Schlechte Nachrichten

von Angelo Wehrli

Achim saß an der Theke und schaute gelangweilt auf seine leere Bierflasche. Außer ihm war niemand in der Kneipe. Kurz vor dem Einnicken hörte er jemanden an der Tür fragen, „Hallo, ist da wer?“ Von der Theke aus konnte man nur Umrisse der Tische, Stühle und ganz weit weg den Eingang sehen.
„Ich suche Achim Schulz“.
Er schaute über seine Schulter und nahm am Eingang der Kneipe einen Schatten wahr. Die Stimme des Schattens wirkte schwach, unsicher und harmlos. Nichts Bedrohliches. Er schob die neben ihm liegende Knarre beiseite.
„Komm‘ rüber zur Theke, damit ich dich sehen kann“.
Der Schatten näherte sich, polterte über einen umgefallenen Stuhl und stöhnte „Scheiße, habt ihr hier kein Licht“?
„Geh‘ nach links, hinter die Theke. Da ist ein Lichtschalter“, antwortete Achim. Der Schatten fluchte und fand nach einiger Zeit den Schalter. Unzähligen kleinen LED-Lämpchen tauchten die Theke in bläuliche Farbtöne. Die klobigen Bänke, Tische, Flipperautomaten und Flachbildschirme der Kneipe blieben im Dunkeln.
Achim blickte in das Gesicht eines schmächtigen jungen Kerls. Er wirkte angespannt, hatte dunkle lange Haare, blaue Augen und trug einen schwarzen St. Pauli Hoodie.
Mit seinem massigen, muskulösen Körper überragte Achim den Jungen selbst auf dem Barhocker um einiges.
„Was willst du von mir, kleiner?“, fragte Achim gereizt.
„Kennst du Hanna?“
„Wer ist das?“
„Meine Mutter.“
„Was hab‘ ich mit deiner Mutter zu tun?“
„Laut meiner Geburtsurkunde bist du mein Vater“, und legte eine Kopie seiner Geburtsurkunde auf die Theke.
Achim schaute das Dokument an und nickte. Vor vielen Jahren hatte er die gleiche Urkunde vom Familiengericht erhalten.
„Achim Schulz gibt es viele“, versuchte er den Jungen aus der Reserve zu locken.
„Aber keinen aus der Rocker-Szene“.
Achim dachte an Hanna, seine große Liebe.
„Ja, ich war vor zwanzig Jahren mal mit einer Hanna zusammen“.
„Zweiundzwanzig“.
„Ich bin euer Sohn“, holte ihn der Junge aus seiner Gedankenwelt zurück, „du hast damals die Vaterschaft anerkannt und dich dann mit deiner Rocker-Clique verpisst.“ ‚Er sieht Hanna wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich‘, dachte er.
„Scheiße, stimmt. Deine Mutter hatte mich damals vor die Wahl gestellt: Entweder sie oder die ‚Blue Devils‘.“
„Du hast dich nicht einmal um uns gekümmert. Mama musste uns mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten. Das war nicht fair von dir“.
„Wo ist sie jetzt?“
„Sie ist vor drei Wochen gestorben. Krebs!“
„Scheiße. Der Krebs. Einige Brüder von mir sind auch an Krebs verreckt. Hol‘ mir mal ein Holsten aus dem Kühlschrank, da links unter dir. Nimm‘ dir auch was zu trinken, Junge“.
Der Junge öffnete den Kühlschrank, holte zwei Holsten raus und stellte sie auf die Theke.
Achim prosteten dem Jungen zu.
„Auf deine Mutter!“
„Du hast sie einfach hängen lassen. Das war nicht OK“, wiederholte der Junge seinen Vorwurf und trank aufgeregt einen großen Schluck.
Achim dachte an die Zeit mit Hanna. Er hatte sie damals im Grünspan kennengelernt. Sie sah super aus, war einfühlsam, mütterlich und eine Frau mit Prinzipien. Schnell hatten beide gemerkt, dass sie in verschiedenen Welten lebten. Er als Rocker, sie im bürgerlichen Umfeld von Eppendorf. Dann wurde sie schwanger. Er wollte sich kümmern. Aber sie setzte ihm die Pistole auf die Brust. ‚Ich oder die ‚Blue Devils‘. Scheiße auch. Sie wollte kein Geld von mir annehmen. ‚dein schmutziges Geld will ich nicht. Verschwinde aus meinem Leben‘, das waren ihre Worte. ‚Und das Kind, unser Kind‘? Fragte er damals. ‚Aus meinem Kind soll kein Krimineller werden‘. Er hatte danach Hanna und den Jungen heimlich beobachtet. Wenn sie ihn dann entdeckte, sagten ihre Blicke alles: Verschwinde. Irgendwann gab er auf und verlor sie aus den Augen.
