Die Barkeeperin

von Angelo Wehrli

Rita

„Heute ist nicht viel los,“ dachte Rita, zog an ihrer ‚5th Avenue‘, blies den Rauch zur Decke und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, „wenn Heinz kommt, dann frage ich, ob ich nach Hause kann.“

Mittwochs war nie viel los.

Sie saß vor der Theke auf einem angestaubten Barhocker, der mit aufgerissenem rotem Leder bezogen war. Heinz hatte die Theke aus Trümmersteinen der umliegenden Straßen und geklautem Zement zusammengezimmert. Zinkwannen mit Regenwasser und alte Lappen mussten hinter der Theke für die Reinigung von schmutzigen Gläsern ausreichen.

Der Raum war rechteckig, sämtliche Kellerfenster zugenagelt, angekohlte Tische und Stühle aus ausgebombten Häusern bildeten das Mobiliar. Kein Möbelstück passt zum anderen.

Staubige Bierflaschen aus Kriegszeiten, schwarz gebrannter Korn, auf dem Schwarzmarkt beschaffter englischer Whiskey und Gin warteten auf durstige Gäste. Das waren Schwarzhändler, Matrosen, Kriegsheimkehrer ohne zu Hause, Besatzer und leichte Mädchen. Heinz war ständig auf Trab, um Nachschub auf dem Schwarzmarkt oder von illegalen Brennereien zu besorgen.

Das Plumpsklo befand sich draußen im Innenhof. Für 5 Pfennig konnte man dafür von Rita einen Schlüssel bekommen. Auf den Tischen standen mit Wachs überzogene Kerzenständer. Sie wurden von Rita erst angezündet, wenn Kundschaft den Tisch besetzte. Strom gab es nicht.

In Ritas Nähe knisterten gestohlene Dachbalken in einem gusseisernen Kanonenofen . Helle, rote Flammen züngelten aus Öffnungen der glühenden Ofenringe und Verschlussklappen, sorgten für Schattenspiele an der Decke und wohlige Wärme. Durch ein glühendes Rohr zog der Rauch nach draußen ab. Es stank nach verkohltem Holz, abgestandenen Zigaretten, Alkohol und kaltem Schweiß.

Draußen war es nasskalt. Überall Trümmer, zerstörte Häuser. Ausgemergelte, hungernde Menschen suchten auf den kaputten Straßen und Gängen nach Lebensmitteln, Angehörigen und hier auf dem Kiez nach Zerstreuung und Vergessen.

Das Haus über der Kellerkneipe war vor zwei Jahren nach den Bombenangriffen abgebrannt.

Eine baufällige Kellertreppe führte in die Kneipe. An der verrosteten Kellerbalustrade hatte Heinz ein kleines Pappschild angebracht. Eine alte glimmende Straßenlaterne beleuchtet das verwitterte Schild.

„Tankstelle“ stand drauf.

Eine junge Frau und ein Mann betraten den Raum, setzten sich an einen Tisch in der Nähe des Ofens und wärmten sich auf.

Der Mann schaute Rita an und nickte.

„Draußen kalt,“ meinte er, als Rita am Tisch stand, um die Bestellung aufzunehmen,“ aber hier warm. Mach zwei Rum.“

„Ein Russe,“ dachte Rita, nickte, kehrte zur Theke zurück, öffnete eine Schnapsflasche, füllte zwei kleine Gläser mit englischem ‚Single Cask Rum’ und trug die Getränke auf einem Tablett zum Tisch.

„Original englischer Rum,“ bemerkte sie und nannte den Preis,“ fünf Mark oder vier Lucky Strike.“

Der Mann griff in seine Manteltasche und legte wortlos fünf Münzen auf den Tisch.

