Gibt es Licht am Ende des Tunnels?

-Rockerstory zweiter Teil-

von Angelo Wehrli

Achim lehnt mit seinem breiten Rücken zwischen zwei Bikern an der Theke und donnert mit seinen beiden mächtigen Fäusten wütend hinter sich auf die Holzverblendung. Ein Barhocker stürzt um, zwei halbvolle Bierflaschen gehen zu Bruch, Bier spritzt in alle Richtungen, zersplitterte Flaschenteile rollen schäumend zum Thekenrand und fallen klirrend auf den Steinboden.

Hinter der Theke hört man eine Flasche langsam über den Fußboden rollen.

„Du glaubst wohl, du kannst uns übers Ohr hauen?“, brüllt Achim und stößt mit seinem linken Motorradstiefel einen hilflos im Rollstuhl sitzenden Mann samt Rollstuhl um.

Der Mann liegt regungslos unter dem Rolli.

Die Felge des rechten Rads ist verbogen, das linke klackert und schleift rhythmisch im Kreis.

„’Blue Devils‘ Regel Nummer eins: du machst, was ich dir sage,“ setzt Achim seine Schimpftirade fort, während ihm Speichelfäden aus dem Mundwinkel in seinen Bart tropfen.

Er deutet auf den Mann, „Regel Nummer zwei: Alles gehört allen!“

Er geht auf die Knie, beugt sich über das Gesicht des Mannes, packt ihn mit seiner linken Hand an den Hals, zieht ihn unter dem Rollstuhl hervor und schaut in das ramponierte Gesicht.

Der Mann öffnet vorsichtig ein Auge, das andere ist geschwollen, aus Mund, Nase rinnt Blut und tropft auf seine Lederweste.

„Hör zu, du Arschloch,“ grinst Achim bösartig, „entweder, du bringst die Sache in Ordnung oder ich knalle dich eigenhändig ab.“

Seine dunklen, kalten Killeraugen, sein tätowierter, breiter rasierter Schädel, grauer Zopf, grauer Bart, der muskelbepackte Körper in ölverschmutzten weißen T-Shirts, mit der abgewetzten Lederkutte raten jedem, sich möglichst nicht mit ihm anzulegen.

Der alte Mann kann nicht antworten, seine Lippen sind geschwollen, er ist im Rolli eingeklemmt und bewegungsunfähig.

Achim wartet ungeduldig auf eine Reaktion, als nichts passiert, winkt er entnervt ab, spuckt auf den Rollstuhl, dreht sich um, setzt sich auf den Barhocker an der Theke und trinkt Bier.

Die Biker verstehen Achims Wutausbruch. Sie sind auch sauer auf den alten Mann. Aber einigen gefällt es nicht, wie brutal ihr Boss mit dem wehrlosen Mann umspringt.

Jimmy sitzt neben Achim an der Bar, schaut den Mann an und denkt, „Günni hat das Chapter um vierzig Millionen Euro geprellt. Das können wir ihm nicht durchgehen lassen. Achim musste ihn so hart rannehmen. Auch als Warnung an alle im Chapter.“

Keiner kümmert sich um Günni.

Er liegt immer noch regungslos am Boden.

Die Jungs hatten den ganzen Tag in der verqualmten Kneipe auf Günnis und die fünfundvierzig Millionen Euro gewartet.

Er sollte sich das Geld von der Bank bar auszahlen lassen und danach sofort in die Kneipe zur Übergabe kommen.

„Eigentlich wollten wir heute Abend feiern,“ denkt Jimmy genervt, „und dann das!“

Er schüttelt den Kopf und betrachtet mitleidslos das Häufchen Elend auf dem Boden, rümpft seine Nase und nippt an seinem Bier, „Heute Morgen bin ich mit ihm zur Hamburger Sparkasse gefahren, um die Kohle abzuholen. Hab vor der Bank auf ihn gewartet, in der Hoffnung, dass alles wie verabredet läuft. Irgendwann dachte ich, ich schau’ mal nach, wo er mit den fünfundvierzig Mille Bargeld bleibt. Das ganze Geld kann Günni bestimmt nicht allein wegtragen, dachte ich. Gehe ins Büro der Kundenberaterin. Da saß er vor dem Schreibtisch der Tussi. Weit und breit kein Bargeld und grinste mich an: ‚Vier Millionen sind noch da´ schleimte er mich an. Im selben Moment kamen die Bullen und haben mich festgenommen. Hausfriedensbruch, Maskenpflichtverstoß. Der Idiot hatte die ganze Kohle weg gespendet. Verschenkt! Achim hatte mich beauftragt, Günni im Auge zu behalten. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Günni uns so bescheißen würde. Achim ist sauer auf mich. Zurecht. Ich hab es verkackt.“

Die Kneipe ist ein rechteckiger Raum mit vernagelten Fenstern, rustikalen Tischen und Bänken. Achim sitzt an der schwarz gestrichenen Theke, auf der neben der Zapfanlage mehrere Alu-Bierfässer aufgestapelt waren. Der abgewetzte Pooltisch, links vor dem Klo, ist verwaist. Koes und Kreide liegen auf dem grünen Filzbelag. Im Raum ist es dunkel, lediglich die blinkenden Flipperautomaten sind in blaues Neonlicht gehüllt und der Mittelpunkt, die Theke, wird von weißen Scheinwerfern angestrahlt. An der Wand neben dem Billardtisch hängen mehrere ausgeschaltete graue Großbildschirme.

Aus den Marshall-Türmen auf der Bühne ertönt leise ‚Five Finger Death Punch‘:

„I spoke to God today and she said that she’s ashamed

What have I become

What have I done

I spoke to the devil today and he swears he’s not to blame

And I understood, cause I feel the same“

Im Kneipenanbau befindet sich die Werkstatt der Biker.

Ein junger Biker, vom Lärm angelockt, mittelgroß, blonde geflochtene Zöpfe, Vollbart, Arme, Gesicht und Oberkörper voller Wikinger-Tattoos, betritt den Raum und schaut sich fragend um. Wie alle im Chapter, stinkt er nach Arbeitsschweiß und Motoröl.

Er trägt ein schmutziges, verwaschenes Shirt mit dem Logo der Power-Metal-Band ‚Helloween‘. Während er sich seine verschmutzten Hände an einem alten Lappen abwischt, nimmt er den am Boden liegenden Mann wahr.

„Achim hat Günni in die Mangel genommen,“ denkt er und schüttelt seinen Kopf, „ich kenne ihn, seitdem ich hier bin. Wenn ich mal Scheiße gebaut habe, hatte er immer ein gutes Wort für mich eingelegt.“

Sein Kumpel Mike, der an der Theke neben Achim sitzt, schüttelt unmerklich seinen Kopf und will Claude signalisieren, “Lass es! Halt die Klappe, sonst lässt Achim seinen Ärger auch noch an dir aus.“

Er geht zur Theke, sieht Achim und Jimmy an und sagt, „Jeder von uns hat mal Scheiße gebaut,“ beugt sich zu Günni hinunter, stellt ihn samt Rollstuhl auf Räder und Füße.

Achim und er taxieren sich wortlos.

„Günni scheint noch Freunde zu haben,“ meckert Achim, während Claude Günni Richtung Kneipentür schiebt.

Achim wird mit Claude keinen Streit anfangen, da er im Chapter der Anführer der Rebellen ist, die in der letzten Zeit nicht jede Entscheidung von ihm unterstützt haben.

