Und alle waren doch da.

von Angelo Wehrli

„Havanna! “, dachte er. Eine Träne lief ihm über die Wange. Er schaute von seinem Fensterplatz auf die Stadt hinunter: blauer Himmel, blaues Meer, so weit sein Auge reichte, die Sonne, der Malecón mit seiner weißen Brandung, der Hafen, La Habana Vieja mit der Calle Obisco, daneben das Capitol und der grüne Almendares Park. Das Flugzeug schwenkte nach links zum Landeanflug Richtung Jose Marti International Airport. Er verspürte ein leichtes Magengrummeln, nicht nur wegen des nervigen Höhenverlusts. Bäume, Wiesen, Häuser und Straßen kamen immer näher. Aus der Ferne sah er den Flugplatz mit seinen grauen reifenverschmierten Betonpisten, blickte auf die beiden Flugzeuge an den Gates, musterte die riesigen Abfertigungshallen und den Tower. Vor drei Jahren war er überstürzt geflohen. Bei der Geheimpolizei hatte er damals der Mafia anstehende Razzien gegen Dollar verraten. Irgendwann war das aufgeflogen und bevor seine Kollegen ihn verhaften konnten, hatte er sich aus dem Staub gemacht. Ein leichtes Rumpeln signalisierte, dass die Maschine auf der Landebahn aufgesetzt hatte, die Flugzeugaggregate bremsten die Geschwindigkeit, sodass er unsanft in seinen Sicherheitsgurt gedrückt wurde. Nach dem achtstündigen Flug blickte er in die erleichterten Gesichter der Mitreisenden. Erwachsene und Kinder lachten und redeten durcheinander. Die Anspannung der langen Reise war weg und der freudigen Erwartung auf den Cuba-Aufenthalt gewichen. Das Flugzeug rollte an Palmen, flachen weißen Häusern, dann an Kerosintanks, Gepäckwagen und Flugzeugen auf das Gate zu. „Die haben es gut“, dachte er, „sie freuen sich auf entspannte Ferien. Wenn die wüssten, wie gefährlich meine Rückkehr nach Cuba ist“. Aus den Lautsprechern tönte es vom Steward: „Meine Damen und Herren! Willkommen auf dem Jose Marti International Airport. Warten Sie bitte mit dem Ausstieg bis…“ Er löste den Sicherheitsgurt, viele Passagiere standen bereits aufgeregt im Gang, öffneten die Gepäckklappen über ihren Sitzen und zogen ihr Reisegepäck heraus. Warum musste er in Deutschland ausgerechnet einer Voodoo-Hexe in die Quere kommen? Wenn er das vorher gewusst hätte, hätte er einen riesigen Bogen um sie gemacht und ihr niemals ihre geweihte Kette vom Hals gerissen. Er kannte die Macht der Voodoo-Hexen und hatte damals einiges von ihren brutalen Opferprozessionen mitbekommen. Mirandas Voodoo-Zauber hatte ihn in Deutschland gezwungen, nach Cuba zurückzukehren. Die Oberpriesterin in der Sierra Maestra sollte über ihn richten. Er hoffte auf ein geringes Strafmaß. Mit seinem kooperativen Verhalten, das wusste er, könnte er vielleicht seinen Tod verhindern. Während des Fluges hatte er die ganze Zeit befürchtet, dass Miranda seinen Flieger mit einem Fluch belegen würde, um ihn mitsamt der Crew und Passagieren vor der Ankunft auf Cuba abstürzen zu lassen. Mit ihren Voodoo-Zaubereien hatte Miranda ihn in Deutschland einige Zeit so stark mit Kopfschmerzen und wiederkehrenden Herzattacken schachmatt gesetzt, dass ihm nichts anderes übrigblieb, als ihr die Kette mit der Zusicherung zurückzugeben, sich auf Cuba von der Oberpriesterin bestrafen zu lassen. Aufgrund seiner überstürzten Abreise aus Hamburg hatte er nur eine kleine Sporttasche dabei. Seine Mitreisenden waren längst ausgestiegen. Auf den Sitzreihen türmten sich ihre Hinterlassenschaften: Zeitungen, Flaschen und Tüten. Eine dunkelhäutige Stewardess sammelte in einer blauen Tüte den Müll ein. Als sie ihn in seiner Sitzreihe erreichte, unterbrach sie ihre Arbeit und fragte: „Wollen Sie nicht aussteigen, Senior?“ Er zuckte erschrocken zusammen, lächelte, stand auf und fischte seine Tasche aus der Ablage. „Ich war mit meinen Gedanken woanders“.

