Warten

von Angelo Wehrli

„Das ist also die Hölle?“, fragte sich Arno und beäugte die Grotte, aus der ein endlos langsam wandernder glühender Lavastrom herausfloss. Die Lava war die einzige Lichtquelle in der riesigen Höhle. Es war heiß und stickig. Am Rande des Lavastroms stolperte er inmitten einer Menschenmenge einen holprigen Steinpfad entlang. Überall blubberte und qualmte es. Es roch nach Fäulnis und Schwefel. Die wabernde Lava Glut spiegelte sich in den unsicher und verängstigt umherblickenden Gesichtern der Menschen wider. Arno hatte den Eindruck, dass hier Zehntausende auf Einlass in die Hölle warteten. Die Leute in seiner Umgebung verhielten sich unfreundlich und gemein. Die Stärkeren stießen die Schwächeren beiseite. Mit Glück wurde man nicht misshandelt oder geschlagen.

„Lasst mich hier raus“, schrie eine eingeschüchterte Frau aus der Menge und stieß einen alten Mann in die glühende Lava. Sein Körper löste sich sofort in Dampf auf.

„Wenn du willst, kannst du dem Kerl schnell folgen. Ein Wort und du bist nur noch Rauch“, drohte ein grinsender Rockertyp gelangweilt und schupste die Frau an den Rand des Lavastroms. Sie musterte den Rocker abschätzig und zischte,“ Versuch’ es mal, dann steche ich dich ab“, und zeigte ihm ein matt glänzendes Kampfmesser mit einer 15 cm langen Klinge und drängelte sich durch die wartende Menge außer Sichtweite.

„Frauen!“, seufzte der Rocker, schaute Arno an und zuckte fragend mit seinen nackten Schultern, „Man muss sie hart anfassen, sonst verlieren sie den Respekt vor dir.“ Der Rocker war glatzköpfig, am ganzen Körper tätowiert, muskelbepackt und trug Lederklamotten.

Die Höhle hatte die Ausmaße eines riesigen Flugzeughangars. Zweckmäßig, kahl und steril. Passend für große Menschenansammlungen.

„In welche Abgründe bin ich hier nur reingeraten“, dachte Arno, „ich wollte ja unbedingt hierher. Aber dass es schon am Eingang so schlimm zu geht, hätte ich nicht gedacht. Was sind das bloß für Typen, die hier rumlungern? Wo kommen die alle her?“

Im selben Moment wurde Arno von einem dicken Kerl mit karierten Golfhosen von hinten am Hals gepackt.

“Lass‘ mich vorbei, und zwar sofort!“, forderte er Arno im Befehlston auf.

Da Arno sofort begriffen hatte, dass man sich hier nur mit roher Gewalt behaupten konnte, drehte er sich um und trat dem Kerl in den Bauch. Der ging in die Knie, hielt sich mit beiden Händen den Bauch und grunzte schmerzverzerrt,“ Weißt du nicht, wer ich bin?“, Arno ignorierte die Frage und ging weiter. Der Kerl stand wieder auf, packte Arno an der Schulter und meckerte, „Du kannst erst gehen, wenn ich es dir sage“. Arno schüttelte den Kerl ab und rückte in der Warteschlange auf.

Der Dicke verfolgte Arno. „Was hast du überhaupt zu bieten, um hier reinzukommen? Was?“ wetterte er, „Lass‘ mich in Ruhe, sonst wird es dir noch leidtun“, antwortete Arno.

„Was hast du verbrochen?“, fragte der Dicke unbeirrt.

Einige Wartende fragten leise,“ Ist das nicht Donald Trump?“ Der dicke Kerl hatte seine Fassung wiedergewonnen. „Ohne meine Zustimmung kommst du hier sowieso nicht rein. Respektiere mich und ich vergesse deine Unverschämtheit“.

Als Arno keine Reaktion zeigte, winkte er ab und schimpfte,“ Jetzt lassen sie hier schon die letzten Weicheier rein“, und verschwand in der Menge.