Jimmy ist dagegen der engste Vertraute von Achim. Er weiß, dass seine Brüder nicht darauf stehen, wenn Wehrlose unnötig und brutal verdroschen werden. Alle sind auf Günni sauer, er hat Regeln gebrochen, aber er ist einer von ihnen. Jimmy weiß, dass seine Brüder davon ausgehen, dass der alte Mann seinen Fehler einsehen und wiedergutmachen wird.

„Es ist gut jetzt,“ murmelt er Achim leise ins Ohr,“ mach nicht noch mehr Stress. Sonst hast du gleich eine Schlägerei“.

Claude haben unfaire Prügeleien schon immer genervt. Die zustimmenden Blicke seiner Biker-Kollegen signalisieren ihm, dass sie es richtig finden, dass er sich um Günni kümmert. Damit ist er vor weiteren Wutausbrüchen ihres Chefs geschützt.

„Kommst du klar?“, fragt er Günni.

Der schaut kurz auf und nickt.

„Ich fahre dich zu meiner Bude.“

Er hebt Günni aus dem Rolli und trägt ihn zu seinem Truck, öffnet die Beifahrertür mit einer freien Hand und schiebt ihn auf den Sitz.

Am Rollstuhl sind einige Scharniere ausgehakt, ein Rad ist verbogen, mit Mühe bekommt er ihn zusammengeklappt und legt ihn auf die Ladefläche.

Im Führerhaus startet er den V 8-Motor seines Dodge Ram, schaltet die Scheinwerfer ein und fährt los.

Während der Fahrt behält er Günni im Auge. Der lehnt zusammengesunken am Fenster der Beifahrertür.

Claude macht sich Sorgen,“ alles klar? Soll ich zur Asklepios Klinik fahren?“

Günni rührt sich vorsichtig, „nein, kein Krankenhaus.“

„Alles zu geparkt,“ denkt er, als sie in der Bahrenfelder Straße eine Parklücke suchen und genau vor der Kneipe ‚Mayday´ einen Platz für seinen Truck entdecken.

Im Außenbereich hat Detlef Tische und Stühle für seine Gäste aufgebaut. Nach Detlefs Vorstellungen soll in der Parklücke keiner parken, weil er dort später weitere Plätze für seine Besucher aufstellen will.

Kneipe und Außenbereich sind proppenvoll. Das ‚Mayday‘ ist eine Blues & Rockkneipe für Altrocker-, -Hippies und -Punks.

Aus dem ‚Mayday‘ tönen die alten ‚Stones‘

„a flood is threatening

My very life today

Gimme, gimme shelter…“

Durch das offene Seitenfenster muss sich Claude die ärgerlichen Sprüche vom Kneipenwirt anhören. „Fahr doch gleich mit deinem LKW bis zum Zapfhahn vor,“ während er mehrere volle Bierhumpen auf den Tisch einer johlenden Altrockergruppe stellt.

„Danke Detlef“, meint Claude, nimmt einen halben Liter vom Tisch, trinkt ihn aus, wischt sich den Bart, klopft Detlef auf die Schulter,“ schreib die gesamte Runde auf meinen Deckel, Dicker.“ Während Claude zur Beifahrerseite seines Trucks geht, greift er sich ein zweites Bier vom Tisch, muss sich erneut Lästereien anhören, „wohl lange kein Bier mehr gehabt?“

Er öffnet die Beifahrertür des Trucks und fragt, „willst du ein Bier?“ Und hält Günni einen vollen Bierhumpen hin. Vorsichtig nimmt Günni das Bierglas und trinkt es hastig aus. Aus dem Glas rinnt Bierschaum über sein geschwollenes Gesicht. Mit offenen Mäulern beobachten die Kneipenrocker, wie er Günni aus dem Truck holt und ihn zu seiner Wohnung im Kneipenhinterhof trägt.

Die Wohnung befindet sich in einer ehemaligen Fabrik, hat hohe Decken und rote Steinwände. Im hinteren Teil ist die Küche, direkt neben der Haustür sitzt Sonja auf einem roten Sofa. Eine Holztreppe führt in die oberen Etagen.

Entsetzt schaut sie auf den lädierten Günni, „was ist passiert. Wer hat das getan?“

Sonja ist klein, trägt eine Kurzhaarfrisur, hat weiche freundliche Gesichtszüge und ist an Armen, Rücken und Brust tätowiert. Wer sie hier barfuß in zerrissenen schwarzen Jeans und camuflagefarbenen T-Shirt sitzen sehen würde, könnte nicht darauf kommen, dass sie im Gymnasium Altona Deutsch unterrichtet.

„Lange Geschichte,“ antwortet Claude für Günni,“ wir müssen uns um seine Verletzungen kümmern“ und schiebt den Rolli an den Küchentisch.

Sonja holt das Erste-Hilfe-Set aus dem Bad, reinigt sein verquollenes Gesicht, trägt Wundsalbe auf und kocht Tee.

Sie schaut ihn an und lächelt aufmunternd, „Mensch Günni. Wie alt bist du? Fünfundsiebzig? In deinem Alter solltest du Schlägereien aus dem Weg gehen.“

Günni lächelt und schluckt die Ibuprofen-Tablette, die ihm Sonja hingelegt hat.

„Die guten alten Zeiten sind vorbei,“ denkt Günni, “ vor vierzig Jahren hätte mich Achim nicht so einfach zusammenschlagen können.“

Ihn nervt, dass er sich aus seinem Rollstuhl heraus nicht mehr wehren kann.

„Danke Sonja!“ Und dann, „gut siehst du aus,“ um weitere Nachfragen zu vermeiden.

Nützt aber nicht viel.

Sie lächelt spitzbübisch,“ tut mir leid, dass ich dir das sagen muss, aber du siehst Scheiße aus, Günni.“

„Achim hat ihn zusammengeschlagen,“ sagt Claude, setzt sich mit einer Flasche Johnny Walker und zwei Wassergläsern an den Küchentisch und gießt die Gläser randvoll, schiebt eins wortlos Günni über den Tisch. Sonja setzt sich dazu und nippt an ihrem Tee.

„Hattet ihr wegen deinem Jack Pot Gewinn Streit?“, fragt sie.

„Ja,“ antwortet Günni, „ich habe das Geld weg gespendet. Immerhin kann ich mit meinem Gewinn machen, was ich will.“

Sonja kennt die Regeln der ‚Blue Devils‘ und lacht herzhaft, „Günni, du hast Kohle unterschlagen.“

„Vier Millionen habe ich für das Chapter übriggelassen,“ sagt Günni regungslos.

„Deine geschwollenen Augen sagen mir, dass Achim die vier Mille nicht reichen, stimmts?“, fragt sie und lacht erneut.

„Ich habe unsere Regeln gebrochen, weil ich von Achim und seinen Speichelleckern seit Jahren wie einen Fußabtreter behandelt werde. Ich konnte mich dagegen nie richtig wehren,“ er zeigt auf seinen Rollstuhl, „die Spenden sind meine Rache für ihre jahrelangen Demütigungen.“

„Er soll die Kohle zurückholen,“ ergänzt Claude, „wenn er das nicht hinbekommt, will Achim ihn umlegen.“

„Oh, oh,“ stöhnt Sonja und legt erschrocken ihre Hand auf den Mund,“ dann hast du ja ein fettes Problem, Günni. Was hast du jetzt vor?“

Günni schaut sie mit leichtem Grinsen an, „die Kohle bleibt, wo sie jetzt ist.“

„Wie hoch war der Jack Pot-Gewinn?“, fragt Sonja interessiert.

„Fünfundvierzig.“

„Mille,“ ergänzt Claude.

„Whow! Geil!“ juchzte Sonja und stupst Günni sanft gegen seine Schulter.

