36 Stunden in der Kneipe ‚SORGENBRECHER‘

Von Angelo Wehrli

„Schon irre, dass du seit dreißig Jahren im Untergrund überlebt hast“, sagte ich, stieß Peter freundschaftlich gegen die Schulter, nahm meine glimmende Selbstgedrehte aus dem Aschenbecher, klemmte sie zwischen meine Lippen, zog dran und pustete den Rauch Richtung Decke. Peter winkte ab, rutschte unruhig auf seinem Barhocker hin und her, schaute in sein halbvolles Bierglas und trank es aus. „Dass euch die Bullen jahrelang nicht geschnappt haben, habe ich nie verstanden“, lächelte ich und deutete fragend auf sein leeres Bierglas. „Sie haben Inga gefasst“, antwortete Peter, seine Gesichtsmuskeln zuckten leicht, während er seinen Bierdeckel zerfledderte, „weil sie in letzter Zeit nachlässig geworden ist. Sie glaubte fest, dass die Fahnder die Suche nach uns aufgegeben hätten. Sie wollte wieder ein normales Leben führen und hat unsere Warnungen in den Wind geschlagen. Inga kannte das ‚Untergrund-Einmaleins‘ der ROTEN ARMEE FRAKTION von früher und weigerte sich, weiter danach zu leben“. Ich stellte sein leeres Bierglas ins Spülbecken, nahm ein sauberes Glas vom Deckenregal über der Theke, stellte es unter dem Zapfhahn und ließ das Bier zischend ins Glas laufen. Peter tat mir leid. Ständig auf der Flucht zu sein, immer über die Schulter schauen zu müssen, grausam. Der Bierschaum verschwand prickelnd im Glas und machte Platz für den gelbgold glänzenden Gerstensaft. Peters blasses Gesicht und sein abgemagerter Körper wirkte im trüben Kneipenlicht zerbrechlich, mit der Basecap und dem schwarzen Hoodie bekleidet, ähnelte er einem Penner. Ich hoffte, dass er bald einen Platz finden würde, wo ihn die Polizei nicht fand. Sein Thekennachbar signalisierte mir mit erhobenem leerem Weinglas, dass er Nachschub haben wollte. „Mein Geld aus den letzten Banküberfällen ist auch bald alle und die Leute, die mir bisher Unterschlupf gewähren, werden aufgrund der neuesten Fahndungsaktivitäten nervös.“ Ich nahm die halbvolle Rotweinflasche aus dem Kühlschrank, füllte seinem Nebenmann das Glas und versuchte Peter aufzumuntern: „Solange du dein Bier bei mir bezahlen kannst, hast du hier eine sichere Bleibe“, weiter kam ich nicht, weil vom anderen Ende der Theke lautstark Bier bestellt wurde. Fast alle Plätze waren besetzt. Schwerer Zigarettenrauch hing in der Luft, meine Gäste lachten, brüllten sich an, führten entweder ernsthafte Gespräche oder quatschten dummes Zeug. Im Laufe des Abends stieg der Lärmpegel, um die Musik aus den Boxen, dem Kugelklackern der Billardspieler und die Unterhaltungen der jeweiligen Thekennachbarn zu übertönen. Die Bildschirme hinter der Theke und im Gastraum waren ausgeschaltet, da heute keine Bundesligaspiele übertragen wurden. „Dich hätten wir in die RAF nie aufgenommen“, schimpfte mir Peter wegen meines lockeren Spruchs hinterher. Ich kannte ihn aus Bunte Liste Zeiten in Eimsbüttel, bis er bei der RAF eingestiegen war. „In meiner Kneipe hast du nichts zu befürchten“, rief ich ihm über die Schulter zu und zeigte auf die Kneipengäste. „Schau dich um: Rocker, Anarchos, Kiffer und Migranten. Die haben kein Bock auf Bullen“. Peter schüttelte seinen Kopf: „Spitzel gibt es an jeder Ecke. Wenn sich Menschen einen Vorteil verschaffen wollen, verpfeifen sie ihre eigene Mutter“. Einige Leute an der Theke, die das gehört hatten, schüttelten ihre Köpfe und schimpften „Spinner“ – „Was ist das denn für ein Honk?“.

