Das Schwimmbad.

von Angelo Wehrli

Anfang Juli 1966

Aus den Augenwinkeln sah Achim, dass der Scheißkerl sich direkt auf ihn zubewegte. Mit zwei Bikinimädchen im Arm blieb er hinter Achim am Beckenrand stehen und betrachtete ihn wie einen Fremdkörper. Achim wusste, dass der Kerl mit seiner knappen weißen Badehose mit dem aufgenähten grünen DLRG- und rotem Totenschwimmerabzeichen angab. Ein Schauer lief Achim über den Rücken. Er traute sich nicht, sich zu ihm umzudrehen.

Eine Mädchenstimme stichelte, „Ist der Kleine mit seinen Segelohren nicht süß? Der ist bestimmt erst zehn und Nichtschwimmer. Er sitzt hier am Sprungturm und tut so, als ob er schwimmen kann“.

Achim dreht sich um, schaute das Mädchen wütend an und wurde dabei ganz rot im Gesicht. Sie hatte hübsche braune Augen, war bestimmt schon vierzehn, ihr knapper, grüner Bikini betonte ihre Figur, die schwarzen mittellangen Haare hatte sie mit einem grünweißen Haarband getrimmt. Achim merkte, dass seine bewundernden Blicke ein Fehler waren.

„Was willst du Hempfling? Du brauchst Anja gar nicht anzuglotzen! Sie gehört zu mir. Damit das klar ist“, sagte er herausfordernd, dann lachte er und meinte, während er Anja anschaute, „mal sehen, ob er wirklich schwimmtauglich ist?“, und trat Achim mit dem Fuß so brutal ins Kreuz, dass er mit höllischen Schmerzen kopfüber mit einem hässlichen Bauchklatscher ins Wasser fiel. Die Mädchen kreischten, weil sie vom hochspritzenden Wasser nass wurden. Achim tauchte unter, sein Rücken schmerzte. Unter Wasser zog er eine Bahn, unter den kraulenden und planschenden Körpern unterdurch zur anderen Schwimmbeckenseite. Er tauchte auf, sog hastig Luft ein, seine Hand berührte den Beckenrand, dort hielt er sich an der Rinne fest, rieb sein nasses Gesicht und massierte seine schmerzhafte Stelle auf dem Rücken.

Der Kerl schaute Achim nach, grinste hämisch und meinte,“ Hat wohl doch schon den Freischwimmer!“

Die Mädchen lachten Achim aus.

„Diese elende Sau,“ dachte Achim, „warum hat er mich ständig auf dem Kieker? In der Schule, beim Sport und im Stadtteil“.

Achim standen Tränen in den Augen. Das Chlorwasser des Schwimmbeckens und seine Tränen vermischten sich. Sein leises Weinen hörte niemand.

„Warum tut er das?,“ fragte sich Achim erneut traurig schniefend, „Ich hab‘ ihm doch nichts getan“.

Der Kerl brüllte über das Schwimmbecken, so dass es jeder hören konnte,“ Pass‘ auf, du Arschloch, ich komme gleich rüber und tauche dich so lange unter, bis du keine Luft mehr kriegst und stirbst“.

Der Bademeister hatte die Attacke bemerkt und rief von seinem Aussichtsturm,“ Lass‘ den Jungen in Ruhe, sonst fliegst du hier raus“. Diese Ansage hatte der Kerl schon gar nicht mehr gehört, da er sich lachend und großspurigen Gesten mit den Mädchen über die Liegewiese Richtung Kiosk bewegte.

Achim kannte den Kerl von der Schule und hatte schon seit langer Zeit wahnsinnige Angst vor ihm. Er ging eine Klasse über ihm in der 9. und hieß George Janssen, war klein und breitschultrig, Muskel bepackt, Waschbrettbauch und dunkle wellige kurze Haare. Bei den Lehrern war er beliebt, weil er ein guter Sportler war und mit den Handball- und Schwimmmannschaften einige Meisterschaften gewonnen hatte. Alle wussten, dass er seine Mitschülerinnen terrorisierte. Aber weder die Lehrer noch die Mitschülerinnen und Mitschüler taten etwas dagegen.

George hatte ihn im Fahrradkeller schon mehrfach verprügelt, seine Fahrradreifen vor seinen Augen zerstochen und ihn mit seinen Kumpels auf dem Heimweg abgefangen und seine Schulbücher und Schreibhefte an der Maade-Brücke ins Wasser geworfen. Seine Eltern waren damals stocksauer, weil sie davon ausgingen, dass Achim die Bücher aus unerklärlichen Gründen ins Wasser geworfen hätte. Er hatte ihnen nicht gesagt, dass George dahintersteckte. Achim wusste, dass seine Eltern kaum Geld hatten. Er schämte sich dafür.

