von Angelo Wehrli
1.
„Der neue Assistenzarzt von der Onkologie 2 sieht gut aus. Der gefällt mir!“ schwelgte Lilly und schaute vorsichtig zum Nachbartisch hinüber. Jasmin pickte halbherzig in ihrem Salatteller herum und stöhnte: „So wie der aussieht, hat der bestimmt eine Frau an jedem Finger. Solche Typen kannst du in der Pfeife rauchen. Die wollen nur ihren Spaß haben und wenn es ernst wird, sind sie verschwunden“.
„Ach du“, antwortete Lilly gespielt eingeschnappt, „was du immer hast. Ich wünsche mir einen gutaussehenden, starken Mann, der viel Geld nach Hause bringt und Zoe und mich auf Händen trägt.“ Jasmin schob ihren Salatteller genervt beiseite und dachte, Lilly wird immer eine gottverdammte Träumerin bleiben. Wenn sie nicht aufpasst, hängt ihr ein anderer Kerl noch ein zweites Kind an. Sie hatte mit Männern schon so viel Pech gehabt und lernt nichts dazu.
Jasmin und Lilly verbrachten ihre Mittagspause in der Cafeteria des Altonaer Krankenhauses. Am Nebentisch saßen einige junge Ärztinnen und Ärzte beim Kaffee, einer davon war der Angebetete von Lilly. Die Ärzte unterhielten sich leise, hin und wieder wurde gelacht. Das Café hatte einen ovalen Zuschnitt, verglaste Außenfenster, es war nur zur Hälfte mit Besuchern und Krankenhauspatienten besetzt. Zwei Bedienungen eilten mit Getränken und kleinen Speisen zwischen den Gästen und dem Bestelltresen hin und her.
Lilly versuchte einen Blickkontakt zu ihrem angehimmelten Arzt herzustellen. Der war gerade im Gespräch mit seinen Kolleginnen und Kollegen vertieft und nahm sie gar nicht wahr. Sie war zierlich mit weichen Gesichtszügen, leicht gebräunte Haut, mandelförmige Augen, rote Lippen, ihr halblanges schwarze Haar hatte sie zu einem kleinen Zopf geflochten. Ihre weiblichen Vorzüge waren unter ihrem blauen Kasack verborgen. Lilly war enttäuscht, dass ihr angebeteter Arzt sie nicht wahrnahm, seufzte und dachte: „Vielleicht hat er sowieso kein Interesse an mir“. Ihre Freundin Jasmin war das glatte Gegenteil von Lilly: Groß, kräftig gebaut, harte Gesichtszüge, blonde Kurzhaarfrisur. „Lilly, was ist dir von deinem letzten Traummann geblieben?“ fragte Jasmin und trommelte ärgerlich mit ihrem Salatlöffel auf die Tischplatte. „Zoe!“ „Ja, Zoe. Und zahlt der Kerl wenigstens?“ fragte sie nach und gab selbst die Antwort, „Er hat sich mit einer anderen vom Acker gemacht. Nicht mal die Vaterschaft hat er anerkannt. Super!“ Lilly errötete, sah Jasmin an und erwiderte,“ Es muss ja nicht jeder Mann so verantwortungslos verhalten, wie Ben es getan hat. Es gibt Männer, die sich unsterblich in eine Frau verlieben, ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen und ewig treu bleiben.“ Jasmin schüttelte langsam ihren Kopf, holte tief Luft, um nicht zu explodieren.
„Schau mal, Jasmin, er sieht mich an“, säuselte Lilly und lächelte ihren Prinzen an und schloss ihre Augen. Ihr wurde innerlich heiß. Als sie ihre Augen wieder öffnete und erneut zum Nachbartisch blickte, bemerkte sie, wie ihr Angebeteter einen Kollegen anstupste und beide zu ihr hinüberschauten. Sie schienen über Lilly zu reden, lächelten und nickten ihr freundlich zu.
