von Angelo Wehrli
„Hallo mein Lieber!“, begrüßte er mich gestresst, „Der Verkehr in der Stadt. Diese Scheiß Baustelle auf der Elbchaussee.“
Ich hatte an diesem schönen Sommertag in der Gartenlaube des Restaurants auf ihn gewartet.
„Wolltest du schon gehen? Dachtest du, ich hab´ unsere Verabredung vergessen?“ Dabei schaute er auf den abgeräumten Tisch mit dem festgeklemmten Bon.
„Ja, ich wollte gerade verschwinden.“
„OK, ich hätte dir eine WhatsApp schicken können. Sorry!“
Aus dem Nichts tauchte die Kellnerin auf. Gedankenverloren betrachtete er sie einen Moment und bestellt einen O-Saft.
„Ich hatte mit einem Kunden Ärger. Das musste ich kurzfristig klären“, schob er eine weitere Entschuldigung nach.
Er war groß mit kleinem Bauchansatz, blaue Augen, kahlgeschoren und trug eine blaue Jeans, eine dunkle Steppjacke, weiße Turnschuhe und ein Käppi mit dem Logo seiner damaligen UNI ‚Penn State‘ in Pennsylvania.
Die Kellnerin kehrte mit der Bestellung zurück und verschwand mit einem freundlichen Nicken.
„Wie läuft’s so, mein Lieber?“ versuchte er die angespannte Atmosphäre zu glätten.
„Mir geht es gut. Martha ist noch nicht in Rente und Sandra hat nach dem Studium einen Job in Hannover gefunden.“
„Das freut mich. Bei uns zu Hause ist gerade die Hölle los. Du weißt ja, wir sind umgezogen. Die Jungs haben die Schule gewechselt. Mein Arbeitsweg ist länger. Die Kunden nerven. Der übliche Wahnsinn.“
Und dann, „Womit beschäftigst du dich so als Neurentner“?
„Ich berate ehrenamtlich Unternehmensgründer“, und berichtete ausführlich über meine Arbeit.
„Spannend. Aber du hast dich doch nicht mit mir verabredet, um mich über deine Ehrenämter zu informieren. Stimmt’s?“
„Es geht um uns.“
„Was ist mit uns?“
Ich schluckte, bevor ich antwortete, „Ich habe den Eindruck, dass unsere Freundschaft an einem toten Punkt angekommen ist. Ich frage mich nicht erst seit gestern, woran das liegen könnte?“
Er nippte an seinem O-Saft, schaute abwesend in sein Glas und antwortete, „Klar, wir machen nicht mehr so viel, wie früher.“
„Seit meiner Insolvenz ist das so. Warum bloß?“
„Du hast dich nicht mehr gemeldet“, antwortete er rasch, „und ich habe genug mit meiner Familie und meiner Firma zu tun.“
„Das stimmt. Während meiner Insolvenz ging es mir schlecht“. Ich schwieg einen Moment und redete leise weiter, „Du hättest doch mal anrufen können. Hast du aber nicht.“
„OK, ich hab‘ öfter deine Nummer auf meinem Display gehabt, weiß aber auch nicht, warum ich nicht angerufen habe?“
„Und überhaupt, nachdem du mitbekommen hattest, dass wir Insolvenz anmelden mussten, konntest du gar nicht schnell genug deine Mitarbeiter aus meiner Firma abziehen. Du hättest mit mir darüber reden sollen.“
„Reg dich ab, du hättest das in meiner Stelle genauso gemacht. Für unsere Arbeit habe ich vom Insolvenzverwalter bis heute kein Geld gesehen.“
„Kann ich alles verstehen. Aber: Wir sind Freunde. Freunde reden in solchen Situationen miteinander.“
„Ja, ja, ich hätte dich anrufen sollen. Tut mir leid.“
„Sechs Jahre zu spät.“
„Ich hab’ einen Fehler gemacht. Vielleicht auch zwei. Sei keine Mimose.“
Nach einer Weile bemerkte ich, „Vermutlich hätte ich mich damals besser gefühlt, wenn du öfter mal spontan vorbeigekommen wärest. Ab und zu ein paar aufmunternde Worte von dir hätten mir gutgetan.“
Er schaute nachdenklich auf den Schiffsverkehr der Elbe hinunter.
„Wie soll es mit uns weitergehen?“, wollte ich wissen.
„Wie soll es weitergehen?“, wiederholte er, „Keine Ahnung. Vielleicht hat jede Freundschaft ihre Zeit.“
„Was willst du mir damit sagen?“, bemerkte ich erbost.
„Nichts. Das ist nur eine Feststellung. Du musst deshalb nicht an die Decke gehen. Das kann ich gerade nicht gebrauchen.“
„Wieso nicht? Was ist los?“
Er seufzte und berichtete, dass ihn hin und wieder Lähmungsgefühle am Sprechen hindern würden. Nächste Woche hätte er einen Arzttermin.
Heiligabend hatten wir zum letzten Mal Kontakt. Er antwortete auf meine WhatsApp Weihnachtsgrüße ‚Danke, das Haus ist voll. Frohe Weihnachten euch allen!‘
und wir tauschten Familienfotos aus. Er sah auf dem Familienfoto krank und müde aus.
Drei Wochen später erhielt ich von seiner Frau über seinen WhatsApp-Account folgende Nachricht:
‚Du ahnst es, ich habe schlechte Nachrichten. Am Mittwoch hatte Jan einen schweren Autounfall. Er ist abends im Krankenhaus an seinen Verletzungen gestorben. Auch wenn wir mit dem Gedanken, dass er uns bald verlassen muss, schon eine Weile leben mussten, kommt das nun doch plötzlich.‘
Ich war geschockt.
Mein Freund hatte diese Welt für immer verlassen.
Große Scheiße!
Ich hatte ihn 35 Jahre gekannt, viel mit ihm erlebt, gefeiert, gestritten und gelacht.
In den folgenden Nächten konnte ich nicht richtig schlafen, musste oft an ihn denken.
Das letzte Mal hatte ich ihn im Herbst besucht.
Er konnte nicht mehr sprechen, nur noch unverständliche gutturale Laute von sich geben. Ich konnte ihn kaum verstehen. Wenn er mir mit großer Anstrengung und Mühe etwas sagte, konnte ich nur ahnen, was er meinte. Unsere Verständigung lief über aufgeschriebene Sätze auf seinem Mobil-Telefon.
Ich mochte ihn nicht fragen, an was für eine Krankheit er litt. Von sich aus hatte er seine Krankheit auch nicht angesprochen.
Ich war verunsichert, sprachlos. Einseitige Monologe hatte ich immer schon gehasst.
Ich spürte seine Enttäuschung über meine Unsicherheit, war froh, als ich mich von ihm verabschiedet hatte und wusste nicht, dass es ein Abschied für immer war.
Enttäuschungen
