Claudia ist weg

von Angelo Wehrli

Sabine hatte versucht, Claudia über Smartphone, Festnetz oder E-Mail zu erreichen. Zu ihrer wöchentlich stattfindenden Theatergruppe war Claudia auch nicht gekommen. Das passte gar nicht zu ihr. Wenn Claudia aus irgendwelchen Gründen ihre Verabredungen nicht einhalten konnte, meldete sie sich bei Sabine. Sabine machte sich Sorgen und rief Markus an. „Ja“, meldete er sich ohne Umschweife. „Hallo, hier ist Sabine. Kann ich Claudia sprechen?“ Kurzes Schweigen in der Leitung und dann: „Sie ist nicht da.“ Sabine stutzte: „Wo ist sie denn? Ich kann sie nicht erreichen.“ Markus seufzte: „Dann sind wir schon zwei, die nicht genau wissen, wo sie gerade ist. Vermutlich hat ihr Chef sie kurzfristig nach Berlin beordert. Das macht er öfter. Also keine Sorge, sie wird sich schon melden“. Sabine strich sich über ihre Nase, schnaubte, ihr Hals fühlte sich trocken an. „Hat sie denn nicht gesagt, dass sie nach Berlin fahren musste?“, fragte Sabine und hörte, wie Markus mit jemand anderem sprach. Sie wusste, dass er aus dem Homeoffice für seine Firma arbeitete, „Sorry! Sabine, ich muss jetzt Schluss machen, ich bin gerade in einer ZOOM-Konferenz.“ und legte auf. Sabine starrte auf ihr Smartphone, zuckte mit ihren Schultern, ihre Wangen röteten sich, dann schüttelte mit ihrem Kopf. Markus scheint es nicht zu interessieren, wo Claudia gerade ist, oder er will es mir nicht sagen, dachte Sabine. Sie zupfte an ihrer Bluse und trommelte mit ihrem kleinen Finger auf die Tischplatte. „Da stimmt was nicht“, sagte sie, schnappte im Flur ihre Tasche und Jacke, verließ die Wohnung, fuhr mit der U-Bahn nach Niendorf, lief in Claudias Straße bis zu ihrem Grundstück und betrachtete das zweistöckige Haus aus rotem Klinker und weißen Fensterrahmen, blickte auf den sorgsam von Claudia mit vielen Blumen gepflegten Vorgarten und auf die hinter dem Haus sichtbaren alten Obstbäume. Sie klingelte an der Haustür und hatte keine Idee, wie sie das Gespräch mit Markus fortführen sollte. Sicherlich arbeitete er und war über ihren Besuch alles andere als erfreut. Im Haus nahm sie zuerst kein Geräusch wahr, nach einer Weile hörte sie Treppengepolter. Luca, Claudias Sohn, öffnete die Tür und schaute Sabine außer Atem fragend an. „Hallo, ich bin eine Freundin deiner Mutter. Ich versuche schon seit Tagen, sie zu erreichen, aber sie antwortet mir nicht.“ Der Junge nickte und sagte leise: „Mama ist auf Geschäftsreise.“ Hinter Luca tauchte plötzlich mit ernster Miene Markus auf. „Oh, du bist es schon wieder,“ und drängte Luca beiseite. „Wenn wir etwas von Claudia hören, sagen wir dir Bescheid“. Er wollte die Tür bereits schließen, doch Sabine trat Markus unvermutet entgegen und fragte: „Hat sie denn keine Nachricht hinterlassen? Vielleicht ist ihr etwas passiert?“ Sie schwitzte und malte sich innerlich aus, was Claudia alles passiert sein könnte. Markus ballte seine Fäuste, schaute über ihre Schulter suchend nach draußen und antwortete: „Ich hatte dir bereits gesagt, dass Claudia kurzfristig nach Berlin in die Bankzentrale beordert wurde. Sie meldet sich meistens erst am nächsten Tag bei uns. Wenn Claudia anruft, sagen wir ihr, dass du nach ihr gefragt hast.“ Nickte, schob Luca, der immer noch hinter ihm stand, beiseite und schloss die Tür. Sabine starrte auf die geschlossene Haustür, biss sich auf die Zunge, drehte sich um und ging Richtung U-Bahn.

Was ist Markus nur für ein Mensch? Er hatte sie an der Tür eiskalt abgefertigt. Er weiß doch, dass ich seit Urzeiten mit Claudia befreundet bin und ich mir berechtigte Sorgen mache. Markus war schon immer ein Idiot. Er behandelte Claudia seit Jahren schlecht. Sabine hatte Claudia schon unzählige Male gedrängt, Markus zu verlassen. Er sah nur sich, seinen Job und seine Motorräder. Claudia musste sich neben ihrem anstrengenden Job um Luca, das Haus und den Garten kümmern. Ihre Auftritte als Laientheaterdarstellerin, ihre Malerei und Fotografie interessierten Markus nicht. Die damaligen Einwände von Claudia zu einer Trennung von Markus waren immer gleich: Wer kümmert sich um Luca, das Haus und den Garten? Claudia war eine Gefangene in ihrer Welt. „Vielleicht hat Claudia die Absicht, sich von Markus zu trennen“, dachte Sabine. In diesem Fall hätte Claudia vorher mit ihr darüber gesprochen. Sabine hatte ein ungutes Gefühl. Irgendetwas stimmt mit Claudia nicht.