Der stöhnt, da seine Schulter von Achims Fußtritten immer noch schmerzt und lächelt Sonja an.

„Wo ist das Geld jetzt?“

„An soziale Einrichtungen gespendet: Gefangenenhilfe, Unfallklinik und Diakonisches Werk.“

„Oh je. Spenden bekommt man nicht so einfach zurück. Ich wüsste nicht, wie das gehen soll.“

„Ich will es nicht zurück.“

„Günni, du brauchst jetzt Schlaf,“ beendet Claude die Diskussion über das Geld,“ ich bringe dich ins Bad und dann ins Gästezimmer.“

„OK,“ antwortet Günni.

Er ist dankbar über Claudes Angebot, denn er ist erschöpft und müde.

Im Bad denkt er, „Achim soll mit den vier Millionen zufrieden sein und basta.“


Sonja, Claude und Günni sitzen im Wintergarten des Innenhofes beim Frühstück. Günni sieht schon viel besser aus. Die Schwellungen in seinem Gesicht sind etwas zurückgegangen und haben sich bläulich verfärbt. Seine Augen kann er wieder schmerzfrei öffnen.

Claude hatte ihm beim Duschen geholfen und einige Klamotten geliehen. Die Sachen sind ihm viel zu groß.

„Wir fahren gleich los und besorgen dir einen neuen Rolli. Dein altes Teil ist Schrott,“ schlägt Claude vor.

Günni nickt.

Nachdem sie einen neuen Rolli gekauft hatten, stehen sie auf der Königstraße im Stau.

„Baustelle,“ brummt Claude und zündet sich eine Zigarette an.

„Das Geld kann ich nicht zurückverlangen,“ wiederholt Günni seine gestrige Entscheidung leise und schaut aus dem offenen Autofenster auf die Häuserflucht, die grün schimmernden Bäume an der Straßenallee, die Menschen auf den Gehwegen.

Er schaut nach oben in den blauen Himmel, die Sonne und spürt die wollige Wärme des Sommertages auf seiner Haut.

Günni ist seit Anfang der 60er Jahre bei den ‚Blue Devils‘, die Kneipe und das Grundstück des Rockerquartiers gehört ihm. Vor zehn Jahren hatte er einen schweren Motorradunfall und war seitdem querschnittsgelähmt. In der Biker Gang verrichtet er seitdem nur noch Hilfsdienste.

„Günni hat Eier in der Hose,“ denkt Claude und fragt ihn, „wie geht es jetzt weiter?“

„Aus alten Zeiten kenne ich jemanden. Er ist mir noch was schuldig. Ihm gehörte mal der Handelskonzern Pronto. Mittlerweile ist er aufs Altenteil.“

„Wie soll der dein Problem lösen?“

„Werni ist ein kluger Kopf. Das war damals schon so, als er noch bei den ‚Blue Devils´ war. Erst recht, wenn er erfährt, dass ich vierzig Mille gespendet habe.“

„Kenne ich ihn?“

„Nein, das war vor deiner Zeit.“

„Der ist dann in deinem Alter. Gewaltaktionen fallen dann schon mal weg. Oder? Ich glaube nicht, dass er Achim die Knarre abnehmen kann oder dir eben mal vierzig Mille leiht?“

„Nein. Ich habe gestern überlegt, wer kann dir jetzt noch helfen? Da fiel mir Werni ein. Als er noch im Chapter war, hatte er bei viel gefährlicheren Aktionen immer einen klaren Kopf behalten. Diese Eigenschaft hat uns damals oft den Arsch gerettet. Ich sag’ dir, der Kerl hat was drauf.“

„Vielleicht war der Kerl früher ein Ass. Aber wie soll er dir jetzt helfen?“

„Er hat damals mit dem Angel-Boss aus Kopenhagen um sein Leben gepokert oder ein anderes Mal Chemikalien für eine Christal-Met-Küche ganz legal über Hapag-Lloyd nach Schweden exportiert.“

„Wo wohnt er?“

„Elbchaussee 310, beim chinesischen Konsulat gegenüber.“

„Ist auf unserem Weg, soll ich hinfahren?“

„Wäre schön.“


Claude hält vor einem geschlossenen gusseisernen schwarzen Eisentor. Die Torhalterungen sind links und rechts in einer weißen Mauer eingelassen. Die Mauer schlängelt sich um ein weitläufiges Grundstück aus gepflegten Rasenflächen, unterbrochen von Blumenbeeten und großen Laubbäumen. Hinter einer langen kiesbedeckten Zufahrtsallee nimmt Claude ein prachtvolles riesiges weißes Herrenhaus mit Säulenvorbau wahr. Die Dächer haben die Besitzer mit grauem Schiefer decken lassen.

„Meine Fresse, was für ein Prachtbau,“ denkt Claude, steigt aus, schaut Günni durch die Windschutzscheibe des Wagens an, nimmt sein leichtes Nicken wahr und drückt auf dem Gold verzinkten Klingelknopf unter der Gegensprechanlage.

An der Klingel steht kein Name. Wer hier herkommt, weiß, wer hier wohnt.

Claude schaut in die installierte Video-Cam, die erst zum ihm und dann zum Truck zoomt.

„Zu wem möchten sie,“ fragt eine Frauenstimme durch die Gegensprechanlage.

„Mein Kollege Günther Schulz möchte Werner Pronto sprechen. Die Herren kennen sich persönlich.“

„Warten sie bitte einen Moment,“ ertönt die Stimme erneut.

Claude geht zum Wagen und sagt, „hoffentlich erinnert er sich an dich.“

„Werni weiß, wer ich bin. Er wird mich hineinlassen. Ich hab ihm vor langer Zeit mal den Arsch gerettet.“

„Wie das?“

„Na ja, er wollte im Chapter allen zeigen, was für ein toller Hecht er ist. Hat die Hamburger Sparkasse am Adolphplatz überfallen und viertausend D-Mark erbeutet. Als die Bullen herausbekamen, dass der Täter aus unseren Reihen stammt, habe ich mich gestellt und bin für ihn in den Knast gegangen.“

„Gegen ein kleines Honorar seiner Sippe?“, lacht Claude.

Die Frauenstimme im Lautsprecher macht sich durch Geknister bemerkbar,“ Hallo Herr Schulz?“

„Ich bin es, Claude, der Fahrer von Herrn Schulz.“

„OK, Claude, ich öffne jetzt das Tor, fahren sie bis zum Hauseingang. Dort gibt es für ihr Fahrzeug einen Parkplatz. Ich werde sie dort empfangen und Herrn Schulz und sie zu Herrn Pronto ins Gartenhaus geleiten.“

Das Tor öffnete sich wie von Geisterhand. Claude startet den Truck und fährt durch eine lange Kastanienallee über weißen Kiesbelag zum Haus.

Vor dem Haus wartet die junge blonde Frau in einem bunten Sommerkleid. Sie mustert Claude, schaut erschrocken auf die vielen Körper-Tattoos und beobachtet, wie er einen Rollstuhl von der Ladefläche des Trucks holt und auseinanderklappt, Günni herausträgt und ihn in den Rollstuhl setzt.

Ihre Outfits passt nicht so richtig in diese feine Umgebung.

„Mein Name ist Günther Schulz,“ räuspert sich Günni, „bringen Sie uns bitte zu Herrn Pronto.“

Die junge Frau antwortet neutral, “folgen sie mir, meine Herren. Herr Pronto erwartet sie bereits.“ Sie zeigt mit einer geschmeidigen Handbewegung auf ein kleines Gartenhaus, das sich zwischen großen Eichen und Blumenbeeten inmitten einer gepflegten Rasenfläche befindet.