„Nach einem so langen Flug ist das kein Wunder. Ich mache auch drei Kreuze, wenn ich gleich Feierabend habe.“ Er nickte ihr freundlich zu und eilte schnell an leeren Sitzreihen vorbei zum Ausstieg, wo ihm ein junger Steward einen schönen Tag wünschte. Als er durch das Gate zum Flughafengebäude lief, traf ihn die feuchte Tropenhitze Cubas wie eine Dampfwalze. Am Schalter der Einwanderungsbehörde zeigte er der uniformierten jungen Polizistin seinen Pass. Sie prüfte ihn aufmerksam, schaute ihn lange an, verglich sein Passfoto mit seinem Gesicht und scannte den Pass in ihren Computer ein. „Wie lange waren Sie im Ausland, Senior?“  – „Ich bin ein Kollege des Sicherheitsdiensts. Meine Behörde hat mich vor einem halben Jahr nach Deutschland zu einem Sprachkurs abkommandiert. Hier sind mein Visum und der Arbeitsauftrag von meinem Amt“, sagte er schwitzend, weil er sie anlog und die Dokumente gefälscht waren. Sie schaute sich alles genau an, nickte, stempelte seinen Pass, schob ihn über den Tresen und sagte: „Willkommen zu Hause, Kollege!“ und winkte dem nächsten Passagier in der Reihe hinter ihm zu. Während er an den Boarding-Schaltern zum Ausgang eilte, wünschte er sich, dass ihn niemand erwartete: keine Mafia, keine Kollegen vom Ministerio del Interior und keine Voodoo-Hexen. Sicherlich hatte Miranda ihrer Priesterin sein Eintreffen angekündigt. Plötzlich tippte ihn jemand an die Hüfte. Erschrocken drehte er sich um, sah niemanden, beugte sich nach unten und blickte in das Auge eines kleinen dunkelhäutigen glatzköpfigen Kerls, mit platter Nase und Segelohren. Der Mann war höchstens 1,40 m groß, sein zweites Auge war hinter einer schwarzen Augenklappe verborgen. „Was willst du?“, fragte er, „ich kaufe nichts, brauche kein Taxi und auch kein Mädchen“. „Das könnte ich dir alles besorgen, aber deshalb bin ich nicht hier“, grinste er. In seinem Mund fehlten einige Zähne. „Ich wüsste nicht, dass ich jemanden herbestellt habe“.

„Hast du doch, Amigo! Du bist Ramon aus Deutschland? Mirandas Kettenräuber, oder nicht?“

„Was willst du von mir?“, fragte er ängstlich und schaute sich vorsichtig um, ob vielleicht weitere Personen auf ihn warteten.

„Ich bin Pepe“. Dabei reichte der ihm seine mit goldenen Ringen bestückte Hand. Er übersah die Hand, außerdem roch sie nach Motoröl. Der Kerl sah eklig aus, schmutziges, durchgeschwitztes weißes Unterhemd, Lederweste, Tattoos an den Armen und Goldkettchen am Hals.

„Die Priesterin schickt mich…“ Das war es also! Er ließ seine Tasche fallen und schaute Pepe fragend an.

„Ah…jetzt verstehst du mich, Ramon!“, ein dreckiges Grinsen zuckte über sein unrasiertes Gesicht, „mein Chevi steht auf dem Parkplatz. Lass uns gleich zu ihr fahren“.

„Zu wem?“

„Ramon! Bist du loco!“, Pepe boxte ihn gegen sein Knie, „ich soll dich zum Voodoo-Tempel der Santeria-Priesterin auf die Sierra Maestra bringen“.

„Wer sagt mir denn, dass du mich nicht übers Ohr hauen willst?“

Er lachte: „Was denkst du denn? Klar könnte ich das. Aber heute habe ich den Job, dich auf dem Sierra Maestra abzuliefern. Da, wo wir gleich hinfahren, brauchst du sowieso nichts mehr. Kein Geld. Keine Kleidung. Keine Papiere. Das kannst du mir jetzt schon freiwillig abgeben“, und deutete kurz auf die Luger unter seiner Weste. Erschreckt und mit hängender Schulter folgte er dem Gnomen. Am Ausgang standen Reisende vor Taxis, alten 50er-Jahre- Straßenkreuzern und verbeulten Bussen. Viel war hier nicht los. Aufgeregte Rufe, hektisches Geschrei und laute Gespräche wurden vom Krach eines startenden Flugzeugs übertönt. Ortsansässige Männer und Frauen dienten den wenigen ankommenden Reisenden Unterkünfte, Restaurants, Getränke und Lebensmittel an. Dazwischen versuchten Uniformierte Ordnung in das Durcheinander zu bringen.

