von Angelo Wehrli
(Kurzkrimi erster Teil.)
Sie standen vor der Kneipe und betrachteten im grellen Scheinwerferlicht die Leiche auf dem Kopfsteinpflaster. Ein junger Mann, groß, blonde schulterlange blutverschmierte Haare, ins Leere starrende blaue Augen, Dreitagebart, verdrehte Schultern. Wahrscheinlicher Genickbruch. Seine Lederjacke war zerrissen, das verrutschte T-Shirt entblößte auf seiner Brust ein Monster Tattoo. Vor den roten Absperrflatterbändern drängten Polizisten Publikum ab, das scheinbar brennendes Verlangen nach Blut und Tod hatten.
„Das sieht nach einem Unfall mit anschließender Fahrerflucht aus“, bemerkte Susanne, die leitende Kommissarin. In ihrem grauen Mantel wirkte sie klein und unscheinbar.
„Die Spurensicherung geht davon aus, dass das Opfer von einem Fahrzeug überrollt wurde. Der oder die Unfallflüchtige hat den Mann einfach liegen lassen. Nach der Kollision war er nicht sofort tot, „antwortete ihre Assistentin Tina, die den Ausweis des Toten untersuchte. Sie war jung und hübsch. Ihre Lederjacke und ihre Jeans verbargen ihre durchtrainierte Figur.
„Laut Ausweis und Führerschein handelt es sich bei dem Toten um Jacob Dressler, wohnhaft im Zirkusweg 3. Das ist zwei Straßen weiter. Irgendwie kommt mir sein Gesicht bekannt vor.“
„Hat die Spurensicherung seinen Wohnungsschlüssel gefunden?“, fragte Susanne. Tina hielt einen Plastikbeutel in die Höhe und meinte, „Hier! Ich kann gerade nichts mehr tun. Ich gehe zu seiner Wohnung und schaue mich dort mal um.“
„Soll jemand mitkommen?“
„Nein, Wohnungsvisiten von Toten sind nicht gefährlich“, lachte sie, „außerdem habe ich meine ständige Begleiterin dabei“ und zeigte auf ihren Pistolengurt unter ihrer Lederjacke.
Nach kurzem Fußmarsch erreichte sie die Adresse, ein rot geklinkertes heruntergekommenes Mietshaus. Im Strahl ihrer Taschenlampe erkannte sie auf dem Klingelbrett die Namen „Dressler – Schröter“. Tina öffnete die Haustür, es roch nach abgestandenem Schmutz und Müll, sie schaltete die flackernde Flurbeleuchtung ein und bemerkte Parterre eine offene Wohnungstür. ‚Dressler – Schröter‘ stand am Türschild. Tina hörte in der Wohnung einen heftigen Streit.
Eine weinende Frauenstimme schrie, „Du hast Jac überfahren. Du Schwein.“
„Nein, du hast ihn vor meinen Wagen gestoßen“, antwortete eine Männerstimme.
„Warum sind wir hier? Warum hast du mich daran gehindert, einen Krankenwagen zu rufen?“
„Der brauchte keine Hilfe mehr. Der war mausetot.“
Die Frau schluchzte laut.
„Ich habe keinen Bock auf Bullen. Du bist meine neue Einnahmequelle.“
„Ich bin was?“
„Du besorgst 50 Riesen Schweigegeld und die Sache ist aus der Welt.“
„Spinnst du? Welche Sache und wofür denn?“
„Weil ich bezeugen kann, dass du deinen Freund vor meinem Wagen geschubst hast. Du hast ihn umgebracht.“
„Nein, du hast ihn totgefahren und Fahrerflucht begangen.“
Tina hörte einen Faustschlag, einen schmerzhaften Schrei und dass jemand zu Boden fiel.