„Siehst du, er hat mich wahrgenommen!“
„Ja, weil du ständig rüber geglotzt hast. Das hat sogar Osman, unser Lieblingskellner, bemerkt. Der verehrt dich abgöttisch und liest dir jeden Wunsch von den Augen ab. Das wäre der Richtige für dich “. Lilly klapperte genervt mit ihrem Stationsschlüssel, tippte mit ihrem Zeigefinger an die Stirn und sagte, „Du hast ja keine Ahnung von Männern. Osman ist ein netter Kerl, aber kein Mann für mich. Wann warst du zuletzt mit jemanden zusammen? Vor einem Jahr?“ Jasmins wurde puterrot, stand verärgert auf und verließ wortlos das Café. Lilly hatte ihren wunden Punkt getroffen. Auch wenn ihre Freundin mit ihren Sichtweisen häufig richtig lag, wollte Lilly gerade jetzt nicht an ihre verkorksten vergangenen Beziehungen erinnert werden. Ihre Freundin musste sich um ihre kranke Mutter kümmern, da war für Partys, Ausgehen und Männer kennenlernen kein Platz. Ihre herablassende Bemerkung tat ihr leid. Sie würde später auf Jasmins Station vorbeischauen und sich bei ihr entschuldigen. Lilly schaute auf ihre Uhr, erhob sich vom Tisch und wollte gerade das Café verlassen, als ihr angehimmelter Prinz plötzlich neben ihr stand. „Hallo, ich bin Sören und arbeite auf der Onkologie 2. Auf welcher Station bist du?“ Seine Stimme klang weich und warm. Er war groß, hatte ein weiches Gesicht, breite Schultern, blaue Augen, einen Samtmund und millimeterkurze blonde Haare. In der weißen Arztkleidung mit dem Stethoskop um den Hals strahlte er Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit aus. Lilly bekam eine Gänsehaut. Sie konnte gar nicht glauben, dass er sie gerade ansprach. Sie traute sich gar nicht, ihn anzuschauen. In ihrem Bauch kribbelte es. „Äh, hallo,“ konnte sie nur mit trockenen Hals sagen und wurde dabei puterrot. Sören schaute Lilly tief in die Augen, während seine Kollegen grinsend an den beiden vorbeigingen. Die Welt stand für Lilly einen Augenblick still. Es fühlte sich an, als ob Lilly mit Sören auf einer Wolke schwebte, bis Osman, der Kellner, mit schmutzigem, klapperndem Geschirr auf seinem Tablett an den beiden vorbeistapfte und Sören böse Blicke zuwarf. „Willst du mir nicht verraten, auf welcher Station du arbeitest“, fragte Sören erneut. Lilly wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, beherrschte sich aber und antwortete, „Nein, äh, ja. Also ich bin von der Intensiv 3“. Er runzelte seine Stirn: „Und dein Name?“ Ihre Kniee fühlten sich wie Zuckerwatte an. „Lilly!“ hörte sie sich sagen. „Lilly!“ wiederholte er leise. „Ja. Lilly“, und um nicht vor ihm niederzusinken, riss sie sich zusammen und fragte im sachlichen Ton: „Du bist noch nicht so lange hier, oder?“ „Nein, erst seit einer Woche. Ich habe bisher in Zürich studiert. Die Onkologie ist meine erste Assistentenstelle.