„Da rüber“, zeigte ihm Pepe den Weg zum Parkplatz. Müde folgte er ihm und wünschte sich nur noch ein Bett und acht Stunden Schlaf. Auf den Parkplatz stießen sie auf zwei Männer in weißen Anzügen und Panamahüten. Pepe duckte sich und schob ihn schützend hinter sich. „Die Kerle sind von der Escena Negra. Hast du mit denen früher mal Stress gehabt?“

„Ja.“ – Pepe nickte, zog seine Luger und rief den Kerlen zu: 

„Verschwindet! Ramon gehört der Patrina in den Bergen. Wenn ihr mich nicht durchlasst, wird sie euch mit einem Todesfluch belegen.“ Erschrocken blieben die beiden Männer stehen. Sprachen leise miteinander und verschwanden zwischen den parkenden Autos. Nach einem kurzen Gang über den Parkplatz blieb Pepe vor einem blauen Chevy Bel Air 4 stehen: weißes Verdeck, runde Kühlerhaube, Weißwandreifen, verchromte Radkappen, blitzende dicke Stoßdämpfer. Die Sonne brannte auf seinem Schädel, das T-Shirt war komplett durchgeschwitzt. Pepe öffnete die Fahrertür mit zwei kleinen Dietrichen, krabbelte zum Beifahrersitz, streckte seinen Oberkörper aus dem heruntergelassenen Seitenfenster: „Steig‘ ein Amigo“. Aus dem Innenraum drang ihm modrige Hitze entgegen, er schaute bewundernd das blau-graue Interieur des Chevys mit dem chrom- und elfenbeinfarben ausgestatteten Innenraum an. Leider waren die original grauen Lederbänke durchgesessen und porös.

„Super Kiste!“, meinte er anerkennend.

„Ich habe den Chevy gerade für diese Tour gebucht“.

„Du stielst die Karre gerade“, dachte Ramon, schüttelte seinen Kopf und fragte:  

„Kannst du den Wagen überhaupt fahren? Kommst du mit deinen kleinen Füßen an Gas, Bremse und Kupplung ran?“

„Während der Fahrt bediene ich alles mit meinen Händen“.

„Dann siehst du doch nichts mehr, schon gar nicht mit nur einem Auge. Den Wagen kannst du dabei auch nicht steuern, oder? Erzähl mir keine Märchen“.

„Auf den Straßen ist nichts los, deshalb muss ich nur hin und wieder mal durch die Windschutzscheibe schauen“.

„Du willst mich veräppeln?“  – „Ja. Du fährst.“ Sowas Ähnliches hatte er sich schon gedacht. „Komm‘ auf die Fahrerseite“, befahl ihm Pepe. Ramon wartete an der offenen Fahrertür und begutachtete das Wageninnere. Pepe hatte sich auf die Beifahrerseite gestellt, kniff freundlich lächelnd sein Auge zu und wies Ramon mit einer Handbewegung an, auf der Fahrerseite Platz zu nehmen. Vom langen Flug war Ramon todmüde und wollte sich daher auf keine langen Diskussionen einlassen. Er sah, wie Pepe im Innenraum zwei Zündkabel aneinander rieb, die elektrisiert funkelten den V6-Motor blubbernd zum Leben erweckten. Eine dunkle, stinkende Abgaswolke vom Auspuff hüllte ihn ein. Hustend schloss er die Tür, legte den Gang der Lenkradschaltung ein und fuhr los.

„Wohin?“

Pepe versuchte, über das Armaturenbrett zu blicken.

„Wir fahren kurz zum Malecón, holen da jemanden ab und dann geht’s Richtung Santiago in den Osten“. Entsetzt schaute er Pepe an: „Das sind 900 km. Acht Stunden Fahrt“, und blinzelte dabei zur Tankuhr. „Wir müssen tanken, außerdem kann ich nicht die ganze Strecke durchfahren. Ich war acht Stunden im Flieger.“

„Am Malecón steigt Frida zu. Die kann auch ein Stück fahren.“

Er beschleunigte den Chevy, überholte einen Reisebus und blieb in schwarzen Abgaswolken hinter einem alten Lada hängen.