„Bastian. Richtig?“, fragte Achim.
„Ja“.
„Was willst du von mir, Bastian?“
„Mama hat mir einen Haufen Schulden hinterlassen. Letzte Woche tauchte bei mir ein zwielichtiger Typ auf. Er verlangte zehntausend Euro. Angeblich die Schulden meiner Mutter. Der Kerl hat mir eine Hölle Angst eingejagt“.
„Verstehe“.
„Du verstehst gar nichts!“, schimpfte Bastian wütend und haute mit der Faust auf die Theke, „Mama hatte Schulden und dachte, mit einem Besuch im Spielcasino könnte sie ihre Geldprobleme lösen. Sie hat dann am Spieltisch verloren und vermutlich haben ihr diese Typen im Spielcasino weiteres Geld geliehen. Sie war so dumm und hat das Geld angenommen.“
„Das hört sich nach den Albanern an.“
„Warum hast du uns damals verlassen?“, fragte Bastian verzweifelt.
„Hör mal zu, Bastian“, antwortete Achim ärgerlich, „sie wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Du hast keine Ahnung, was zwischen ihr und mir war. Sie hatte damals eine richterliche Verfügung erwirkt. Ich durfte nicht mal in eure Nähe kommen. Damals stand ich unter Bewährung. Ich wäre sofort wieder im Knast gelandet, wenn ich mich euch nur auf zehn Meter genähert hätte. Über Umwege wollte ich euch Geld zuführen. Das hat sie jedes Mal herausgefunden und das Geld zurückgegeben. Ihr Stolz hat mich wahnsinnig gemacht“, er schaute Bastian traurig an, „hinter dir steht der Whiskey. Schenk‘ mir mal einen Black Label ein.“
Bastian holte Flasche und Glas aus dem Regal, goss Whiskey ein und stellte Achim das Glas neben seine Pistole.
Achim schüttete den Whiskey in einem Zug runter.
„Wozu brauchst du die Pistole?“, fragte Bastian und deutete auf die Waffe.
„Um mit solchen Leuten, wie den Albanern auszukommen“.
„Mama hat nie schlecht von dir gesprochen. Als ich dich kennenlernen wollte, hat sie Stress gemacht“, sagte Bastian traurig, „hab‘ dann einen Rückzieher gemacht“.
„Dann haben wir uns mit unseren Rückziehern bis jetzt verpasst“.
„Ja“.
„Wenn ich mich um Hannas Schulden kümmern würde“, setzte Achim an, „dann würde ihr das bestimmt nicht gefallen“.
„Das stimmt nicht ganz. Bevor sie starb, hat sie mir ihre Spielschulden gebeichtet. Ihre größte Angst war, dass mir nach ihrem Tod etwas passieren könnte. Daher sagte sie mir, ‚Geh‘ zu deinem Vater, der hilft dir‘.“
„Hanna und Spielschulden? Das passt so gar nicht zu ihr. Hat der Geldeintreiber seinen Namen genannt?“
„Ahmed! Er drohte, wenn ich bis nächsten Sonnabend nicht zahle, würden sie mich von der Köhlbrandbrücke werfen“.
„Scheiße“, grinste Achim, „der gute alte Ahmed. Zehntausend will er von dir haben?“
„Siebentausend plus drei Verzugszinsen“.
Achim lachte.
„Warum lachst du? Dieser Ahmed setzt mich seit Wochen unter Druck. Ich habe alles versucht, um an Geld zu kommen. Hat aber nicht funktioniert. Ich habe Angst.“, Bastian schaute Achim verzweifelt an, „Ich dachte, du hättest eine Idee, wie ich aus dieser Scheiße herauskomme“.
„Mach‘ dir keine Sorgen, Junge, ich kümmere mich um Ahmed. Ich weiß, wie man mit solchen Leuten umgehen muss. Das ist sozusagen mein Beruf“.
„So einfach ist das?“
„Ja. Geh‘ nach Hause, Junge. Du weißt ja, deine Mutter will nicht, dass ich mich mit dir abgebe“.
„Aber in der Not bist du dann doch gefragt, Papa“. Bastian lächelte und ging Richtung Kneipenausgang, blieb kurz stehen und fragte, „Kommst du in drei Tagen zu Mamas Urnenbeisetzung zum Altonaer Friedhof?“
„Ja, ich komme“, rief er Bastian hinterher.
‚Er hat tatsächlich Papa zu mir gesagt‘, dachte Achim, schenkte sich noch einen Whiskey ein und drückte auf eine Telefonnummer seines iPhone.
„Sag‘ mal, du kennst doch diesen Ahmed, den Geldeintreiber der Albaner? Ich muss dem mal Manieren beibringen. Kommst du mit?“