Die Terrassentüren des Gartenhauses sind geöffnet, unter einer roten Stoffmarkise sitzt ein kleiner älterer Herr in einem weißen Korbstuhl. Auf dem Tisch steht Frühstücksgeschirr. Er ist Mitte siebzig, hat graues Haar unter seinem Panamahut, trägt ein weißes Hemd mit heller legerer Hose. Seine nackten Füße stecken in braunen Slipper.

Er steht zur Begrüßung nicht auf, sondern winkt den Ankömmlingen freundlich zu sich heran und ruft,“ Mensch Günni, welch eine Überraschung.“

Mit einladender Handbewegung dirigiert er sie an den Tisch und bietet ihnen Plätze an.

Die junge Frau entfernt sich geräuschlos, während Claude seinen Freund Günni im Rolli gegenüber von Pronto an den Tisch rollt.

„Hallo Werni, wir haben uns mindestens 50 Jahre nicht mehr gesehen,“ lacht Günni.

„Wieso sitzt du im Rollstuhl? Was ist passiert?“

Claude bleibt neben Günnis Rollstuhl stehen.

„2008 hatte ich einen Motorradunfall. Ich bin froh, dass ich den Sturz auf der Kieler Straße überlebt habe. Mit Motorradfahren ist nichts mehr, aber ich bin immer noch bei den ‚Blue Devils‘.“

„Aber deine geschwollenen Augen stammen bestimmt nicht aus 2008, oder?“ setzt Pronto nach.

Pronto betrachtet beide mit wachen hellblauen freundlichen Augen. Ohne großes Vorgeplänkel fragt er „Warum kommst du jetzt nach fünfzig Jahren zu mir?“

„Ich habe Ärger mit meinem Boss.“

„Wie das?“, fragt Pronto und fixiert dabei Claude mit einem kritischen Blick.

„Claude ist mein Freund,“ bemerkt Günni.

„OK!“ Pronto schaut erst Günni und dann Claude an,“ nochmal Günni, warum seid ihr jetzt hier? Bestimmt nicht, um über alte Zeiten zu plaudern?“

Nun bricht es aus Günni raus.

Er erzählt Pronto die ganze Geschichte mit dem Jack Pott.

Pronto kann sich am Ende vor Lachen kaum halten.

Er drückt ein Knöpfchen, kurz darauf steht die junge blonde Frau auf der Terrasse.

„Bring uns Whiskey, Janette,“ seinen Gästen erklärt er,“ ich habe einen richtig guten. 1953 Single Malt Scotch Glen Avon. Wollt ihr Eis oder Wasser dazu?“ als sich keiner rührt, wendet er sich an Janette, “nur Whiskey für meine Freunde,“ und an Claude gewandt bittet er,“ Nehmen sie endlich mal Platz. Wenn sie hier herumstehen, machen sie mich nur nervös.“

Claude setzt sich in einen freien Korbstuhl.

„Günni, du bist immer noch der schräge Kerl von damals. Ich erinnere mich noch an die Schlägerei mit den Hells Angels auf dem Kiez. Wann war das? Sommer 1971? Du bist allein gegen drei Typen angetreten und ich habe zu gleichen Zeit ihre Mopeds eine Straße weiter abgefackelt.“

„Als dein Vater damals mitbekommen hatte, dass du eine Bank überfallen hast, hat er mich gebeten, deine Strafe abzusitzen. Er wollte einen Riesenskandal verhindern. Es ist nie rausgekommen. Ich habe mich damals auf den Deal eingelassen und war fünf Jahre für dich im Knast.“

„Viereinhalb. Sie haben dich wegen guter Führung vorher herausgelassen,“ korrigiert Pronto,“ wir haben dir dafür jahrelang Schecks zugeschickt.“

„Bis du aus der Pronto AG ausgeschieden bist. Deine Söhne haben die Zahlungen eingestellt.“

„Oh, das wusste ich nicht. Ist mir wohl entgangen.“

„Ja, vermutlich. Aber zurück zu meinem Problem. Kannst du mir helfen, Werni? Ich stecke in der Scheiße.“

Günni bemerkt, dass seine Wortwahl nicht in diese feine Umgebung passt.

„Streich ‚Scheiße´,“ grinst Günni.

„Warum? Du steckst tatsächlich bis zum Hals in der Scheiße. Ist mir völlig klar.“

Er schaut Claude an, „Würde euer Boss Günni tatsächlich abknallen, wenn das Geld nicht zurückkommt?“

„Das hat er so gesagt. Er kann nicht zurück,“ antwortet Claude für Günni.

Janette stellt lautlos ein Tablett auf den Tisch, verteilt die Gläser und gießt jedem ein halbes Glas von dem teuren Whiskey ein und stellt die Flasche auf den Tisch.

Das edle Getränk leuchtet in den Gläsern bernsteinfarben in dunklen und hellen Tönen.

„Chears! Auf die alten und neuen Zeiten, Günni und Claude“ prostet Werni den beiden zu.

Alle trinken den Whiskey in einem Zug aus.

„Was erwartest du von mir, Günni? Geld?“

„Ideen, Werni. Du hast damals schon immer gute Ideen gehabt. Allein wie du unsere Drogengeschäfte mit den Mexikanern abgewickelt hast. Du warst ein exzellentes Verhandlungsschwein. Wenn du dabei warst, bekamen wir den Stoff fast umsonst.“

„Hör auf. Lass das bloß Janette nicht hören. Gott sei Dank sind meine Söhne und meine Schwiegertöchter nicht in der Nähe. Die wissen von meiner dunklen Zeit bei euch so gut wie nichts.“

„Du warst damals einer von uns, Werni. Sag mal, hast du deine alte Harley noch?“

„Ja, ich glaube sie steht in der Fahrzeuggarage in der hintersten Ecke. Meine Söhne wollten sie mehrfach verkaufen. Das konnte ich jedes Mal nur mit Mühe verhindern. Ich hänge an dem Moped und kann mich nicht davon trennen. Wenn ihr geht, zeig’ ich es euch.“

„Werni, was soll ich jetzt machen? Hast du eine Idee,“ bringt Güni seinen Freund wieder auf das eigentliche Thema zurück.

Claude schenkt nochmal eine Runde Whiskey nach, der so mild wie ein Zungenkuss schmeckt.

Nach langem Schweigen fragt Pronto,“ was ist eurem Boss wichtig?“

„Ihm ist wichtig, dass die Einnahmen aus dem Drogenhandel und den Mädchen stimmen. Wenn er etwas haben will, bekommt er es auch. Er legt Wert darauf, dass er von seinen Brüdern und allen anderen in der Szene respektiert wird.“

„Das sind die gleichen Skills, die unseren Konzern-Managern wichtig sind!“ überlegt Pronto und mehr zu sich selbst etwas leiser,“ nur die Handelswaren und Dienstleistungen unterscheiden sich.“

„Achim ist Geschäftsmann,“ stimmt ihm Claude zu, „die Geschäfte laufen schlecht. Er braucht die fünfundvierzig Mille, um seine Leute bei Laune zu halten.“

„Aber die sind unwiederbringlich weg gespendet,“ denkt Werni.

„Kann man Achim mit öffentlicher Aufmerksamkeit bestechen? Ist es ihm wichtig, eine große Nummer unter anderen Promis zu sein?“

„Weiß nicht,“ antwortet Claude und dann, „was meinst du Werni, wir sollten uns duzen. Immerhin warst in grauer Vorzeit mal einer von uns. Das ewige ‚sie‘ ist doch bescheuert.“

Werni schenkt weitere Whiskeys ein,“ Prost Claude, prost mein Freund Günni.“

„Was würde passieren, wenn Medien und Promis bei ihm auflaufen und sich für die Spenden bedanken möchten?“

„Das überfordert Achim“, meint Günni und nippt an seinem vierten Whiskey.