„Wer ist Frida?“ – „Die Tante von Miranda. Sie wird die Patrina während deiner Heilungszeremonie unterstützen.“ Er glaubte nicht, richtig zu hören. Sagte Pepe gerade ‚Heilungszeremonie‘. Die Voodoo-Hexen lassen Sünder hungern, frieren und quälen sie mit Beschwörungen. Und Frida, eine Verwandte von Miranda, soll der Priesterin helfen? Sein Magen schmerzte. Vielleicht war es nur der Hunger, da er seit Stunden nichts mehr gegessen hatte. Er fuhr auf der Autopista Aeroporto Richtung Malecón. Am Militärkrankenhaus bog er in die Avenida 31 ab, dann beim Tropicana runter zum Malecón. Am Malecón betrachteten seine müden Augen das Meer, die immerwährenden Wellen mit der Gischt, die über den Malecón hinwegrauschte, auf die Straßen spritzte und riesige Pfützen hinterließ, über die er mit dem Chevy hinwegrollte und den Scheibenwischer bedienen musste. Er dachte an die guten Zeiten in dieser Stadt und lächelte. „Halte an der Calle Escobar an“, befahl Pepe, „da wartet Frida auf uns“. Am Straßenrand stand dort eine zierliche kupferhäutige Schönheit mit schwarzem Hut, darunter quollen dünne lange Rasta-Locken hervor, die über ihre Schultern fielen. Sie trug ein schulterfreies, bodenlanges, braunes Kleid aus dünnem Rüschenstoff, mit lendenhohem Ausschnitt, dass ein langes Bein zeigte. Sie musste so um die dreißig sein. Unter dem Arm zappelte ein bunter Hahn, dem sie gerade gut zuzureden schien. Er stoppte den Chevy, Pepe öffnete die Beifahrertür und winkte ihr zu: „Oje Frida.“ Sie hob eine kleine Umhängetasche vom Straßenrand auf und lief ihnen entgegen. Pepe öffnete die hintere Autotür, verbeugte sich: „Hallo Fidel!“, dabei zupfte er an den Hahnfedern, „schön dich zu sehen. Wird wohl deine letzte Reise werden?“ – Wütend schob sie Pepes Hand von ihrem Hahn weg und setzte sich wortlos mit Fidel auf die Rückbank, nahm ihren Hut ab, schüttelte ihre Rasta-Mähne, flüsterte Fidel irgendetwas zu und stellte ihre Tasche ab. Pepe begutachtete den Hahn und brummelte: „das schöne Tier“. Fidel hatte eine kräftige Statur mit einem ausgeprägten roten Kamm, sein buntes Federkleid schillerte in allen Farben. Pepe zeigte auf Ramon und erklärte Frida: „Das ist Ramon“. Ramons und ihr Blick begegneten sich im Rückspiegel. Sie hatte große braune Augen, gezupfte Augenbrauen, grün geschminkte Augenlider und schwarz geschwungene Wimpern. „Fahr‘ los, Ramon“, befahl Pepe. Er erschrak, als der Hahn hinter ihm mehrmals laut krähte. Schnell reihte er sich mit dem Chevy und seinen Begleitern in den Verkehr stadtauswärts ein. Auf der vierspurigen Straße nach Matanzas war viel los: Lastwagen, Motorräder, Fußgänger. Niemand im Auto sprach ein Wort, nur der Hahn meldete sich hin und wieder mit Kräh Attacken. Pepe schaltete einen Radiosender ein, der Salsa-Musik spielte. „Wie lange werden wir noch unterwegs sein?“, fragte Frida nach zwei Stunden Fahrt. „So um die sechs Stunden. Die Straßen sind schlecht und unser Freund am Steuer wird langsam müde“, meinte Pepe und klopfte Ramon aufmunternd auf die Schulter. „Lass‘ uns gleich mal anhalten“, sagte Frida knapp, „Fidel braucht Wasser und Futter und ich muss pinkeln“. – „Da hinten ist ein restaurante“. Pepe und deutete mit seinem Finger auf ihr Ziel. Er bog von der Straße ab und hielt neben einem roten Flachbau. Sie betraten das leere Restaurant: Theke, Steinfußboden, einfache bunte Stühle und Tische. Hinter einem bunten Bastvorhang trat eine kräftige alte Frau hervor und schaute sie wortlos an.

Sie bestellten Getränke und Essen. Frida versorgte den Hahn, den sie im Chevy zurückgelassen hatte, und setzte sich dann zu ihnen an den Tisch und musterte Ramon mit kühlem Blick. Um den Hals trug sie, passend zu ihrem Kleid, eine dicke braune Perlenkette mit weißen langen Muscheln. „Warum hast du Miranda in Deutschland bedrängt und dann auch noch ihre geweihte Kette gestohlen?“, fragte sie und starrte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, sodass er Gänsehaut bekam. Ihr Blick elektrisierte ihn, seine Erschöpfung war urplötzlich abhandengekommen. Ramon schüttelte seinen Kopf, überlegte was er ihr antworten sollte und meinte: „Ich war sauer, dass sie mit mir nicht ausgehen wollte. Ich wusste nicht, dass es eine geweihte Kette war“. – „Du wusstest es nicht…“, wiederholte sie seine Bemerkung trocken und funkelte ihn angespannt an, „warum behandelt ihr Arschlöcher Frauen wie Dreck? Warum?“

