Wo ist Lemmy?

Thomas und Holger sitzen in ihrem provisorischen Büro in der Dorfschule Wacken. Während des Schuljahres wird in diesem Raum die Klasse 2a unterrichtet. Der ältere von beiden, Thomas, hat dunkle lange Haare, trägt eine Brille mit Goldrandgestell, schwarze Jeans und ein Wacken-T-Shirt. Im Sommer, während des Festivals, dürfen die beiden und ihre 50-köpfige Mitarbeitercrew die Dorfschule als Hauptquartier nutzen. Als Gegenleistung haben sie ihre Schule vor drei Jahren für 1 Mio.€ sanieren lassen. Die Klassenräume werden während des Festivals zu Büroräumen umfunktioniert. Jedes Büro besteht aus einem mobilen Schreibtisch, vier Sesseln, einem Laserdrucker und einem Soundsystem mit vier Marshallboxen sowie einem Plasmabildschirm, auf dem tonlose kleine Livebilder von den acht Bühnen gesendet werden. Auf dem Schreibtisch von Thomas liegen drei ramponierte Laptops, drei verkabelte Iphones, Ladegeräte, ein kleines schwarzes Funkgerät und darunter ein Haufen Papier und Mappen zwischen mehreren Demosticks und CD´s zahlreicher Bands. Vor der Klassentafel ist ein bunter Lageplan des Festivalgeländes aufgehängt. Darauf hat ein Künstler die zahlreichen Campingplätze, Bühnen, Verkaufsstände und Eingangsbereiche für die 75.000 Besucher in Comicmanier eingezeichnet.

Thomas der Partner von Holger sitzt auf einem der schwarzen Ledersessel vor dem Schreibtisch und schaut aus der Fensterfront auf den Schulhof, auf dem Mitarbeiter und Fahrzeuge ankommen oder den Hof verlassen. Dahinter blickt er auf einen Bauernhof, auf dem gerade ein Trecker mit einem hydraulischen Baggergerät Mist ablädt. Daneben grasen Kühe auf einer eingezäunten Weide. Dahinter führt die Dorfstraße Richtung Schwimmbad. Beide sprechen über die anstehenden Acts des heutigen Abends. Die wichtigste Band ist Motörhead mit Lemmy.

„Ich hoffe, dass Lemmy sein Konzert durchsteht. Als es heute Mittag ankam, sah er krank aus,“ meint Holger sorgenvoll und krault sich mit der linken Hand seine lange blondierte Lockenpracht. Er nutzt seine Lesebrille als Haarspange, die er über seine Geheimratsecken hochgeschoben hat. Um sein Körpergewicht zu überdecken, trägt er ein weites schwarzes Hemd mit einem Wacken-Logo.

„Holger“, meint Thomas grinsend,“ mit Lemmy war bei allen Konzerten irgendetwas, entweder hatte er was eingeschmissen, war bekifft oder besoffen. Seine Shows hat er aber immer erste Sahne hinbekommen. Die Fans waren jedes Mal begeistert.“

Holger nickt, trinkt einen Schluck aus seiner Wasserflasche und meint: „Deine Worte in Odins Ohr. Er ist jetzt fast 70 und nicht mehr so fit wie früher.“ 

Thomas versinkt in Gedanken und lacht, als ihm einfällt, dass Lemmy vor fünf Jahren mit seiner Band direkt vom Flughafen in den Saunaclub Itzehoe gefahren war. Am nächsten Tag musste er vom Puff direkt auf die Bühne gebracht werden. Sein Konzert aber war super. Holger schaut Thomas fragend an.

„Die Puffnummer“, erklärte Thomas und nun müssen beide grinsen.

Mit dem Gitarrenriff ` Smoke on the Water ` summt ein Iphone auf dem Schreibtisch.

„Ja“, meldet er sich kurz.

„Wieso verschwunden? Dann sucht ihn. Viele Möglichkeiten gibt es ja Backstage nicht. Informiert die Securities auf dem Infield und draußen im Dorf. Fragt auch in Itzehoe nach. Puff und Krankenhaus. Wenn ihr ihn findet, gebt mir Bescheid“, instruiert Thomas seinen Gesprächspartner genervt.

„OK, habt ihr schon gemacht. Fragt Phil und Mikkey von Motörhead wo er sein könnte,“ schlägt Thomas ruhig vor. “Ach so, die haben euch angerufen, weil sie mit ihm noch einen Song proben wollen? Scheiße, es ist jetzt halb neun, wir haben noch 90 Minuten Zeit. Ich vermute mal, dass er irgendwo ins Dorf ist und mit den Fans feiert. Ihr telefoniert jetzt nochmal alle Bierstände durch. Holger und ich suchen ihn auf der Hauptstraße.“  

                                                       ***

Ich bin jedes Jahr in Wacken. Vor einem Jahr hatte ich gleich nach Mitternacht online eine Karte für das Festival gekauft, obwohl noch nicht alle Bands zum Kartenverkaufsstart bekannt waren, aber ich verließ mich auf den guten Musikgeschmack der Festivalbetreiber. Nach nur 24 Stunden war Wacken ausverkauft. Wie immer.