“ Warum kommt er denn aus der Schweiz nach Hamburg, fragte sich Lilly. „Mein Vater ist vor kurzem gestorben. Ich habe diese Stelle angenommen, damit ich mich um meine Mutter kümmern kann. Es geht ihr seither nicht gut“, beantwortete er Lillys nicht gestellte Frage und schaute sie dabei traurig an. „Das mit deinem Vater tut mir leid“, sagte Lilly und bewunderte seine Entscheidung. Es war ihr unangenehm, jetzt gerade auf Wolke sieben zu schweben, während Sören, um seinen Vater zu trauern schien. Ihre innere Hitze und ihre Gesichtsröte passten gerade nicht. Sie schluckte und sagte: „Ich hoffe, dass du trotz deiner Trauer eine gute Einarbeitungszeit haben wirst. Dein Chef, Prof. Dr. Neunbauer, ist ein sehr netter und sehr kompetenter Arzt. Ich durfte bei seinen OPs mehrere Male assistieren“. Sören nickte. Beide gingen über den Flur zu den Liften, die Fahrstuhltür eines Liftes öffnete sich, Menschenmassen drängten heraus, Sören und Lilly stiegen ein, standen sich zwischen den mitfahrenden Menschen im Fahrstuhl gegenüber. Irgendjemand drückte auf den Etagenschalter. „Ich glaube, du musst jetzt mal raus,“ sagte Lilly, als sie im zweiten Stock angelangt waren. Sie hatten sich die ganze Zeit tief in die Augen gesehen. Lilly zeigte auf die Fahrstuhltür. Erschrocken blickte er zur Tür, drängelte sich durch die Liftpassanten und rief Lilly im Rausgehen zu,“ Bis zum nächsten Mal“. Obwohl Sören den Lift längst verlassen hatte, winkte ihm Lilly mit halberhobener Hand hinterher. Was für ein Mann, dachte sie, er hat mich angesprochen. Er hat so schöne Augen. In der nächsten Etage stieg sie aus, grüßte auf dem Weg zum Stationszimmer eine Kollegin, schlang ihre Arme um ihren Oberkörper, in ihrem Bauch warm es wohlig warm und sie glaubte, einen Moment zu schweben. Im Stationszimmer schaute sie auf ihren Arbeitsplan, bereitete die Verabreichung von Medikamenten ihrer kranken Patientinnen vor und machte sich auf den Weg durch die einzelnen Krankenzimmer.
2.
Lilly lag abends neben Zoe in ihrem Kinderbett und las ihrer Tochter eine Gutenachtgeschichte vor
Eines Tages, während die Prinzessin mit einem kleinen Kaninchen spielte, hörte sie ein sanftes Rufen. Neugierig folgte sie der Stimme und fand einen mutigen Prinzen namens Elias, der auf einem strahlend weißen Pferd ritt. Elias war auf der Suche nach Abenteuern und hatte von der Schönheit des Schlosses gehört. Als er die Prinzessin sah, war er sofort von ihrem Lächeln verzaubert. „Hallo Prinzessin! Darf ich mit dir spielen?“ fragte Elias freundlich. Die Prinzessin nickte begeistert und die beiden begannen, im Garten zu tollen. Sie spielten Verstecken zwischen den Blumen und erzählten sich Geschichten von fernen Ländern und mutigen Taten.
„Ich möchte auch eine Prinzessin sein“, sagte Zoe und rieb sich ihre müden Augen. „Ja, das wäre schön,“ erwiderte Lilly, drückte sie an die Brust und gab Zoe einen Kuss auf die Stirn. „Was meinst du, Mama, wird der Prinz bei der Prinzessin bleiben?“ Lilly seufzte, „Ja, wenn sich beide liebhaben, kann das passieren“. „Und wenn nicht?“ fragte Zoe vorsichtig und strich über ihr pinkes Kopfkissen. „Sie hatten doch viel Spaß gehabt. Ich glaube schon, dass sie zusammenbleiben“. Zoe drückte Lilly und schloss die Augen. „Ich mach‘ jetzt das Licht aus, meine Kleine“, Lilly erhob sich vorsichtig aus dem Bett, legte das Märchenbuch auf Zoes Spieltisch und ergänzte, „ich lasse die Zimmertür auf“. „Ja“, flüsterte Zoe, „wann kommt denn der Prinz bei uns vorbei?“ Lilly strich ihr übers blonde struppige Haar und lächelte, „Irgendwann kommt er!“ Zoe nickte zufrieden: „Gute Nacht Mama!“
3.