„Es tut mir leid…“ – „Es tut dir leid!“ ahmte sie ihn nach, „weißt du, dass ich wegen dir meine Familie, meinen Job für einige Tage in Havanna zurücklassen muss?“ schimpfte sie und kniff ihre Augen zusammen. Pepe hörte ihnen zu, stocherte mit der Gabel in seiner Paella herum und schaute aus dem Fenster. „Ich hätte für meine Hahnenkämpfe keinen Hahn aus Fridas Hühnerhof stehlen dürfen“, dachte er und strich sich Schweiß von der Stirn,

„jetzt muss ich meine Sünde bei den Priesterinnen abarbeiten“.  Ramon räusperte sich und wandte sich an Frida: „Ich habe euch nicht um eine Bestrafung gebeten. Von mir aus können wir sofort zum Flughafen zurückfahren. Dann verschwinde ich nach Deutschland und du hast deine Ruhe“.

Sie schnaubte verächtlich, durchbohrte ihn mit einem verächtlichen Blick und zischte: „Du hast überhaupt keine Ahnung, was du mit der entweihten Kette angerichtet hast. Die Götter sind sauer auf Miranda, auf mich und die Patrina. Du hast dafür gesorgt, dass die Götter uns verachten. Es gibt Regeln, wie wir sie wieder gnädig stimmen können“. Tränen liefen ihm über die Wangen, er fiel auf die Knie und schrie: „Ich wollte das mit Miranda nicht! Das war ein Missverständnis. Ihr dürft mich nicht töten“. Sie spuckte ihm ins Gesicht: „Sei froh, dass ich das nicht hier auf der Stelle erledige“.

„Wir müssen weiter“, drängte Pepe, rollte genervt mit seinem Auge und schob seinen halbleeren Teller beiseite, „es wäre gut, wenn du fahren würdest“, und sah dabei Frida an.

Wortlos ging sie zur Fahrerseite, setzte sich auf den Fahrersitz, drehte sich zu Fidel um, streichelte ihn seufzend übers Gefieder, während Pepe den Chevy kurzschloss. Ramon fehlte. Pepe lief zum Restaurant zurück und fragte die alte Frau, ob sie ihren Begleiter gesehen hätte. Sie zuckte mit ihren Schultern. Er war weg. Pepe lief fluchend zum Auto zurück und rief: „Er ist weg. Was machen wir jetzt?“ Frida stieg aus dem Wagen, ließ den Motor laufen, schnappte Fidel, flüsterte ihm etwas zu, sodass er krähend halb weglief, halb flog. Dann holte sie ihren Hut aus dem Auto, setzte ihn auf und folgte eilig ihrem Hahn. Hinter dem Restaurant ging sie über einen betonierten Hinterhof an Wäschestangen mit trocknender Bettwäsche vorbei und hörte Fidel, der gerade an einem Geländer mit Tabakblättern stand und sich putzte, um ihn herum gackerten aufgeregte Hennen. „Auf euch Kerle ist kein Verlass“, schimpfte sie leise, nahm Fidel unter Protest der Hennen auf den Arm und flüsterte: „Wo hat er sich versteckt?“ Dieser Idiot geht mir so was von auf den Senkel, dachte sie, was bildet dieser Macho sich eigentlich ein? Dann schloss sie ihre Augen, atmete tief ein und aus, drehte sich mit Fidel um die eigene Achse, wischte über ihre Hutkrempe, wiegte sich mehrmals auf der Stelle, blieb einige Minuten regungslos stehen, leichter Rauch strömte aus ihren Augen und stapfte dann zielgerichtet an Tabaktrocknungsstangen vorbei zu einem Holzschuppen. „Komm da raus“, fluchte sie, „oder ich zaubere dir eine schmerzhafte Herzattacke. Du wirst vor Schmerz so laut schreien, dass dich jeder im Umkreis von drei Meilen hören kann“. Nach einigen Minuten wurde die Schuppentür geöffnet und Ramon kam ihr mit hängenden Kopf entgegen. „Wenn du das noch einmal machst, werde ich dich auf der Stelle erdrosseln“, brüllte sie mit zornrotem Gesicht. „Komm‘ jetzt, es wird dunkel. Wir werden bis zum Sierra Maestra noch die ganze Nacht durchfahren müssen. Setz‘ dich hinten in den Chevy, neben Fidel. Sobald du eine falsche Bewegung machen solltest, befehle ich ihm, dir die Augen auszuhacken“, und zeigte dabei auf silberglänzende kleinen Metallsporen an seinen Krallen. Pepe rauchte und deutete auf seine Augenklappe: „Das war Fidel“, und ließ offen, wofür oder weshalb der Hahn ihm sein Auge ausgehackt hatte. Frida fuhr vom restaurante-Parkplatz und sagte Richtung Pepe: „Der Tank ist bald leer“. – „In Santa Clara bekomme ich bei Jamal Benzin“, antwortete der und setzte sich entspannt auf den Beifahrersitz.