Rita musterte seinen schmutzigen langen abgerissenen Wehrmachtmantel, darunter trug er eine wattierte russische Militärjacke. Sein Gesicht war eingefallen, er war unrasiert, seine Augen verbargen sich in dunklen Augenhöhlen hinter dicken Brillengläsern. Den kahl rasierten Schädel hatte er mit einer verwaschenen Militärmütze bedeckt. Er stank wie die Pest.

Rita schätzte ihn auf Mitte dreißig.

Das Mädchen war jung, dünn, blond, trug eine schmuddelige grüne Wollmütze, einen für sie viel zu großen Fischgrätenmantel und darunter lugte eine zerrissene blaue BDM-Trainingshose hervor. Ihre Füße steckten in schmierigen abgeschnittenen alten Knobelbechern.

Rita zündete die Tischkerzen an.

„Jetzt könnt ihr euch und die Schnäpse sehen,“ meinte sie lächelnd.

„Danke,“ antwortete der Mann, lächelte kurz und ergriff die Hand der Frau.

„Ganz einfach,“ erklärte er, „ich gebe dir Essen und Trinken. Dafür gehst du mit Freiern. Meine Freier gut. Haben Zigaretten, Schokolade, Kartoffeln. Du dann nicht hungern.“

Rita kannte diese Masche. Die Luden suchten sich am Altonaer Bahnhof hungernde, alleinstehende Flüchtlingsmädchen aus und versprachen ihnen alles Mögliche. In ihrer Not glaubten sie den Kerlen und landeten am Ende alkoholabhängig in der Gosse. Sie hasste die Russen. Sie hielten die Mädchen wie Sklavinnen und zwangen sie jeden Tag unzählige Freier zu bedienen. Wenn sie nicht genügend Geld oder Tauschware heranschafften, setzte es Prügel. Sie bekamen kein vernünftiges Essen, vegetierten in ekelhaften, kalten Trümmer Absteigen und handelten sich bei den Freiern Tripper und Schlimmeres ein.

Die Tommys sahen über die kriminellen Machenschaften der ehemaligen Kriegsgefangenen und jetzigen Verbündeten hinweg. Heinz meinte zu ihr,“ Verkauf ihnen unseren Schnaps und halte dich aus ihren Geschäften raus. Dann lassen sie dich in Ruhe.“

Sie setzte sich wieder auf ihren Barhocker und starrte verträumt auf die kleine leere Fläche neben der Theke, auf der am Wochenende jeden Abend die hauseigene Swing Band „Sunrise“ spielte.

Rita mochte die jungen Musiker und ihren Swing, vor allem Dingen, wenn der schöne Max Saxofon spielte. Die Tommys waren verrückt nach diesen Klängen. Die Bude war immer rappelvoll. Sie wollten Spaß und Tanz. Mädchen, wie die da am Tisch, holten sie sich für Zigaretten oder Schokolade von der Straße.

Rita hatte braune lange Haare, die Stirnhaare waren mit einem bunten Kopftuch zu einer Innenrolle gebändigt, ihre Haarspitzen hatte sie heute Nachmittag mit Lockenwicklern eingedreht. Ihre hübschen blauen Augen und ihr kleiner Kussmund hatte schon so manche Kerle, die um sie buhlten, zu Schlägereien veranlasst.

Sie hatte nicht viel anzuziehen. Die verwaschene blaue Baumwollbluse und ihre braune Strickjacke trug sie seit der Flucht aus Ostpreußen. Ihren schwarzen Rock hatte sie mit einem Soldatenkoppel fixiert. Ihre Füße steckten in braunen Wollsocken und klobigen schwarzen Schuhen. Wenn sie nachts aus der Kneipe nach Hause kam, stanken ihre Klamotten nach Qualm.

Während eines Hamsterzuges hatte sie Heinz in Bargteheide kennengelernt. Auf der Rückfahrt im überfüllten Zug nach Altona bot er ihr ihre jetzige Arbeit an.