Claudia war bei der Privatbank H.C. Wallenstein Vermögensverwalterin von Superreichen. Sabine wusste, dass Claudia von der Bank sehr gut bezahlt wurde. Dafür zahlte sie einen hohen Preis. Sie musste für ihren Chef und ihre Kunden Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Claudia hatte mit Sabine sehr selten über ihre Arbeit gesprochen, deshalb wunderte Sabine sich vor etwa einem Jahr darüber, als Claudia ihr von einem Kunden und dessen Sohn aus Sizilien berichtete. Auf deren Konten gingen fast jede Woche eine halbe Million Euro ein. Mal von einem Seilbahnbetreiber am Ätna, mal von Restaurants, Hotels und Firmen aus mehreren sizilianischen Städten. Vor einem Jahr kam der Kunde, ein kleiner älterer Sizilianer mit grauem schütterem Haar, dunkler Anzug, weißes Hemd, immer von zwei kräftigen Bodyguards begleitet, nach Hamburg, um den Kauf von Immobilien und Firmenbeteiligungen vertraglich abzuschließen. Claudia gestand ihr, dass ihr dieser Kunde bei jedem Besuch Angst einflößte. Claudia berichtete Sabine von einem Treffen mit diesen Kunden. Er kam zur verabredeten Zeit in ihr Büro und setzte sich zu Claudia an den Besuchertisch. Die Bodyguards postierten sich an der Tür. Claudia bot ihm Kaffee an. Er hob die Hand und sagte in gutem Deutsch: „Vielen Dank, Signora Dottore Schlüter, ihr deutscher Kaffee schmeckt mir nicht. Kommen Sie mal zu uns nach Catania, dort gibt es den besten Kaffee auf der Welt“, dabei führte er zwei Finger an seine Lippen und küsste auf seine Fingerspitzen. „Aber ich möchte nicht über Kaffee sprechen. Ich habe heute von der Firma Wilhelmina einige Einkaufszentren gekauft.“ Er ließ sich von einem seiner Begleiter eine Ledertasche geben, öffnete sie und zog einen notariell beglaubigten Kaufvertrag heraus. „Überweisen Sie bitte die Kaufsumme“, dabei schaute er sie lächelnd an. Claudia erledigte den Überweisungsauftrag, einer neunstelligen Millionensumme. Bevor der Kunde den Raum mit seinen Begleitern verließ, drehte er sich noch einmal um: „Liebe Frau Schlüter, achten Sie bitte darauf, dass sämtliche Finanztransaktionen, ab einer Größenordnung von 100.000 Euro, nur von mir persönlich hier bei Ihnen im Büro durchgeführt werden“. Claudia war damals überrascht und antwortete: „Aber Seniore Benedettini, das ist doch selbstverständlich. Diese Vorgabe ist doch auf Ihren Konten hinterlegt. Ihre Instruktion wird von unserer Bank strikt befolgt.“ Er lächelte kalt: „Ich erwähne das, weil ich befürchte, dass mein Sohn Matteo eines Tages mit gefälschten Vollmachten zu ihnen kommen könnte“. Er überreichte Claudia eine Visitenkarte, auf der in goldenen Buchstaben nur sein Name und eine Telefonnummer stand. „Sollte das jemals passieren, rufen Sie mich bitte sofort unter dieser Telefonnummer an,“ er schaute sie durchdringend an und ergänzte: „die Nummer ist vertraulich und nur für Sie bestimmt. Tragen Sie diese Nummer bitte nicht in meine Kundendatei ein.“

Sabine schloss ihre Augen, trat in einen Hauseingang, suchte auf ihrem Smartphone die Berliner Telefonnummer von Claudias Bank heraus und rief dort an. Eine freundliche Dame teilte ihr mit, dass Frau Dr. Schlüter nicht im Hause sei und ob ihr Sabine eine Nachricht hinterlassen wolle. „Sie möchte bitte dringend ihre Freundin Sabine anrufen“, sagte Sabine, schloss die Augen und dachte: „Ich kann nicht glauben, dass sie es getan hat“, und wischte eine Träne aus ihrem Auge.