Lilly war auf dem Rundgang durch die Krankenzimmer ihrer Station und dokumentierte in Zimmer 310 Achim Schulz´ Vitalfunktionen, als Jasmin ins Zimmer stürzte und sie mit einer Kopfbewegung bat, mit ihr auf den Flur zu kommen. „Tut mir leid, Achim, ich komme gleich zurück, meine Kollegin will mich dringend sprechen“. Achim wollte, dass sie ihn mit seinem Vornamen ansprach. Er musste vor zwei Tagen aufgrund einer Schussverletzung operiert werden und lag mit einem Bauchverband mit nacktem, komplett tätowiertem Oberkörper im Krankenbett. Auf dem Flur und im Krankenzimmer hielten sich seitdem Biker auf und schienen Achim zu bewachen. Von der Polizei hatte er auch schon Besuch gehabt. Achim und seine Biker mochten Lilly, flachsten mit ihr, folgten ihren Anweisungen, wenn sie Achim versorgen musste, benahmen sich wie anständige Kerle. „Ist schon in Ordnung Lilly. Ich kann auf dich warten“, dabei zwinkert er ihr freundlich zu. Sie machte noch eine kurze Notiz auf ihrem Klemmbrett, zwängte sich an einem an der Tür stehenden lächelnden Biker vorbei und folgte Jasmin vor die Tür.
„Dein Sören hatte einen schweren Unfall. Er hat ein Schleudertrauma und ein gebrochenes Bein. Er ist gerade in die Notaufnahme eingeliefert worden“. „Nein, das kann nicht sein. Bist du sicher?“ entfuhr es Lilly, ließ das Klemmbrett zu Boden fallen und schlug ihre Hand erschrocken an ihren Mund. Jasmin hob das Klemmbrett auf und nahm Lilly in den Arm. „Ich war zufällig in der zentralen Aufnahme, als der Rettungswagen mit ihm ankommen ist und habe die Übergabeinformationen des Unfallarztes an den aufnehmenden Klinikarzt mitbekommen“. Lilly standen Tränen in den Augen: „Das ist ja furchtbar. Ich werde nach meiner Visite kurz nach ihm sehen“. Jasmin nickte, deutete auf die Biker auf dem Stationsflur und sagte: „Ich hätte die schon längst vom Sicherheitsdienst vor die Tür setzen lassen. Die machen mir Angst“.
4.
Lilly zog den Vorhang der Aufnahmezelle beiseite und schaute auf das Krankenbett, in dem Sören lag. Sein Bein war provisorisch geschient, sein Hals steckte in einer Kopfstütze, Hautabschürfungen und Hämatome überzogen seine Arme, Brust und Kopf. An seiner Hand waren Kanülen für die Zufuhr von Schmerzmitteln angebracht. Lilly setze sich vorsichtig an sein Bett. Er schlief, hatte einen leichten Schweißfilm auf der Stirn und atmete stockend. Ein junger Arzt betrat die Aufnahmezelle und schaute Lilly fragend an. „Sören arbeitet auf der Onkologie 2. Wir sind Kollegen. Als ich hörte, was passiert ist, wollte ich sehen, wie es ihm geht“, erklärte Lilly ihre Anwesenheit.
„Es geht ihm ziemlich schlecht, das siehst du ja selbst. Wir haben ihn erstmal so verarztet, wie du ihn gerade siehst und Schmerzmittel verabreicht“, erklärte er. Sie kannte ihn vom Sehen. „Ich werde mich neben der Arbeit um ihn kümmern“, hörte sich Lilly sagen, „sind die Angehörigen schon informiert?“ Der Arzt schaute sie an, „Ja, ich glaube schon. Das haben die Kollegen von der Polizei übernommen. Ich denke, dass bald jemand kommen wird“. Der Vorhang der Zelle wurde beiseitegeschoben. Eine ältere Frau in Abendgarderobe stürzte ans Bett: „Sören, mein Sören, was machst du für Sachen?