Ich hatte mich vor 30 Jahren bei meiner Suche nach einem Kneipenstandort in diesen heruntergekommenen Flachbau aus der Nachkriegszeit verliebt. Bis heute konnte der Vermieter das Grundstück mit dem hässlichen Gebäude obendrauf nicht gewinnbringend in die laufende Gentrifizierung des Stadtteils einbringen. Gut so. Die Fassade hatte ich vor Jahren mal gelb gestrichen. Leider zeigte die abblätternde Farbe an Fensterfront und den Außenwänden deutliche Auflösungserscheinungen. An manchen Stellen der Außenwand wurde der Nachkriegsrotklinker schon wieder sichtbar. Die braune Eingangstür des ‚SORGENBRECHERS‘ hing an verrosteten Scharnieren. Bisher waren alle Kneipengänger zuverlässig rein- und rausgekommen. Über der Tür hatte ich damals eine Neonleuchte mit dem Kneipennamen, einen roten Stern und dem Zusatz ‚Rockkneipe‘ angeschraubt. Mir war vor der Kneipeneröffnung schon klar, dass meine zukünftigen Stammgäste nicht nur kommen würden, um ihren Durst zu löschen. Und so war es dann auch: Im Laufe der Jahre vertrauten sie mir ihre Sorgen und Nöte an. Einigen konnte ich helfen, anderen war nicht zu helfen. Der Name ‚SORGENBRECHER‘ passte also.  

Das Mobiliar aus Bänken und Tischen, die selbst gemauerte Rundtheke mit Holzauflage auf abgewetztem Schiffsparkettboden, hatte ich nie modernisiert. Immerhin standen auf der Theke mehrere Kronleuchter mit brennenden Kerzen und versuchten den dunklen Kneipenraum etwas aufzuhellen. Um noch mehr Helligkeit in den Schankraum zu bringen, hatte ich alte Filmscheinwerfer angeschafft. Die beleuchteten auch meinen ganzen Stolz: Zwei wunderbare Billardtische. Wenn Liveauftritte stattfanden, räumte ich die Tische einfach beiseite und schon war die Bühne startklar. Die Zapfanlage hatte ein Bikerfreund in einem Harley-Davidson Motor eingefasst. Er wollte damit deutlich machen, dass hier die Biker Szene verkehrte. Die Kneipengäste störte die primitive Möblierung der Kneipe nicht. Über die unsauberen Toiletten verlor niemand ein Wort. Alle wussten, dass sie bei mir keine sterile Umgebung zu erwarten hatten und dass ich kurz vor meiner Rente keinen Bock mehr hatte, irgendetwas zu reparieren oder zu erneuern. Meine Freundin Maike behauptete, dass ich mit meinem runden Gesicht mit den grauen langen dünnen Haaren und Vollbart, Lederweste und ausgestellter Zimmermannshose sehr gut zum abgehalfterten Kneipeninventar passen würde. 

Die Tür wurde aufgerissen und ein großer Kerl in Bikerklamotten betrat die Kneipe. „Hallo Achim“, rief ich ihm zu, er nickte wortlos, schaute sich missmutig um, schnappte sich an der Theke einen leeren Barhocker und setzte sich. Ich zapfte für ihn einen halben Liter Holsten und stellte ihn vor seine Nase. „Na, wie laufen die Geschäfte?“, fragte ich, erwartete aber keine Antwort, weil ich wusste, dass Achim kein Mann großer Worte war, holte eine Stones Platte aus dem Regal und legte sie auf dem Plattenteller. Die Stones waren seine Lieblingsband.

Aus den Musikboxen hörten wir Keith Richards Gitarre mit seinen Minimalriffs und Mick Jaggers Stimme:

Under my thump

The girl who once had me down

Under my thumb

The girl who once pushed me around

Achim war einen Kopf größer als ich, Anfang sechzig, Glatze, grauer Vollbart, muskelbepackte tätowierte Arme, Lederjacke, darüber die Lederweste mit dem Namen seiner Bikergang. Er trank einen großen Schluck aus seinem Bierhumpen, wischte sich den Schaum aus dem Bart, zog eine Zigarettenschachtel aus der Lederjacke, steckte sich eine an und brummte: „Könnte alles besser laufen, wenn mir nicht ständig einer in die Suppe spucken würden“. Dann fragte er: „War Bastian schon hier? Ich bin mit ihm verabredet.“ Ich schüttelte den Kopf und nahm die Bestellungen von Achims Thekennachbar Osman auf. Einen Cuba Libre. Osman betrieb am Diebsteich einen Foodtruck mit karibischen Leckereien, war eins achtzig groß, tiefschwarze Haut, das Weiß in seinen Augen leuchtete unten den Kneipenlampen, schmale Schultern, Polohemd, kurze angegraute, gekräuselte Haare und Vollbart.