Meistens bin ich in Wacken allein unterwegs, da meine Frau Metal-Musik nicht mag und meine Freunde keinen Bock auf Wacken haben. Meine Klamotten – kurze Cargo Hose, Unterhemd, Baseball-Cap, um den Bauch gebundenen Hoddie, festes Schuhwerk- sind standesgemäß schwarz.

Ich höre seit 1967 Rockmusik und liebe gitarren- und schlagzeugzentrierte Klangfarben. Bei Death Metal kann ich mich richtig entspannen, weil mich ich die kritische Weltsicht der Bands teile.  Ich mag die tief gestimmten Gitarren, das schnelle Drumming, den guturalen Shouts mit Songtexten, die die Unzufriedenheit über Politiker, Krieg, Menschenverachtung und übermäßigen Konsum anprangern. Oftmals werden auch heroische Heldengeschichten der Wikinger oder Fantasiegestalten besungen. 

 Ich schaue mich auf der Hauptstraße um. Wo ist der nächste Bierstand? Auf der Straße sind alle Kneipen, Fress- und Getränkestände von unzähligen saufenden, singenden, lachenden und grölenden Metal-Fans umlagert.

Männer sind in der Überzahl, sie tragen hauptsächlich Band-T-Shirts, kurze Hosen aber auch karierte Schottenröcke oder Fantasieverkleidungen wie komplette Hasenkostüme und Wikingerhelme sind zu sehen. Die jungen Metal-Frauen machen mit engen Hosen, T-Shirts, Röcken, Lederschmuck und viel Schminke auf sich aufmerksam, während die älteren Frauen funktionale Kleidung tragen.

Die meisten sind mit Partnern oder ihren Freundinnen gekommen und wollen drei Tage feiern, laute Musik hören und Spaß haben.  Niemand ist ohne Bierbecher unterwegs. Ich habe keine Lust, mich hinter den Menschentrauben an den Bierständen anzustellen. Wenn ich die wartenden Leute in der Bierschlange anschaue, verdurste ich schon allein durchs Hingucken. Ich brauche sofort ein Bier.

Der lange Fußmarsch vom Parkplatz, der in Wahrheit eine Kuhweide ist, auf der die verbliebenen Kühe von der Nachbarweide aus die kilometerlange Blechlawine wiederkäuend anglotzen, hat mich durstig gemacht.

Auf der linken Straßenseite sehe ich neben einem eingezäunten einstöckigen Wohnhaus aus roten Klinkersteinen einen provisorischen Bierstand vor einer baufälligen Garage. Hinter der Theke steht eine beschäftigungslose ältere Frau mit grauer Queen Elisabethlockenfrisur. Bevor andere Fans auf die gleiche Idee kommen, bewege ich mich eilig zum Bierstand. Die roten Klinker der Garage sind verwittert und mit grünem Moos bedeckt. Die Zufahrt ist mit Unkraut bewachsen, zerbröselte Pflastersteine enden vor einem offenen verrotteten Holztor. Davor stehen vier leere Partystehtische mit festgeklemmten Papiertischdecken. Die ältere Dame hantiert hinter der Bierzapfanlage mit einer Whiskeyflasche, spült Plastikbecher aus und stapelt sie auf das hinter ihr befindliche Regal, auf dem weitere Schnapsflaschen und aufgestapelte Plastikbecher stehen.

„Bier?“ fragt sie mich freundlich und unterbricht ihr Gespräch mit ihrem einzigen Thekengast. „Jo,“ antworte ich und verstehe, warum an ihrer Theke nichts los ist. Sie trägt eine bunte ausgewaschene alte Kittelschürze, darunter ein blaues Kleid mit weißen Pünktchen, das aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu stammen scheint. Ihr Outfit fällt aus dem Rahmen. Alle anderen Bierstandbesatzungen kleiden sich passend für Wacken in Schwarz und beschallen ihre Gäste mit Metal. Ihre hellen blauen Augen strahlen mich aus ihrem faltigen runden Gesicht herzlich an. Hier bin ich willkommen, denke ich.

Am Bierstand auf der anderen Straßenseite ist die Freundlichkeit der tanzenden jungen Mädels vor den wummernden Musikboxen dagegen geschäftsmäßig distanziert. Sie heizen ihr Publikum mit lockeren Sprüchen an und auf jeden Spaß haben sie die passenden witzigen Antworten, aber mit der natürlichen Freundlichkeit der älteren Dorfbewohnerin können sie nicht mithalten. Hier gibt es keine laute Musik, Wacköön!-Brüllereien, Saufgesänge oder Gespräche über das diesjährige Musikprogramm. Sie kennt vermutlich keine einzige Band, die dieses Jahr auf den Bühnen spielt.  Bei ihr werden Bier und Schnaps verkauft und fertig. Das gezapfte Bier stellt sie lächelnd vor mir auf die Theke.

„Drei,“ sagt sie leise. Ich lege einen Fünf-Euro-Schein hin,“ stimmt so“, antworte ich,“ auf dem Festivalgelände kostet Bier 4,00 € plus Pfand“.