Sie kam aus Königsberg, hatte dort Abitur gemacht und war 1945 mit der ‚Wilhelm Bauer‘ nach Travemünde geflüchtet. Ihr Vater war 1944 in Russland gefallen. Mutti hatte die Flucht nicht überlebt. Typhus. Geschwister gab es nicht. Man hatte ihr in Ottensen ein möbliertes Zimmer zugewiesen. Obwohl die fünfköpfige Familie Schmidt selbst kaum Platz hatte, wurde sie freundlich behandelt. Das lag vielleicht daran, dass sie Frau Schmidt jeden Monat zwei Schachteln ‚5th Avenue‘ zusteckte.

Sie vermisste Königsberg, trauerte um ihre Eltern und den Freundinnen. Sie wusste nicht, ob Clara, Ilse und Martha noch lebten. Vielleicht waren sie längst verhungert oder noch schlimmer, vergewaltigt und ermordet worden.

Schuld waren die Nazis und die Russen.

Am Tisch flog krachend ein Stuhl um. Das Mädchen war weinend aufgesprungen.

„Das mache ich nicht,“ rief sie verzweifelt,“ dann verhungere ich lieber. Ich dachte, sie hätten eine ordentliche Arbeit für mich.“

Sie wollte gehen, aber der Russe drückte sie brutal auf den Stuhl zurück.

„Bleib hier. Du machst, was ich sage. Sonst schlage ich dich.“

Das Mädchen weinte und hielt ihre Hände schützend über ihren Kopf. Rita konnte unter den verschränkten Armen nur ihren Kopf mit den zerzausten blonden Haaren erkennen.

„Hör auf zu heulen,“ brüllte der Russe.

Sie verstummte, legte ihren Kopf auf den Tisch und rührte sich nicht.

„Das reicht jetzt,“ dachte Rita, griff in die Schublade unter der Theke, zog die „08“ heraus, versteckte sie unter ihrer braunen Strickjacke und ging zum Tisch.

Da sich in der Kneipe häufig kriminelles Gesindel herumtrieb, hatte Heinz darauf bestanden, dass sie mit seiner Wehrmachtspistole umgehen konnte. Obwohl die Tommys Waffenbesitz nicht erlaubten, hatte er mit Rita im Sachsenwald Schießen geübt.

„Wenn dir einer dumm kommt, nimm die „08“, nicht fackeln, auf den Kopf zielen und abdrücken,“ hatte er ihr eingeschärft.

„Was willst du?“, blaffte der Russe.

Er zeigte zur Theke und sagte drohend,“ Hau ab. Nicht deine Sache.“

Rita stellte sich an den Tisch, schaute in seine kalten Brillenaugen und sagte, „Raus!“

Das Kerzenlicht flackerte.

Der Russe betrachtete Rita. Die züngelnde Glut des Kanonenofens erzeugte in seinem Gesicht ein sich ständig veränderndes Schattenspiel. In den Augenhöhlen des Russen spiegelten sich auf der Nickelbrille kleine Kerzenflämmchen. Er wirkte auf sie wie der leibhaftige Teufel.

Langsam löste sich seine Starre. Er erhob sich entspannt und lachte laut. Rita merkte, dass er sie um anderthalb Köpfe überragte.

Sie zitterte ängstlich.

Mit seiner rechten Schulter schubste er sie und holte zu einem Schlag aus.

Rita bewegte sich rückwärts und schrie, „Bleib stehen Russe!“

Er lachte und verfehlte Rita mit seinem Faustschlag.

„Der wird mich umbringen“, dachte sie und zog die „08“ mechanisch aus ihrer Strickjacke.

In ihrem Kopf spulte sie schnell die Anweisungen von Heinz herunter: „Entsichern, mit beiden Händen halten, breitbeinig stehen und schießen.“

Als er sich auf sie stürzen wollte, schoss sie ihm ins Gesicht.

Ein ohrenbetäubender Knall hallte durch den Raum.