“ fragte sie mit Tränen in den Augen und stellte sich vor das Krankenbett. „Sind Sie die Mutter von Herrn Dr. Beckmann?“, fragte der Arzt. „Ja, ich bin Friederike Beckmann, seine Mutter. Die Nachricht von seinem Unfall habe ich während der Pause in der Staatsoper erhalten und bin mit dem Taxi sofort hierhergefahren. Was ist mit meinem Jungen?“ Der Arzt schaute sie an und erklärte ihr die Unfallverletzungen ihres Sohnes. Sie nickte wortlos und antwortete, „Unsere Familie gehört zu den Privatpatienten von Prof. Christian Schröder. Ich habe ihn aus dem Taxi angerufen. Er ist auf dem Weg hierher“, ihr Blick streifte durch die nüchterne Aufnahmezelle, dem abgenutzten Krankenbett, die sterile Plastikbettwäsche und den grünen Plastikvorhang. „Mein Junge muss hier sofort raus. Man kann diesen Raum kaum ertragen. Düster, voller Geräte. Furchtbar. Hier kann er nicht gesund werden“, bemerkte sie, setzte sich erschöpft ans Bett und strich ihrem Sohn über die feuchte Stirn. „Ich habe Ihrem Sohn Schmerzmittel gegeben. Er wird aber gleich aufwachen“, sagte der Arzt und schaute Lilly genervt an. „Ich muss mich leider verabschieden, ich sehe gerade, dass ein weiterer Rettungswagen eingetroffen ist. „Ja, ja, ja, machen Sie Ihre Arbeit“, sie hatte nur Augen für ihren Sohn. Lilly kam sich überflüssig vor, wollte aber noch nicht auf ihre Station zurückkehren. Frau Beckmann schloss ihre Augen, ihre Hände zitterten, sie öffnete ihre Amani Handtasche, zog einen Tablettenstreifen heraus, bemerkte erst jetzt, dass Lilly neben ihr stand. „Wenigstens haben Sie meinen Sohn nicht allein gelassen, Schwester. Die Ärzte von heute können Sie vergessen. Gott sei Dank ist unser Freund Prof. Schröder bald hier und wird sich um meinen Sören kümmern“. Lilly nickte und reichte Frau Beckmann ein Glas Wasser zur Tabletteneinnahme. „Sören ist so ein vorsichtiger Mensch“, sagte sie mehr zu sich, „ein Autofahrer hat ihn an einer Ampel auf der Max-Brauer-Allee überfahren. Ist einfach bei Rot rüber und hat meinen Sören umgefahren“. Lilly liefen Tränen übers ihr Gesicht. Frau Beckmann schaute sie an, „Sie weinen ja, Schwester. Kennen Sie Sören?“ Lilly wischte ihre Tränen mit einem Taschentuch ab: „Wir sind Kollegen“. „Kollegen?“, wiederholte sie. „Ja, nur Kollegen“. In diesem Moment betrat Prof. Schröder in Jeans und dunklem Polohemd die Aufnahmezelle. „Hallo meine Liebe“, begrüßte er Frau Beckmann, „Sören? Wie furchtbar. Ich habe schon kurz mit dem aufnehmenden Arzt gesprochen. Es wird alles wieder gut mit deinem Sören. Ich werde ihn nochmal untersuchen und dann lassen wir ihn in meine Privatstation bringen, da ist es…“, er schaute sich um, nahm Lilly kurz wahr,“ da wird Sören eine bessere Umgebung und Versorgung für seine Gesundung haben“. Und dann, “Schwester, überführen Sie den jungen Herrn Dr. Brinkmann in meine Privatklinik im 4. Stock. Sie kennen sich mit allem aus“. An Sörens Mutter gewandt sagte er, “Wir gehen schon mal vor und schauen uns in meiner Klinik ein schönes Zimmer für Sören an“.
5.