Durch die plätschernden Wellen schaute Achim hinunter ins Wasser auf die trübe sichtbaren schwarzen Wettkampfbahnen auf dem Beckenboden. Das Bassin war fünf Meter tief, hatte blaue Fliesen an den Seitenrändern und weiße Fliesen auf dem Beckengrund.

Achim war traurig. Am liebsten würde er die fünf Meter zum Boden tauchen und nie wieder hochkommen. Aber dazu fehlte ihm der Mut.

Er betrachtete seine Umgebung. Obwohl es heute nicht besonders warm war, war das Schwimmbecken voller Menschen. Im Wasser kraulten oder schwammen die Wasserratten in kunterbunter Badekleidung, teilweise ängstlich an planschenden und tobenden Jugendlichen vorbei, die sich Bälle über größere Distanzen zuwarfen und wieder andere ließen sich nur auf dem Rücken im Wasser treiben. Die lachenden und schreienden Mädchen am Beckenrand wurden nassgespritzt oder von feuchten Bällen aus dem Bad heraus von den spielenden Jungs gezielt getroffen. 

Am großen Schwimmbecken stand ein zehn Meter hoher, auf Achim bedrohlich wirkender, weißer Sprungturm mit einem Schild an der Leiter ‚Gesperrt‘.

Wenn Achim mit seiner Klasse Schwimmunterricht hatte, trieb ihn sein Sportlehrer Herr Major jedes Mal auf das fünf Meter Sprungbrett. Wenn er oben mit seinen Klassenkameraden stand, sich nicht zu springen traute und über die Leiter wieder nach unten kletterte, wurde er vom Sportlehrer und den Sportcracks seiner Klasse mit Gelächter als ‚Weichei‘ beschimpft.

Um das tiefe Schwimmbecken herum waren Liegewiesen, einige Bäume spendeten bei Sonnenwetter Schatten, dahinter befanden sich Umkleideräume und Duschen. Der Kiosk am Eingang war immer von Jugendlichen und Kinder umlagert. Hier gab es Getränke, Eis, allerlei Süßkram, gelbe Gummienten und bunte Schwimmringe.

Im Nichtschwimmerbecken hinten an der Liegewiese spielten juchzende Kinder mit ihren Eltern und tobten durcheinanderschreiendende Jugendliche.

Achim zog sich mühsam aus dem Wasser am Beckenrand hoch. Wasser tropfte über seinen mageren Körper. Er war eine Bohnenstange mit dünnen Armen, kurzen schwarzen Haaren und Segelohren. In der Schule war er schlecht, besonders in Sport und Mathe, bis auf seinen Schulhoffreund Peter hatte er niemanden. Seine Mutter musste sich um seine drei jüngeren Geschwister kümmern. Sein Vater war selten zu Hause.

Er setzte sich fröstelnd an den Beckenrand und traute sich nicht zu seinem Handtuch auf der Liegewiese zu gehen. George gängelte dort gerade mit seinen Freundinnen Kinder und Jugendliche. So wie Achim ihn kannte, nahm er den Kindern das von den Eltern mitgegebene Kleingeld ab, das für Eis, Süßigkeiten oder Getränke bestimmt war.

Der Bademeister, ein braungebrannter älterer Mann mit Glatze, war durch die Attacke auf Achim gewarnt und verfolgte das Treiben von George von seinem Aussichtsturm mit ernsten Blicken. Als George einen Jugendlichen, der sein Geld nicht freiwillig abgeben wollte, an die Wand einer Umkleidekabine drückte, verließ der Bademeister seinen Hochsitz, sprintete auf George zu und schimpfte,“ Hast du noch alle. Du verlässt sofort das Bad. Holt deine Sachen und raus hier. Es reicht jetzt“. 

„Was willst du?“, meckerte George und baute sich in drohender Körperhaltung vor dem Bademeister auf, „Versuch‘ mal, mich hier rauszuschmeißen“.