Claude nickt.

„Die ganze Stadt, der Bürgermeister, Handelskammerpräsident, Sylvie Meis, Olivia Jones, Udo Lindenberg, Nena und so weiter“.

„Er wäre misstrauisch,“ bemerkt Günni, „was keine Kohle bringt, ist für ihn nichts wert.“

„Gesellschaftliche Anerkennung wäre mal was Neues für den Mann. Wir sollten es versuchen. Günni, du sagest doch, dass du 15 Mille. Mille? Jetzt rede ich auch schon wieder wie früher. Also, 15 Mille sind an Boberg gegangen. Meine Schwiegertochter Christine sitzt dort im Verwaltungsrat. Sie könnte Achim einen Besuch abstatten.“

„Was soll die öffentliche Anerkennung für Achim bringen? Deine Schwiegertochter wird ihn nicht umstimmen können. Wenn sie allein im Headquarter auftaucht, muss sie damit rechnen, dass Achim ihr in den Arsch tritt oder schlimmeres,“ meint Günni fantasielos.

„Na ja, Achim wäre plötzlich in aller Munde. Promis laden ihn ein. Mal sehen, was das mit ihm macht.“

„Gar nichts wird das mit ihm machen,“ meint Günni.

Claude stimmt ihm zu.

Die Whiskyflasche ist leer.

„Soll ich noch eine Flasche bringen lassen, Jungs?“

„Nein, wir müssen los. Zeig uns mal deine Harley,“ versucht Claude das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken.

Sie gehen vom Sommerhaus über die große Rasenfläche zur Garage. Es ist keine gewöhnliche Garage, sondern eine riesengroße weiße Halle. Neben einem schwarzen Porsche Cayenne stehen ein brandneuer silberner Mercedes-AMG GT, Zweisitzer mit offenem Verdeck und roten Ledersitzen, und ein Benz 230 SL Cabriolet 1967. Hinter einer Werkbank erblicken sie die verstaubte Harley.

„Mann Werni“ freut sich Günni,“ da steht sie, deine alte Kiste. Ich weiß noch genau, wie wir sie beim Harley-Händler am Dammtor 1971 abgeholt haben. Eine FX Super Glide.“ Er wischt den Staub vom kleinen Tank und freut sich,“ der Airbrush von Steppenwolf ist noch drauf.“

„Irgendwie habe ich es nie fertiggebracht, mich von dem Moped zu trennen. Da stecken so viele Erinnerungen dran,“ schwelgt Werni und denkt an seine wilden Jugendjahre.

„Klasse Maschine,“ meint Claude anerkennend, kniet nieder und streichelt andächtig mit seinem Zeigefinger über den Motorkolben, „läuft sie noch?“

„Keine Ahnung, hab sie seit 40 Jahren nicht mehr gefahren.“

„Soll ich sie mal bei uns in der Werkstatt mit Claude checken,“ fragt Günni begeistert.

„Wenn ihr wollt. Nehmt sie mit. Wenn ihr sie wieder flottbekommt, könnt ihr sie behalten.“

„Super,“ Claude lässt sich sowas nicht zweimal sagen, greift zum Lenker, schiebt die Harley über den Ständer und stellt sie an das Garagentor, „wir laden das Goldstück auf meinen Truck. Wenn sie wieder läuft, musst du mit uns eine Probefahrt machen.“

„Geht klar,“ antwortet Pronto und denkt schmunzelnd,“ wenn Michael mitbekommt, dass ich hier mit zwei Rockern über einen Biker Trip rede, würde er ausrasten.“

„Gibt es noch andere Möglichkeiten, um mein Problem zu lösen?“ kommt Günni auf seinen Besuchsgrund zurück und schaut seinen alten Freund an.

„Auch als Milliardär kann ich dir mit Geld nicht aushelfen,“ grinst Pronto,“ mein Sohn Michael würde mich hier im Garten auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrennen.“

Günni lacht, „dann lass uns das mit der öffentlichen Anerkennung versuchen. Wir schauen mal, ob es funktioniert. Wenn nicht, hoffe ich, dass du zu meiner Beerdigung kommst.“

Erschrocken blickt Pronto in Günnis geschwollene Augen, fängt sich sofort wieder und antwortet in Rockermanier, “Versprochen Bruder.“

Claude hört nur mit halbem Ohr grinsend zu. Er hat sich in die Harley verknallt.

„Wir müssen los,“ mischt sich Claude ein und sieht Pronto an, reicht ihm die Hand, in die Pronto einschlägt, „ich freue mich, dass du Günni nicht hängen lässt. Ich verlass mich auf dich, Werni, unser alter Bruder.“

Er packt Günni und trägt ihn zum Truck, platziert ihn auf dem Beifahrersitz, schließt die Tür, klappt den Rollstuhl zusammen und befestigt ihn auf der Ladefläche unter den Spanngurten neben der Harley.

Günni lässt die Seitenscheibe vom Wagen heruntergleiten und ruft, „Danke, dass du mir hilfst Werni. Ich sehe Licht am Ende des Tunnels.“

Pronto nickt, lächelt, hebt den linken Daumen, Claude startet röhrend die V8-Maschine seines Dodge und rauscht davon.

Eingehüllt in stinkenden Abgasschwaden schaut Pronto dem Fahrzeug nach.

Während Pronto nachdenklich am Garagentor steht, fährt ein silberner Range Rover vor.

„Michael,“ denkt Pronto,“ der hat mir jetzt gerade noch gefehlt.“

Michael parkt seinen Wagen auf einen freien Garagenplatz und steigt aus.

Er ist groß, sonnengebräunt, graues volles Haar, konservativer Messerhaarschnitt, teures Brillengestell auf der Nase, dunkler Maßanzug, offenes weißes Hemd und dunkle handgefertigte Budapester Schuhe.

„Hallo Papa! Wer waren die Leute in dem Pick Up, die mir gerade entgegengekommen sind?“ fragt er freundlich.

„Alte Freunde.“

„Alte Freunde? Aber bestimmt nicht von den Rotariern?“

„Nein,“ Pronto schweigt und wechselt das Thema,“ wie ist es heute bei deiner Verhandlung mit den Chinesen gelaufen?“

„Papa, wer waren die? Etwa Leute aus deinen dunklen Zeiten in den 70ern?“

„Michael, wir treffen uns in einer halben Stunde zum Lunch,“ der alte Pronto wendet sich ab und nuschelt,“ ich hab zu tun.“

Kopfschüttelnd schließt Michael die Garage und denkt, „Papa plant bestimmt wieder eine schräge Sache. Ich muss ihn im Auge behalten.“


Vor der Kneipe hält ein weißer Audi R 8, eine junge Frau steigt aus und schaut sich suchend um.

Sie betrachtet stirnrunzelnd den heruntergekommenen hässlichen Flachbau mit zugenagelten Fensteröffnungen, mit verrotteten, vermoosten roten Klinkersteinen. Ihren Audi hat sie auf einem unebenen ölverschmierten Schlacke Parkplatz vor dem Haus geparkt. Ihr Blick streift über den Hof, dort liegen alte Autositze, vollgestopfte Müll-Container, umgefallene leere Ölfässer und unzählige Reifen. So eine Unordnung hat sie lange nicht mehr gesehen. Wie können es Menschen in so einer Umgebung bloß aushalten, fragt sie sich.

