So kann ich nicht arbeiten.

von Angelo Wehrli

Alle Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse in dieser Geschichte sind Produkt der Fantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig.

Hastig stieg er aus dem Intercity und drängelte sich auf dem Bahnsteig durch die Menschenmenge Richtung U-Bahn. Sein Zug hatte Verspätung gehabt. Er war in Eile, denn die Chorprobe begann immer pünktlich um 19:00 Uhr. Die Passanten wichen ihm aufgrund seines massigen, athletischen Körperbaus und seiner nackten, tattoobedeckten Arme respektvoll aus. Mit der nächsten U-Bahn fuhr er bis Alsterdorf, und lief eilig zur Aula der Polizeischule in der Carl-Kohn-Straße. Vor dem Eingang warteten bereits einige Chormitglieder, sie saßen auf grob gezimmerten Bänken, rauchten und sprachen über die anstehende Chorprobe und die letzten Konzerte. „Hallo Zakk!“, rief Lutz ihm aus der Runde zu, grauer langer Bart, Glatze, freundliche braune Augen, schwarze Klamotten. Gemeinsamer Handschlag, Schulterklopfen und die Frage: „Alles klar, soweit?“. Zakk nickte abwesend und sagte mehr zu sich selbst: „Dann mal los,“ und betrat mit den Sängerinnen und Sängern die Aula. Ein runder, fensterloser Raum mit filzbedeckten Stufensitzplätzen, die weiter unten zu einer kleinen Bühne führten. Die Beleuchtung wurde eingeschaltet, Lutz machte die Musikbox für den Playback-Sound der Songs startklar. Zakk schaute in die Runde und blickte in Gesichter voller Vorfreude und breitem Lächeln. „Wieder nur neun Leute da“, dachte er, „von Mal zu Mal kommen weniger zu den Proben. Daran ist sie schuld“. Der Chor stellte sich auf der Bühne in einem Halbkreis auf und sang sich warm. Den ersten Song startete Zakk mit „Breaking The Law“.

Als er den Chor vor einem Jahr übernommen hatte, war er mit vielen Ideen gestartet: wollte neue Songs ausprobieren, mehrstimmigen Gesang, eine Begleitband für die Auftritte zusammenbringen. Leider hatte sich alles anders entwickelt. Es stellte sich sehr bald heraus, dass sich die Chormitglieder eher als Freizeitchor sahen, wollten bei den Proben Spaß haben und Songs mit mehr oder minderer Qualität auf kleinen Auftritten durchballern. Alle wollten, dass es entspannt blieb. So musste er seine Ideen, anspruchsvolle Songs einzuüben und diese auf starken Auftritten vorzutragen, sehr schnell begraben. Er passte sich den Wünschen der Sängerinnen und Sänger an. Eine Bandkollegin hatte ihn auf den Chor aufmerksam gemacht. Sie zeigte ihm damals die Anzeige ‚Chor sucht Chorleiter‘ und meinte: „Du experimentierst doch gerne. Mit einem Chor hast du doch noch nicht gearbeitet? Ist doch bestimmt spannend!“. Er bewarb sich und bekam mit Mia als Co-Chorleiterin den Zuschlag. Mia und Zakk entwickelten anfänglich Konzepte, stellten mit mehreren Musikern eine Begleitband zusammen, probten gemeinsam die Chorsongs und hatten einige Auftritte. Dann ging alles den Bach runter. Mia organisierte ohne Absprache Auftritte in großen Clubs, zu denen kaum Zuschauer kamen und der Chor auf den Kosten sitzen blieb, nahm Songvorschläge von Chormitgliedern nicht ernst und überforderte den Chor mit Unterstützungsaktionen ihrer eigenen Bandprojekte. Diese Ereignisse hatten seine Stimmung in den letzten Wochen runtergezogen. „Mir wird das alles zu viel“, jammerte Mia vor einigen Wochen unter Tränen, „alles wird mir aufgehalst. Ich muss für den Chor neue Songs einstudieren, gleichzeitig probe ich die Songs mit der Band und weil sich keiner um Auftritte kümmert, bleibt die PR auch noch an mir hängen. Keiner unterstützt mich“. Sie saß im Übungsraum auf der Couch und schaute Zakk mit zusammengezogenen Augenbrauen und geneigtem Kopf an: „Vom Chor höre ich ständig, wie geil die Chorproben mit dir sind. Sie schwärmen von deinen Gesangexperimenten und passender Songauswahl. Ich komme scheinbar im Chor gar nicht mehr vor. Alles, was ich mache, wird nicht wertgeschätzt“.  Zakk schüttelte seinen Kopf und zischte: „Was für eine schräge Wahrnehmung hast du eigentlich? Du organisierst Konzerte, die keiner will. Du übst ohne Absprache Songs ein, die nicht zum Chor passen.“ Sie tat so, als hätte sie seine Vorwürfe nicht gehört und schaute stattdessen auf ihr Smartphone. „Was ist los mit dir?“, fragte er, verdrehte seine Augen Richtung Zimmerdecke, seine Stimme vibrierte: „Mit deinen planlosen Aktionen machst du mich und den Chor zu Handlangern. Das führt am Ende dazu, dass der Chor auseinanderbricht.“ Mia saß mit hochgezogenen Knien auf der abgewetzten Couch des matt beleuchteten Übungsraums zwischen E-Gitarren, Schlagzeug und Kabeln der zusammengestöpselten Musikanlage, hatte ihre tattoo-bedeckten Arme um ihre Knie geschlungen, reagierte nicht auf seine Vorwürfe und wühlte stattdessen in ihrer Tragetasche. „Hey Mia!“ Versuchte er es erneut, „Raumschiff an Bodenstation. Ich frage dich noch mal: Was ist los?“ Keine Antwort. Sie stand auf und verließ den Proberaum. „Ich kann so nicht arbeiten“, rief er ihr hinterher, seine Brust spannte sich, setzte sich an das Schlagzeug und kickte wütend mit zwei Füßen auf die Bassdrums, griff nach den Sticks und drosch kraftvoll auf die Becken.

