uns 1991 trennten, hatte ich in Osnabrück schon lange vorher eine Affäre mit Frank, meinem Ex. Dann kamen die Zwillinge. Er dachte bisher, dass er der Vater ist.

Sie zog ihr Iphone aus der Handtasche und zeigte ihm Fotos von Fin und Lara.

„Was ich dir sagen will ist, du bist ihr Vater,“ sprach sie leise und schaute Rio ängstlich an

„Wie kommst du denn auf diese Idee,“ brüllte er entrüstet und sprang auf. „Was soll das? Willst du mich verarschen?“

Sie schluckte.

 „Schau dir Fin auf den Fotos an. Er sieht dir sehr ähnlich. Lara hat mehr von mir.“

Rio schaute mit offenem Mund auf die Fotos. Fin sah ihm tatsächlich etwas ähnlich, während Lara so aussah, wie ihre Mutter vor 29 Jahren. Zu den Kopfschmerzen bekam Rio einen Hustenanfall und seine Hände zitterten. Er schaute Linda lange an und sagte unsicher:

„Wie kommst du darauf? Wenn das tatsächlich stimmt, warum sagst du mir das erst jetzt? Nach so vielen Jahren?“

„Ich weiß es seit ihrer Geburt. Ich wollte damals unbedingt wissen, ob Frank der Vater ist oder du. Ich habe heimlich einen Vaterschaftstest machen lassen.  Ergebnis: Mein Ex ist nicht der leibliche Vater.“

„Vielleicht jemand anders?“ ätzte Rio wütend und setzte sich wieder hin.

„Rio, ich verstehe deine Gefühle,“ bemerkte Linda,“ aber sei jetzt nicht gemein zu mir. Er gab in der Zeit nur dich und Frank.“

Rio schluckte und vergrub seinen Kopf in seinen Händen und murmelte „entschuldige, aber das ist alles zu viel für mich am frühen Morgen.“

„Ich kann deine Reaktion verstehen. Es tut mir leid. Ich hätte es dir schon vor vielen Jahren sagen müssen. Aber ich wollte Frank nicht verlieren“, flüstere Linda weinend.  

„Frau und Kind weg“, dachte Rio,“ und heute erfahre ich von zwei erwachsenen Kindern“. Beide schwiegen. Linda legte ihre Hand auf seinen Kopf. Er ließ es zu.

„Warum kommst du erst jetzt?“ fragte er nochmal, hob den Kopf und schaute sie an, „meinst du nicht, dass ich es damals auch gerne erfahren hätte? Du hättest mir das sagen müssen, Linda.“

Sie zögerte einen Augenblick , dann schrie sie,“ ich habe es dir doch gerade gesagt. Wenn ich es Frank gesagt hätte, wäre er gegangen.“

“Dann hast du ihn, die Zwillinge und mich die ganzen Jahre hinters Licht geführt und geglaubt, du kommst damit durch?“

„Ja,“ sagte sie leise.

„Dann ist ja alles OK“, meinte er ärgerlich,“ Ich weiß nach 28 Jahren endlich Bescheid. Du fährst wieder nach Osnabrück zurück und lebst mit deiner Lüge weiter. Ich werde dich nicht verpfeifen.“

„Geht nicht mehr“, antwortete sie,“ ich habe es Frank beim letzten Streit gesagt. Die Kinder wissen es auch. Sie glauben mir nicht, Rio. Sie denken, ich sei aufgrund der Trennung übergeschnappt. Rio, ich brauche deine Hilfe. Ich benötige von dir einen Vaterschafstest, damit ich es Frank und den Kindern endgültig beweisen kann“.

Ihr liefen Tränen über die Wangen.

„Linda war schon immer nah am Wasser gebaut“, dachte Rio,“ ich wollte damals gerne noch ein zweites Kind von Martha. Aber sie wollte nicht. Ihr damaliger Job war ihr wichtiger und mein Interesse für Nita hielt sich, als sie klein war, in Grenzen. Ich hatte mich wenig um die täglichen Aufgaben, wie wecken, anziehen, zur Kita-bringen-und-abholen, spielen oder zu Bett bringen gekümmert. Wenn ich mich mehr engagiert hätte, wäre ein zweites Kind möglich gewesen. Meine Schuld. Mich interessiert auch, ob ich der Vater von den Zwillingen bin. Ich glaube aber nicht, das Linda lügt. Sie ist verzweifelt. Nur der Vaterschaftstest kann beweisen, dass sie Recht hat. Ich werde ihr helfen.“

„OK, ich mache es.“ Er nahm Lindas Hand,“ ich möchte auch wissen, ob deine Kinder auch meine Kinder sind“?

 „Darf ich,“ fragte sie ihn und küsste ihn auf den Mund.

 „Es fühlt sich gut an. Wie früher,“ dachte er. Er ließ ihre Hand los und stand auf.

„Sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“ fragte er und ging zur Tür. „Nein,“ sagte sie sanft und folgte ihm.

Draußen schien die Sonne. Er öffnete die Haustür, ging durch den Wintergarten auf den Hof und atmete tief durch. Sie folgte ihm, schaute zu ihm hoch und sagte:

“ Danke Rio!“

Er lächelte sie an legte ihr den Arm um die Schulter:

“ Und was machen wir jetzt?“  

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

Katgeorien AllgemeinSchlagwörter , , , , , 2 Kommentare

2 Gedanken zu “Rio stolpert über seine Vergangenheit”

  1. Lieber Angelo,
    soeben habe ich „Rio stolpert über seine eigenen Füße“ gelesen. Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen :-). Bitte mache unbedingt weiter mit dem Schreiben!
    Herzliche Grüße
    Fiona

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