Über der Eingangstür der Kneipe hängt eine alte Neonreklame der Holsten Brauerei an einem verrosteten Stahlträger.

Sie beobachtet zwei ungepflegt aussehende Kerle, die vor dem Werkstatttor neben der Kneipe zwei aufgebockte Motorräder reparieren. Sie wird von den Männern ignoriert. Ungeniert schreien, schimpfen und fluchen die Kerle.

Die Frau passt mit ihrer teuren Kleidung, dem schwarzen Minikleid mit silberner Gürtelschnalle, ihren braunen Beach Sandalen und der Saint Lorent-Tasche nicht in diese heruntergekommene Location.

Ihre hellen blauen Augen mustern suchend das Haus, den verwilderten Biergarten und die Motorräder auf dem Hof. Sie ist nicht geschminkt, lediglich ihre Lippen hat sie gerade im Autoseitenspiegel mit etwas Lippenstift aufgefrischt und ihre blonde Kurzhaarfrisur von Marlies Möller kurz gerichtet. Sie verströmte mit ihrem teuren Parfüm einen leichten Pfirsich-Geruch.

Aus dem offenen Werkstatttor neben der Kneipe beäugt sie ein älterer muskelbepackter Mann mit freiem Oberkörper und Bierflasche in der Hand. Er trägt einen langen grauen Zopf und Vollbart, schwarze Jeans, Stiefel, Arme, Oberkörper und Rücken sind voller Maorie Tattoos.

„Haben Sie sich verlaufen?“ fragt er.

Sie hat Angst, will zu ihrem Wagen zurückgehen, schluckt kurz und antwortet, „Nein! Ich suche Achim.“

„Und sie sind wer?“

„Ich bin Christine Pronto, die Beiratsvorsitzende des Krankenhauses Boberg,“ sie schaut ihn an und reicht ihm aus ihrer Tasche eine Visitenkarte.

Er nimmt die Karte in seine ölverschmierte Pranke, schaut kurz drauf und fragt,“ was wollen sie von Achim?“ betrachtet sie von oben bis unten und denkt, „Die Lady kommt direkt aus Liga eins der Hamburger Gesellschaft.“ Dann taxiert er ihren Luxuswagen,“ für ihre Karre musste sie mindestens 180 Riesen abdrücken.“

Sie wird ungeduldig, „wissen sie wo Achim ist?“

„Ja, er sitzt vor ihnen.“

„Oh, wunderbar. Der Vorstand möchte sich bei ihnen für ihre großzügige Spende bedanken. Ich war gerade in der Nähe und dachte mir, ich schau mal persönlich bei ihnen rein.“

„Ja, klar. Wollen sie auf ein Bier reinkommen?“

Erschrocken überlegt sie,“ jetzt muss ich mit ihm noch in die Bruchbude gehen. Hoffentlich gibt es da kein Ungeziefer. Ratten, Flöhe? Wer weiß, was er mit mir vorhat?“

„Äh ja, wenn ich ihre Zeit nicht zu sehr in Anspruch nehme,“ antwortet sie schnell.

Achim schaut sie überrascht an, „nein, ich hab Zeit. Wissen sie, wir bekommen hier nicht so oft Besuch von…von Menschen wie ihnen.“

Sie folgte ihn in die Kneipe.

Achim öffnet im Dunkeln den Sicherungskasten, drückt auf die Zentralsicherung und wie durch ein Wunder wird der Raum von blauen, roten und hellen Scheinwerfern beleuchtet. Die Lampen über dem Billardtischen scheinen auf den grünen Filz. Die Flipper-Automaten werden in allen Farben blinkend lebendig und die Anlage spielt von Johnny Cash ganz leise ´I walk the Line‘

‚As sure as night ist dark and day is light

I keep you on my mind both day and night

And happiness I´ve known proves that it´s right

Because you´re mine, I walk the line‘

Christine schaute sich um und überlegt, womit Achim so viel Geld verdient, dass er 15 Mio. spenden kann?

„Wollen sie ein Bier oder was anderes? Limo? Ich glaube, wir haben auch Schampus im Kühlschrank.“

„Ein Wasser?“

„Klar,“ Achim geht hinter die Theke zur Spüle, nimmt ein Wasserglas aus dem Geschirrspüler, gießt Leitungswasser hinein und stellt es Christine, die sich bereits auf einen Barhocker niedergelassen hat, vor ihre Nase.

Sie hat Angst und ist verkrampft.

Achim merkt es und lächelt, platziert einen Bierhumpen unter dem Zapfhahn und lässt ihn wortlos volllaufen.

Christine trinkt Wasser und gewöhnt sich langsam an ihrem Gegenüber und schaut sich im Raum um.

„Sie sind hier im Headquarter des Biker-Clubs ‚Blue Devils‘ Frau Pronto.“

„Sie sind Rocker?“

„Ja, der Boss.“

„Was machen sie so,“ fragt Christine und kennt bereits die Antwort.

„Frau Pronto sie haben sicherlich schon mal gehört, wovon wir leben?“

„Sie handeln mit Drogen und schicken junge Frauen auf den Strich?“

„Im Groben stimmt das,“ lächelt Achim, trinkt sein Bier, wischt sich den Schaum vom Bart und fragt, „was machen sie geschäftlich Frau,“ er holt die Visitenkarte aus seiner Hosentasche und liest: Frau Pronto?“

„Mein Mann betreibt den Hamburger Handelskonzern Pronto. Die Pronto AG spendet viel Geld in soziale Einrichtungen. Meine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass die Spendenziele erreicht werden. Daher sitze ich im Verwaltungsrat und dem Spendenverein vom Unfallkrankenhaus Boberg. Ich muss allerdings sagen, dass ihre Spende deutlich höher ist als die diesjährige Zuwendung der Pronto AG.“

„Na, dann legt Pronto einfach ein bisschen drauf. Soweit ich mich erinnere, ist ihr Mann Milliardär?“

„So einfach ist das nicht, Achim. Die Milliarden sind investiert. Wir überlegen immer, was wir von den jährlichen Gewinnen spenden können.“

„Ihr Konzern hat in Corona Zeiten doch genug Geld gescheffelt.“

Christine gibt Achim darauf keine Antwort.

„Was haben sie auf den Herzen Frau Pronto? Warum sind sie hier?“

„Woher kommt das Geld, das sie an Boberg gespendet haben?“

„Ein Biker aus unserem Club hat vor vier Wochen den Euro Jack Pot geknackt. 45 Mio. Euro.“

„Oh,“ sagt sie, „eine wunderschöne Geschichte, die sie sich da ausgedacht haben, Achim. Oder?“

„Sie können das im Internet nachprüfen. Wenn sie so gute Verbindungen haben, rufen sie auch bei der Hamburger Sparkasse an. Die Bank unseres Gewinners. Dachten sie, die Spenden kommen aus dem Drogen-Verkauf oder von den Freiern unserer Mädchen?“

„Nein,“ und rutscht vom Barhocker.

„Frau Pronto, seien sie ehrlich.“

„Tut mir leid. Ich kann mich nicht verstellen. Aber ja. Sie haben Recht, Achim.“

„Dann wäre das ja geklärt. Gibt es sonst noch etwas zu besprechen?“

Sie rutschte vom Barhocker und geht mit Achim auf den Hof.

Sie schaute ihn an,“ Achim, sie verstehen sicherlich, dass es meine Aufgabe ist, sicherzustellen, dass alle Spenden aus geordneten Quellen stammen.“

„Frau Pronto, Geld ist Geld. Egal, wo es herkommt. Ich frage sie auch nicht, ob die Kleidung, die ihr Konzern verkauft, von Kinderhänden hergestellt wird oder warum die Pronto AG mit Diktatoren in Russland, Belarus oder China kooperiert.“

Christine schluckt.