In diesem Moment trat die Kassiererin mit einem Stock aus dem Kassenhäuschen, stellte sich hinter George und sagte, „Hör mal zu, mein Kleiner. Du verschwindest jetzt. Aber dalli. Wenn nicht,“ sie deutete auf den massiven Knüppel in ihrer Hand, „wenn du nicht gleich verschwindest, ziehe ich dir damit eins über. Ich kenne deine Mutter. Ich werde ihr heute Abend mal berichten, was ihr Früchtchen hier tagsüber treibt. Es reicht jetzt, verschwinde.“

Der Bademeister und die Kassiererin warteten, dass George ihrer Aufforderung nachkam. Er brauchte dann in der Umkleide ewig, bis er am Bademeister und der Kassiererin vorbei durch das Drehkreuz nach draußen zum Fahrradstand ging.

Seine Begleiterinnen teilten sich. Eine verließ ebenfalls das Schwimmbad und die andere blieb.

Erleichtert rutschte Achim ins kalte Wasser, massierte erneut seinen schmerzenden Rücken und kraulte an den Schwimmenden vorbei zur gegenüberliegenden Beckenseite.

Dort bemerkte er Annemarie. Sie stand unschlüssig auf der Leiter am Schwimmbecken. Auf halbem Weg ins Wasser blieb sie auf der Stufe stehen. Das Wasser schien ihr zu kalt zu sein. Sie schüttelte sich vor Kälte. Sie hatte wohl am Fußbecken schon geduscht, denn ihre nassen kurzen braunen Haare hingen ihr ins sommersprossige Gesicht. Ihr roter Badeanzug war nass.

Achim bewunderte ihre knabenhafte Figur, sie war dünn, hatte ein wunderschönes Gesicht mit Sommersprossen, helle blaue Augen und kleine Ohren und eine Stupsnase.

Sie ging auch auf seine Schule und war zwei Jahre älter als er. Er mochte sie, war aber zu schüchtern, sie anzusprechen. Jedes Mal, wenn er sie sah, war er von ihrem freundlichen Lächeln hin und weg. Sie wusste nicht, dass er sie in sein Herz geschlossen hatte.

Mutig stieß sie sich von der Treppe ab und schwamm langsam durch das Becken auf Achim zu. Sie erkannte ihn und lächelte. Achim wurde purpurrot und drückte sich vom Beckenrand ab und tauchte ganz schnell weit weg von ihr.

Annemarie zog ihre Schwimmbahnen. Achim tauchte am anderen Ende des Beckens wieder auf, verfolgte sie von dort mit Blicken und spürte den inneren Impuls, sie anzusprechen oder irgendetwas mit ihr zu machen. Er könnte sie fragen, ob sie mit ihm Ballfangen spielen möchte, auch Nassspritzen wäre eine Möglichkeit oder einfach nur ansprechen: über die Schule, über ihr schönes Fahrrad. Achim traute sich nicht. Er träumte und verlor sie aus den Augen. Nach einiger Zeit sah er sich um und suchte sie.  Zuerst auf der Liegewiese, dann im Nichtschwimmerbecken und bei den Mädchenumkleiden. Dort sah er sie. Sie hatte sich bereits umgezogen, kämmte am Spiegel ihre nassen Haare, schwang ihre Schwimmsachen über die Schulter und ging Richtung Ausgang.

Achim fasste sich ein Herz und rannte ihr mit seinem Handtuch über der Schulter hinterher.

„Annemarie, Annemarie“, rief er außer Atem. Sie drehte sich zu ihm um und lächelte.

„Hallo Achim. Ich hatte dich schon im Wasser gesehen. Mir ist es heute zu kalt. Ich fahre jetzt nach Hause. Ich muss noch Mathe machen.“

Achim stand vor ihr, hatte einen trockenen Hals, wollte antworten und bekam kein Wort heraus.

„Was ist denn, was wolltest du von mir?“, fragte sie freundlich und schaute ihn an.

„Ach, eigentlich nichts“, druckste er,“ ich hatte dich nur gesehen und dachte..“

„Was?“, fragte sie.

„Na ja, weshalb du jetzt schon gehst, wollte ich wissen?“

„Hab‘ ich dir doch schon gesagt. Tschüss! Wir sehen uns morgen in der Schule.“ und schon war sie durch das Drehkreuz verschwunden und ging zum Fahrradstand.

Achim blieb mit offenem Mund stehen, sein Handtuch war auf den Steinboden gefallen und sagte leise, obwohl sie schon weg war,“ Tschüss Annemarie!“   

Ende August an einem Samstagmorgen

Achim radelte mit seinem klapprigen grünen Fahrrad auf den Schotterparkplatz des Marinebades, stellte es am Fahrradstand ab und lief zum Eingang.