Die Patronenhülse kollerte über den Betonboden.

Er fiel blutüberströmt auf den Zementboden und rührte sich nicht mehr.

Für einen Moment war sie taub.

Es roch nach Cordit.

Ihre Augen tränten vom Pulvergestank.

Rita schrie den leblosen Russen an,“ du quälst niemanden mehr.“

Sein Gesicht war nicht mehr zu erkennen. Unter seinem massigen Körper hatte sich eine Blutlache gebildet.

Rita wusste, dass er tot war. In den letzten Jahren hatte sie genug Tote in den Hausruinen und an den Straßenrändern gesehen.

Tote schockten sie schon lange nicht mehr.

Das Mädchen saß wie angewurzelt am Tisch, hielt sich die Ohren zu, schaute ängstlich auf den Toten und fragte, „Ist er…?“

„Mausetot,“ antwortete Rita, „weißt du, wo du jetzt hin kannst?“

Die qualmende Waffe legte sie auf die Theke.

„Nein.“

Rita wusste nicht, warum sie das tat, aber sie sagte es,“ geh nach Ottensen in mein Zimmer und warte da auf mich. Mottenburger Zwiete Nr. 12, 2 Stock bei Schmidt. Sag Frau Schmidt, dass Rita dich schickt. Hier ist der Schlüssel.“

Aus ihrer Einkaufstasche fischte sie einen Zimmerschlüssel und drückte ihn dem Mädchen in die Hand.

„Wie heißt du eigentlich?“

„Anette.“

„Wo kommst du her?“

„Aus Breslau. Sie haben uns in Viehwaggons weggeschickt.“

„Scheiße,“ meinte Rita, „los, Anette geh. Frag dich nach Ottensen durch.“

Nachdem Anette gegangen war, löschte Rita alle Kerzen, ging nach draußen und schloss die Tür hinter sich ab.

Zwei Straßen weiter wohnte Heinz.

Sie klopfte an seiner Tür. Nichts rührte sich. Drinnen war alles dunkel.

„Vielleicht ist er wieder auf Beschaffungstour auf dem Lande,“ dachte sie und lief im dunklen Treppenhaus zurück auf die Straße.

Zwei Ratten huschten schnell über die Straße und verschwanden unter aufgeschichteten Steinen der gegenliegenden Ruine. „Wer weiß, woran sie da nagen können,“ schauderte es Rita.

Es regnete und es war kalt.

„Was mache ich mit dem Russen?“, überlegte sie.

Vor dem Haus stand ein zweirädriger Handkarren.

Instinktiv hob sie die Zugriffe des Karrens vom Boden auf und schob ihn langsam über die gepflasterte Straße zur Kneipe.

Die beschlagenen Holzräder klackerten über die nassen Pflastersteine. Von den Hausruinen fiel ein trockenes Echo auf sie herunter. Auf dem Weg zur Kneipe begegneten ihr niemand. Nachts durfte man eigentlich nicht raus. Ausgangssperre. Aber wer trieb sich um diese Uhrzeit schon freiwillig in einer dunklen Gasse herum?

Als sie den Karren an der Kneipe abstellte, war sie völlig durchnässt.

Ritas wollte die Leiche auf den Karren aufladen, zum Fischmarkt ziehen und dann in die Elbe werfen.

„Hoffentlich treiben sich vor der Kneipe keine Gäste oder Schupos herum,“ dachte sie,“ die kann ich jetzt nicht gebrauchen.“

Als sie den Russen mühsam und mit letzter Kraft die Kellertreppe hochgeastet hatte, hörte sie hinter sich ein Geräusch.

Sie ließ die Arme der Leiche los und drehte sich um.

„Was machst du denn da?“

Heinz betrachtete die Leiche.