„Dieses Arschloch“, bemerkte der Rocker, der Arnos Meinungsverschiedenheit mitbekommen hatte. Arno nickte abwesend und dachte,“ Einer ist hier schlimmer als der andere.“ und bewegte sich wortlos Schritt für Schritt in der Warteschlange Richtung Checkpoint.

Je näher Arno dem Checkpoint kam, wuchs die Unruhe in der Menge und umso massiver wurde von der Menge von hinten gedrückt und geschoben. Alle wollten den Kontrollbereich schnell hinter sich lassen. Etliche Menschen stürzten oder wurden rücksichtlos plattgetreten.

In der Nähe des Empfangstresens prügelten bewaffnete Sicherheitsleute auf einen bärtigen Mann ein, der mit einem weißen langen Leinenhemd und Turban bekleidet war.

Der Empfangschef, ein kleiner Mann mit dunkelhaarigem Seitenscheitel, Oberlippenbart und brauner Uniform erklärte dem Vollbart: „Sie kommen hier nicht rein. Wir haben hier genug Leute Ihres Kalibers, die eine neue Weltordnung schaffen wollen. Mit denen haben wir schon alle Hände voll zu tun. Suchen Sie sich eine andere Bleibe.“

„Aber ich bekämpfe doch auch das Judentum, so wie Sie vor hundert Jahren“, jammerte der vollbärtige Turban Träger.

„Schnee von gestern“, meckerte der Mann,“ der Nächste bitte.“

Mit Tränen in den Augen und hängenden Schultern lief der Mann an Arno vorbei. Der Schaft seiner Kalaschnikow streifte dabei Arnos Schulter.

„Der versucht es immer wieder,“ meinte der Rocker, der sich zu Arno durchgedrängelt hatte“, ‚Mohamed‘ will diesen Osama bin Laden nicht in seinem Paradies haben und hier unten haben sie Angst, dass er eine Terrorzelle gründet.“

Arno klopfte dem Rocker auf die Schulter und meinte,“ Du kennst dich doch hier gut aus? Wann kommen wir denn endlich rein?“

Der Rocker ergriff Arnos Hand, schüttelte sie und stellte sich vor: „Ich heiße Achim Schulz, war in meinem früheren Leben Rockerboss in Hamburg St. Pauli und versuche seit drei Jahren in die Hölle reinzukommen.“

„Arno Strobel, mein Name“, stellte er sich ebenfalls vor, „woran hakt es denn?“

„Meine Akte ist eigentlich tiefschwarz. Mehrfacher Mörder, Menschenquäler und Frauen Unterdrücker. Eigentlich ein Freibrief für diesen Ort. Die haben zurzeit keine Höhlenparzelle für mich frei. Sie sind überfüllt und können keinen mehr aufnehmen. Das ist auch der Grund dafür, dass hier alle so nervös sind.“

Arno schaute Achim an, „Ja und wie geht es für dich weiter?“

„Angemeldet bin ich und warte, bis ein Platz frei wird.“

Ungläubig antwortete Arno, “Ich dachte, dass wir hier für immer bleiben können.“

„Da bist du schief gewickelt, mein Lieber. Nach zwei Jahren Aufenthalt werden die Insassen in die glühende Lava geworfen.“

„In die glühende Lava geworfen?“ wiederholte Arno fragend.

„Ja, was denkst du dir denn. Wie lange existiert die Welt. Zwanzigtausend Jahre und mehr? Was meinst du, wie viele in der Zeit hier gelandet sind? Wenn die Insassen nicht verbrannt werden würden, wäre hier kein einziger Platz mehr frei.“

Aus einem Lautsprecher über dem Eingangs-Container schnarrte eine blecherne Stimme, „Achim Schulz, Wartenummer 10.425.321, bitte zu Empfang kommen: Es ist ein Platz für sie freigeworden.“

Achim lächelte, „Arno, du bist mein Glückbringer. Wir sehen uns drüben“, und verschwand in der Menge.