Schweigend fuhren sie durch die Nacht durch Palmenwälder, unbeleuchtete Dörfer und an grünem kargem Ackerland vorbei. Hin und wieder mussten sie Fahrzeuge überholen oder es krochen ihnen Lichter aus der Dunkelheit entgegen. Die Nachtfahrt war nicht ungefährlich. Auf der dunklen Straße wurden sie vom Chevy durch Unebenheiten geschüttelt. Manche Autos fuhren ohne Beleuchtung. Es gab Räuberbanden, die Autos anhielten und die Insassen ausraubten. In Santa Clara fuhren sie ins dunkle Stadtzentrum, hielten neben einer Kirchenruine. Kurze Zeit später schleppte Pepe mit einem Mann Benzinkanister zum Chevy und füllte den Tank auf. Ramon hörte das Glucksen des in den Tank einströmenden Benzins und roch den typischen Geruch. Pepe und der Mann schwätzten, rauchten, lachten und verfrachteten einen Kanister in den Kofferraum. Frida winkte Jamal bei der Abfahrt kurz zu und fuhr Richtung Santiago de Cuba weiter. Während Pepe auf dem Beifahrersitz schnarchte und Ramon auf der Sitzbank mit dem Hahn im Armen schlief, summte Frida einem Salsa-Song aus dem Radio mit, dachte an Miranda in Deutschland und sendete ihr ihre telepathischen Grüße.

Miranda wachte zur selben Zeit in ihrem Bett in Hamburg auf, fühlte eine wohlige Wärme in ihrer Brust und grinste: „Danke, Frida, dass du dafür sorgst, dass meine entweihte Kette wieder gereinigt wird und dass wir alle von den Göttern rehabilitiert werden“. Frida war gerne Voodoo-Priesterin, liebte die Magie der Trance-Tänze, freute sich jedes Mal, wenn sie von bösen Geistern Besessene heilen konnte und die Götter mit ihr zufrieden waren. Sie war die Nacht durchgefahren. Im Morgengrauen hatte Frida die Bergfahrt auf den Serpentinen zum Sierra Maestra Ramon überlassen. Die Sonne war aufgegangen und sie konnten von ihrem holprigen Höhenweg, über die bewaldeten Hügel, auf das blaue Meer blicken. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Sie hielten auf ein festungsähnliches Gemäuer aus gelben verwitterten Felssteinen zu, fuhren durch ein morsches Tor und stoppten auf einem Kiesweg vor einem heruntergekommenen zweistöckigen Flachbau. Die farblosen verrotteten Fensterläden und die Haustür waren verschlossen. Im Innenhof schauten sie auf eine Blumenwiese, einen Gemüsegarten und auf Kaninchen- und Hühnerställe. Als sie ausstiegen und sich von der langen Reise streckten kamen ihnen neugierige Hühner entgegen. Fridas Hahn hüpfte aus dem Chevy und besprang sofort eine Henne. Die Hofhähne wollten sich das nicht bieten lassen und stürzten sich krähend und zeternd auf Fidel. Bevor es blutig werden könnte, schnappte Frida ihren Hahn aus dem Getümmel und sperrte ihn im Chevy auf der Rückbank ein. Scheinbar vom Lärm geweckt, öffnete eine kleine dunkelhäutige Frau die Tür und lächelte. Frida und Pepe liefen ihr entgegen und knieten vor ihr nieder. Das war also die Oberpriesterin, dachte er, eine kleine verhutzelte Greisin mit dünnem grauem Haar. „Na dann kommt mal beide rein“, wandte die Priesterin lediglich an Frida und Pepe, „ich mache euch ein Frühstück“, und da Ramon immer noch unschlüssig am Auto stand und nervös von einem Bein aufs andere trat, winkte sie ihm zu: „Du bist also der Kerl, der Mirandas geweihte Kette verunreinigt hat? Warte hier draußen. Ich bereite mich auf die Boko-Zeremonie vor“. Sie taxierte Ramon. Er konnte nicht ausmachen, was sie in diesem Moment über ihn dachte. Die Priesterin wandte sich ab und folgte Frida und Pepe ins Haus.