Lilly erledigte mit dem Arzt der Notaufnahme alle Formalien, informierte ihre Station über ihre Abwesenheit und schob Sörens Krankenbett zum Aufzug, drückte die 4. Etage, der Aufzug kam, die Tür öffnete sich und während sie das Bett über die Aufzugstürschwelle schob, öffnete er seine Augen. Sie lächelte und sagte: „So sieht man sich wieder!“ Sören stöhnte, schaute aus den Augenwinkeln auf seine Verletzungen und versuchte zu lächeln, was ihm aber misslang. „Du hattest einen Unfall“, sagte sie und strich mit ihrem Finger vorsichtig über seinen Arm. „Ich habe nur den Aufprall gemerkt und war dann weg,“ stotterte er leise. „Du hast ein gebrochenes Bein,“ sie zeigte auf die bandagierte Schiene, „Hautabschürfungen und ein Schleudertrauma. Ich bringe dich in den vierten Stock in Prof. Schröders Privatklinik. Deine Mutter ist auch schon da und erwartet dich mit dem Herrn Prof.“ Sören wollte etwas sagen. Lilly drückte ihren Zeigefinger sanft auf seinen Mund: „Psst. Du musst jetzt nicht sprechen“. Sören ließ sie auf der Fahrt in den vierten Stock nicht aus den Augen. Lilly griff nach seiner freien Hand und lächelte. Sie hatte wieder das warme Kribbeln im Bauch und schämte sich dafür. Sören war verletzt, mit Medikamenten vollgestopft und sie hatte in seiner Nähe Glücksgefühle. Was war das zwischen ihnen, fragte sie sich? Sie hatten bisher nur wenige Worte gewechselt. Sie kannte Sören gar nicht und trotzdem fühlte sie sich ihm nah. Im vierten Stock schob sie ihn in Prof. Schröders Privatklinik. Sörens Mutter, die Stationsschwester und der Prof. erwarteten Lilly bereits. „Bitte bringen sie den jungen Herrn Dr. Beckmann in Zimmer 403“, wies die Stationsschwester Lilly an. Seine Mutter begleitete Lilly in das Krankenzimmer. „Werd‘ schnell wieder gesund, Junge“, sagte sie besorgt und tätschelte Sörens Schulter. Der lächelte schwach, versuchte etwas zu sagen, was aber niemand verstand. „Vielen Dank für Ihre Hilfe“, sagte sie zu Lilly „wie war nochmal Ihr Name?“ „Lilly!“
6.
„Ich war heute Morgen bei ihm. Die Schmerzmittel wurden reduziert. Er sieht schon etwas besser aus und freut sich jedes Mal, wenn ich bei ihm bin“, berichtete Lilly ihrer Freundin Jasmin während der Mittagspause im Café. „Bilde dir bloß nichts darauf ein. Wenn er wieder fit ist, geht alles wieder seinen normalen Gang und du bist für ihn nicht mehr als die kleine hilfsbereite Krankenschwester“, versuchte Jasmin Lillys Euphorie zu dämpfen. Lilly schwärmte, „Es ist so schön bei ihm zu sein“. Jasmin betrachtete Lilly mit kritischem Blick, „Und worüber redet ihr so?“ Der Kellner Osman kam an den Tisch und unterbrach ihr Gespräch. „Na Lilly, wie geht es Zoe, du hast sie seit längerer Zeit nicht mehr vorbeigebracht?“ Wenn Zoe aus der Kita auf Lillys Dienstschluss warten musste, ging sie meistens zu Osman ins Café und er kümmerte sich um Zoe, bis Lilly sie abholte. „Eine Nachbarin nimmt Zoe seit einer Woche mit. Sie wohnt bei mir in der Nähe“, antwortete Lilly knapp und wandte sich wieder Jasmin zu. „OK, oK.“, sagte er irritiert, hob beschwichtigend seine freie Hand und ging zum Tresen zurück. Jasmin schüttelt ihren Kopf: „Wie gehst du bloß mit Osman um? Lässt ihn einfach abblitzen, obwohl er sich immer rührend um Zoe gekümmert hat“. Lilly zuckte mit ihren Schultern und redete nur noch von Sören.
7.
„Wann kommt denn unser Prinz vorbei?“, fragte Zoe beim Abendessen mit vollem Mund. Lillys Augen leuchteten bei dieser Frage auf: „Er hat sich noch nicht gemeldet.“ Zoe verzog ihr Gesicht, als ob sie Bauchweh hätte, und verkrümelte ärgerlich ihr Käsebrot. „Manno!“ schimpfte sie leise.
8.