„Eine Wartenummer?“ überlegte Arno im Gedränge vor dem Empfangstresen, „ich habe keine Grausamkeiten begangen. Kann weder mit Morden noch mit Vergewaltigungen aufwarten. Die nehmen mich bestimmt nicht.“

„He Sie“, winkte ihn der Mann mit Oberlippenbärtchen zu sich heran, „kommen Sie, junger Mann. Wen haben wir denn da?“ Der Mann begutachtete Arno lächelnd. Arno nickte und trat an den Tresen. „Arno Strobel, am 24.1.23 in Hamburg verstorben. Zuletzt wohnhaft…“

„Ja, ja, ja“, winkte der Mann in brauner Uniform ab“, schon gut, schon gut. Habe Sie in der Liste gefunden. Ich kann Ihnen nur eine Warte-Nummer geben. Ihre Vergehen sind eine Firmeninsolvenz, Sie waren Kommunist und Quartalssäufer. Alles sehr dünn, mein lieber Freund. Sehr dünn. Auf unserer Warteliste sind z.B. ein Henker aus dem Iran, ein Atombombenbastler aus Nordkorea und der Chef der Wagnergruppe aus Russland. Das sind Kaliber, die wir gerne und sofort bei uns aufnehmen.“

„Dann wird es wohl schwierig hier unterzukommen“, fragte Arno enttäuscht.

„Mit diesen rücksichtslosen Verbrechern können Sie sich bestimmt nicht vergleichen. Gegen die sind Sie“, er fixierte Arno und lachte abschätzig, „ein Engel.“

Die herumstehenden Menschen hatten die Bemerkung des Empfangschefs mitbekommen und lachten Arno aus. „Ein Engel ist hier“, musste Arno sich aus der Menge anhören. Schadenfreude und Niederträchtigkeit waren hier angesagte Umgangsformen. Schwache und weiche Typen hatten in dieser Umgebung keine lange Halbwertzeit. Sie wurden schon weit vor dem Empfangstresen von den wirklichen Missetätern niedergemacht.

„Ruhe“, brüllte der Empfangschef mit einem rollenden R in der Stimme. Er klang fast so wie Till Lindemann von Rammstein.

„Ich gebe Ihnen trotzdem dieses Bändchen junger Mann, mit der Wartenummer 121.381.456“, streifte ein grünes Bändchen über Arnos Hand und knipste die Enden mit einer kleinen Zange fest.

Mit kalten dunklen Augen taxierte er Arno und wünschte ihm „Viel Glück auf den Weg zu uns“, drehte sich um und rief, „derrr Nächste bitte.“

„Hier reinzukommen, mit meinen bescheidenen Untaten? Aussichtslos!“ dachte Arno und sah sich um. Überall standen ungeduldig Wartende mit ihren grünen Bändchen am Arm und schauten auf die blinkende Anzeigetafel über dem Empfangscontainer:

10.428.633

10.428.632

10.428.631

10.428.630

10.428.629

10.428.628 surrte die Tafel die Wartenummern herunter.

Die glücklichen Inhaber der angezeigten Nummern liefen aufgeregt und zufrieden an den Securities am Empfangstresen vorbei.

„Ab in die Hölle“, dachte Arno und schaute den Durchgelassenen nach.

Eine junge Blonde neben Arno betrachtete ihre Bändchen Nummer und bemerkte mehr zu sich selbst, „Das wird hier nichts mehr. Ich suche mir woanders eine Bleibe.“ Arno sah sich ihre Wartenummer an, tippte ihr an die Schulter und sagte freundlich, „Immerhin Zehnmillionen Nummern vor mir.“

Mit einem verächtlichen Blick ging sie wortlos davon.

„Bekanntschaften kann man hier auch nicht machen. Jeder denkt nur an sich selbst“, dachte Arno und drängelte sich mühsam durch die Menschenmenge zum Höhlenausgang. Die heiße Glut des langsam wandernden und knirschenden Lavastroms war seine einzige Lichtquelle.

„He“, meinte ein alter Mann im Rollstuhl, „haben sie dich nicht durchgelassen?“

„Ne“, antwortete Arno und lief weiter. Vor der Höhle schnappte er erstmal nach frischer Luft und freute sich über die kühle Morgenluft und die hellen Sonnenstrahlen. Ihm wurde erst jetzt bewusst, wie schrecklich heiß und stickig es in der Höhle war. Seine Kleidung roch nach Moder, Rauch und Schwefel.

