von Angelo Wehrli
„Was ist das denn für eine Scheibe“, überlegte er beim Aufräumen seines Plattenschranks, betrachtete das Album und las auf der Coverseite den Bandnamen „X Walking On The Black Hole“. Auf dem Umschlag war eine nackte Frau auf einem schwarzen Loch in Herzform abgebildet. In ihren verschränkten Armen umklammerte sie einen stacheligen schwarzen Rosenstrauß. Auf dem Album klebte ein vergilbtes Kreppband. Darauf hatte die Besitzerin mit blauem Filzer in Druckbuchstaben ‚Barbara‘ geschrieben.
„Barbara? Ja richtig, vor dreißig Jahren war ich mal kurz mit Babsi zusammen“, erinnerte er sich.
„Anfang der 90er hatte Babsi die Platte an einem Abend mal mitgebracht und dagelassen“, fiel ihm wieder ein, „sie war damals ziemlich sauer, dass ich ihr die Scheibe nicht zurückgegeben hatte.“ Er legte das Vinyl auf den Teller seines Plattenspielers, startete die Anlage und hörte den ersten Titel ‚Black Hole‘:
‚How long did we sleep last night?
Was it longer than we planned?
How long did we swim in the fire?
Was it longer than we planned?
Black Hole.‘
Die Zeit mit Babsi war kurz, anstrengend und nervig, dachte er, der Song passte damals zu unserer Beziehung. Sie endete in einem schwarzen Loch. Sie hatte ihm von heute auf morgen den Laufpass gegeben. Einfach so. Danach lebte sie längere Zeit auf einer griechischen Insel und hatte da einen anderen kennengelernt. Soweit er sich noch erinnerte, war sie nach der Rückkehr aus Griechenland schwanger und hatte einen Sohn zur Welt gebracht.
Was ist wohl aus ihr geworden, überlegte er, wohnt sie noch in der Seilerstraße auf St. Pauli? Er suchte ihren Namen auf Facebook, fand dort eine ganze Reihe Frauennamen, die Babsi hießen. Einige konnte er aufgrund ihres Wohnorts, Alters und der Fotos ausschließen. Blieben zwei übrig. Er erinnerte sich, dass sie ihm anfänglich noch Briefe aus Griechenland geschrieben hatte. Er fand sie in einem alten Schuhkarton. In krakeliger Schrift berichtete sie darin locker flockig, mal auf Karopapier und dann wieder auf blauem Seidenpapier, wie sie sich in Griechenland mit anderen Männern vergnügte. Über ihre Briefe hatte er sich jedes Mal geärgert. Wie konnte sie so einen gutaussehenden, abenteuerlustigen, witzigen, intelligenten und feurigen Typen wie ihn verlassen? Eigentlich undenkbar! Aber sie hatte es getan und sich dort gleich anderen Kerlen in die Arme geworfen.
In ihren Briefen schrieb sie, dass ihre Nachbarn und Freunde sie in Griechenland besucht hatten. Ihn hatte sie damals nicht eingeladen. Die Namen ihrer damaligen Freunde bemerkte er auf der Facebook-Seite einer der beiden Babsis. Ein Foto hatte diese Babsi nicht hochgeladen. Es schien auch so, dass sie nicht häufig über ihre Facebook-Seite kommunizierte. „Bingo, das muss sie sein!“
Er schrieb diese Babsi über den ‚Messenger-Dienst‘ an, hoffte, dass sie seine Nachricht lesen würde und bekam nach elf Tagen eine Antwort: „Natürlich erinnere ich mich an dich. Würde dich gerne mal wiedersehen.“
Sie schickte ihm ihre Telefonnummer. Sie telefonierten und verabredeten sich.
Am nächsten Tag stand er mit der Platte und einem Blumenstrauß vor der Haustür des dreistöckigen Mietshauses, in dem sie seit über dreißig Jahren wohnte. Alle bequem erreichbaren Flächen des Hauses, Haustüren, Wände und Fenster, hatten Graffiti-Künstler farbenfreudig mit allen möglichen Zeichen und Symbolen verziert. Auf der Klingelleiste neben der Haustür standen unendlich viele Namen. Handschriftlich, in Maschinenschrift, blau, schwarz, rot. In der dritten Reihe fand er ihren Namen auf dem Klingelbrett. Er klingelte. Eine schnarrende Stimme aus dem Lautsprecher fragte, „Bist du es, Ingo?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, summte der Türöffner.
Während er die Treppe hochging, öffnete jemand im dritten Stock eine Haustür. Das Treppenhaus war düster: alte abgenutzte Stufen, dunkler Holzhandlauf auf Metallgeländer. Auf jeder Etage gab es drei Haustüren, teilweise mit gefüllten Schuhständern. Stadtteil gerechte FC St. Pauli Fußmatten waren zu sehen, es roch nach Essen und Jahrzehnte altem Muff.