Achim hat leider Recht.

Wie oft hat sie das Michael schon unter die Nase gerieben? Mit solchen Geschäfspartnern macht sich der Konzern angreifbar.

Achim begleitet sie zu ihrem Wagen. Sie schließt die Tür auf erwähnt beiläufig, „bevor ich es vergesse, sie werden vermutlich in den nächsten Wochen von unserem Bürgermeister ins Rathaus eingeladen.“

„Wozu?“ fragt Achim.

„Anerkennung! Ich werde Herrn Tschentscher bitten, sie zu einem Senatsempfang einzuladen.“

„Tanzt der Bürgermeister immer nach ihrer Pfeife, Frau Pronto?“

„So kann man das nicht nennen. Er war als damaliger Finanzsenator Mitglied im Verwaltungsrat von Boberg. Ich kenne ihn sehr gut.“

„Kann ich meine Jungs mitbringen?“

„Warum nicht.“

„OK, wir kommen, wenn er uns darum bittet.“

Sie nickt, steigt in ihren Wagen, lässt die Seitenseite heruntergleiten, „Achim, ich habe mich sehr gefreut, sie kennenzulernen. Solche Location sehe ich nicht jeden Tag.“

„Ist mir klar, Frau Pronto. Ich schätze ihren Mut, hier ohne Begleitschutz aufzulaufen,“ lacht Achim und klopf auf das Dach vom R8.

Sie grinst und bemerkt,“ anfänglich hatte ich Angst. Wenn man sie und ihre Kollegen mit ihrem Körperbau, ihren Tattoos so sieht, wirkt das schon bedrohlich. Aber so gefährlich wie ich erst dachte, finde ich sie jetzt nicht mehr, Achim. Immerhin haben sie gespendet. Darauf kommt es an, lieber Achim.“

Achim grinst und denkt, „sie hat was.“

Sie startete den Motor, winkt und fährt langsam vom Hof.

„Der liebe Achim hat fünfzehn Mille in den Wind gehauen,“ verdreht Achim Christines Aussage wütend.

Zwei Stunden später wird Achim von Mark aus der Garage herausgerufen.

„Da ist jemand vom Abendblatt. Sie will dich sprechen.“

„Abendblatt, was wollen die denn. Schon wieder wegen der beschissenen Spende? Wer hat denen das bloß gesteckt?“ denkt er, wirft den Schraubenschlüssel zu Boden und geht raus.

Dort wartet eine junge Frau, lange schwarze Haare, T-Shirt, Jeans und Sneakers.

Sie kommt auf ihn zu, will ihm ihre Hand reichen, zieht sie sofort zurück, als sie seine ölverschmutzten Hände sieht.

„Mein Name ist Svenja Sebode, Hamburger Abendblatt. Sind sie Achim Brettschneider?“

„Ja, worum geht’s?“

„Wir haben erfahren, dass sie 25 Mio. Euro an zwei soziale Einrichtungen gespendet haben. Ich würde sie gerne interviewen. Geht das?“

„OK, ich habe wenig Zeit, ich muss mich um meine Harley kümmern. Also was wollen sie wissen?“

Am gleichen Tag waren noch der NDR und das ZDF da, um über den 40 Mio.- Spender zu berichten.

Achim passt das ganze Theater nicht, lässt sich das aber nicht anmerken.


In Laufe der Woche berichten die Hamburger Medien über die Spenden des Rocker-Clubs. Die Reaktionen der sozialen Einrichtungen sind wohlwollend, die Politik freut sich über das finanzielle Engagement, die Menschen in der Stadt diskutieren die Herkunft der Spendengelder. Nachdem aber klar ist, dass es sich bei der gespendeten Summe tatsächlich um einen Lottogewinn handelt, wird die Kneipe der ‚Blue Devils´ zum neuen In-Treffpunkt und die Biker können sich vor Bräuten kaum retten.

Die Rocker-Szene belächelt die plötzliche Prominenz der ‚Blue Devils´. Viele Biker wundern sich, dass die Menschen in der Stadt freundlicher mit ihnen umgehen.


Vier Wochen später gehen bei den Bikern die Einladungen zum Senatsempfang vom Bürgermeister ein. Die Senatsverwaltung verlangt, dass alle Biker vorab Kopien ihrer Ausweise an die Verwaltung senden sollen.

„Ich werde von den Bullen wegen Menschenhandel und Prostitutionsförderung gesucht,“ meint Jimmy, „wenn die meine Daten überprüfen, werden sie den Bullen meinen Aufenthaltsort stecken. Ich gehe da nicht hin.“

Andere Brüder äußerten sich ähnlich. Jeder zweite wird von der Polizei gesucht.

Auch mit Schönfärberei konnte er sie nicht überzeugen, „wir sind die Promis. Da passiert nichts. Wir treffen den Bürgermeister, die Prontos von der Pronto AG, Udo Lindenberg, Otto Waalke, Helene Fischer und Uwe Seeler. Alle wollen uns sehen und mit uns feiern. Wollt ihr euch das entgehen lassen, Jungs?“

Die Hälfte der Gang wollen nicht am Senatsempfang teilnehmen.

Die abendliche Abstimmung ergibt elf Jastimmen und vierundzwanzig Neinstimmen. Nach den Regeln der ‚Blue Devils´ hat die Mehrheit entschieden, nicht zum Senatsempfang zu fahren.

Achim ist sauer


Achim, Ogesa und der schöne Hartmut sitzen an der Theke vom ‚Anker´ in der Davidstraße, jeder von ihnen hat eine ASTRA-Knolle vor seiner Nase.

„So eine Scheiße, flucht Achim wütend und starrt auf seine Knolle, „das wäre eine so geile Party im Rathaus geworden. Aber meine Jungs haben Schiss in der Hose. Sie sind überzeugt, dass sie nach der Feier von den Bullen verhaftet werden.“

„Sie haben nicht ganz Unrecht,“ nuschelt Ogesa.

Beide haben schon reichlich gebechert.

Achim betrachtet seinen Nebenmann, ein unrasierter Glatzkopf mit eingeschlagener Nase, um die vierzig Jahre alt.

„Ich würde hingehen. Einladung ist Einladung. Mal wieder mit Udo Lindenberg einen Eierlikör trinken,“ meint Hartmut lachend. Als junger Kerl hatte er in der Sporthalle mehrere internationale Boxkämpfe im Mittelgewicht gewonnen.

Die Theke vom ‚Anker‘ hatte der ehemalige Inhaber in den 60er Jahren holzvertäfelt, sie wirkt wie eine halbgeschlossene U-Bahn aus dem letzten Jahrhundert. Es wurde daran nichts verändert. Im Halbrund der ‚U-Bahn´ stehen hinter der Bar Flaschenbatterien von Absinth bis Zickenbrand und warten auf trinkfreudige Abnehmer.

„Da wird man schon mal vom Bürgermeister eingeladen und dann so was.“

Ogesa haut ihn seine Pranke auf die Schulter, „wenn’s dir so wichtig ist, fahr allein hin. Ich würde mitkommen.“

„Du kennst unsere Regeln: Alle oder keiner,“ brabbelt Achim in seinen Bart, „wie spät ist es, mein Freund?“

Ogesa zieht umständlich sein Mobilphone aus seiner Kutte, „gleich drei.“

„Muss los.“

„Komme mit.“

Sie bezahlen, verlassen die Kneipe in der Davidstraße, steigen auf ihre Motorräder und starten ihre Maschinen.