„Cheers!“, prostete er dem missmutig dreinschauenden Achim zu, schlang seinen Arm um Achims Schulter, lachte und schaute ihn freundlich an. „Was ist dir über die Leber gelaufen, mein Lieber?“, rief er ihm zu. „Dein Foodtruck Geschäft läuft. Niemand bedroht dich. Du bist immer gut drauf. So hätte ich es auch gerne“, rief Achim zurück und rieb seine Stirn. Osman klopfte Achim auf die Schulter: „Komm‘ mal runter. Nerven dich deine Frauen in den Laufhäusern oder bekommst du nicht genügend Stoff aus dem Hafen?“ Achim gab mir ein Zeichen für ein weiteres Bier und meinte: „Die Albaner wollen mir beim Stoffhandel an die Eier gehen. Ich glaube, ich muss denen mal wieder zeigen, wo der Hammer hängt“. Osman lachte laut: „Das schaffst du schon, mein Freund. Eine Frage: Kannst du von meinen Freunden noch einige für den Straßenhandel oder im Laufhaus gebrauchen? Die brauchen dringend Geld“. Ich stellte Achim den Halben hin und mischte mich in das Gespräch ein: „Ich weiß, dass du mit Flüchtlingen nichts am Hut hast, aber die brauchen Hilfe“. Achim verdrehte genervt seine Augen und wand sich: „Warum sind die alle hergekommen? Denken die, wir leben hier im Paradies? Ich verstehe nicht, was die hier wollen“. Ich stützte beide Arme vor Achim auf der Theke ab, tippte freundlich mit meinem Zeigefinger an seine Brust und schimpfte: „Hör auf mit diesem Scheiß‘ Gerede. Das haben wir schon zigmal durchgekaut. Die Freunde von Osman sind nun mal hier und brauchen Kohle. Basta. Hilfst du ihnen oder nicht?“ Achim richtete sich auf, blickte mich wütend an und zischte: „Weißt du eigentlich, mit wem du hier sprichst? Wenn einer von meinen Bikern in diesem Ton mit mir reden würden, gäbe es Tote“. Seinen rauen Umgangston kannte ich seit unserer Kiez Zeit und störte mich nicht daran. Er war schon immer ein Bollerkopf und ich sein Freund. Ich lachte: „Was ist jetzt?“ „O.K., Osman“, sagte Achim gereizt in Richtung seines Thekennachbarn, „bevor der Kerl da hinter der Theke mich aus seiner Kneipe rauswirft“, dabei legte er seine Pranke um Osmans Schulter und schaute zu mir rüber, „melde dich morgen Abend bei Andre‘ im Laufhaus. Wenn unter deinen Leuten hübsche Ladys dabei sind, können sie im Laufhaus anfangen. Deine Jungs will ich da nicht sehen. Andre‘ klärt mit dir, wie wir sie im Straßenhandel einsetzen können. Sollten die da einmal Mist bauen, bekommst du Ärger mit mir.“ Osman prostete Achim mit seinem Cuba Libre-Glas zu und nickte: „Das wollte ich hören Achim. So gefällst du mir“. Ich zündete einen Joint an, nahm einen Zug und gab‘ ihn Achim: „Geht doch!“ Der schaute wortlos an die Decke, griff entspannt nach dem Joint, sog den Rauch, pustete ihn mir ins Gesicht und richtete mit seinem Zeigefinger eine imaginäre Pistole in meine Richtung. Peter hatte das Gespräch mitbekommen und schimpfte lautstark: „Jetzt beutet der Rockerboss auch noch die Ärmsten der Armen aus. Wie viel bekommen die Migranten für den Verkauf von einem Tütchen Koks von dir? 10 € oder weniger? Was wirft das für sie pro Tag ab? 50 €. Wenn sie erwischt werden, drohen Knast und Abschiebung.“ Achim schaute mich schweigend an und schloss seine Augen. Alle hatten das Gezeter von Peter gehört. Die Gespräche verstummten, nur Sympathy for the Devil von den Rolling Stones war noch zu hören. Achim wollte gerade aufstehen, da stoppte ich ihn mit einem Kopfschütteln und sagte zu Peter: „Hör‘ mal mein Lieber! Misch dich nicht in Achims Geschäft ein. Kümmere dich lieber um deine Banküberfälle und pass auf, dass die Bullen dich nicht einkassieren. Ich will hier keinen Ärger haben.“ Peter bemerkte meinen warnenden Blick, drehte sich mit rotem Kopf zu seinem Nachbarn um. Osman fragte mich: „Hat der immer noch nicht begriffen, wie der Hase läuft? Meine Leute dürfen hier nicht legal arbeiten. Sie müssen aber irgendwie an Geld kommen. Die Familien in Übersee warten auf Geld aus Europa. Das Leben in Hamburg ist auch teuer. Da bleibt für sie nur die Grauzone. Anschaffen, Drogenhandel und Schwarzarbeit.“