„Wer weiß, was sie mit mir vorhaben“, überlegte Ramon, rieb seine Nase und setzte sich unter einem Sonnensegel auf eine altersschwache Bank an der Haustür, „ich habe von diesen Reinigungszeremonien der Voodoo-Priesterinnen schon einiges gehört. Nichts Gutes.“ Sein Blick strich über das Anwesen und dachte: „Wir fahren zu einem Tempel, hatten sie gesagt. Das Anwesen ist eher eine bessere Bruchbude.“

Die Sonne verursachte am frühen Morgen schon eine brütende Hitze. Die Pflanzen waren ausgetrocknet, die Kleintiere hatten sich auf die wenigen Schattenplätze verzogen. Die Hitze machte müde. Statt zu warten, wanderte er durch den Garten, begutachtete die Kleintiere, fand einen Brunnen, schöpfte daraus mit einem verbeulten Eimer kaltes Wasser, trank es und kühlte sein Gesicht mit einem feuchten Tuch. Vor Anspannung zitterten seine Hände. Was würde die Priesterin mit ihm machen? Jedes Mal, wenn ein Laut von den Tieren, aus dem Haus oder von ferneren Anwesen kam, zuckte er zusammen.

Mittags kam die alte Priesterin mit Frida und Pepe aus dem Haus. Sie war barfuß, trug ein buntes schulterloses langes Kleid, das mit Symbolen und Mustern geschmückt war. Um ihren Hals hing eine Kette, mit braunen und gelben Perlen, wie er sie von Miranda in Deutschland kannte. Um ihre knochigen Arme hatte sie bunte Stoffarmbänder gewickelt, ihren Kopf hatte sie mit einem schwarzen Hut mit langen lila Hahnenfedern bedeckt. Sie bewegte sich ehrfürchtig in Begleitung von Frida, Fidel und Pepe direkt auf Ramon zu. Er saß auf einer Bank unter einem schattigen Sonnensegel und paffte eine selbstgedrehte Zigarre.

„Was habt ihr jetzt mit mir vor?“, fragte er mit heiserer Stimme, trat die Zigarre unter seinem Fuß aus und stand zitternd auf.

„Bleib‘ stehen und zieh dein Shirt aus“, sagte die Priesterin gebieterisch, während

Frida ihren Hahn federschwingend auf den Boden fallen ließ, sodass ein langes Messer in ihrer Hand sichtbar wurde. Pepe holte vom Hauseingang mehrere Voodoo-Trommeln, setzte sich wortlos neben die Priesterin auf den staubigen Boden und begann zu trommeln. Die Priesterin bewegte sich tänzerisch langsam zu den Trommeltönen, versetzte sich durch Aus- und Einatmen in Trance, summte abwechselnd ein Lied oder sprach beschwörende Gebete, um die Geister um Vergebung zu bitten.