Auf dem Weg nach Hause drehte er im Auto die Anlage auf volle Lautstärke: AC/DC ‚Highway To Hell: ‚Hey Satan, payin‘ my dues. Playin‘ in a rockin‘ band‘. Er strich über seinen langen grauen Vollbart, schüttelte sich Haarsträhnen aus dem Gesicht und dachte an frühere Stresssituationen in seinen Bandprojekten. Bei Meinungsverschiedenheiten hatte er mit seinen Bandkollegen immer Kompromisse gefunden. „Mia ist kein Team-Player“, war ihm längst bewusst, „würde sie mehr auf den Chor eingehen, statt stur ihren eigenen Weg zu gehen, wäre alles entspannter. Aber sie will sich in nichts reinreden lassen und macht mich stattdessen zum Prügelknaben!“ Sein Kiefer verspannte sich. 

Eine Woche später, zur nächsten Bandprobe, war Mia wie ausgewechselt, regelrecht kooperativ: „Zakk, ich habe für den Chor einen neuen Song rausgesucht. ‚Holy Diver‘ von Dio. Den können wir gleich mit der Band proben. Das rockt garantiert“. Zakk nickte und lachte: „Einer meiner Favoriten. Dio war ein begnadeter Sänger…“ Ihre Schultern zuckten, Stirnrunzeln, Blick zur Decke, dann eilte sie wortlos zum Klo. „Was ist jetzt schon wieder mit ihr? Ich habe doch nur gesagt, dass ich Dio auch gut finde“, fragte er den Gitarristen, der abgewandt sein Instrument stimmte. Der schaute von seiner Gitarre auf: „Keine Ahnung. Mal ist sie gut drauf, beim nächsten Mal gereizt, oft fließen Tränen, dann hängt sie durch und taucht tagelang ab.“ Zakk nickte, ging zur Klotür, klopfte: „Hey Mia, alles in Ordnung da drin?“ Zuerst rührte sich nichts, dann ging die Klospülung und die Tür wurde von Mia geöffnet: „Was ist denn mit dir los? Warum plötzlich so fürsorglich?“, fragte sie aufgedreht und wand sich an Zakk vorbei. Er musterte Mia. Ihre Hände zitterten und sie hatte vergrößerte Augenpupillen. „Ich dachte, du wärst nicht fit für die Probe“, meinte er. „Alles bestens“, antwortete Mia, ging zum Bühnenmikrofon, „lass‘ uns ‚Holy Diver‘ singen“. Später, als er auf dem Klo war, bemerkte er im Mülleimer ein kleines Zellophantütchen mit weißen Pulverpartikeln.