Sie wollte gerade die Straße zur U-Bahnstation Niendorf überqueren, da tippte ihr jemand auf die Schulter. Sie zuckte zusammen, drehte sich mit weit geöffneten Augen um und schaute in Lucas Gesicht. Er war ihr vermutlich hinterhergelaufen, denn er atmete heftig, seine Wangen waren vor Aufregung gerötet. „Mama ist letzte Woche nach Berlin gefahren“, sagte er zögernd, „sie hat die Fahrkarten und das Hotel auf meinem Laptop gebucht. Ich habe das erst gestern bemerkt. Papa habe ich das noch nicht gesagt“. Sabine zog die Augenbrauen zusammen und für einen kurzen Moment bildete sich eine Sorgenfalte auf ihrer Stirn: „Deinem Vater scheint es wohl egal zu sein, wo Claudia, deine Mutter, gerade ist?“ Luca schüttelte den Kopf: „Das stimmt nicht. Er macht sich auch Sorgen. Wenn sie in der Vergangenheit kurzfristig nach Berlin musste, hat sie uns immer sofort Bescheid gesagt“. Sabine sah Luca an und fragte: „Was habt ihr bisher unternommen, um sie zu kontaktieren?“ Luca gab keine Antwort. Er stand mit hängenden Schultern und traurigem Blick vor ihr. „Los komm, wir trinken da drüben einen Kaffee und dann erzählst du mir alles.“ Er nickte und folgte ihr wie ein begossener Pudel. Das Café war überfüllt. Der Lärm der Unterhaltungen, das Zischen der Kaffeemaschinen und klirrendes Geschirr schallten ihnen beim Betreten des Cafés entgegen. Sie fanden zwei Stehplätze. „Was möchtest du?“ Er schüttelte den Kopf. „O.K., ich hol mir einen Espresso.“ Sie kam mit ihrem Getränk zurück, rührte Zucker in den Kaffee und schaute Luca fragend an. „Vor einer Woche kam Mama spät abends zu mir ins Zimmer und hatte Tränen in den Augen. ‚Ich werde für längere Zeit wegfahren‘, sagte sie, ‚Du musst mit Papa vorübergehend allein zurechtkommen. Mach dir keine Sorgen. Ich melde mich. Ich verlasse mich auf dich‘. Ich fragte sie: ‚Warum? Was ist passiert?‘. Sie gab mir keine Antwort, umarmte mich und verließ mein Zimmer. Am nächsten Morgen war Mama weg“. „Was sagt Markus, dein Vater, dazu?“ Luca zuckte mit den Schultern, was auch eine Antwort für Sabine war. Sabine nickte, dachte an das letzte Gespräch mit Claudia, als sie ihr erzählte, dass sie Matteo, den Sohn von Seniore Benedettini, kennen gelernt hätte. Sie schaute Luca an: „Du sagtest, dass du eine Hotelbuchung auf deinem Laptop gefunden hast?“ Luca zog sein Smartphone aus seiner Hosentasche, klickte, wischt und zeigte ihr die Buchung. „City Hotel in Spandau,“ lass sie, „bis morgen früh gebucht“. „Hör zu, ich fahre mit dem nächsten Zug nach Berlin und checke ab, weshalb sie sich nicht bei euch meldet. Es muss dafür einen Grund geben. Geh jetzt nach Hause. Ich schreibe dir.“

Dass Claudia sich von Luca unter Tränen verabschiedet hatte, hatte Sabine noch hellhöriger gemacht. Während der Zugfahrt sagte sie sich immer wieder: „Hoffentlich ist Claudia nichts Schlimmes passiert“.

Vor dem City Hotel standen mehrere Polizeiwagen. Als Sabine das Foyer betrat, begegneten ihr Polizisten in Uniform und Zivil, laute Gespräche an der Rezeption, hektische Telefonate an der Empfangstheke. Hotelgäste waren nicht zu sehen. Sie fragte die Servicekraft am Empfang: „Was ist denn hier los? Polizei! Ist etwas passiert?“ Die junge Frau zuckte leicht mit ihren Schultern, schaute Sabine an, beugte sich über die Theke und flüsterte: „Leider haben wir einen Todesfall zu beklagen. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Sie sehen es ja, wir haben die Polizei im Haus“. „Ich hatte mich mit meiner Freundin, Frau Claudia Schlüter, Zimmer 601 hier verabredet. Können Sie Frau Schlüter bitte anrufen?“ Die Angestellte schaut sie erschrocken an, errötete, suchte den Blickkontakt zu einem in der Nähe stehenden Polizisten und nickte ihm zu. Sabine schaute zuerst die Frau und dann den Polizisten an, dann lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Der Polizist sprach Sabine an. Sie konnte ihn nicht verstehen. Ihre Hände zitterten. Ihre Knie wurden weich. Sie musste sich an der Theke abstützen.  

Nachdem die Befragung durch die Polizei beendet war, verließ Sabine eilig das Hotel und setzte sich in ein Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite, bestellte sich einen heißen Kakao und dachte noch einmal an das letzte Treffen mit Claudia zurück. Claudia erzählte ihr damals, dass sie sich in Matteo verliebt hätte. Claudia schwärmte von seinem guten Aussehen, seinen Manieren und dass er ihre Bilder und Fotografien bewunderte. Ihre Augen hatten dabei geleuchtet. „Er ist so ein einfühlsamer Mann“, schwärmte sie, „seit langem fühle ich mich zum ersten Mal wieder als begehrte Frau“.

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

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