Babsi empfing ihn freudestrahlend vor der Wohnungstür. Eilig klemmte er Platte und Blumenstrauß unter den Arm und drückte sie herzlich. Während der Umarmung hielt sie sich länger als üblich an ihm fest. Sie hatte ihm bereits am Telefon gesagt, dass sie an einer Krankheit litt und sich nur schwerfällig, teilweise mit Gehhilfe, bewegen konnte.
„Ich freue mich so, dich wiederzusehen“, lachte sie überschwänglich und trat zur Seite, damit er ihre Wohnung betreten konnte.
Sie hakte sich bei ihm unter, schaute auf den Blumenstrauß und sagte, „Ich liebe Blumen“. Er nickte und überreichte ihr wortlos den Strauß. Sie ließ seinen Arm los, stützte sich mit der einen Hand mühsam an der Tür ab und nahm ihm die Blumen mit ihrer anderen Hand ab. Er hatte Babsi in völlig anderer Erinnerung. Früher war sie eine energiegeladene, abenteuerlustige, außerordentlich hübsche Frau. Jetzt war sie dünn und sah zerbrechlich aus. Die Jahre hatten in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen. Ihre braunen Augen leuchteten aber immer noch wie früher. Sie trug Jeans, ein dunkles Langarmshirt und einen roten Seidenschal. OK, er war auch kein Jungspund mehr: Glatze, grauer Dreitagebart, Falten überall, gebeugte Körperhaltung, obwohl er Sport trieb.
„Wollen wir in die Küche gehen?“, fragte sie, schaute ihn an und bewegte sich mit den Blumen ruckartig durch den Flur Richtung Küche. Er folgte ihr.
Ein kleiner Raum, hohe Decken, großes Fenster, abgelaufener Holzfußboden, weißer Küchenschrank, daneben Stühle und Herd. Sie saßen an einem kleinen eckigen Ikea-Tisch.
„Im Haus wohnen noch die gleichen Leute wie früher, Evi, Marty, Klaus und Rita. Die kennst du doch noch, oder?“, bemerkte sie und schaute ihn dabei fragend an,“ für die Nelken brauche ich eine Vase.“ Sie erhob sich, hielt sich am Küchentisch fest, stieß sich ab und schwankte zum Küchenschrank hinüber, öffnete eine Schranktür, holte eine schwarze Vase heraus, steckte den Strauß hinein, bewegte sich behutsam zur Spüle, ließ Wasser in die Vase und stellte sie mit den Nelken auf den Tisch und ließ sich ihm gegenüber seufzend auf den Stuhl fallen.
„Oh, dein Strauß ist wunderschön. Danke. Ja und dann die Platte. Ist das nicht verrückt, dass du mich über die Platte ausfindig gemacht hast?“, sie nahm das Cover nachdenklich in die Hand, betrachtete es und sagte:“ Die Band gibt es immer noch. Sie haben vor kurzen wieder in Hamburg gespielt“.
Er schaute sie an und sie beantwortete seine unausgesprochene Frage: „Du siehst ja, was mit mir los ist. Ich kann mich draußen nur mit Stock oder Gehhilfe bewegen. Mit vierzig habe ich die Diagnose bekommen. Ich dachte in dem Moment, mein Leben ist vorbei. Mein Sohn Elias war da noch klein. Ich musste ihn ohne seinen Vater großziehen. Evi und Marty haben mir dabei geholfen. Jetzt ist er zweiunddreißig und lebt mit seiner Freundin in Hamm.“
„Das mit deiner Krankheit tut mir leid“, sagte er leise, „aber immerhin bekommst du von deinen Nachbarn Unterstützung.“
„Die Krankheit hat mich regelrecht eingeschnürt. Die vielen Medikamente, die Therapien und im Laufe der Zeit immer stärkere Bewegungseinschränkungen. Das zieht dich runter und du fühlst dich nutzlos und schwach“.
„So klarzukommen, kostet bestimmt sehr viel Kraft“, bemerkte er. „Ja“, sagte sie, schluckte und fragte, „erzähl‘ doch mal, wie es dir in den letzten dreißig Jahren ergangen ist.“
Er berichtete von seiner Frau, seiner Tochter und seinen Interessen, seit er Rentner war. Babsi holte wortlos eine Rotweinflasche und Gläser aus dem Schrank, hielt sie hoch, schaute ihn dabei fragend an, er nickte, daraufhin füllte sie die Gläser:“ Prost, auf uns“, sagte sie lachend.
„Nachdem ich mich von dir getrennt hatte“, nahm Babsi den Faden wieder auf:“ habe ich ein Jahr danach Nico auf Rhodos kennengelernt. Meine große Liebe.“
„Ich glaube das Wort ‚Trennung‘ passt nicht so ganz,“ lächelte er,“ du hattest dich ohne Abschied oder irgendwelche Ansagen von einem auf den anderen Tag vom Acker gemacht. Ich fand das echt scheiße von dir“.
„Ich habe dir doch Briefe geschrieben und dir darin erklärt, warum ich aus Hamburg wegmusste“.