Nachdem der Chor „Breaking The Law“ gesungen hatte, fragte er: „Gibt es Wünsche?“ Britta schlug „Emptiness Machine“ von Linkin Park vor. Zakk nickte, wählte das Playback aus, startete und zählte den Chor mit lauter Stimme ein.

Don´t know why I’hoping for what I won’t receive. Falling for the promise of the emptiness machine.

Vor einer Woche war es zum endgültigen Bruch mit Mia gekommen.

„Mia, du hast bei der letzten Chorprobe ohne Absprache zwei neue Songs geprobt!“, sagte er nach einer Bandprobe im Übungsraum und stellte seine Bassgitarre in den Ständer.

„Ich wusste nicht, dass ich dazu deine Erlaubnis brauche?“, sagte sie, schnaubte und blickte ihn finster an. „Ich möchte an deinen Ideen teilhaben“, versuchte er, ihr seinen Standpunkt zu vermitteln, „und vor den Proben klären, ob wir die Songs mit dem Chor ausprobieren oder nicht“.

„Manchmal fallen mir während der Probe neue Songs ein.“, maulte sie und verzog ihren Mund zu einer Fratze, „hast du nie solche kreativen Momente?“

„Ich verstehe dich“, meinte Zakk, „ich kenne solche Situationen. Wir sind aber gemeinsam für den Chor verantwortlich. Falls jeder von uns sein eigenes Ding macht, checkt keiner mehr, was Sache ist. Ich kann so nicht arbeiten, Mia!“.

Sie überlegte kurz und sagte: „Dann hör‘ doch auf“. Zakk schüttelte den Kopf. Er war stinksauer: „Ich garantiere dir, wenn ich aufhöre, bricht der Chor auseinander. Das kann ich nicht zulassen“. Ihr Gesicht rötete sich, Tränen liefen über ihre Wangen, sie ballte ihre Fäuste und brüllte: „Ich wusste gar nicht, was du für ein Arschloch bist“, stand auf, rannte zur Tür und verließ den Proberaum.

Sie telefonierten am nächsten Tag und vereinbarten, dass er seine Anlage und seine Gitarren aus dem Übungsraum abholen sollte.

Zakk schaute in die Gesichter der singenden Chormitglieder. Er musste ihnen gleich erklären, dass die gemeinsame Chorleitung mit Mia Geschichte war. Er räusperte sich. Sein Magen zog sich zusammen: „Leute, ich muss euch leider mitteilen, dass ich mit Mia nicht mehr zusammenarbeiten werde. Wir sind beim Chor auf unterschiedlichen Wellenlängen. Es passt zwischen uns nicht mehr.“ Er schaute in die überraschten Gesichter der Chormitglieder. Alle redeten aufgeregt durcheinander: „Wieso das denn?“ – „Was ist denn passiert?“ – „Liegt es an uns?“ – „Und was jetzt?“ – „Mia verbreitet doch nur Chaos?“ –  Zakk hob seine Hand und sagte: „Es hat wirklich nichts mit euch zu tun. Ich würde gerne weiter für euch als Chorleiter arbeiten. Aber auf keinen Fall mit Mia. Denkt drüber nach und meldet euch“. Lutz warf seine Trinkflasche in die Ecke. Zwei Frauen fielen sich weinend in die Arme. „So ein Mist, ich habe so etwas Ähnliches kommen sehen“, rief ihm Lutz hinterher. Zakk schloss seine Augen, fühlte einen stechenden Schmerz im Herzen und verließ wortlos die Aula, um unangenehme Fragen aus dem Weg zu gehen.