Frida schnappte blitzartig Fidel, schleuderte ihn an Ramons Brust, sodass die scharfen Metallsporen, die Krallen und Fidels Schnabel sich in seine Brust bohrten. Schreiend fiel Ramon zu Boden und wälzte sich vor Schmerzen im Dreck. Sein Blut vermischte sich mit Staub. Frida schnappte erneut den Hahn trennte mit dem Messer seinen Hals vom Körper und verteilte das spritzende Blut mit Zauberformeln auf Ramons Körper. Er war sicher, dass sie ihn in den nächsten Minuten töten würden und schrie. Pepe trommelte daraufhin lauter, Frida und die Priesterin übertönten sein Geschrei mit schrillem Gesang. Plötzlich schwiegen die Trommeln, die Priesterin und Frida verstummten und schauten auf den am Boden im Hahnenblut liegenden Ramon. Der wand sich und jammerte: „Es tut mir so leid. Ich werde nie wieder geweihte Kette stehlen! Ich verspreche es“, dabei schaute er die Frauen an, schob den toten Fidel vom Körper und zeterte: „Lasst mich gehen. Ich tu so etwas nie wieder“. Pepe riss ihn kraftvoll hoch, während Frida gleichzeitig ihr scharfes Messer an Ramons Kehle ansetzte und mit gurrenden Lauten und in Trance, um ihn herumtanzte und das Messer in seine Haut einmal um seinen Hals herum ritzte. Er bildete sich eine Kette aus Bluttropfen. Die Priesterin sang dazu spirituelle Reime. Ramon jammerte, sein Blut rann von seinem Hals den ganzen Körper hinunter zu Boden. Pepe trommelte, die Priesterin tanzte, berührte seine blutige Brust und verwischte das Blut mit ihrer Hand in seinem Gesicht, betrachtete ihn eingehend, nickte den anderen im Sinne einer gelungenen Aktion zu und ging mit ihnen ins Haus zurück. Ramon lag eine Weile regungslos und erschöpft in der prallen Mittagssonne auf dem Boden. Durch die Hitze trocknete das Blut auf seiner Haut in Windeseile.  „Das war bestimmt noch nicht alles“, dachte er, Tränen liefen ihm übers Gesicht, „die kommen gleich wieder und malträtieren mich weiter. Bis zum Tod. Wegen so einer beschissenen Kette. Wenn ich jetzt verschwinde, werden sie mich mit ihren negativen Energien erneut verfluchen und alles geht von vorne los. Ich habe keine andere Wahl, ich muss hierbleiben und alles über mich ergehen lassen.“  Die Wunde an seinem Hals brannte. Er stand auf, lief zum Brunnen, ließ den verbeulten Eimer zum Brunnen hinuntergleiten und holte kaltes Wasser herauf, goss das Wasser über seinen Körper und versuchte mit bloßen Händen, das Blut abzuwischen. Irgendwann zupfte jemand an seiner nassen Hose. Pepe! Er reichte ihm wortlos Handtuch und Seife: „Mach‘ dich sauber und komm‘ ins Haus“.  Nachdem er sich einigermaßen gesäubert hatte, ging er zum Haus und klopfte an die Tür. Pepe steckte seinen Kopf durch den Türspalt und gestikulierte einladend: „Komm‘ rein.“ Oh, wie schön kühl ist es hier drinnen, dachte er und schaute in eine Küche mit großem klobigem Tisch. Geradeaus befand sich ein Gang an dessen Ende er den Eingang zu einem kirchenähnlichen großen Raum sah: heller Steinfußboden, weiße Wände, ein Altar und große Fenster. „Da lang‘“, zeigte Pepe ihm den Weg in den Gebetsraum. Auf dem Altar waren auf einer bunten Decke zwei bunte Stoffpuppen aus Jute, Lebensmittel und Blumen ausgebreitet, es brannten rote Kerzen, Kräuter und Hölzer, um die Geister freundlich zu stimmen. Er folgte Pepe und stand vor der Priesterin. „Knie nieder“, wies sie ihn an. Er folgte ihrer Anweisung, schaute sich dabei ängstlich um, da sich Frida von hinten geräuschlos genähert hatte, ihre Hände über seinen Kopf ausstreckte und einen Singsang veranstaltete. Die Priester rief die Götter an: „Du wirst Schmerzen haben und leiden, wenn du nochmal versuchst Miranda näher zu kommen. Halte dich fern. Für immer. Ein für alle Mal. Für immer. So soll es sein“.

„Ich werde zukünftig jeder Voodoo-Priesterin aus dem Weg gehen“, dachte er und fürchtete eine weitere Messerattacke. Die alte Priesterin schaut ihnen zu, während sein Kopf dröhnte und er schmerzhafte Stiche verspürte, so als ob sich ein Stacheldrahtverhau darin befinden würde.  Die Priesterin rief die Geister der Finsternis an und bat um Vergebung für Miranda, für Frida und sich selbst. Zu ihrem Gebet trommelte Pepe, Frida bewegte sich dazu in Trance und versuchte mit unverständlichem Geschrei, eine Verbindung zu den Geistern herzustellen. Die alte Priesterin spritzte Ramon aus einer Schale Wasser auf den Kopf und brabbelte Gebetsformeln:

„Mächtiger und gütiger Gott der Finsternis, wir kommen vor dich in Demut und Ehrfurcht. Wir bitten dich, höre unser Gebet und sende uns deinen Schutz, deine Liebe und deinen Segen. Sei bei uns in Zeiten der Not und führe uns auf den Weg des Friedens und der Harmonie. Wir danken dir für deine Gunst und bitten dich, unsere Bitten zu erhören!“

Pepe trommelte nicht mehr und Fridas Tanzbewegung war eingefroren. Die Priesterin schloss ihre Augen. Totenstille. Ramon wagte nicht, nach oben zu schauen.  Plötzlich wurde es dunkel im Raum, ein Windstoß drückte auf die Fenster.  Die Priesterin lächelte: „Die Götter haben uns vergeben. Steh‘ auf und geh‘ mir aus den Augen. Ich will dich hier nie wieder sehen. Wenn du nochmal eine Priesterin belästigst, kommst du nicht so billig davon“.

Ramon erhob sich, verbeugte sich mehrmals, atmete tief durch, bewegte sich vorsichtig rückwärtsgehend aus dem Raum und lief eilig Richtung Hauptstraße.

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

Katgeorien SkurilesHinterlasse einen Kommentar

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