Arno schaute sich um und ging zum Info-Stand. Dort saß eine tätowierte ältere Frau mit grauen Dreadlocks und las in einem Buch. Arnos Schatten senkte sich über ihr aufgeschlagenes Buch, so dass die Frau erschrocken ihren Kopf hob und ihn fragend ansah.

„Ich habe in der Höhle am Empfang von einem Adolf-Double eine 121 Millionen plus x – Wartenummer bekommen. Wenn ich eine theoretische Wartezeit von einer Stunde ansetze, würde ich vermutlich noch in 80 Jahren warten müssen.“

„Ja, ich verstehe Sie“, sagte Frau, „wenn die Ihnen eine so lange Wartezeit zumuten, dann sind Ihre Aufnahmechancen gleich Null. Ich kenne das. Sie geben den Wackelkandidaten eine unmöglich lange Wartezeit, um sie loszuwerden.“

Sie hob entschuldigend ihre Hände, zuckte mit den Schultern und fragte, „Müssen Sie denn unbedingt zu den ganzen Übeltäter Innen. Gibt es für Sie keine Alternative? Sie sehen für mich nicht wie ein Ganove aus. Glauben Sie mir. Ich kenne mich aus.“  

Arno stützte seine Ellenbogen auf die Info-Theke und fasste sich verzweifelt an die Stirn.

„Versuchen Sie es doch mal ganz oben. Die Seilbahn ‚Railway to Heaven‘ steht dort drüben.“ und zeigte dabei auf die Abfahrtstelle. Er schaute über die Straße auf den kleinen Bahnhof. Dort standen alle von der Hölle abgewiesene Menschen. Es wurde geschimpft, gestritten und teilweise waren Handgreiflichkeiten zu sehen.

„Ich wollte nie in den Himmel“, sagte Arno mehr zu sich selbst, „unten in der Hölle sind doch die interessanteren Leute. Lemmy Kilmister von Motörhead, Janis Joplin, Bon Scott von AC/DC, Jimi Hendrix und Amy Winehouse.“

„Negativ“, antwortete sie lächelnd, „die sind hier nicht vorbeigekommen. Versuchen Sie es oben im Himmel. Ich vermute mal, dass Ihre Held*Innen dort sind.“

Arno lächelte, „Wenn das so ist, dann folge ich Ihrem Rat“, verabschiedete sich und reihte sich in der Menschenmenge am Seilbahnhof ein.

„Braucht man für den Weg nach oben auch ein Bändchen mit Wartenummer“, fragte er einen schlaksigen Mann, der neben ihm mit geschlossenen Augen an einem Baum lehnte. Der öffnete kurz seine Augen betrachtete Arno mit abschätzendem Blick und spuckte vor ihm auf den Boden.

„Wann fährt die Seilbahn denn hier ab?“, fragte Arno den Mann erneut. Er war dunkelhäutig, tiefliegende Augenhöhlen, abstehende spitze Ohren, dunkelrote kurze Haare, kreidebleiche Haut und schien einen Klumpfuß zu haben. Seine Kleidung bestand aus einem schwarzen Anzug, einem schmutzigen Doc Martens Stiefel am rechten Fuß und einer ausgebeulten alten Melone auf dem Kopf.

„Keine Ahnung“, antwortete der Kerl unwirsch.

„Warten Sie nicht auf die Seilbahn?“, fragte Arno.

„Kann sein, kann nicht sein!“, war diesmal die schmallippige Antwort.

„Mich wollten sie in der Hölle nicht haben“, versuchte Arno das Gespräch in Gang zu halten.

„Dann haben Sie nicht genug Dreck am Stecken. In meiner Hölle ist es mehr als voll. Ich weiß auch nicht, wie ich dagegen ankommen soll!“, seufzte der Kerl und ließ seinen Blick über die wartende Menge streifen,“ ich habe einfach keine Raumkapazitäten zur Verfügung und keiner unterstützt meine Hilferufe. Weder die da oben“, er zeigte in den Himmel, “noch die Lebenden auf der Erde.“

Genervt scharrte er mit seinem Pferdefuß über den kalten Lavaschotter.