Achim zählte in der Kapelle an die fünfzig Trauergäste und dachte‘, zu meinem Abgang kommen höchstens die Jungs aus meinem Chapter, einige Kumpels aus meiner Fuhlsbüttel Zeit und meine Bewährungshelferin Sabine. Vielleicht auch einige Mädels aus dem Laufhaus, die sich versichern wollen, dass ich endlich weg bin‘. Er setzte sich in die letzte Reihe.
Auf dem kleinen Bühnenpodest stand die Urne mit Hannas Asche, davor ihr Foto in Schwarz-Weiß, alles von vielen Blumen und Kerzen umrahmt, keine Kränze. Im Hintergrund hörte man aus den Lautsprechern leise ein Stück von den Stones

‚You can’t always get, what you want‘.

Bastian saß neben einem älteren Paar in der ersten Reihe. Achim kannte sie. Hannas Eltern. Die restlichen Trauergäste waren in erster Linie Frauen.
Er erinnerte sich an Hannas freundliches Wesen, ihren ungebrochenen Optimismus und ihren erdrückenden Gerechtigkeitssinn. Achim hatte sie dafür geliebt. Sie verkörperte für ihn alles, was er nicht war.
Ein Pfaffe stellte sich neben die Urne an der Bühne und sprach über Hannas entbehrungsreiches Leben, über ihre vielen Freundschaften, über Bastian. Achim war froh, dass er in der Rede nicht vorkam.
Was hatte er für Hanna getan?
Nichts!
Er hatte sie geliebt und hatte sich am Ende doch für die ‚Blue Devils‘ entschieden.
Ein Leben mit ihr wäre anders verlaufen.
Kein Laufhaus, kein Drogenhandel, stattdessen Marktleiter bei Aldi oder Lidl. Eventuell Kranführer bei der HHLA. Er hatte sich damals ernsthaft damit auseinandergesetzt.
Sie hatte ihm in der Zeit vorgeworfen, dass er nicht den Mumm hätte, aus seinen Kreisen auszusteigen.
‚Ich hätte sie weiter im Auge behalten sollen, dachte er, ‚Dann wäre das alles nicht passiert. Das werde ich mir nie verzeihen‘. Ihm lief eine Träne über seinen Stoppelbart.

Nach der Predigt spielten sie ihren Lieblings-Song von den Doors

Riders on the storm
Into this house we’re born
Into this world we’re thrown
Like a dog without a bone
An actor out on loan
Riders on the storm
There’s a killer on the road
His brain is squirmin‘ like a toad
If you give this man a ride
Sweet memory will die
Killer on the road, yeah…..