Als Zakk am nächsten Tag mit seinem Transporter vor dem Proberaum in Billstedt hielt, war Mia nicht wie verabredet erschienen. Für den Raum besaß er keinen Schlüssel. Auch über ihr Mobiltelefon war sie nicht zu erreichen. Er hatte zwar ein Brecheisen im Wagen, wollte aber keine weitere Eskalation und wartete in einem Café in der Nähe des Proberaums, da er wusste, dass heute die Bandmitglieder zur Bandprobe verabredet waren. Nach einiger Zeit betrat Sven, der Drummer, das Café und schaute Zakk erstaunt an: „Was machst du denn hier, Zakk? Mia schrieb mir, dass du dein Equipment gestern abgeholt hättest.“ Zakk fiel die Kinnlade runter: „Ich hatte gestern Abend mit ihr die Abholung für heute verabredet“. Sven holte einen Schlüssel aus seiner Umhängetasche: „Los, ich schließe dir auf. Dann laden wir dein Zeug in deine Karre ein. Ich musste mir gestern stundenlang Mias Wuttiraden über dich anhören. Sie hat ihren ganzen Hass rausgelassen. Sie wird gleich zur Probe kommen. Wenn wir deine Sachen schnell einladen, musst du ihr nicht begegnen. Ich habe keine Lust auf weitere Psychoscheiße“. Zakk nickte. Sie stiegen die Treppe der Laderampe zum Proberaum hinauf. Der Raum befand sich in einem alten Güterschuppen. Sven schloss die Tür auf, Zakk schaute in die Ecke, in der seine Anlage und die Gitarren in den letzten Monaten gestanden hatten. Er traute seinen Augen nicht. Der Platz war leer. „Da bist du ja Mia“, sagte Sven im selben Moment. Zakk drehte sich um. Sie stand vor ihm, grinste und redete wie eine Märchentante: „Überraschung, Zakk! Nachdem ich gestern erfahren habe, dass du mich aus dem Chor raushaben willst, habe ich deine Sachen schwubdiwup weggezaubert.“ Zakk kniff seine Augen zusammen, biss sich auf die Zähne und musste sich beherrschen, um nicht etwas zu tun, was er hinterher bereuen würde. Seine Anlage und die Instrumente waren seine Heiligtümer. Mit seinen Gitarren hatte er in den letzten dreißig Jahren Höhen und Tiefen in der Rockszene erlebt. „Ich habe dem Chor nur mitgeteilt, dass ich mit dir nicht mehr zusammenarbeiten kann. Von runtermachen war keine Rede.“ Seine Stimme überschlug sich, er bebte vor Wut. „Du hast mich gestern aus dem Chor rausgeschmissen und zusätzlich auch noch schlecht gemacht, du mieses Schwein“, beharrte sie unnachgiebig, ihre Schultern versteiften sich störrisch. „Wenn du dich bei mir und dem Chor entschuldigst und dem Chor mitteilst, dass du ebenfalls nicht weitermachst, kriegst du deine Sachen zurück.“ Sven stellte sich neben Zakk: „Hör mal, Mia, das ist Erpressung!“ Sie schaute Sven an: „Halte dich da raus.“ Sven packte murrend seine Sachen und verließ fluchend den Übungsraum. Zakk zwang sich, ruhig zu bleiben, seine Muskeln spannten sich, er streckte seinen massigen Körper und sagte: „Wie kann man nur so durchgeknallt sein?“. Er ging zur Tür und bevor er sie öffnete, entschied er: „Für was soll ich mich entschuldigen? Ich habe dem Chor nur unsere unterschiedlichen Vorstellungen ‚wie ein Chor zu führen ist‘ geschildert. Ich erwarte von dir, dass du mir den Standort meiner Sachen auf mein Mobiltelefon schickst. Wenn nur eine Gitarrensaite gerissen ist, werde ich dich umbringen.“ Mia lachte schadenfroh.

Zakk wartete einige Tage auf Mias Mitteilung, wo sich seine Instrumente befanden. Es kam aber nichts. Er musste deshalb einige lukrative Studiobuchungen ‚krankheitsbedingt‘ absagen. Natürlich konnte er seinen Auftraggebern nicht sagen, dass Mia seine Instrumente entführt hatte.