„Jedes Mal, wenn du hier bist, geht es mir schon ein bisschen besser“, sagte Sören und versuchte sich in seinem Bett aufzurichten. Lilly lachte, „Du siehst auch schon viel besser aus. Das Schleudertrauma war vermutlich nicht so stark“, sie schaute auf sein geschientes Bein, „in einer Woche kannst du schon auf Krücken laufen“. Beide lächelten sich wortlos an. Er öffnete seine Hände und fragte, „Würdest du dich auch um andere verletzte Ärzte so hingebungsvoll kümmern?“ Lilly schaute auf den Boden, als suchte sie da nach einer Antwort. Ihr wurde heiß. „Wenn der Arzt nett ist und es verdient hat, dann mache ich das gerne“, antwortete sie und strich nervös über das Kopfkissen von Sören. „Setz‘ dich mal zu mir“, sagte er. Sie schaute auf ihre Uhr: „Oh, ich muss jetzt los. Ich habe meine Patienten schon viel zu lange allein gelassen. Achims Biker werden mich bestimmt schon suchen“. Fragend schaute er sie an: „Achims Biker?“ Sie stupste ihn mit ihrem Zeigefinger an die Nase: „Nicht so neugierig Dr. Beckmann“, und ging lächelnd zur Tür: „Bis bald!“
9.
Am nächsten Tag öffnete Lilly in freudiger Erwartung die Tür von Sörens Krankenzimmer. Sie hatte sich vorgenommen, heute Sörens Annäherungsversuche nicht abzublocken. Sörens Augen leuchteten, als sie ins Zimmer eintrat. Am Bett saß ein junger Kerl in Sörens Alter. Zierlich, Latinotyp, Rastalocken, schwarze Jeans, weißes Shirt, Goldkettchen am Hals und hielt Sörens Hand. „Hallo Lilly“, freute sich Sören, „das ist mein Freund Schamal. Wir kennen uns seit der Schule“. Schamal erhob sich von der Bettkante, begrüßte sie, ergriff ihre Hand mit beiden Händen, schaute ihr in die Augen und ließ sie erst los, als Lilly ihre Hand wegzog. „Du bist also die Frau, von der Sören die ganze Zeit schwärmt?“ Lilly rührte sich nicht von der Stelle. Während ihrer täglichen Besuche war ihr bisher nur Sörens Mutter begegnet. Von einem Freund hatte Sören bisher nichts erzählt. “Hey Lilly, das ist mein Freund, nicht mein Geliebter. Sein Gerede musst du nicht ernst nehmen“, versuchte Sören Missverständnissen entgegenzuwirken. Schamal lachte, „Jetzt bin ich aber enttäuscht, Sören. Ich habe so lange um deine Liebe gekämpft und jetzt gibst du mir einen Korb“. Sören stöhnte und zeigte Schamal einen Vogel: „Schamal hatte schon immer ein Rad ab, Lilly. Er liebt die Provokation“. Sören waren Lillys ärgerlichen Blicke nicht entgangen. Ihre Gefühle für Sören gingen nur Sören und sie etwas an, dachte sie, dieser Schmal sollte sich da raushalten. „Ich glaube, ich komme ein anderes Mal wieder“, sagte sie, drehte sich um und verließ das Zimmer.
10.
„Sören, die ist total in dich verknallt“, war das Erste, was Schamal von sich gab, als Lilly das Zimmer verlassen hatte. „Wie kannst du sie so vor den Kopf stoßen? Sie ist eine so liebe Frau. Jetzt denkt sie bestimmt, dass ich dein blödes Gequatsche auch noch gut fand“, schimpfte Sören wütend. Schamal kniff seine Augen zusammen, schaute an die Zimmerdecke, holte tief Luft und sagte: „Meine Sprüche waren nicht gut. Sehe ich ein.“ Schamal setzte sich neben Sören ans Bett und schwieg. „Ich mag Lilly. Sie ist genau mein Typ, hat Humor, ein großes Herz, mit ihr kann ich über alles reden und gut aussehen tut sie auch noch. Das hilft mir beim Gesundwerden“, begann Sören, „für mich ist es undenkbar, sie nicht mehr zu sehen“. Schamal drückte Sörens Schulter: „Du bist in Lilly verliebt. Als sie ins Zimmer kam, knisterte es bei euch beiden förmlich“. „Es knisterte?“, fragte Sören ungläubig. „Aber sowas von“, grinste Schamal. „Sie hat sich nach meinem Unfall rührend um mich gekümmert, obwohl wir uns eigentlich gar nicht kannten.“ Schamal stimmte Sören zu: „Ich würde bei Lilly am Ball bleiben. So eine Frau läuft dir so schnell nicht mehr über den Weg. Sie hat sofort gemerkt, dass ich schwul bin und war nur sauer, dass ich sie in deiner Gegenwart veräppeln habe. Ich würde sonst was dafür geben, wenn mich einer so anhimmeln würde, wie Lilly es bei dir tut“.