Der Pfaffe brabbelte irgendwelchen religiösen Scheiß und schritt dann mit den Trauenden zum Ausgang. Bastian trug die Urne an ihm vorbei. Achim ging auf ihn zu, nickte, drückte seine Schulter, legte seine Hand kurz auf die Urne und verließ mit der letzten Trauernden die Kapelle.

Der Bentley glitt über den Schotterweg des großen Grundstücks und bog stadteinwärts auf die Straße. Die Beleuchtung der Landstraße schaltete sich mit beginnender Dunkelheit ein.
Nach einigen hundert Meter stoppte der Fahrer, ein bärtiger, breitschultriger Hüne, weil ihm zwei Motorräder mitten auf der Straße den Weg versperrten. Er stieg aus dem Fahrzeug aus, ging auf die Biker zu, griff in seine Jacke und schimpfte ärgerlich, „Was soll das Theater. Ihr wisst wohl nicht, mit wem ihr es hier zu tun habt? Verschwindet, bevor ihr es bereut“.
„Geht nicht“, antwortete Achim, stieg von seiner Harley, nahm seinen Helm ab und näherte sich auf dem Fahrer.
„Welch‘ eine Überraschung“, grinste der böse,“ Achim! Was willst du von Ahmed“?
„Lass‘ deine Knarre stecken, Kreshnik und geh‘ mir bloß nicht auf den Sack. Ich muss mit Ahmed reden“.
Der Fahrer nickte, sprach leise mit der im Wagen sitzenden Person und trat mürrisch zur Seite.
„Steig‘ ein, Achim“, hörte Achim eine Stimme aus dem Wagen, „lass‘ uns allein, Kreshnik. Alles gut“.
Achim zog die hintere Limousinen-Tür auf und setzte sich neben Ahmed auf den Ledersitz. Der war klein, kräftig, mittelalt, teurer Anzug, dunkle graue Kurzhaarfrisur, Rolex-Uhr und Goldringe.
„Lange nicht mehr gesehen“.
„Du bedrohst meine Familie. Das kann ich nicht dulden“.
„Seit wann hast du eine Familie?“
„Du hast meiner Frau sieben Riesen geliehen. Sie ist vor kurzen gestorben und jetzt bedrohst du meinen Sohn“.
„Ach diese Sache. Ich habe der Frau damals einen Gefallen getan. Sie hatte im Casino Geld verspielt und war verzweifelt. Ich habe ihr Kredit gegeben. Leider hat sie dieses Geld auch verspielt. Ich wusste nicht, dass sie zu dir gehört“.
„Wenn du deine miesen Geschäfte weitermachen willst, dann solltest du vorsichtiger sein“. Dabei deutete Achim auf seine am Gürtel hängende Pistole.
Er roch den Angstschweiß seines Gegenübers.
„Es läuft jetzt folgendermaßen. Da du meine Familie bedroht hast, ziehe ich von den sieben Riesen sechs als Strafe ab. Damit sind wir quitt.“
Achim warf Ahmed einen kleinen, dünnen, braunen Briefumschlag auf den Schoss.
„Da ist ein Riese drin. Kannst gerne nachzählen“.
Ahmed rührte sich nicht.
„Solltest du oder deine Schergen den Jungen nochmal belästigen, dann fackele ich dich und dein Casino ab. Haben wir uns verstanden“?
Ahmed sagte nichts. Achim stieg auf dem Wagen aus.
„Besorg‘ deinen Boss eine neue Hose. Er hat sich eingepisst“. „Wenn ich dich erwische, mache ich dich alle“, zischte der Fahrer.
Achim stieg auf seine Harley, startete, setzte den Helm auf, deutete mit seiner Hand eine Schussbewegung Richtung Fahrer an und fuhr weg.

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

Katgeorien RockerHinterlasse einen Kommentar

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