Haarige Angelegenheiten

von Angelo Wehrli

(Kurzkrimi zweiter Teil)

Zwei Stunden später hatten vier Beamte des SEK Achim Schröder zur Davids Wache auf der Reeperbahn gebracht, ärztlich versorgen lassen und ihn in einem kleinen fensterlosen Zimmer mit einer Handschelle am Tisch angekettet.

Susanne betrat den Raum, begrüßte ihn, stellte sich vor, legte ihre Visitenkarte auf den Tisch und setzte sich auf den freien Stuhl.

Er schaute sie missmutig an und schwieg.

„Warum haben sie Jacob Dressel überfahren?“, fragte Susanne, während sie in der Ermittlungsakte blätterte, die Tatortfotos betrachtete und gleichzeitig den Voice-Recorder startete.

Er starrte sie teilnahmslos an.

„Unsere Spurensicherung hat auf der Straße keine Bremsspuren von ihrem Fahrzeug gefunden. Sie haben Jacob Dressel in der engen Straße mit 70 Km/h überfahren. Das Opfer konnte ihrem Fahrzeug nicht auszuweichen, da es in einer Rangelei verwickelt war. Aber sie hätten mit ihrem Wagen dem Opfer ausweichen können. Das haben sie aber nicht gemacht. Warum nicht?“

Es war heiß und stickig.

Sie roch seinen Schweiß, kalten Tabakrauch und Alkoholdunst.

„Wir haben auch mit ihrer Lebensgefährtin Sabine Groß gesprochen“, sagte sie und wartete auf eine Reaktion.

Nach längerem Schweigen ergänzte sie“,Sie kannten Jacob Dressel. Wir wissen, dass sie sich mit ihm vor ihrer Wohnung am 20.6. gegen 19:00 Uhr lautstark gestritten hatten. Einige Nachbarn können das bezeugen“.

Zum ersten Mal rührte er sich und schaute sie an.

„Was ist an dem Abend vorgefallen, Herr Schröder?“ bohrte Susanne weiter.

Sie musste den Kerl zum Reden bringen. Achim Schröder gehörte zur Hamburger Biker-Szene. Die reden grundsätzlich nicht mit der Polizei.

„Was ist passiert?“, wiederholte sie und betonte dabei jedes Wort.

Susanne war klein, mit rundem Gesicht, das sie hinter einer dunklen Brille versteckte. Ihre pummelige Figur, die schmucklose graue Kurzhaarfrisur und der blaue Hosenanzug verbargen ihren Ehrgeiz und ihren Willen, Gewalttäter zur Strecke zu bringen.

Achim räusperte sich und kniff seine Augen zusammen“,Hast du was zu trinken“? Sie holte eine Plastikflasche Wasser und einen Becher aus dem Kühlschrank, goss den Becher voll und stellte die Flasche auf den Tisch. Er trank den Becher leer, schenkte nach und trank nochmal.

„Herr Schröder, wir hatten sie gestern wegen einer schweren Körperverletzung vom letzten Wochenende verhaftet. Darüber wollte ich jetzt nicht mit ihnen sprechen. Wenn sie nichts zur Aufklärung der Todesumstände von Jacob Dressel beitragen wollen, haben sie zwei dicke Probleme. Problem A: die Körperverletzung mit anschließendem Krankenhausaufenthalt ihres letzten Opfers am Wochenende. Problem B. Für uns sind sie dringend tatverdächtig, den Tod von Jacob Dressel verschuldet zu haben. Von ihrem Angriff auf eine Polizeibeamtin wollen wir gar nicht erst reden.“

Er blieb unbeeindruckt.

Susanne kannte diese Typen aus dreißig Jahren Polizeiarbeit.

Machogehabe, Ehrenkodex und Gewaltbereitschaft.

Solche Leute mussten von der Straße. Menschen wie Achim Schröder sind eine Gefahr für die Gesellschaft und gehören für immer hinter Gitter. So verstand sie ihren Job.

„Wer behauptet, dass ich diesen Looser kenne?“, fragte Achim Schröder.

„Zeugen.“

„Zeugen, ja?“ er grinste böse“, Du verarschst mich. Ihr wollt mich wieder mal hereinlegen. Aber ohne mich.“

Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und starrte wütend zur Decke.

„Niemand will sie reinlegen. Ich will nur aufklären, warum sie Jacob Dressel überfahren haben“, sagte sie.

„Ich kenne euch. Ihr dreht einem jedes Wort im Mund um. Kurze Zeit später bekommt man fünf Jahre Knast. So läuft das doch hier.“

„Ich ermittele nur die Fakten, Herr Schröder. Ich bin nicht der Staatsanwalt oder der Richter. Wollen sie immer noch keinen Anwalt dabeihaben?“

„Sollte ich?“, fragte er und beugte seinen massigen Körper bedrohlich über den Tisch. Die Schmerzen seiner geschienten Schulter und die am Tisch fixierten Handschellen hielten ihn in Schach.