„Thomas und Holger kriegen den Hals nicht voll“, lacht sie. „Beide kenne ich schon seit ihrer Geburt. Sind gute Jungs. Kommen hier aus der Straße und haben schon damals viel Blödsinn gemacht. Weil es im Dorf nie was für junge Leute gab, haben sie Musikgruppen hergeholt. Jetzt kommt jedes Jahr viel Geld nach Wacken. Ich verdiene in drei Tagen zu meiner Rente nochmal die Hälfte dazu. Das ist doch was, oder? Und dass, obwohl ich kein junger Hüpfer mehr bin. Dunkle T-Shirts mit tiefem Ausschnitt und lange schöne Beine kann ich nicht bieten und die Metallmusik finde ich nicht schön. Ist mir zu laut. Bei mir vor der Garage geht es gemütlicher zu als bei den jungen Deerns da drüben.“

Sie zeigt mit ihrem Finger auf die andere Straßenseite, schweigt kurz und fügt hinzu: „Abends kommen die Metaller und meine Nachbarn aus dem Dorf. Wir feiern zusammen. Sie sind freundlich und hilfsbereit und tragen manchmal sogar meine Bierfässer weg, helfen beim Fassanstich oder reinigen die Theke, wenn mal einer draufkotzt. Ich habe Spaß. Die nennen mich alle Muddi. Kannst du auch.“

 „Wie lange hat deine Garage abends auf?“, wechsele ich zum du.

„Joa, bis die letzten gehen, kann es schon mal drei werden“, lacht sie und wischt mit einem Lappen den sauberen Thekentisch noch blanker.

                                                           ***

„Dann lass uns ins Dorf fahren und Lemmy suchen“, sagt Holger zu seinem Partner, während sich auf seiner faltigen Stirn noch mehr Sorgenfalten bilden, “es wäre für uns ein Horror, wenn Motörhead heute nicht spielt, weil Lemmy weg ist.“ Mit dieser Bemerkung schält er sich stöhnend aus seinem Sessel.

Thomas nickt und steht ebenfalls auf, greift nach dem Iphone, das ständig das Ritchie Blackmore´s Riff abspielt, da zig Leute in diesem Moment etwas von ihm wollen und folgt Holger auf den Flur. Hier diskutieren und lachen schwarz gekleidete Männer und Frauen jeden Alters mit langen Haaren, Glatze oder Zöpfen. Einige sitzen auf dem Flurfußboden, trinken Kaffee, telefonieren englischsprachig mit ihrem Laptop auf dem Schoß, grüßen mit `Hy` oder `Moin`, verschwinden zu ihren Arbeitsplätzen oder sind auf dem Weg zum Festivalgelände. Die Mitarbeiter von Thomas und Holger sind das Herz des Festivals. Ohne ihre Euphorie und Lust eine gute Musikparty zu organisieren, wäre Wacken bei den Musikern und Fans kein Highlight. 

„Fahren wir mit dem Truck ins Dorf?“ fragt Holger.

Thomas nickt und grüßt einen älteren Mann, Mitte 50, Glatze, blasses Gesicht, im Vorbeigehen, „Hi Harry, was geht?“

„Das übliche, die Technik quält sich mit den Bandwünschen rum“, antwortet er und ist um die Ecke verschwunden. Harry ist für die funktionierende Technik auf den Bühnen verantwortlich. Irgendetwas an den Musikanlagen, der digitalen Übertragungstechnik und den Lichtsystemen geht immer mal kaputt, Techniker fallen aus oder Systemkommunikation funktioniert nicht. Harry behält in diesem Chaos den Überblick.

Sie laufen zum schwarzen Truck, auf dem auf beiden Fahrzeugseiten das Wacken Open Air- Logo riesengroß aufgeklebt ist. Eine kleine, drahtige Frau holt sie ein. Sie nimmt ihre John-Lennon -Sonnenbrille ab und fragt die beiden angespannt:“ Habt ihr ihn schon gefunden?“

Marilyn ist Engländerin, seit vielen Jahren für das Bühnenprogramm verantwortlich. Ihr oberstes Credo ist Pünktlichkeit und Genauigkeit der Bühnenperformances. Sie kennt alle Stars, lässt sich auch von den ausgefallensten Wünschen nicht aus der Ruhe bringen und sorgt dafür, dass die Bands zur geplanten Zeit auf den Bühnen auftreten.

„Nein Marilyn, alle sind alarmiert, wir fahren jetzt ins Dorf und suchen ihn,“ antwortet Thomas.

„Seht bloß zu, dass ihr ihn schnell findet, wir starten in einer Stunde mit dem Sound-Check, wenn er bis dahin nicht da ist, haben wir ein Problem“.

Holger sieht Marilyn an.

„Das Problem ist schon längst da!“ Er kneift ihr in die Schulter und läuft zum Auto, in dem Thomas auf ihn wartet. Sie fahren auf die Hauptstraße, die zu Festivalzeiten an der ersten Kreuzung mit Betonklötzen für den Durchgangskehr versperrt ist und winken den Securities und Polizisten aus den Seitenfenstern lässig zu. Die Mitarbeiter und Polizisten erwidern ihren Gruß. Wegen der ausgelassenen friedlichen Stimmung haben sie wenig zu tun und arbeiten gerne in Wacken.  Im Schritttempo fahren Holger und Thomas an den Fangruppen und an den alle fünf Meter aufgestellten Dixiklos vorbei. Die Mobilklos sind im Dorf genauso wichtig, wie jedes frisch gezapfte Bier.

Einige Fans erkennen beide und grölen:„Wackööon“!  „Thomas“! „Holger“! oder „Thomas und Holger“!