Dort stand der Bademeister hinter dem verschlossenen Tor und redete und gestikulierte mit den wartenden Menschen. Gleichzeitig hing er ein weißes Schild an einer Kette auf. ‚Geschlossen‘ stand drauf.

„Scheiße“, dachte Achim,“ dann fahre ich eben zum Strand“.  

Am Montagmorgen in der Schule

Am Montag in der Schule bemerkt Achim während der Pause und im Unterricht eine ungewohnte Unruhe unter den Lehrern.

„Was ist heute bloß los,“ fragte er seinen Freund Peter auf dem Schulhof, „die Lehrer rennen hier wie aufgeregte Kaninchen rum. Ein Polizeiwagen steht vor der Schule. Ich verstehe das nicht.“

Zu Beginn der nächsten Unterrichtsstunde räuspert sich der Klassenlehrer Herr Moses und sagte dann im traurigen Ton, „Letztes Wochenende ist etwas Schlimmes passiert, liebe Schülerinnen und Schüler. Im Marinebad wurde eine Mitschülerin aus der 8 b Opfer eines Verbrechens. Sie wurde schwer verletzt und liegt im Krankenhaus. Soweit ich weiß, geht es ihr schon wieder besser. Sie wird wohl längere Zeit nicht am Unterricht teilnehmen können.“

„Wer ist es denn?“ fragte Heike aus der ersten Reihe neugierig.

„Annemarie“, sagte Herr Moses leise,“ wenn ihr wollt, könnt ihr..“

Als Achim den Namen Annemarie hörte, sprang er geschockt von seinem Stuhl auf, der sofort krachend umfiel, lief zur Klassentür, riss sie auf und war verschwunden.  

Er rannte über den Flur auf den Schulhof, lief zum leeren Fahnenmast vor dem Eingang des Lehrerzimmers, hielt sich daran fest und weinte. Er zuckte, zitterte und sagte immer wieder, „Nicht Annemarie, nicht Annemarie!“

Peter und Heike waren ihm im Auftrag von Herrn Moses nachgelaufen und wussten nicht, was sie tun sollten.

„Er himmelt Annemarie seit langem an“, flüsterte Peter leise, „davon weiß sie natürlich nichts. Du weißt ja, wie schüchtern er ist“.

Heike schaute Peter an und dann Achim, ging auf ihn zu und legte eine Hand auf seine Schulter und sagte mehr zu sich selbst, „Alles wird gut“.

Tränen kullerten über Achims Gesicht. Er umklammerte den Fahnenmast und schüttelte den Kopf.

Als sich Achim einigermaßen beruhigt hatte, ging er Arm in Arm mit Peter zum Klassenraum zurück. Heike war schon vorgegangen. Unter den scheuen Blicken seiner Klassenkameraden setzte er sich wieder an seinem Platz. Herr Moses nickte ihm besorgt zu und sagte, „Wir haben entschieden, dass jeder von euch einen kleinen Brief an Annemarie schreibt oder ein Bild für sie malt. Achim, wenn du willst, kannst du dabei mitmachen“.

Dienstagmorgen auf dem Weg zur Schule

Am nächsten Tag hielt Achim auf dem Weg zur Schule mit dem Fahrrad bei Peter vor der Haustür. Den restlichen Schulweg fuhren sie meistens zusammen weiter. Peter schob sein Fahrrad aus dem Keller und meinte,“ Die Ferien hätten ruhig noch länger dauern können. Ich habe heute keine Lust auf die Schule“.

Peters Mutter schaute aus dem Küchenfenster im ersten Stock des Mietshauses und winkte ihnen zu, „Lernt ordentlich, Jungs, und benehmt euch“.

„Ja, ja“, meinte Peter genervt, „komm‘ Achim, wir müssen los“.

Beide fuhren los. Nach einiger Zeit sagte Peter, „Mein Vater hat gesagt, dass Annemarie im Marinebad nachts vergewaltigt worden ist.“

„Was?“ rief Achim entsetzt und stoppte sein Fahrrad, „Was sagst du da?“

„Vergewaltigt. Und weißt du von wem? George! Er wurde gestern von der Schule geworfen“.

Achim stieg auf sein Fahrrad, drehte wortlos um und fuhr in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren.

„He, Achim, was ist los,“ rief ihn Peter hinterher, schüttelte mit dem Kopf und setzte seine Fahrt zur Schule allein fort.

Eine Woche später

Achim ging seit einer Woche nicht mehr zur Schule. Zu Hause würde er einen Höllenärger bekommen, wenn seine Mutter davon erfuhr.