„Vor einer Stunde hätte ich dich gebraucht,“ erwiderte Ria erschöpft und erleichtert, „der hat Ärger gemacht. Wenn ich deine „O8“ nicht gehabt hätte, würde ich jetzt hier liegen.“

„Scheiße, immer, wenn so einer auftaucht, bin ich nicht da. Tut mir leid, Rita. Ich kümmere mich um die Leiche. Geh nach Hause. Mit deinen nassen Klamotten holst du dir noch den Tod. Komm morgen wieder.“

Heinz wusste auch in der größten Malaise, was zu tun war.

Rita war dankbar, dass sich Heinz um die Leiche kümmern wollte, umarmte ihn und verschwand.

***

Anette, das Flüchtlingsmädchen aus Breslau, Rita und Heinz betrieben die Kneipe nach der Ermordung des Russen gemeinsam. Es hatte sich auch niemand nach dem Kerl erkundigt.

In der ‚Morgenpost‘ gab es irgendwann einen Dreizeiler.

‚Unbekannte erschossene Männerleiche am Strand von Övelgönne gefunden.

Die Polizei geht von Raubmord aus.

Sachdienliche Hinweise an die Polizeiwache Nöldeckestraße.‘

Sie hatten nie wieder darüber gesprochen.

Anfang der 50er Jahre zogen sie mit der „Tankstelle“ aus dem Kellerloch ins neu aufgebaute Obergeschoss um. Den Flachbau hatten sie mithilfe einiger Stammgäste auf dem alten Hausfundament hochgezogen und eingerichtet. An den Innen- und Außenwänden installierte Fliesen-Axel bunte Fliesen, um seine Saufschulden abzutragen.

Das Prunkstück der neuen „Tankstelle“ war eine riesige Theke mit fünfundzwanzig Barhockern. Die Kneipendecke hatten sie damals St. Pauli-Braun gestrichen. Im Laufe der Jahre hatte sich der Deckenputz vom vielen Zigarettenqualm und Raumfeuchtigkeit gelöst. Über der Theke hingen alte Werbeleuchten. Die Gäste konnten Anette oder Rita beim Bierzapfen auf Augenhöhe zuschauen und gleichzeitig die sauberen Gläser und Schnapssorten in den langen beleuchteten Regalen betrachten. Im Regal befanden sich auch St. Pauli Schals, Mannschaftsfotos, Wimpel und Fußbälle.

Die Wohnverhältnisse im Viertel waren beengt, die Menschen hatten keine großen Einkommen und freuten sich abends oder am Wochenende auf ein Bier in netter Gesellschaft in ihrer “Tanke“. Hafenarbeiter, Handlanger, Brauer von Astra, später Hafenstraßen-Anarchos und Zuhälter mit ihren Bordsteinschwalben gehörten zu den Stammgästen.

***

Cindy

Das Publikum hatte sich in den letzten Jahren verändert. Die „Tankstelle“ war mittlerweile ein hipper Laden, in dem sich junge Leute zum Feiern trafen.

Angesagte DJs legten auf.

Seit einigen Wochen war die Kneipe geschlossen.

Cindy saß allein an der Theke und verfluchte das Corona-Virus. Tante Anette und Oma Rita würden sich im Grab umdrehen.

„Leere Kneipe, leere Kasse und keine Idee, wann das mit Corona endlich vorbei ist,“ dachte sie und blies den Rauch ihrer Zigarette in die Luft.

Sie hatte die Kneipe Anfang der 90er zu einer Zeit übernommen, als immer mehr Gäste aus dem gesamten Hamburger Stadtgebiet und dem Umland kamen, um an den Wochenenden auf dem Kiez zu feiern.

Das waren rosige Zeiten.

Aber jetzt war tote Hose.

Die Beleuchtung des Kneipenraums hatte sie ausgeschaltet. Nur die Lampenschirme über der Theke spendeten spärliches Licht.

Cindy war hier auf dem Kiez aufgewachsen, ging dann anschaffen, nach Lizzy’s Geburt hatte sie mit einem Teil ihrer Ersparnisse Rita die Kneipe abgekauft.