„Freut ihr euch auch auf Lemmy auf der `Louder`?“ fragt eine mehrfach gepiercte junge Metal-Lady im Schottenrock, Doc Martensschuhe und Fantasietattoos auf Armen und Beinen und schaut durch das Seitenfenster von Thomas. Sie kommt aus Hamburg, ist Sängerin einer Death-Metal-Band und arbeitet bei Aldi an der Kasse. In Wacken trifft sie jedes Jahr alle Freundinnen und Freunde, die sie hier kennengelernt hat.

Er lächelt, “Klar“, und etwas leiser zu Holger, „wenn wir ihn noch zu fassen kriegen“ und grüßt mit zwei gespreizten Fingern, während er vor dem Dorfhotel „Zur Post“ anhält. Thomas drängt sich durch den randvollen Biergarten zum Schankraum. Aus den Boxen röhrt `Wir haben Angst und sind allein` von Ramstein. Genauso fühlt sich Thomas.

Er quetscht sich an den Fans vorbei zur bierzapfenden Barfrau durch und ruft ihr mit zusammengefalteten Lautsprecherhänden zu:“ Hallo Rita, hast du Lemmy heute schon gesehen? Er soll in zwei Stunden auf der ´Louder` auftreten. Er ist weg.“

„Hi Thomas,“ antwortet sie und schaut gestresst auf,“ schön dich zu sehen. Nee, er war nicht hier, wenn er vorbeikommt, ruf ich durch,“ schreit sie über den Tresen hinweg und wendet sich wieder ihren durstigen Gästen zu.

Zwei ältere Typen bemerken Thomas und brüllen ihm zuprostend „Thomas!“ und „Wacköön!“ zu.

Sie sind mit ihrem Wohnwagen aus Stuttgart gekommen, haben Frauen und Kinder zu Hause gelassen, um drei Tage mit saufen, Musik hören und Blödsinn quatschen zu verbringen.

„Wacköön“, antwortet Thomas halbherzig und drängt sich mühselig in Richtung Ausgang.

 „Wann bucht ihr mal Ramstein, die Onkelz oder Metallica“, fragt ihn der ältere der beiden Stuttgarter in Metalkutte und einem Tattoo mit `Hundetotenkopf und Hörnern` von Motörhead im Nacken seiner Vollglatze.

„Wir arbeiten dran“, antwortet Thomas, „die Gagen sind sauhoch, mal sehen, ob wir sie irgendwann holen können. Bis bald“. Er geht zum Wagen zurück.

Holger telefoniert in der Fahrerkabine über die Freisprechanlage und macht dabei einen entspannten Eindruck.

„Er ist bei Muddi? Ist er da noch?“ fragt er. „Bleib wo du bist, wir kommen hin und holen ihn ab, bis gleich“ sagt Holger und beendet das Telefonat.

Thomas Anspannung legt sich, er trinkt einen Schluck aus dem angebotenen Bierhumpen eines Metalfans, und sagt rülpsend,“ Fahr los, bevor wir ihn wieder verlieren“.

Um den Wagen bildet sich eine Fantraube. Sie schreien durcheinander, beugen sich auf beiden Seiten durch die offenen Fenster der Fahrerkabine, prosten ihnen mit ihren halbvollen Bierbechern zu, wobei Holgers Hose von einem heruntergefallenen Bierbecher eingesaut wird.

„Holger, ihr macht das Klasse, ich komme seit 1995 zum Festival. Damals noch in der Kuhle, erinnerst du dich? Das waren Zeiten. Ich hab damals für das Festival 30 DM bezahlt, jetzt 250 €. Irgendwann kann ich mir das nicht mehr leisten,“ meint ein grauhaariger alkoholisierter Mann mit Stoppelhaarschnitt, schwarzem Unterhemd und kurzer Hose. Er ist aus der Gegend, arbeitet auf der Kieler Werft, liebt Bier und harte Musik.

„Wir arbeiten dran“, meint Holger abwesend. Sie lächeln, antworten auf Sprüche der Fans und fahren mit dem Auto vorsichtig auf der Hauptstraße weiter in Richtung Muddis Garage.

                                                           ***

Der ältere Typ neben mir an der Theke hat bis jetzt noch gar nichts gesagt. Er schaut Muddi und mich lächelnd an, nippt an seinem Whiskey und beobachtet das Treiben an den anderen Ständen. Seine Kleidung besteht aus einem dunklen Jeanshemd mit hochgekrempelten Ärmeln, einem schwarzen Hut mit Texaskrempe. Vorne drauf sind gekreuzte Yankeeschwerter mit einem Totenkopf drauf. Er ist klein, große Ohren, lange Koteletten, die in einen Oberlippenbart übergehen und unter dem Hut sprießen lange graue Haare hervor. Um den Hals trägt er ein Lederhalsband mit einem Eisernen Kreuz und an beiden Unterarmen verblassen uralte Tattoos, die Indianerfedern, einem Stern und einem Adler und goldene Armkettchen und das Pik mit seiner Losung `Born to loose`und `liv to win` abbilden.  An der rechten Backe hat er zwei riesige runde Warzen. Ich schaue ihn mir etwas genauer an und denke, das kann doch nicht sein. Ist das Lemmy? Lemmy, die Ikone der Metal-Szene? Der passt doch eher an den Bierstand mit den hübschen Rockladies. Was sucht er an Muddis Bar, wo tote Hose ist? Nein, der Typ ist bestimmt ein Lemmy-Fan, der sich für das Festival als sein Double verkleidet hat.