Er saß allein am Beckenrand und starrte ins Wasser des menschenleeren Schwimmbeckens, sein Blick streifte traurig über den Zehnmeterturm.

Eigentlich öffnete das Marinebad erst um 14:00 h. Da er seit Tagen vor dem verschlossenen Eingang herumlungerte, hatte sich der Bademeister irgendwann erbarmt und ihn reingelassen.

Morgens wurde das Wasser in den Schwimmbecken vom Bademeister gereinigt oder ausgetauscht. Am Nichtschwimmerbecken gegenüber übte eine lärmende zweite Klasse unter den Anweisungen ihres Lehrers gerade Schwimmen.

Achim war seit Tagen abwechselnd traurig, dann wieder wütend und voller Hass auf George. Warum hatte George Annemarie das angetan? George hatte doch genug hübsche Freundinnen. Warum Annemarie?

Gestern im Krankenhaus hatte er auch nicht herausbekommen können, ob sie wieder gesund war. Sie war nicht mehr im Krankenhaus. Die Krankenschwester hatte ihm verraten, dass sie einen Tag vorher von ihren Eltern abgeholt wurde.

Daraufhin hatte er an den folgenden Abenden vor dem Haus von Annemaries Eltern gewartet. Worauf? Das war ihm auch nicht klar. An der Tür zu klingeln, um zu fragen, wie es ihr geht, traute er sich nicht.

Als ihre Mutter ihn am zweiten Abend vor dem Haus im Dunkeln unter der Laterne bemerkt hatte, war sie runtergekommen, „Du bist doch nicht dieser Kerl, der ihr das angetan hat?“, hatte sie ihn aufgebracht und hasserfüllt angeschrien. Aufgeregt antwortete Achim schnell,“ Nein, nein, ich bin ein Klassenkamerad. Ich wollte nur wissen, ob es ihr wieder gut geht?“ Die Mutter weinte,“ Es geht ihr sehr schlecht. Geh‘ jetzt nach Hause Junge.“

Achim nickte, wollte gerade mit seinem Fahrrad losfahren, als sie ihm noch nachrief, „Wie heißt du, Junge?“

„Achim“, antwortete er und fuhr mit seinem Rad schnell weg.

Zwanzig Jahre später

Es war elendig heiß.

Dreißig Grad.

Blauer Himmel.

Auf dem Rückweg von Amsterdam hatte Achim seiner Bikergang beim letzten Halt vorgeschlagen, einen kleinen Umweg nach Wilhelmshaven zu machen. Dort gäbe es ein schönes Schwimmbad. In seiner Jugendzeit war er dort im Sommer jeden Tag zum Schwimmen hingefahren, erzählte er ihnen.

Seine Brüder fanden die Idee unter einer Bedingung gut: ‚Du bezahlst heute das Bier‘.

Sie bogen mit ihren zehn Harleys in Westerstede von der Autobahn ab und fuhren nach Wilhelmshaven rein. Die Mopeds machten in den Straßenschluchten der Stadt beängstigenden Lärm. Das gewaltige Motorengedröhn schreckte Passanten und Autofahrer auf. An roten Ampeln lieferte die wilde Horde für Jedermann einen schaurigen Anblick: Kräftige Ledertypen mit Bärten, Sonnenbrillen und dazu das laute Geknatter der Harleys. Kurz vor ihrem Ziel wurde der Motorradpulk von einem Polizeiwagen angehalten.

Eine Polizistin stieg aus dem Polizeiwagen und näherte sich furchtlos der Bikertruppe.

Achim stieg von seiner Maschine, nahm seinen Motorradhelm ab und begrüßte sie freundlich: „Hallo Frau Wachtmeisterin, meine Brüder und ich“, er zeigte dabei auf seine Biker, „werden ihnen keinen Ärger machen. Wir sind auf der Durchreise nach Hamburg. Sie müssen wissen, ich bin in dieser Stadt groß geworden.“

Sie musterte Achim, als er vor ihren Augen langsam seine Lederjacke auszog. Er war groß, hatte breite Schultern, ein freundliches Gesicht mit einige Narben, dunkle Augen, Glatze. Seine muskelbepackten Arme wiesen Stichwunden auf und waren von vielen Tattoos bedeckt. Er roch nach Schweiß, trug ein ölverschmutztes weißes Shirt und seine abgerissene schwarze Jeans waren stark verschmutzt.