Ihre dunklen Haare hatte Cindy zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die männlichen Gäste mochten ihre braunen Augen und bewunderten ihre tolle Figur. Da der Laden geschlossen war, hatte sie sich nicht aufgebrezelt und trug ein weißes T-Shirt, Jeans und weiße Sneaker.

Die Kneipentür wurde geöffnet.

Tageslicht fiel in den dunklen Schankraum.

Cindy schaute zum Eingang.

Ein großer Kerl schob eine Frau durch die Tür.

„Mist,“ dachte sie, „ich hab die Tür nicht abgeschlossen und sagte laut und freundlich zu den Ankömmlingen, „tut mir leid, Leute, die Kneipe ist geschlossen. Lockdown wegen Corona.“

Der Kerl stieß die Frau zu einen Tisch in der Nähe des Eingangs und näherte sich der Theke. Sie konnte nur seine groben Umrisse erkennen. Groß, breitschultrig, mindestens 120 Kilogramm schwer. Sie roch Lederkleidung und hörte seine Stiefelabsätze über die Holzbohlen dröhnen.

Als der Kerl den Thekenlichtkreis erreichte, erkannte sie ihn.

Achim. Der Rocker-Chef der Blue Devils.

Dunkle Augen, Glatze, viele Tattoos, mit einem ölverschmierten weißen Shirt und seiner speckigen Lederkutte bekleidet, rieten jedem, sich vor ihm möglichst fernzuhalten.

Er starrte sie an, „Scheiß‘ auf den Lockdown. Ich eröffne die Bar. Bring uns zwei Bourbon mit Eis.“

Sie schaute in seine kalten, brutalen Augen, hielt seinem unfreundlichen Blick stand und tat, was er sagte.

Dieses Arschloch hatte sie nie gemocht. Selbstherrlich, brutal. Ein übler Lude. Sie musste für ihn lange Jahre anschaffen gehen. Irgendwann hatte sie sich bei ihm für viel Geld freigekauft.

„Ich kenne dich doch. Du bist in den 80ern für mich gelaufen, oder nicht? Wie heißt du?“

Cindy beantwortete seine Frage nicht, wollte keinen Ärger, füllte die Gläser mit Bourbon, holte Eis aus dem Kühlschrank und löffelte es in die beiden Drinks.

„Hier sind deine Bourbons. Geht aufs Haus. Trinkt aus und geht wieder.“

Es schaute sie überrascht an, grinste dreckig und meckerte,“ Bist du immer so freundlich zu deinen Gästen? Wenn du weiter so pampig zu mir bist, dann lange ich dir eine. Du weißt wohl nicht, wer ich bin?“

„Achim?“, sagte sie betont gelangweilt und schaute auf ihr Mobil-Telefon, um ihm ihr Desinteresse an eine weitere Unterhaltung zu signalisieren.

Sie hatte Angst und brodelte innerlich vor Wut.

„Diesem Arsch zeige ich meine Angst nicht. Der wartet nur darauf,“ ging es ihr durch den Kopf.

„Ja, ich bin Achim,“ murmelte er und bewegte sich in abgedunkelten Raumteil,“ sei froh, dass ich zu tun habe. Freche Weiber kriegen von mir normalerweise was aufs Maul.“

Er setzte sich zu der jungen Frau, stelle die Drinks ab und sagte zu ihr,“ Wo hast du deinen Reisepass? Gib ihn her.“

„Wieso. Du hast mir Arbeit im Hotel versprochen. Wozu brauchst du Pass?“ fragte sie mit russischem Akzent.

Cindy hörte im abgedunkelten Raum das Geräusch einer Ohrfeige und das weinende Mädchen.

Sie öffnete langsam die Schublade unter der Theke.

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

Katgeorien Betrüger und AusbeuterHinterlasse einen Kommentar

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