„Früher konnte jeder, der wollte, bei uns unterkommen. Wartelisten gab es nicht“, sagte er und ergänzte,“ aber jetzt laufen hier haufenweise Massenmörder, Klimazerstörer, Psychopaten und Lügner herum. Wohin soll das noch führen? Ich komme gegen das Böse auf der Welt nicht mehr an“, und stöhnte leise, „aber wo sollen diese Ausgeburten an Bösartigkeit hin? Oben will sie sowieso niemand haben und die Lebenden auf der Erde wollen ihre Toten nicht zurückhaben.“

Arno schaute sich den unscheinbar wirkenden Kerl etwas genauer an und fragte,“ Wer sind Sie?“

„Entschuldigung, ich habe mich nicht vorgestellt. Ich bin Luzifer. Ich trage seit dreiundzwanzigtausend Jahren die Verantwortung für die Hölle.“

Arno zuckte bei der letzten Bemerkung seines Gegenübers zusammen und dachte, „Der Leibhaftige persönlich. Wow! Das ist meine Chance.“

„Mein Name ist Arno Strobel aus Hamburg“, stellte er sich Luzifer vor,“ es ist mir eine Ehre, Sie mal persönlich kennen zu lernen.“

„Schleimen Sie jetzt hier bloß nicht rum!“, ätzte Luzifer,“ ich kann Ihre noch nicht gestellte Frage schon jetzt beantworten: NEIN! Auch für Sie gibt es keinen freien Platz in der Hölle. Bilden Sie sich bloß nicht ein, nur weil Sie mir hier gerade über den Weg laufen, dass ich für Sie eine Ausnahme mache. Der Mann in der braunen Uniform am Empfang würde mir die Hölle heiß machen. Sie wissen ja, wozu er fähig ist.“

„Mir ist schon klar, dass es für mich keinen Platz in Ihrem Zuständigkeitsbereich geben wird“, antwortete Arno bedrückt“, trotzdem wollte ich mal von Ihnen hören, ob Sie die in den letzten dreißig Jahren verstorbene Rockmusikelite aufgenommen haben?“

„Das waren doch alles nur Möchtegernbösewichte. Wir haben dieses Gesindel nur zum Test für einige Jahre in Einzelzellen gesteckt. Die waren danach butterweich, kann ich Ihnen sagen. Ich erspare Ihnen Einzelheiten. Wir haben die ganze Bagage nach oben abgeschoben. Ob meine Konkurrenz die Penner aufgenommen hat, weiß ich nicht. Da oben wollen sie keine Drogen-, Alkohol- und Sexexzesse haben.“

Arno wurde klar, dass er sich hier nicht länger aufzuhalten brauchte. Seine Rockstars waren nicht in der Obhut von Luzifer.

„Nur so am Rande. Was für einen Schaden haben Sie denn in der Welt hinterlassen?“ fragte Luzifer.

„Ich glaube ich kann hier mit meinen Vergehen nicht punkten: Firmeninsolvenz, Politextremist und dauernde Saufgelage.“

Luzifer bekam einen Lachanfall.

 „Wollen Sie mich verarschen. Mit solchen Bagatellen versuchen Sie sich einen Platz bei uns zu erschleichen“, er schnaufte ärgerlich, seine Augen glühten und dampften, “verschwinden Sie hier. Gehen Sie mir aus den Augen“, und spuckte Arno angewidert erneut vor die Füße. Im nächsten Moment war er verschwunden. Unsichtbar?

„Man ist das alles frustrierend“, dachte Arno. Mit hängenden Schultern bewegte er sich auf dem Bahnsteig mit der Menge Richtung ankommender Seilbahn.

Fast alle hatten ein grünes Bändchen am Handgelenk.

Abgewiesene aus der Hölle.

Der selbstgefällige Luzifer brauchte sie nicht.

Wo sollte Arno jetzt hin? Wenn er nicht bald ein neues Zuhause finden würde, bliebe ihm nur das Nirvana. Das Nichts.

„Das sind ja gute Aussichten“, dachte Arno und drängelte sich mit den Mitreisenden durch die geöffnete Tür der Seilbahnkabine. Sein Traum war es, nach seinem Tod seine geliebten Rockmusiker Innen wieder zu sehen. Aber es schien wohl so, dass seine Rockstars hier unten auch nicht willkommen waren.