„Müssen sie wissen“, erwiderte sie. Sie ließ sich von diesem Kerl nicht aus der Ruhe bringen. Ihr jagte Achim Schröder keine Angst ein.

„Ich komme klar“, antwortete er, nachdem er begriffen hatte, dass er die Kommissarin mit seinem Machogehabe nicht beeindrucken konnte.

„Also“, begann Susanne aufs Neue, „was ist am 20.6. gegen 19:00 h in ihrer Wohnung passiert?“

„Diese Rocker reden nicht mit uns“, dachte sie, „wer mit der Polizei redet, ist in ihren Augen ein Verräter. Wie kriege ich den Kerl trotzdem zu reden?“ und bemerkte laut“, Herr Schröder, ich will nur wissen, was zwischen ihnen und dem Toten passiert ist? Hat er sie mit ihrer Partnerin Sabine betrogen und sie waren deshalb sauer auf ihn“?

Schröder starrte sie schweigend an. Seine braunen Augen waren kalt, sein Mund zusammengepresst, sein faltiges Gesicht wirkt leblos. Ein muskelbepackter Rocker, der einem Angst einflößte.

Alles Fassade, das wusste Susanne aus jahrelangem Umgang mit diesen Kriminellen.

„Ich sage ihnen, was passiert ist“, sie beugte sich über den Tisch und packte ihn an seine Schulter“, sie haben beide im Bett erwischt und waren wütend. Sehr wütend. Er gab für sie nur eine Lösung. Dressel musste sterben. Sie konnten nicht ertragen, dass ihre Partnerin einen anderen hatte. War es so“?

Er schaute zuerst auf ihre Hand auf seiner Schulter, lief dann rot an, atmete kurz durch, fegte ihre Hand weg, haute mit seiner riesigen gesunden Faust auf den Tisch, sodass das Möbelstück fast umzustürzen drohte und brüllte wütend, „Der Kerl hat mein Mädchen gevögelt.“

„Ja und?“

„Ich hab‘ beide in meinem Bett erwischt.“

„Ja?“

Er überlegte kurz, ob er weiterreden sollte. Vor ihm saß eine Bullentante. Er fühlte erneut die Demütigung. Sabine hatte ihn betrogen. Ihn, den großen Rockerboss. Das ging gar nicht.

Er schluckte und redete weiter, „eine Woche vorher hatte ich blonde Schamhaare und Sperma auf der Matratze bemerkt“, sagte er dann leise, „das war nicht von mir. Sabine hat alles abgestritten. Auch nach mehreren Ohrfeigen.“

„Und dann?“

„Ich hab‘ ihr nicht geglaubt. Diese beschissenen Schamhaare gehörten jemand anderem. Meine Jungs und ich haben Sabine im Auge behalten. Und siehe da: Bingo! Letzte Woche nachmittags tauchte der langhaarige Kerl vor meiner Wohnung auf und sie ließ ihn rein. Um es kurz zu machen: Ich erwischte beide im Bett. Vermutlich mit noch mehr Schamhaaren.“

Achim Schröder goss sich Wasser ein und trank, „Ich hab‘ den Kerl aus dem Bett gezogen und ihm ordentlich in den Arsch getreten. Er ist dann aus der Wohnung. Ich hab‘ ihm noch nachrufen, dass ich ihn beim nächsten Mal umbringen werde.“

„Dann haben sie ihn am 27.6. um 22:00 h ‚umgebracht‘?“

„Sabine wollte mich verlassen und mit diesem Idioten nach LA ziehen. Er hatte in Ami-Land einen Plattendeal unterschrieben. Das fand Sabine geil. Ich lass‘ mich doch nicht einfach abservieren.“

„Was haben sie am 27.6. um 22:00 h vor dem ‚Night Light‘ gemacht, Herr Schröder?“, fragte Susanne emotionslos.

„Ich wusste, dass er an diesem Abend in dieser Kneipe ist und wollte ihm klarmachen, dass er mein Mädchen in Ruhe lassen soll.“

„Weiter, Schröder, was ist dann passiert?“

„Dann kam der Kerl mit einer anderen Frau aus der Kneipe. Sie hatten sich in der Wolle. Sie stieß ihn auf die Straße und ich dachte, super, den fahre ich jetzt an. Das Arschloch sollte einfach wissen, dass er mit seinem Leben spielt, wenn er mir mein Mädchen wegnehmen will. Leider war der Kick tödlich.“

„Und warum wollten sie von Aliza Schroeter Schweigegeld erpressen?“

„Hat sich so ergeben. Ich hab‘ ihr Angst einjagen wollen. Sie sollte die Klappe halten und zahlen. Reines Geschäft, nichts weiter, Frau Polizistin.“

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

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