Tina hatte den Dialog auf ihrem Mobiltelefon mitgeschnitten, zog ihre P 3 aus dem Holster, stieß mit ihrem Stiefel die Tür auf, stellte sich breitbeinig in den Flur und brüllte“, Polizei! Auf den Boden, sofort!“ Vor ihr stand ein großer Kerl, ein Biker in Leder, mit dunklen Augen, Glatze und breiten Schultern. Die Frau lang zusammengekrümmt auf dem Boden und weinte. Der Kerl grinste Tina an und machte keine Anstalten, ihrer Aufforderung nachzukommen. Stattdessen ging er seelenruhig auf sie zu. Sie war halb so groß und hatte nicht mal die Hälfte seines Gewichts. Ihr blieben zwei Möglichkeiten: Ihn töten oder kampfunfähig machen. Er ballte seine Fäuste und wollte sich auf sie stürzen. In einer fließenden Bewegung nahm sie seinen Faustschlag auf, verlagerte ihr Gewicht unmerklich zur Seite, roch seinen Schweiß und seine Alkoholfahne, ließ seinen Schlag an ihren Armen abgleiten, klemmte seinen Ellenbogen wie ein Baguettebrot fest an ihren Körper, ließ sich mit ihm zu Boden fallen, brach ihm dabei den Arm, zog ihre Handschellen vom Gürtel und fesselt dem vor Schmerzen stöhnenden Kerl beide Hände auf dem Rücken. „Sie haben es so gewollt“, bemerkte Tina leise.
Die Frau war aufgesprungen und wollte aus der Wohnung rennen. Tina kniete immer noch auf dem Rücken des Bikers, der sie wie eine Fliege abzuschütteln versuchte und erwischte sie am Arm, „Ich rate ihnen, hier zu bleiben.“ Das Gesicht der jungen Frau war mit dunkler Schminke verschmiert, die blau gefärbten Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und über den gepiercten Mund. Sie trug eine abgerissene Lederjacke und dunkle Jeans.
Jetzt fiel Tina ein, woher sie das Gesicht des Toten und dieser Frau kannte,“ Sie sind doch Alliza, die Gitarristin von ‚Early Death‘“? Sie nickte wortlos. „Wir haben Jacob Dressler vor dem Night-Light tot aufgefunden. Ist das nicht der Sänger ihrer Band?“
Sie nickte erneut, während der Biker unter Schmerzen schimpfte“, Ich bringe dich um, du Bullenschlampe“! Tina zog dem Biker die Brieftasche aus der Jacke, fand seinen Ausweis, meldete per Funk eine Verhaftung mit seinen Daten und bat um Verstärkung.
Alliza kniete vorsichtig neben Tina nieder, die immer noch den Biker am Boden fixierte.
„Was ist passiert?“, fragte Tina.
“Jac hatte mir gesagt, dass er die Band verlassen will. Er wollte bei ‚One fucking Minute‘ einsteigen, die gerade einen Mega-Vertrag mit einem großen Label bekommen hatten“, sie wischte ihre Tränen aus dem Gesicht,“ ‚Early Death‘ war unser gemeinsames Baby. Wir wollten nächsten Monat touren. Wir waren Freunde. Er hat mich schwer enttäuscht und ich war megasauer auf ihn“.
„Die Schlampe hat den Kerl umgebracht. Ich bin Zeuge. Sie hat ihn vor meinen Wagen gestoßen“, quatschte der Biker dazwischen und versuchte erneut, sich unter Schmerzen aus Tinas Fixierung zu befreien.
„Halten sie die Klappe, ich habe gerade eine SMS bekommen, sie werden per Haftbefehl wegen einiger anderer Delikte dringend gesucht.“
Tina schaute Aliza an, „Und was passierte dann?“
„Er ließ mich nach so vielen Jahren einfach stehen. Wir arbeiten seit Monaten an einem neuen Album. Ich bin hinterher und wollte von ihm wissen, was jetzt aus unserer Band werden soll. Packte ihn, er riss sich los und stürzte vor das Auto. Dieser Kerl hier hat nicht einmal gebremst.“
(Den zweiten Teil dieses Kurzkrimis könnt ihr unter dieser Rubrik Kurzkrimis unter dem Titel „Haarige Angelegenheiten“ lesen.)