„Peter ist genervt, dass die Bullen wieder hinter ihm her sind. Eigentlich braucht er eine komplett neue Identität, um in Ruhe schlafen zu können.“ „Das kann ich verstehen“, nickte Osman und legte seine Stirn nachdenklich in Falten. Achim unterbrach uns mit rotem Kopf und zusammengekniffenen Augen: „Wenn mich der Kerl nochmal von der Seite anmacht, dann haue ich ihm eine rein. Dann lasse ich mich auch von dir nicht zurückhalten, Alter.“ Peter schien nicht klar gewesen zu sein, dass Achim sich höchstens von mir beschimpfen ließ. Achim ließ sich von niemandem beschimpfen. Die Konsequenzen kannte ich aus der Vergangenheit zur Genüge. Um die schlechte Stimmung an der Theke loszuwerden, entschied ich: „Wir trinken jetzt alle einen Jägermeister und vergessen das Ganze. Geht aufs Haus“, stellte vier Gläser auf die Theke, goss den Schnaps ein, eins brachte ich Peter, schaute Achim, Osman und Peter an und rief: „Prost!“ Wortlos tranken wir.

Die Kneipentür wurde geöffnet und ein junger, schmächtiger Kerl mit langen dunklen Haaren und Pauli-Hoodie trat ein, schaute sich mit hängenden Schultern in der Kneipe um, entdeckte Achim, lächelte gequält, hustete und rieb sich die Augen. Der Tabakqualm schien ihn zu stören. „Hallo Papa!“, begrüßte er Achim. Achims Augen leuchteten, seine Anspannung war wie weggeblasen und Peter Anmache vergessen. „Na, mein Junge, lange nicht gesehen!“, und schloss ihn in seine Arme. „Was trinkst du?“, fragte ich. „Gib‘ mir ein Wasser“, und schaute sich mit schmalen Lippen in der Kneipe um. „Könnt ihr in diesem Gestank überhaupt atmen?“, fragte er und musterte die anderen Kneipengäste. Achim lachte: „Wasser? Junge, damit spült Klaus hier seine dreckigen Biergläser ab, sei vorsichtig.“ Ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen: „Mit oder ohne Britzel“? „Ohne!“ Bastian trank das Wasserglas sofort aus, trommelte mit seinen Fingern nervös auf der Theke herum, wirkte gehetzt, schaute sich suchend nach allen Seiten um, Schweißperlen rannen über seine Stirn. „Was ist los Junge?“, fragte Achim und sah seinen schwitzenden Sohn an, „Du stehst doch nicht unter Stoff?“ „Nein, ich bin hergekommen, weil die Polizei hinter mir und meiner Freundin her ist.“ „Du hast eine Freundin?“, lächelte Achim. „Sie wohnt seit einem halben Jahr bei mir, kommt aus Cuba und hat keinen Aufenthaltsstatus. Eigentlich hätte sie mit ihrem Touristenvisum längst ausreisen müssen“. „Und warum sind die Bullen hinter dir her? Du bist doch ein braver Kerl, wie deine Mutter das immer wollte“. „Wir sind heute Abend während einer Demo in eine Polizeirazzia hineingeraten“, berichtete Bastian und schluckte, „sie hatten Miranda und mich kontrolliert und wollten sie zur Wache mitnehmen. Da habe ich sie geschnappt und bin mit ihr in die Nebenstraßen geflüchtet. Leider hat die Polizei immer noch unsere Ausweise und weiß, wo ich wohne“. Achim grinste und fragte: „Und? Wie soll es jetzt weitergehen?“ Bastian sagte: „Keine Ahnung. Bei mir kann Miranda nicht bleiben. Die werden sie als Erstes bei mir suchen“. „Aus welchen Ort kommt Miranda?“, fragte Osman, der interessiert zugehört hatte. Bastian schaute zuerst Osman und dann Achim an. Als sein Vater ihm aufmunternd zunickte, antwortete er: „Sie ist nicht meine Braut, sie kommt aus Santiago, im Osten von Cuba“, antwortete Bastian knapp, „warum willst du das so genau wissen? Miranda und ich haben gerade andere Probleme. Deine Fragerei nervt“. „Weil ich auch aus Santiago komme“, sagte Osman freundlich.