„Lemmy spricht nur Englisch,“ sagt Muddi, als sie mein Interesse an ihrem Gast bemerkt und deutet mit dem Daumen auf den älteren Typ,“ meistens nuschelt er. Früher haben wir in der Schule kein Englisch gelernt. Wenn er redet, ahne ich immer nur, was er will. Meistens liege ich aber richtig.“

Also doch, der Kerl neben mir ist tatsächlich Lemmy Kilmister von Motörhead. Seine unverkennbare tiefe Whiskeystimme und sein Bass-Sound haben Musikgeschichte geschrieben. Irre, ich stehe hier neben dem beliebtesten Musiker unserer Szene. Er spielt heute auf der `Louder Stage.

„Ich sagte schon“, setzt Muddi wieder an, „mit Englisch ist bei mir nix, aber irgendwie kriegen Lemmy und ich das mit Händen und Füßen immer hin, nicht wahr Lemmy?“. Muddi schaut Lemmy an und schiebt ihm freundlich seinen Hut auf die Nase. Lemmy und Muddi lachen, während er seinen Hut wieder in die ursprüngliche Position rückt.

“Noch one Whiskey, Lemmy? “ ,fragt Muddi, schaut ihn an, beugt sich flink über die Theke und boxt ihn auf seinen nackten linken Oberarm.

Lemmy sieht uns an und grinst,“ Don´t understand what you mean, Muddy, but I´m sure, you will be right.“ Er hebt sein Glas und trinkt es aus,“Prooost Muddy, give me another one.“ –

„OK, Lemmy, but drink nicht so viel“, meint sie, nimmt eine halbvolle Flasche Scotch-Whiskey hinter sich aus dem Regal und gießt sein Glas wieder voll.

„Thanks Muddy,“ lächelt er und trinkt.

„Mensch Lemmy, you make Musik heute Abend. That is der letzte whiskey!“ schimpft Muddi, schaut ihm in die Augen und schüttelt der Kopf.

„Nice old lady, isn´t she?“ nuschelte er.

„I don`t think you are at Muddi`s bar for the first time?“ frage ich ihn.

 “No, when I`d been the first time in Wacken I went into the village and find Muddy at this place“, erklärt er mir. „when I been in Wacken fort he first time, I went into the village and found Muddi at this place. She can`t speak English. I can`t speak German. Not crowd here and her whiskey is fine. So what?“

Ich bin überrascht und frage,“ she does not know, that you play Rock`n Roll?“ – 

Er lacht „She knows that we play with our Band in Wacken. But she has no idea what kind of music we perform on stage tonight.“

Ich halte Muddi nickend meinen leeren Becher hin.

„Noch eins?“ fragt sie, bedient den Zapfhahn und füllt einen bereits halbvollen Bierbecher nach, so dass der weiße Schaum über den Becherrand schwappt. Ich bekomme den tropfenden Bierbecher über die Theke gereicht.

„Danke Muddi,“ sage ich und schiebe ihr noch einen Fünfer zu, der gleich von Biertropfen durchnässt wird.

„Alles klar, wie heißt du, min Jung“? fragt sie

„Angelo.“

“Was das denn für´n Name, bist du Italiener?“

„Nein Schweizer, aber hier geboren.“

 „Ich war auch schon mal in der Schweiz zum Wandern mit meinem Verstorbenen. Ist schön da. Möchte mal wieder hin.“

 „Wenn mehr Leute an deinen Stand kommen, dann kannst du schon mal ein gutes Hotel in der Schweiz buchen,“ lache ich sie an.

Das Bier wirkt langsam. Ich werde lockerer.

„What did she say,“ fragt mich Lemmy.

„I told her, that I`m a Swiss citizen, but have lived for long time in Germany. She told me, that she loves Switzerland and likes the idea to visit Switzerland again.“

 „Sure, nice country,“ nuschelt Lemmy, trinkt den Rest seines Whiskeys aus und hält Muddi sein leeres Glas hin.

„Lemmy, du musst noch auftreten, you have play with your Gitarre auf der Louder Stage,“ schimpft sie ihn aus.

„Yeah Muddy, let`s go together on stage.“ Er schaut auf sein Smartphone,“ in half an hour I´ve to go. Enough time for another whiskey Muddy?“

 Muddi schaut mich an.

“Er nuschelt eigentlich immer dasselbe unter seinem Hut. Whiskey, Whiskey, Whiskey. Wie kann man nur so viel saufen? Und steht immer noch gerade.“

Sie zeigt auf die fast leere Whiskeyflasche hinter sich. “

Er hat die Flasche alleine ausgetrunken“.

„In einer halben Stunde muss er los“, erkläre ich ihr,“ er sagt, er will dich auf die Bühne mitnehmen“.

Er nickt Muddi freundlich lachend zu. Sie beugt sich über die Theke, schüttet Lemmy`s Whiskeyglas voll und lächelt ihn ebenfalls an.

„Baggerst du mich auf meine alten Tage noch an, du verrückter Kerl? 20 Jahre kommst du in meine Garage. Aber auf die Bühne mitkommen you not say to me all die ganzen Jahre“.

Lemmy grinst und nimmt einen Schluck Whiskey.