11.
„Sag mal Mama“, begann Sören, als er seine Sachen nach einigen Tagen im Krankenzimmer zusammenpackte,“ wie findest du eigentlich Lilly? Du bist ihr einige Male begegnet.“ Sie schaute ihren Sohn überrascht an. „Lilly scheint in dich verliebt zu sein. Hast du das gar nicht bemerkt?“ Sören zog nachdenklich den Reißverschluss seiner Tasche zu, nickte und sagte leise: „Ich auch in sie“.
12.
Lillys Mobiltelefon summte am Sonntagnachmittag. Zoe spielte mit ihren Puppen in ihrem Kinderzimmer, sie lag auf dem Sofa und hörte Musik. Sörens Name leuchtet auf ihrem Display: „Hallo Sören. Ich habe mitbekommen, dass sie dich entlassen haben. Wie geht es dir?“ Er räusperte sich am anderen Ende der Leitung und sagte: “Hi Lilly! Mir geht es gut. Ich wollte mich für dein Kümmern bedanken“. In ihrem Bauch kribbelte es schon wieder. „Bist du noch dran?“, fragte er. Sie nickte zuerst und antwortete dann: „Ja klar. Ich bin noch da“. Sören fragte, „Hast du Lust auf ein Date mit mir?“ Ihr Herz klopfte. Stille auf beiden Seiten. Nach einer Weile sagte er, „Komm‘ doch zu mir nach Elmshorn. Wegen meiner bekannten Handicaps kann ich dich leider nicht abholen. Ich schicke dir ein Taxi“. Lilly schüttelte ihren Kopf: „Ich würde sehr gerne kommen, aber ich kann Zoe nicht allein lassen“. Sören lachte, „Kommt doch zusammen her. Hier gibt es einen großen Park, Wiesen, Tiere und Gärten. Meine Schwester wohnt mit ihren zwei Kindern auf dem Anwesen. Die sind im Alter deiner Tochter“. Lilly schüttelte ihren Kopf: „Anwesen? Wohnst du in einem Schloss?“ Sören lachte:“ Lasst euch überraschen! Ich buche jetzt das Taxi. Es wird in Kürze bei euch vor der Tür stehen“. Lilly war irritiert: „Woher kennst du meine Adresse und woher weißt du, dass ich eine Tochter habe?“ „Von deiner Arbeitskollegin Jasmin. Sie hat dir nichts gesagt, weil ich dich mit meiner Einladung überraschen wollte“. Lilly ließ das Mobiltelefon sinken, schaute ins Kinderzimmer hinüber zu Zoe und antwortete: „OK, wir werden dich besuchen“, und legte schnell auf. Lilly überlegte, war Sören gerade wirklich am Telefon oder habe ich das nur geträumt? Hatte er sie gerade tatsächlich eingeladen? Jasmin hätte mich vorwarnen müssen. Die wird von mir noch was zu hören bekommen.
Ins Kinderzimmer rief sie: „Zoe, wir fahren gleich zu unserem Prinzen. Ich muss mich nur noch kurz umziehen. Dann geht es los“.
13.
Das Taxi bog in ein breites offenes Eingangstor einer schlossähnlichen Anlage. Über Kopfsteinpflaster fuhren sie eine lange Kastanienbaumallee entlang. Links und rechts schaute Lilly auf gepflegte Rasenflächen mit Rhododendreninseln. Zoe auf ihrem Schoss betrachtete die Umgebung mit großen Augen und fragte: „Sind wir gleich am Schloss des Prinzen?“. Die Fahrt endete vor einem großen Herrenhaus, gelber Sandstein, ein überdachter Treppeneingang, darüber eine Balkonanlage und eine riesengroße Fensterfront. „Ist das die richtige Adresse?“ fragte sie den Taxifahrer. Der antwortet, „Das Haus der Industriellenfamilie Beckmann kennt in Elmshorn jeder. Wir sind da.“