Nach einer rasanten Fahrt durch Wolken und Luftlöcher hielt die Seilbahnkabine an einem leeren Bahnsteig. Unsicher stieg Arno mit den Mitreisenden aus und wurde von freundlichen Wesen in weißen Gewändern begrüßt.

„Hallo Ihr Lieben, folgt uns doch bitte“, sagte eine dickliche Frau mit Ponyfrisur in einem weißen langen Kleid und zeigt auf den Eingang, eine verschneite, eiszapfenverzierte einsame Berghütte.

Sie lächelte und sagte, „Wir müssen euch alle überprüfen, bevor wir euch einen Aufenthaltsstatus geben. Stellt euch bitte vor der Hütte da drüben auf. Wartet bitte so lange, bis ihr vom Sicherheitsdienst gecheckt worden seid.“

Arno folgte der Anweisung. Er und seine Mitreisenden hatten bereits lange Wartezeiten hinter sich. Alle waren müde, hungrig und brauchten eine Dusche. Die Unsicherheit, ob hier oben vielleicht ein Plätzchen frei wäre, machte Arno nervös.

Er musste dringend pinkeln und sichtete einige Dixie-Klo-Häuschen mit langer Warteschlange davor. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich dort anzustellen und ungeduldig von einem Bein aufs andere zu treten. Viele hatten sich vor die Wolken gestellt und pinkelten einfach in die freie Landschaft. Die Securities ergriffen die Freipinkler und führten sie zurück zur Seilbahnstation. Das Sicherheitspersonal bestand aus freundlich lächelnden, kräftigen jungen Frauen mit kahlgeschorenen Köpfen. Ihre Instruktionen waren genauso rigoros, wie unten am Hölleneingang.  Als einige Freipinkler sich lautstark weigerten, die Bahn zu betreten, wurden sie von den lächelnden Frauen sehr grob in die Bahnwaggons gestoßen, die Türen wurden geschlossen und die Waggons fuhren zur Hölle zurück.

„Mein Gott“, dachte Arno, „hier herrschen ja raue Sitten.“ Eine ältere Frau, klein, rundlich, bemerkte, „Zwischen unten und oben scheint es wohl keine großen Unterschiede zu geben. Autoritäres Gehabe. Menschen, die nicht passen, werden einfach abgeschoben.“

Ein junger Kerl mit einem amputieren Bein ergänzte das Gehörte, „Ich frage mich nur, wo diejenigen, die in der Hölle und hier oben im Himmel nicht gewünscht sind, am Ende landen werden?“

„Ich hoffe, dass wir es nicht herausfinden müssen“, antwortete Arno.

Am Empfangstisch wurde Arno von einem lächelnden Bärtigen mit blauen freundlichen Augen in einem weißen Overall nach seinem Namen gefragt. Arnos elektronische Akte meldete sich über einen Lautsprecher mit einer mechanischen Stimme zu Wort“, Arno Strobel ist nur an Kontakten zu Rockmusikern interessiert. Am Himmelreich hat er null Interesse. Die Hölle hat ihn wegen fehlender erforderlicher Untaten abgelehnt. Religiös war er nie. Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für seine Mitmenschen ‚Fehlanzeige‘. Vorschlag für seinen Verbleib: Abschieben.“

Der Bärtige lächelte und meinte,“ Sie haben es von unserem KI-System gehört Arno. Tut mir sehr leid für Sie. Gehen Sie wieder zurück zur Seilbahn. Die bringt Sie zurück.“ Mit einer abfälligen Handbewegung war für ihn der Fall erledigt und wandte sich der nächsten Person zu.

Eine Security-Frau legte ihre Hand auf Arnos Schulter und wies ihm mit einer freundlichen Kopfbewegung den Weg zum Bahnsteig der Seilbahn.

Enttäuscht und mutlos ging Arno zum Bahnsteig zurück. Viele ebenfalls abgewiesene Reisende machten sich mit ihm auf den Rückweg zur Bahn.