Zakk hat von Mias Versteckspielen genug. Er steigt in seinen Lieferwagen, fährt zu ihrer Wohnung und checkt, ob in ihrer Wohnung Licht brennt. Sie ist nicht zu Hause. Er wartet. Nach mehreren Stunden kommt sie mit ihrem Fahrrad die Straße heraufgefahren. Er steigt aus seinem Wagen und geht ihr entgegen. Sie erkennt ihn und ruft von weitem: „Ach ja. Du willst immer noch wissen, wo deine Instrumente sind. Sorry!“ Sie lacht gackernd. Als er ihr gegenübersteht, riecht er Cannabis. „Ich habe deine Sachen verkauft. Brauchte das Geld.“ Zakk schnappt sie wortlos. „Was soll das, lass mich los, du Arsch“, zischt sie, während ihr Speichel aus dem Mund heraustropft. Er zerrt sie zu seinem Wagen, stößt sie unter ihrem Geschrei und Gezeter: „Ich hasse dich, du Schwein“ samt Fahrrad in den Laderaum seines Kastenwagens, muss sich ihre Beschimpfungen anhören, fährt zum Horner Kreisel bis zur Rennbahnstraße, hält auf der Brücke an, schaut sich um, kein Verkehr um diese Zeit, zieht Mia aus dem Auto, wirft sie über seine Schulter und drückt ihren Körper brutal über die Brüstung der Autobahnbrücke: „Du hast jetzt noch eine Chance. Wo sind meine Sachen?“ Sie lacht: „Das möchtest du wohl wissen?“, schaut kopfüber zur Autobahn hinunter und schreit: „Das wirst du niemals tun!“. Von weitem sehen beide die Lichter eines LKW näherkommen. Er schiebt ihren Körper noch etwas weiter über die Brüstung, riecht ihren Angstschweiß, schaut fragend in ihr verheultes Gesicht. Sie zetert und weint. „Wo?“ Brüllt er. „Ich habe sie in ein Lüneburger Pfandhaus gebracht“, schreit sie in Todesangst. „Sicher?“, fragt er, „oder erzählst du mir wieder irgendeinen Mist?“ Sie windet sich und zittert, kann sich aber aus seinem festen Griff nicht befreien: „Zakk, lass‘ mich los.“

Er hält Mia am Geländer fest und brüllt vor Zorn, Speichel floss dabei aus seinem Mund: „Was habe ich dir getan? Sag‘ es mir!“

„Du hast meine Ideen für die Chorentwicklung ignoriert“, schreit sie, „jede Chorprobe mit dir war für mich der reinste Stress und du hast meine Gesundheitsprobleme ausgenutzt.“

„Gesundheitsprobleme, ja“, blafft er mit Kopfschmerzen, „du kokst und nennst das Gesundheitsprobleme.“

„Lass‘ mich los“, bettelt Mia.

Er schaut auf die vorbeigleitenden blendenden Scheinwerfer der Autos auf der Autobahn, zieht Mia die Brüstung hoch, stellt sie auf ihre Füße und lässt sie los.

„Wo ist der Pfandschein für mein Equipment?“

Sie wischt sich Tränen und Rotz aus dem Gesicht, schaut zu ihm hoch: „Bei mir zu Hause.“

„Da fahren wir jetzt hin. Die ausgezahlte Kohle hast du bestimmt nicht mehr?“

„Das Geld ist auch noch da.“

„Los, komm“, herrscht er sie an, „ich will das hinter mich bringen und dich dann nie wieder sehen.“ Sie gehen zum Transporter und müssen vor dem Einstieg stehen bleiben, um einen großen Sattelschlepper an ihnen vorbeifahren zu lassen. Sie warten. Als der LKW fast auf ihrer Höhe ist, stößt sie Zakk vor den Lastwagen. Ein kurzer Schrei, Bremsenquietschen, Stille. Türenschlagen, aufgeregte Rufe des Fahrers. Wie ferngesteuert reißt sie die Schiebetür von Zakks Auto auf, wuchtet das Fahrrad heraus und tritt in die Pedalen, weg von den verzweifelten Rufen des LKW-Fahrers, hinein in die schützende Nacht.

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

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