„I know what you mean.“

„Hör auf damit, Lemmy“, schimpft Muddi,“ sonst schmeiße ich dich vom Hof“. Was soll ich alte Schachtel auf der Bühne vor so vielen Leuten? Nee, nee, lass man Lemmy, mach du das alone for you. Du kannst gut Gitarre spielen und ich verkaufe hier vor meiner Garage Bier und Schnaps. Dabei bleibt´s. Ich gehe nicht mit“

„She doesn´t like your idea to go on stage, Lemmy,“ sage ich zu ihm.

Er lacht laut und erwidert, „It was a joke. Louder Stage is to0 much for her. She`ll get anxious, when it`s crowded in front of the stage. Here it´s OK for her. She is a good barmaid and no groupy.“

Er nickt uns lachend zu und holt aus der Tasche seiner Lederweste umständlich eine Rolle Geldscheine raus.

„Give me 80 Euro für die Whiskeybottle“, sagt Muddi zu Lemmy, als sie merkt, dass er zahlen will.

Lemmy legt vier 50er auf die Theke, grinst Muddi an, tätschelt ihre Wange. Sie lächelt.

“ No,no Lemmy, das ist to much“, nimmt zwei Scheine und steckt die anderen beiden in seine Lederweste zurück.

„OK Muddy, I`ve to leave you until next Wacken.“

Zu mir sagt er: „See you guy“, und klopft mir auf die Schulter.“I forgot your name?“

Ich schaue ihn an und antworte,“ My name ist Angelo, I´ll see you on stage in two hours, Lemmy. I hope, you`ll have a lot of fun on stage!“

„Thank you, Angelo, nice to meet you“, sagt er.

„Tschüss Lemmy bis zum nächsten Mal,“ verabschiedet sich Muddi.

Lemmy klopft nochmal auf den Tisch, trinkt sein halbvolles Whiskeyglas aus und will zur Straße gehen. Einige Fans sind auf ihn aufmerksam geworden und rufen aufgeregt, „Da ist Lemmy, da drüben! Da auf dem Hof.“

 Sie können ihr Glück kaum fassen. Zuerst stehen sie bewegungslos da und zögern, dann rennen einige wie nach einem Startschuss auf den Hof und umringen Lemmy.

„OK, OK, I`ve to go on stage, guys,“ ruft er und will weitergehen, „there is no more time for drinks with you“.

 In diesem Augenblick nähert sich Muddi schimpfend den Fans, die Lemmy auf die Pelle gerückt sind und brüllt mit erhobenen Fäusten:

“ Lasst Lemmy zur Bühne gehen, der hat gleich einen Auftritt. Wenn ihr ihn nicht sofort durchlasst, bekommt ihr Ärger mit mir. Runter von meinem Hof“.

Sie schaut einige Fans kampfeslustig an. Erschrocken meckern einige herum, verlassen aber dann den Hof. Sie wollen feiern und keinen Ärger mit Muddi haben. Übrig bleiben der verblüffte Lemmy und ich.

„Muddy, thanks for saving me. I think, it´s better for everyone at this place to go on stage now,“ lacht er, und zeigt mit einer Hand in Richtung `Louder Stage`.

Muddi geht auf ihn zu und verabschiedet sich voller Rührung.

“Auf meinem Hof habe ich das Sagen. Wer sich nicht daran hält, bekommt es mit mir zu tun“.

Muddi küsst ihn auf die Wange, macht aber den Fans vor dem Hof mit einer abweisenden Handbewegung deutlich, dass sie sich fernzuhalten haben. Vor dem Hof stehen haufenweise Fans, die sich mit Bier, Gesängen und Fotoshootings gemeinsam darüber freuen, dass Lemmy hier ist.

                                                           ***

Holger und Thomas fahren auf der Hauptstraße im Schritttempo an den Fans vorbei. „Wir sammeln Lemmy bei Muddi ein und bringen ihn backstage“, sagte Thomas,“ bis zum Auftritt werde ich keinen Millimeter von seiner Seite weichen“. Holger nickt nervös, weil er mit dem Truck in der Menschenmenge nicht richtig vorankommt.

                                                           ***

Lemmy ist von vielen Fans umringt und hat keine Chance von der Theke wegzukommen.  Er bleibt mit einem Whiskey in der Hand an der Theke stehen und hat keine Ahnung, wie er noch rechtzeitig zu seinem Konzert auf die Bühne kommen kann. „Wacköön“, brüllt mich ein langer Kerl mit freiem Oberkörper, auf der Brust ein Riesenschlangentattoo, kurzer Hose und Militärstiefeln an und prostet mir mit seinem Bierbecher zu. Er ist in der Nähe bei der Bundeswehr stationiert und braucht mal eine Auszeit. Ich brülle ihn mit einem „Wackööön“ zurück. „Man, Lemmy ist hier bei uns und hat uns eine Runde ausgegeben,“ schreit er.

Er riecht nach Schweiß und Bier. Eigentlich müsste ich längst auf dem Weg zum Festivalgelände sein, um Motörhead zu sehen. Ohne Lemmy können sie aber nicht auftreten. Der flirtet gerade mit einigen Ladies an der Bar. Ich muss noch nicht los. Während Muddi die Getränkewünsche der Durstigen einen nach dem anderen in aller Ruhe abarbeitet, hat sie für jeden ein gutes Wort und vor allen Dingen den Überblick.