„Ich bin jetzt schon seit fünf Wochen auf der Suche nach einem neuen Zuhause“, stöhnte ein älterer Mann, „ich dachte, mit meinem Tod komme ich an einen besseren Ort. Und jetzt das hier. Warten, warten und immer wieder hoffen. Am Ende will einen keiner haben.“

„Warum wurden Sie nicht angenommen“, fragte Arno,“ was ist bei Ihnen schiefgelaufen?“

„Ich passe in kein Profil. Bin weder böse noch ein Gutmensch. Ich habe den Eindruck, dass Himmel und Hölle überfordert sind. Sie wollen immer nur eindeutig in ihr Profil passende Seelen haben.“

Die Seilbahn schwankte an den Seiltrossen in den Bahnhof, die Bahn stoppte, die Türen öffneten sich mit einem leisen Rauschen wie von Zauberhand. Niemand hatte Lust, in den Waggon einzusteigen.

„Los, los, los, verpassen Sie bitte Ihre Abfahrt nicht“, drängte sie eine Securitiy-Frau und wies die Reisenden mit eindeutigem Fingerzeig darauf hin, endlich einzusteigen.

„Wo bringt uns die Seilbahn denn hin?“ fragte Arno.

„Steigen Sie ein. Die Seilbahn bringt Sie an einen für Sie gut passenden Ort.“

„Und der wäre?“ fragte Arno.

„Darüber habe ich leider keine Informationen“, lautete die Antwort.

Arno stieg mit den Reisenden in die Seilbahn, die Tür schloss automatisch, dann bewegte sich der Waggon in den weißen Nebel abwärts.

Nach langer Fahrt stoppte die Seilbahn. Durch die Fenster drangen durch dunkle Nebelschwaden erste Sonnenstrahlen.

Unruhig scharrten die Reisenden mit ihren Füßen. Niemand hatte eine Idee, wo sie sich befanden.

Nach längerer Wartezeit ruckelte die Seilbahn langsam in eine Haltstelle. Arno blickte auf ein wunderschönes Tal. Auf dem Haltestellenschild stand: „Fuck off- Village“.

Am Bahnhof erwartete sie niemand.

Ein schmaler Weg führte über eine hügelige Bergwiesenlandschaft zu einem kleinen Dorf. Die Sonne schien. Blauer Himmel. Es war angenehm warm. Von einem unsichtbaren Bach hörte Arno lediglich leises Rauschen und Plätschern.

Auf einem gelben Wegweiser stand: „2 km“.

Hinter dem Hügel hörte er vertraute Rockmusikklänge.

Während seine Mitreisenden am Bahnsteig unschlüssig herumstanden, folgte Arno dem Wegweiser und dem Musiksound.

Er erreichte das Dorf, das aus wenigen uralten dunklen Holzhäusern bestand. Am Dorfplatz gab es eine Gaststätte mit Biergarten und auf einer kleinen Bühne spielte gerade Jim Morrison mit seiner Band den DOORS den Song ‚When The Music’s Over‘.

Die Menschen im Biergarten lauschten andächtig, was Jim ihnen gerade vortrug:

„Come back, baby

Back into my arms

We‘ re gettin‘ tired of hangin‘ around

Waiti‘ around with our heads to the ground“

Arno blieb vor einem kleinen Brunnen am Biergarten stehen und betrachtete gedankenverloren das endlos aus einem Rohr fließende Wasser. Dann tauchte er seine Hände in das kalte Brunnenbecken und spritzte sich Wasser ins Gesicht.

Die schwappenden Wellen des Brunnenwassers wurden plötzlich in einen dunklen Schatten getaucht. Hastig dreht sich Arno um. Hinter ihm stand der leibhaftige Lemmy von Motörhead.

„Hy, mein Freund. Du bist spät dran“, brüllte Lemmy in Arnos Ohr, um die laute Musik von den DOORS zu übertönen, “Wir haben Dich hier schon länger erwartet.“ Arno biss sich in die Lippe, „Träume ich etwa?“

Wenn Du die Vorgeschichte dieser Geschichte lesen möchtest: https://2022/12/02/zugfahrt-zwischen-himmel-und-hoelle/

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

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