„Ihre Maschinen verursachen erheblichen Krach und verängstigen die Bürgerinnen und Bürger. Ob ihre Motorräder, so wie sie aussehen und Lärm erzeugen einer technischen Prüfung durch den TÜV standhalten würden, lassen wir heute mal außen vor“, sagte sie.

Sie hatte eine knabenhafte Figur, war dünn, hatte ein wunderschönes Gesicht mit Sommersprossen, helle blaue Augen, kleine Ohren und eine Stupsnase. 

„Ich wollte meinen Brüdern nur mal das Marinebad zeigen. Da bin ich in meiner Schulzeit im Sommer immer gewesen“, erklärte Achim, um erst gar keine schlechte Stimmung bei der Polizistin aufkommen zu lassen.

Achim war nicht entgangen, dass sie bei der Erwähnung des Namens ‚Marinebad‘zusammengezuckt war.

Zur Polizistin hatte sich mittlerweile ihr Kollege hinzugesellt.

„Gibt es Probleme, Annemarie,“ fragte er und schaute dabei auf Achim und seine Jungs.

„Nein!“, sie lächelte,“ Die Herren wollen ins Marinebad.“

„Das gibt es doch gar nicht mehr“, bemerkte der Kollege.

„Das gibt es nicht mehr?“, fragte Achim nach und schaute die Polizistin und ihren Kollegen an.

„Am selben Ort gibt es immer noch ein Schwimmbad. Das heißt jetzt ‚Spaßbad Freiligrathstraße‘ und wurde vor neun Jahren umgebaut. In zweihundert Metern auf der linken Seite finden Sie es“.

Achim drehte zu seinen Bikern um, „Na dann fahren wir da hin. Ein kühles Bad ist bei der Hitze nicht verkehrt, oder?“, dann wandte er sich nochmal an die Polizistin, „Sagen Sie mal, könnte es sein, dass Sie in den 60ern auch auf der Agnes-Miegel-Schule waren. Ihr Name sagt mir etwas. Ich war in der Zeit mal in ein Mädchen verliebt, die hieß Annemarie Meyer?“

Die Polizistin wurde puterrot.

„Das sind Sie?“, fragte Achim erfreut,“ Sie sind Annemarie! Stimmt’s?“

Seine Bikerkollegen und der Kollege der Polizistin schauten abwechselnd zuerst Achim und dann Annemarie fragend an.

Sie nickte und sagte, „Ich heiße jetzt Schmidt. Annemarie Schmidt, Polizei Wachtmeisterin“.

Achim lachte.

„Wir kannten uns früher mal. Ich bin Achim Noack. Sie werden sich vermutlich nicht an mich erinnern, so wie ich jetzt aussehe, mit meinem wüsten Begleitschutz hier“, und zeigte grinsend auf seine Bikerfreunde, „Ich war damals total in Sie verknallt. Hab‘ mich aber nie getraut, Sie anzusprechen. Ich war damals einfach zu schüchtern.“

„Ich erinnere mich, meine Mutter erzählte mir damals, dass Sie sich tagelang vor unserem Haus aufgehalten hatten und sich um mich gesorgt haben.“

Achim nickte und freute sich, dass sie sich an ihn erinnern konnte.

„Der Achim aus Hamburg“, er legte dabei seine kräftige Faust auf die Brust, “würde Sie jetzt in seine Arme schließen. Aber irgendwie geht das wohl gerade nicht. Ich der Outlaw und Sie die Gesetzeshüterin.“

Der Kollege wurde ungeduldig, „Annemarie, wir müssen los. Wir sollen zum Rathausmarkt kommen.“

Sie nickte,“ Ja, irgendwie geht das wohl gerade nicht „, wiederholte sie lächelnd Achims Worte.

Sie wollte gerade gehen, da fragte Achim, „Was ist aus dem Arsch geworden?“

Sie schaute Achim mit ernstem Blick an und sagte fast schon im Weggehen, „Dem gehört das Spaßbad. Den finden Sie da, wo Sie jetzt hinwollen“, trat auf ihn zu, packte ihn mit einem unerwartet festen Griff an die Schulter und sagte mit entschiedener Stimme,“ lassen Sie ihn in Ruhe. Die Sache ist für mich erledigt“.

Achim nickte, „Versprochen!“

Dann trennten sie sich.

Als Annemarie außer Hörweite war sagte er zu seinen Jungs, „Im Marinebad wartet seit zwanzig Jahren ein Kerl auf eine Abreibung von mir. Kommt ihr mit?“

„Wenn du einen ausgibst? Wir sind dein Publikum“, antwortete Joey.

Alle lachten.

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

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