Ein Truck hält vor dem Hof an der Straße, zwei Männer steigen aus und kommen an die Bar.

                                                           ***

Thomas drängelt sich durch die Menge, klopft Lemmy auf die Schulter und ruft „Lemmy!“

Lemmy freut sich, Thomas zu sehen und fragt,“ Hi Tom, did you miss me? Is it time for stage?“

Thomas nickt, zeigt auf den Wagen.

“ Let´s drive backstage, our truck is over there“.

Lemmy grinst.

“ Tom take a last drink with me!“

Thomas ziert sich,“ Holger is waiting for us, we can`t stay with our car on this crowded road any longer, come on Lemmy let´s go.“

„OK, Muddy, give us another drinks,“ ruft Lemmy ihr zu.

Drei Whiskeys stehen umgehend auf der Theke. Thomas winkt Holger aus dem Truck zur Bar.

 „Cheers“, ruft Lemmy, alle drei trinken den Whiskey in einem Zug aus und stellen die leeren Gläser auf die Theke.

„Muddi, schreib´ einen Deckel, wir müssen los“, ruft Thomas und will mit Lemmy durch die Menge feiernder Fans zum Wagen gehen. Ein junger Kerl in einem blauen Superman-Kostüm mit rotem Umhang springt auf Lemmy zu. Er lernt im wirklichen Leben auf dem Hof seiner Eltern im Nachbardorf den Beruf „Bauer“ und ist von zu Hause wegen Wacken abgehauen. Er musste einfach mal aus dem Kuhstall raus.

„Lemmy, schön, dass ich dich hier treffe, sing `Ace of spades` this night for me. Don´t forget `Heros´ from your last album.“

Thomas reagiert genervt,“ Lemmy muss jetzt los.“

„Und was ist mit meinen Songs?“ fragt Superman frech.

„I`ll play those songs for you tonight“, beruhigt Lemmy.

„Thanks so much, Lemmy, I love you“, erwidert Superman. Sie umarmen sich. Dann steigt er schwerfällig in das Auto. Holger fährt sofort im Schritttempo los, während Superman noch einige Meter mitläuft.

„Are you worried, I get lost“? fragt Lemmy lachend und umarmt Holger, während dieser versucht, an den Festivalbesuchern vorbeizufahren. Lemmy riecht wie ein Whiskeyfass.

„No, but nobody had an idea, where you had gone“, meint Holger,“ so we decided to look for you in the village.“

„OK, I`m back from village, let´s ride backstage and play music,“ grinst Lemmy und sie fahren backstage hinter die Bühne.

                                               ***

Die Zugänge zum Festivalgelände bestehen aus mehreren Passagen, an denen Securities in blauen Shirts die Bändchen checken und darauf achten, dass keine gefährlichen Gegenstände mitgenommen werden. Da ich nur Mütze, T-Shirt, kurze Hose und einen Hoddie dabeihabe, lässt mich die ältere Frau mit Brille und pink getönter Lockenfrisur freundlich lächelnd passieren. Sie kommt aus Neumünster, Rentnerin, mag die Musik von den älteren Rockbands und freut sich, in Wacken dabei zu sein.

Auf den Kuhweiden stehen drei monströse schwarz eingehüllte Bühnen mit den Namen `Harder`- `Faster`- `Louder`, auf denen das Musikprogramm läuft. Davor und an den Bier- und Fressständen halten sich dreißigtausend Menschen auf. Sie hören und sehen der gerade spielenden Band zu. Das Wiesengras ist schon nach dem ersten Festivaltag runtergetreten, hat eine strohige Farbe angenommen und riecht nach altem Heu.  Die Motörheadfans haben sich schon vor der `Louder`-Bühne platziert, auf der in einer halben Stunde das Konzert beginnen soll. 

Immerhin regnet es dieses Jahr nicht, denke ich. Im letzten Jahre hatte sich das Gelände aufgrund mehrtägigen Regens in klebrigen stinkenden Schlamm und Matschpfützen verwandelt, so dass die Bühnen nur noch mit Gummistiefeln zu erreichen waren. Mit taten damals die Camper leid, die mit ihren Zelten abgesoffen waren.

Zwischen den Bühnen grüßt mich der riesige Wackenschädel. Da es jetzt dunkel ist, brennen aus dem Schädel helle Flammen in rotgelber Tönung über das Gelände und verwandeln die vor der Bühne stehenden Fans in teuflisch gespenstische Färbungen.

Auf der `Harder`-Bühne spielt gerade eine Band. Aus den Boxen dröhnen Gitarrenriffs zu mir herüber. In den bunten Nebelschwaden ist die Bühne in helles weißes und blaues Licht gehüllt. Ab und zu schießen rote Pyroflammen in den Himmel. Die vor der Bühne stehenden recken begeistert ihre Arme in die Höhe und jubeln den Musikern zu. Auf riesigen Bildschirmen sehe ich nur die Gitarre und die spielenden Hände des Musikers. `Nazareth` spielt ihren größten Hit `Morning Dew` aus den 70ern.