Bastian taxierte ihn nachdenklich, stand auf und verließ wortlos die Kneipe. Nach fünf Minuten kam er mit einer dunkelhäutigen, Rasta lockigen jungen Frau in einem bunten Kleid und übergroßer blauer Steppjacke wieder rein. Sie schaute sich schüchtern um und versteckte sich hinter seinem Rücken. Achim und Osman schauten sie neugierig an. „Das ist Miranda!“, sagte er und lächelte sie an, „Und der Mann in der Lederweste ist mein Vater und neben ihm steht Osman.“

„Hola Miranda, ¿cómo estás? Soy Osman y vengo de la misma ciudad que tú. Pero he estado viviendo en Alemania durante quince años. ¿De qué barrio eres?“

Sie schaute zuerst Bastian an, der nickte ihr aufmunternd zu, und antwortete Osman: „He vivido cerca del hospital infantil.“ Osman rieb sich seinen Bart und fragte nach: „¿En qué calle?“ „En la Avenida 24 de Febrero“.

Die beiden unterhielten sich eine Weile auf Spanisch, Achim, Bastian und ich verstanden kein Wort, irgendwann lächelte Miranda zum ersten Mal. Osman bemerkte unsere interessierten Blicke und meinte: „Wir kommen beide aus dem gleichen Stadtteil von Santiago. Ich kenne ihre Großeltern.“ Achim musterte Miranda, bewunderte die junge Frau mit den großen braunen Augen und bestellte mit einem Nicken ein neues Bier und fragte Bastian: „Was möchte Miranda trinken?“

„Einen Saft“, sagte sie auf Deutsch. Achim war überrascht.

„Miranda hat auf Cuba Deutsch gelernt“, erklärte Bastian. Ich suchte unterdessen nach einer O-Saftflasche. Orangensaft verkaufte ich im ‚SORGENBRECHER ‘ ziemlich selten. Bastian berichtete, dass sie ihn vor einem halben Jahr an der U-Bahnstation Jungfernstieg gefragt hatte, wie sie zur Jugendherberge ‚Stintfang‘ kommen könnte. Er hatte sie dorthin begleitet und erfahren, dass nicht nach Cuba zurückkehren wollte. Einen Asylantrag konnte sie nicht stellen, da Cuba ein sicheres Herkunftsland sei.

„Seid ihr ein Paar?“, fragte Achim interessiert. „Nein!“, antwortete Miranda schnell, „Wir sind Freunde. Nur Freunde.“

„Mit dem Hierbleiben wird es schwierig“, sagte Osman, „ich weiß, wovon ich rede, weil ich mich täglich mit Flüchtlingsproblemen rumschlagen muss. Wenn Miranda von der Polizei erwischt wird, wird sie in einem Flieger nach Hause geschickt“. Sie warf Osman einen bösen Blick zu und sagte entschieden: „Nein, da gehe nicht mehr hin“. Osman sah sie an: „Und was sagen deine Eltern zu deinen Plänen?“ 

„Ich habe fünf Geschwister. Mein Vater ist tot. Meine Mutter kann uns nicht mehr versorgen. Auf Cuba gibt es keine Lebensmittel, kein Strom, kaum Arbeit. Alle sind arm. Ich habe mir von meinem Onkel Geld geliehen und bin hier, um für meine Familie Geld zu verdienen“. Osman trat vor der Theke von einem Bein auf das andere, seufzte und nahm sie in den Arm: „Für einen Job brauchst du einen Ausweis mit Aufenthaltsstatus und eine Wohnung“.