„Lasst euch nicht von den Bullen erwischen, so breit wie ihr seid,“ schreit Hartmut ihnen vom Bordstein hinterher. Seine Mahnung geht im Höllenkrach und stinkenden Abgaswolken der Motorräder unter.

Die Mädchen an der Straße schimpfen ihnen wütend nach, „Ogesa und Achim! Ihre miesen Arschlöcher,“ da durch den martialischen Abgang der Rocker sich ihre letzten Freier schnell verzogen haben.

Achim rast mit neunzig Sachen über die leere Holstenstraße und übersieht an der Thadenstraße die rote Ampel.

Er kann einem weißen SUV nicht mehr ausweichen und touchiert mit seiner Maschine den linken Kotflügel des Fahrzeugs, verliert die Kontrolle, wird von Sitz gerissen, stürtzt über die Motorhaube des SUVs auf die Straße, rutscht mehrere Meter über das Straßenpflaster und bleibt leblos liegen.

Der SUV schleudert über die Kreuzung und kommt qualmend und zischend an der Verkehrsinsel zum Stehen.

Die Motorhaube und Kotflügel vom Auto sind Schrott, die Windschutzscheibe ist implodiert, im Innenraum blasen sich die Airbags auf. Die Harley liegt ölverschmiert, mit laufendem Motor auf der Straße, überall liegen verstreut Trümmerteile herum.



„Mensch Achim,“ sagt Jimmy.

Er sitzt mit Claude auf unbequemen Besucherstühlen am Krankenbett. Günnis Rolli haben sie zwischen ihren Stühlen platziert.

Achim schläft und atmet röchelnd. Sein Kopf ist in einen weißen Verband gehüllt, sein Gesicht ist von Hautabschürfungen und blau aufgequollene Augenhöhlen entstellt. Seine linke Schulter ist einbandagiert und der rechte gebrochene Arm liegt in einer Schiene. Das linke Bein hängt mit Trümmerbruch an einer Halterung am Bett. An Achims rechter Hand befinden sich mehrere Kanülen, die über Schläuche zu dem über dem Bett befindlichen Flüssigkeitstropf führen. Die Ärzte haben ihn mit Schmerzmitteln vollgepumpt. Sein massiger Körper hebt sich unter einer weißen Steppdecke ab. Von der Bettdecke wandern mehrere Kabel zu den blinkenden Geräten hinter dem Bett.

Die Ärztin hatte ihnen gestern gesagt, dass Achims Wirbelsäule wie durch ein Wunder nicht beschädigt worden ist und dass außer einer schweren Gehirnerschütterung, Kopf- und Schulterverletzung sowie Arm- und Beinbruch alles in Ordnung sei.

„Er hat selbst schuld,“ bemerkt Claude, „fährt nachts, mit 2,0 Promille, mit hundert Sachen über die Holstenstraße. Bescheuert.“

„Hör auf damit. Ich will das nicht hören. Er muss zuallererst wieder gesund werden. Alles andere ist mir scheißegal,“ antwortet Jimmy ärgerlich.

„Schluss jetzt. Wir sind hier, um uns um unseren Boss zu kümmern,“ erinnert Günni an ihren Besuchsgrund.

Claude und Jimmy schauen sich genervt an und nicken wortlos.

Nach dem Unfall wurde Achim im Rettungswagen zum Unfallkrankenhaus Boberg gebracht. Er wurde sofort operiert und liegt mit zwei anderen verunglückten Bikern in einem kleinen Krankenzimmer.


„Wie geht es dir?“ fragt Achim seinen Bettnachbarn Nils.

„Was denkst du? Wie soll es mir gehen? Ich werde nie wieder laufen können.“

„Wird schon.“

Seit zwei Monaten liegt er mit Nils gemeinsam in einem Krankenzimmer. Nils hatte mit seiner Kawasaki einen schweren Unfall auf der A 7. Ein LKW-Fahrer hatte ihn auf der Autobahnauffahrt Waltershof übersehen.

Während sich Achim nach seinem Unfall schnell erholt hat, muss Nils damit rechnen, seine Zukunft im Rollstuhl zu verbringen.

Er ist zwanzig Jahre alt, groß, blond und arbeitet als Kfz-Mechatroniker bei Tamsen.

„Wird schon, wird schon,“ äfft er Achim nach, „du bist heil davongekommen. Wenn deine Brüche verheilt sind, kannst du dich wieder gemütlich auf deine Harley setzen. Bei mir ist Feierabend.“

„Mann, Nils, sei nicht so pessimistisch.“

Der Jungs tat ihm leid.

„Nach der letzten Computertomografie hat mir die Professorin gesagt, dass es ein neues OP-Verfahren aus den USA gäbe, das eine Querschnittslähmung verhindern könnte.“

„Und?“

„Die Krankenkasse zahlt nicht.“

„Warum?“

„Neues Verfahren. Gibt darüber zu wenig Erfolgsstudien.

Resigniert flüstert Nils, „die OP ist teuer. Ich hab das Geld nicht.“

Achim denkt nach, er möchte Nils helfen und greift zum Smartphone.

„Achim hier, erinnern sie sich noch an mich, Frau Pronto?“

„Natürlich, unser Fünfzehnmillionenspender. Wie geht es Ihnen, Achim?“

„Soweit ganz gut. Hatte einen Unfall. Liege gerade in Boberg.“

„Oh, ich hoffe, ihnen ist nicht schlimmes passiert?“

„Alles bestens Frau Pronto,“ lacht Achim, „nur ein paar kleine Kratzer.“

„Ich bin morgen auf der vierteljährlichen Verwaltungsratssitzung im Boberg. Ich besuche sie nach der Sitzung, wenn es OK für sie ist?“

„Kommen Sie gerne vorbei, Frau Pronto. Freue mich. Der Grund meines Anrufs ist, ich habe ein Anliegen.“

„Achim, dass sie etwas auf dem Herzen haben, ist mir schon zu dem Zeitpunkt klar gewesen, als ich ihre Stimme hörte.“


Wenige Wochen später wird Nils unter Anleitung eines Professors von der Universitätsklinik in Los Angeles operiert.

Die Operation verläuft erfolgreich. Nils hat große Chancen, wieder Motorrad zu fahren.

Die Kosten übernimmt der Spendenförderverein Boberg.


Werni, Günni und Claude sitzen bei Detlef im ‚Mayday‘ an der Theke, trinken Whiskey und grinsen.

Alle in Biker-Lederklamotten.

„Mein Whiskey ist deutlich besser als diese Plorre hier,“ meckert Werni.

„Lass das bloß Detlef nicht hören. Der schmeißt uns sofort raus und erteilt uns Lokalverbot,“ bemerkt Claude, „das hier ist meine Stammkneipe. Also seid ruhig.“

Nach langem Schweigen meint Werni, „Achim hat im Boberg seine Meinung über deine Spende geändert, Günni. Christine hat mir gestern berichtet, dass er sich in den letzten Wochen um viele Motorradunfallopfer gekümmert hat und beim Spendenverein Heilungsanträge über mehrere Millionen beantragt hat.“

„Achim als ‚Mutter Theresa’“, grinst Claude, „auch bei unserem letzten Besuch hat er von ‚Günni abknallen‘ nicht mehr gesprochen.“

„Ok Werni, lass uns zu deinen Whiskey-Flaschen an der Elbchaussee fahren,“ lacht Günni.

Sie zahlen und Werni schiebt Günni vor die Kneipe.

Da steht eine Harley mit Beiwagen für Günni und Wernis gewartete alte Maschine.

„Los geht’s,“ lacht Claude.

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

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