Ich bewege mich wie im Traum an den stehenden und sitzenden Menschen vorbei und versuche möglichst nah der `Louder`- Bühne zu kommen. Mein Gedrängel stößt nicht auf Zustimmung, aber ich ignoriere den Unmut und schaffe es bis auf 30 Meter an die Bühne. Im Gänsemarsch laufen Fangruppen in der Hoffnung auf gute Plätze an mir vorbei. Eine Gruppe wird von einem langhaarigen jungen Latino mit nacktem Oberkörper angeführt. Er bewegt sich mit erhobener Hand, um seine ihm folgenden zehn Freundinnen und Freunde nicht zu verlieren. Die Bühne ist mit einem schwarzen Vorhang verhüllt. Unter Jubel kündigen auf den Bildschirmen visuelle Spielautomaten mit Glockengeläut und Maschinengeklingel Motörhead an.

Der Vorhang fällt, die Scheinwerfer in gleißendem rotem und weißem Licht, beleuchten die riesige Marshall-Lautsprecherbatterie. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als den ersten Song.  Auf einem Podest steht der Drummer in schwarzer Boxerhose und weißem Unterhemd hinter seinem Schlagzeug und begrüßt das Publikum mit hochgehaltenen Sticks. Davor sprintet der Gitarrist über die riesige Bühne und winkt. Die Drums geben den Takt an. Phil bearbeitet seine Gitarre mit einem kurzen Riff, dann kommt Lemmy unter mörderischem Jubel, fliegenden Bierbechern, freudig hüpfenden Fans und `Lemmy`-Rufen hinter einer Marshallbox hervor. Er winkt, während seine Bassgitarre von einem Roadie eingestöpselt wird, geht zum Mikrofonständer und sagt, was er vor jedem Konzert sagt „We are Motörhead. We come from England and play Rock`n Roll“.

Der Jubel wird vom ersten Song `Bomber` übertönt. Danach folgen `Dr.Rock` und `Overkill`. Vorne an der Bühne haben sich Fans zu einem Circle Pit versammelt, einem großen Kreis, in dem sie sich gleich zur Musik wild tanzen, hüpfen und sich gegenseitig umstoßen werden. Nach dem basslastigen Rhythmus von Lemmy tanzen sie und versuchen sich durch gegenseitigen body-checks umzuwerfen. Die ersten crowd-Surfer werden hochgehoben und von vielen Händen zur Bühne durchgereicht. Dort werden sie von kräftigen Ordnern aufgefangen und runtergehoben. Nach `Overkill´ geht Lemmy ans Mikro und ruft der jubelnden Menge zu, “Nice to be back in Wacken my friends. Are you ready for our next songs?“ Ich höre zustimmendes Gebrüll.

„Can you tell me, where is my dear friend Angelo? He told me this afternoon, that he`ll join my concert tonight. Tell me, were is Angelo? Search him for me, please.“

Ich schaue mich um. Was macht Lemmy da? Er fragt nach mir!

Mittlerweile rufen viele Fans „Angelo!“ – „Angelo!“

Völlig geschockt sage ich leise,“ ich bin hier.“ Dann etwas lauter in Richtung der um mich herumstehenden Fans,“ Hier, ich bin Angelo. Lemmy meint mich!“

 Zwei jüngere Metal-Heads drehen sich zu mir um und einer fragt mich:“ Bist du das wirklich?“

„Ja, klar, ich habe ihn heute Nachmittag an einer Bar getroffen. Was will er denn von mir“? – „Das musst du jetzt herausfinden“, antwortet ein dicker, langhaariger Fan und bevor ich etwas erwidern kann, haben mich vier Metaller hochgehoben und gröhlen:“ Hier ist Angelo! Lemmy will ihn auf die Bühne haben.“

Lachend drehen sich einige Fans um, packen mich und schieben mich mit dem Rufen „Hier ist Angelo“ weiter zur Bühne. Unter „Angelo“ – „Angelo“-Rufen kommt die Bühne immer näher. Ich werde von den Fans auf Händen getragen. Ich schließe meine Augen und fühle die vielen Hände, die Gewissheit nicht fallen gelassen zu werden, Urvertrauen, die mich tragenden und ich sind eins mit der Musik.

Viele Hände packen mich und tragen mich in Richtung Bühne.  Zuckende pink und violett leuchtende Stroboskopscheinwerfer stahlen mich an. Die Ordner übernehmen mich an der Absperrung und führen mich unter dem Jubel der Fans auf die Bühne. Ich schüttele Phil die Hand, er haut mir auf die Schulter und ich stehe mit schlotternden Knien vor unzähligen Fans neben Lemmy am Mikro.

Er freut sich, das ich vor ihm stehe und krächzt in Mikro,“ Thank you folks, for sending my dear friend Angelo!“

Allgemeiner Jubel und Lemmy- und Angelo Rufe. Lemmy legt mir seinen Arm um die Schulter und fragt,“ Do you want to hear a cool song, Angelo?“

Fünf Sekunden bringe ich keinen Ton raus. Totenstille vor der Bühne.

„Äh, ja, OK Lemmy, play `Ace of spades` and `Heros`,“ bringe ich aufgeregt heraus.

„OK, Angelo, we play these songs. They are dedicated for you“.

Um mich herum sehe ich alles verschwommen. Mir ist ganz flau im Magen. So habe ich mir das Konzert von Motörhead nicht vorgestellt. Phil schlägt den Takt an und Lemmy setzt mit seinem Bass ein.     

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

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