„Aber erst nach einem halben Jahr! Du hast in den Briefen hauptsächlich von deinen Männerbekanntschaften geschwärmt. Und als du deine große Liebe gefunden hattest, war Funkstille. Du hattest mich damals sowas von abserviert, schlimmer ging es nicht“, er erinnerte sich an seinen vergangenen Schmerz:“ ich dachte, ich wäre der Mann deiner Träume gewesen.“
„Ach du!“ lächelte sie und stieß ihn herzlich gegen die Schulter,“ Du hattest doch ständig andere Frauen. Auf dich konnte ich mich nicht einlassen. Selbst mit Evi hast du rumgemacht. Ich mochte dich, aber Liebe war es nicht.“
Er konnte sich noch sehr genau an ihre Beziehung erinnern. Wenn sie sich trafen, fielen sie leidenschaftlich übereinander her und waren für kurze Zeit unzertrennlich. Sie schafften bei ihren Begegnungen so viel Nähe, dass sie sich fast zu einer Person verschmolzen. Wenn es am schönsten war, verschwand sie manchmal grundlos, ging nicht ans Telefon, war nicht in ihrer Wohnung, ihre Nachbarn wussten auch nicht, wo sie sein könnte. Wenn sie dann wieder auftauchte, stellte er keine Fragen und schwebten mit ihr erneut im siebten Himmel, wenig später weinte sie und schaute ihn mit Tränen in den Augen wortlos an. Er wusste nie so richtig, woran er bei Babsi war.
Babsi fand ihren damaligen Freund Michael mit aufgeschnittenen Pulsadern in einer Blutlache in ihrem Bett. Sie litt seit Michaels Selbstmord unter Schuldgefühlen. Kurz danach lernte er Babsi in der ‚Freiheit36‘ kennen.
„Der Selbstmord von Michael hatte mich aus der Bahn geworfen“, sagte sie leise,“ ich konnte mich ganz lange auf niemanden einlassen. Ich mochte allerdings auch nicht allein sein. In dieser Situation warst du genau der Richtige für mich. In deiner Nähe konnte ich meinen Kummer für kurze Zeit vergessen. Deine Wärme, deine Zärtlichkeit und dein Humor hatten mir in der Zeit Trost gegeben. Mehr nicht.“
„Du hattest mir viel über den Selbstmord erzählt, aber wirklich verstehen oder nachempfinden konnte ich deinen Schmerz nie. Das hattest du damals wahrscheinlich gespürt, warst über mich enttäuscht und bist dann plötzlich wortlos verschwunden“.
Babsi nickte, „ich hätte mich von dir verabschieden sollen. Dass ich es nicht gemacht hatte, tut mir leid, aber ich musste aus Hamburg raus. Weg aus meiner Wohnung. Weg von der Erinnerung an Michael. Das hatte nichts mit uns beiden zu tun.“
Da er nicht antwortete, redete sie weiter, „Ich bin morgens spontan zum Flughafen gefahren, bin nach Rhodos geflogen und habe dort nach einiger Zeit des Herum irrens Nico kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Er war damals fünfzehn Jahre älter, verheiratet und hatte drei Kinder. Nico verstand als einziger meine Trauer um Michael. Er schaffte es, mein Herz aus dem schwarzen Loch herauszuholen. Na ja, dann wurde ich schwanger, bin nach Hamburg heimgereist, kurz danach kam Elias auf die Welt.“
Sie trank einen Schluck Rotwein, schaute ihn an und sprach leise weiter, „Da er seine Familie nicht verlassen wollte, kam eine dauerhafte Beziehung für ihn nicht in frage. Ich hatte wieder das gleiche Gefühl, wie nach dem Selbstmord von Michael. Eine unsichtbare Gewalt riss mein Herz erneut in ein schwarzes Loch. Nach der Geburt von Elias musste ich mich um ihn und ums Geld verdienen kümmern, da blieb nicht viel Zeit, um großartig über vergangenes nachzudenken.“
„Und wie geht es dir jetzt?“
„Elias hat sein eigenes Leben und ich muss mit meiner Krankheit klarkommen“.
„Und die Liebe?“
„Wie bitte?
„Die Liebe war dir doch immer wichtig“.
„Du meinst sicherlich, ob ich einen Freund habe. Nein, ich lebe als Single. Da gibt es niemanden mehr. Außerdem: Wer will mit einer alten, gehbehinderten Frau etwas zu tun haben? Mein Herz ist bis heute in einem schwarzen Loch eingesperrt.“
Wie recht sie mit dem schwarzen Loch hat, dachte er, auch bestehende Beziehungen nutzen sich ab, wenn man sich nicht genügend um die emotionale Seite kümmert. Er hatte sich mit Martha in den letzten dreißig Jahren hauptsächlich mit der Erziehung ihres Kindes, dem Hausbau und mit beruflichen und finanziellen Problemen herumgeschlagen. Die Liebe der Anfangsjahre hatte sich im Laufe der Zeit abgenutzt und ist seit langem auch in einem schwarzen Loch eingesperrt.
„Woran denkst du?“, fragte Babsi.
Er schreckte aus seinen Gedanken hoch und antwortete, „Ach nichts. Ich bin nur etwas geschafft“.
„Sicher?“
„Ja.“