Gegen halb drei in der Nacht schloss ich die Kneipe ab und löschte das Licht. Nur Achim saß noch an der Theke und nippte an seinem Whiskey. „Das mit Miranda geht mir nicht aus dem Kopf“, sagte er nachdenklich, „mein Junge scheint an ihr zu hängen“. Ich sammelte schmutzige Biergläser und Aschenbecher ein, stellte sie in die Spüle, schaute Achim an, trocknete ein Bierglas ab und sagte: „Wenn es um deinen Sohn geht, dann interessieren dich plötzlich Flüchtlingsdramen?“ Achim schüttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen und winkte ab. „Hör‘ auf mit deinen linken Sprüchen. Heb die für Osman und Peter auf“. Mir war klar, dass Achim noch etwas auf den Nägeln brannte, sonst wäre er schon längst draußen auf seine Harley gestiegen und abgerauscht. „Vielleicht kann ich für Miranda etwas tun. Ich habe da so eine Idee. Wenn das funktionieren soll, muss mir jemand helfen“, dabei grinste er und nahm mich ins Visier. Ich griff nach meiner Zigarettenschachtel, holte eine raus, steckte sie an: „Der ‚eine‘ soll ich natürlich sein, oder?“ Dann berichtete er mir, dass es bei der Polizei einen Typen gäbe, der für das Zeugenschutzprogramm zuständig sei. Der wäre in der Lage, Miranda eine neue Identität mit echten Papieren zu beschaffen. „Warum sollte der Polizist das tun und was soll ich dabei machen?“ Ich erfuhr, dass Achim den Polizisten nicht persönlich kannte, aber erfahren hatte, dass er spielsüchtig sei und bei den Albanern hoch in der Kreide stünde. Bei Achims Vorstrafenregister und seinem Bekanntheitsgrad als Chef einer Rockergang, würde der Polizist mit ihm nicht reden wollen. „Ich weiß aus sicherer Quelle, dass er morgen Abend um zehn von den Albanern in die Esplanade zitiert worden ist, um seine Schulden zu bezahlen“. Ich sah Achim an, mir fiel die Kinnlade herunter, als ich begriff, was Achim vorhatte: „Soll ich seine Schulden etwa aus meinen Tageseinnahmen ausgleichen“? Achim winkte ab, richtete sich auf dem Barhocker auf und trank gemütlich seinen Whiskey aus: „Wenn er mit uns kooperiert, könnte er seine Schulden auf einen Schlag begleichen“. Ich erfuhr, dass der Polizist den Albanern 60.000 € schuldete. Achim hatte seine Handy-Nummer und wollte, dass ich zu dem Polizisten Kontakt aufnehmen sollte. Ich warf das Handtuch auf die Theke und grölte: „Immer ich!“

„Hansen, 10. Polizeirevier Zeugenschutz“, meldete er sich. Ich räusperte mich und hielt mein Handy fester ans Ohr: „Mein Name ist Klaus. Sie haben heute Abend um 22:00 h ein kleines Problem über 60.000 € zu lösen?“ Er schwieg einen Moment, ich dachte schon, dass er aufgelegt hätte, doch dann antwortete er: „Was wollen Sie?“  Bingo, hat funktioniert, dachte ich, wechselte das Handy an mein anderes Ohr und grinste: „Sie haben gleich Mittagspause. Ich stehe vor dem Revier. Sie werden mich schnell erkennen: Klein, dick mit grauem Bart und ausgedünnten langen Haaren. Ich habe einen Lösungsvorschlag für Ihr Geldproblem“. Er legte auf und ich dachte schon, dass er mich gleich ins Revier zerren und verhaften lassen würde, als ein schlaksiger junger Kerl aus dem Eingangsbereich trat, nervös auf mich zusteuerte und hastig sagte, „Lassen Sie uns dort drüben in den Park gehen“. Er lief mir voraus, überquerte eilig die Straße, sodass ich ihm gar nicht so schnell folgen konnte. Auf dem Schotterweg der kleinen Parkanlage drehte er sich hinter einer Holzbank plötzlich zu mir um. Er hatte kurzes blondes Haar, magere Gestalt, trug Blue Jeans und einen schwarzen Pulli. „Wer sind Sie und was wollen Sie?“ Ich lächelte, mein Hals war trocken, meine Augenlider zuckten und mir war klar, dass ich auf der Stelle dafür sorgen musste, dass er sich entspannte. Andernfalls wäre das Gespräch wohl beendet, bevor es anfing: „Immer mit der Ruhe Herr Hansen. Ich bin ein einfacher Kneipenwirt aus Ottensen. Sie kennen bestimmt meine Kneipe ‚SORGENBRECHER‘?“ Er schaute mich ungläubig an, als ob er gerade verarscht worden wäre. Vermutlich passte der Kneipenname gerade zu seinem Problem. „Wenn nicht“, setzte ich das Gespräch fort, „können Sie mich und die Kneipe im Netz recherchieren. Unter meinen Gästen gibt es einen Vater, der für seine zukünftige Schwiegertochter eine neue Identität braucht. Wenn Sie dem besorgten Vater helfen, bekommen Sie für Ihre Hilfe noch heute 60.000 € in bar. Diese Summe brauchen Sie doch heute Abend, oder? Weitere 50.000 € würde Ihnen der Vater nach Übergabe der Dokumente aushändigen“.  Er schaute sich um, kratzte sich an der Stirn, atmete tief durch und fragte: „Ist das eine Falle? Werden wir gefilmt? Woher wissen Sie davon?“ Ich schüttelte den Kopf und lächelte die Fragen weg: „Ich schlage Ihnen ein seriöses Geschäft vor. Ich stelle Ihnen keine Falle. Es geht ausschließlich darum, mit Ihrer freundlichen Hilfe das besagte Schwiegertochter-Problem lösen zu helfen.“ Er lief aufgeregt hinter der Parkbank auf und ab, schaute mich immer wieder an, Schweißperlen liefen ihm an seiner Schläfe herunter, ich merkte, wie er nachdachte, sah, wie er sein Hirn marterte, die Risiken abklopfte. Dann fragte er mir ein Loch in den Bauch: Woher ich das mit seinen Schulden wusste? Woher das Geld von mir kommen würde? Was ich genau von ihm haben wollte? Und immer wieder die gleiche Frage: Ob ich ihm eine Falle stellen würde? Ich wartete, dass er sich beruhigte und sagte, dann: „Wenn Sie wollen, können Sie heute Abend Ihre Schulden auf einen Schlag loswerden. Zusätzlich sind Sie die lästigen Albaner los. Niemand wird von unserer Transaktion etwas erfahren. Immerhin gehen ich und mein Gast auch ein Risiko ein. Sie könnten mich zum Beispiel auf der Stelle wegen Bestechung verhaften lassen. Kommen Sie schon Herr Hansen, geben Sie sich einen Ruck!“, dabei streckte ich meine Hand aus. Er zögerte, betrachtete mich von oben bis unten und sagte: „Sie verstehen sicherlich, dass ich darüber nachdenken muss.“ Ich bestätigte sein Zögern mit einer kleinen Verbeugung: „Wenn wir ins Geschäft kommen wollen, müssen Sie die 60.000 € heute Abend bei mir abholen. Ich mache die Kneipe um 19:00 h auf und bin um 18:00 h da. Wenn Sie kommen, haben wir einen Deal“. Nach langem Zögern entdeckte er meine ausgestreckte Hand und schlug ein. Seine Hand war heiß und schweißnass. Wir hatten einen Deal.

Achim rief mich nachts an. „Er war da und hat das Geld genommen“, sagte ich, „wir haben uns in der nächsten Woche verabredet, um die Sache mit den Dokumenten für Miranda auf den Weg zu bringen. Er meinte, dass es nicht so einfach sei, weil er einige Daten für das Einwohnermeldeamt vorbereiten müsse. Ich brauche von Miranda alle Daten, damit er ein glaubwürdiges neues Personenprofil bauen kann. Miranda wird ihren Namen ändern müssen. Sie soll sich einen neuen Namen ausdenken“. Achim schnalzte mit der Zunge: „Läuft doch. Ich kümmere mich um die Daten. Die 50.000 gebe ich dir nächste Woche, wenn der Bulle seinen Jobs erledigt hat. Ich werde mit Bastian eine Wohnung für sie suchen müssen. Bei ihm kann sie auf keinen Fall bleiben.“ Ich zögerte, aber fragte dann doch: „Können wir das gleiche Verfahren mit Peter machen?“ Achim legte auf.

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

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