von Angelo Wehrli
„Brr. Kalt. Scheiße das Feuer ist aus“, dachte Stella unter den vielen Decken und Pelzschichten ihres Schlafplatzes. Sie linste vorsichtig unter den vielen Bettdecken hervor und sah, dass auf dem Fußboden und den Möbeln hauchdünne Schichten Raureif und Eiskristalle lagen. Sie wusste, was sie erwarteten würde, wenn sie aus ihrem warmen Bett steigen würde.
Schweinekälte!
Das Thermometer neben ihrem Bett zeigte minus fünf Grad an.
Mutig verließ sie ihr Bett und schrie, „Scheiße, Scheiße, Scheiße, ich werde mir den Tod holen, wenn ich das Feuer nicht in Gang kriege.“ Ihr Blick folgte ihrer warmen Atemluft, die sich als feine weiße Rauchwölkchen in den Raum verflüchtigten.
Niemand hörte sie.
Sie lebte in dieser Ruine allein.
Stella hatte kurz geschnittene graue Haare, einen für ihr Alter kräftigen Körper, ein faltiges Gesicht mit mandelförmigen braunen Augen und blutleeren Lippen. Sie sah müde und verdreckt aus, da sie seit einigen Wochen keine Waschmöglichkeit gehabt hatte.
Es gab keine Wasserversorgung mehr. Sie musste jeden Tag Wasser von der Ausgabestelle an der Bahrenfelder Trabrennbahn holen. Wasser war rationiert, mit ihrem alten Personalausweis bekam sie pro Tag drei Liter. Das reichte gerade zum Trinken und Kochen.
Rasch stieg sie aus ihrem Schlafsack, schnupperte unter ihren Achselhöhlen, verzog ihr Gesicht, streifte sich drei feuchte Pullover über, schlüpfte in ihren alten wattierten Mantel und rutschte in die auf dem Boden liegenden Winterstiefel. Stella zog sich dicke Handschuhe über, ging in die Hocke und machte fünfundzwanzig Liegestützen auf dem angefrorenen Betonboden. Danach hob Stella eine kleine Marshall-Lautsprecherbox mehrmals hoch.
Langsam wurde ihr warm.
„Ich brauche jetzt Feuer, Feuer, Feuer,“ sprach sie sich Mut zu, schüttelte sich, zog kurz ihre Handschuhe aus und sofort kroch feuchte Kälte über ihre Hände.
Stella schnappte sich vom Küchenschrank eine Batterie mit den zwei Polen, verband sie mit einem Draht, rieb die Drähte über Holzspäne am Kamin.
Nichts!
Die Sägespäne glühte nicht.
Alles war klamm und kalt.
Aus dem Küchenschrank holte Stella genervt den Feuerstein und das Schlageisen und schlug es über die Holzspäne. Sie sah die Reibungswärme und die Funken.
Die Späne entzündete sich immer noch nicht.
„Mist, Mist,“ brüllte Stella wütend, “ ich kriege das Feuer nicht an. Ich muss zu den Nachbarn, vielleicht geben die mir eine Fackel Feuer ab.“
Sie schaute sich in dem kalten Raum um: Auf die mit allen möglichen Materialien abgedichteten Fenster und ihre alten rustikalen Möbel. Stella begutachtete die offene kalte Feuerstelle und die Stahltür mit mehreren Schlössern. Vor 60 Jahren war dieser Raum eine Kneipe gewesen. Das Hauptquartier einer Rockergang. Die alten Flipperautomaten, Musikboxen, Scheinwerfer und Großbildschirme aus vergangener Zeit hatte Stella in eine Ecke geschoben.
Vielleicht funktionieren die Geräte noch?
Tauschobjekte für Liebhaber.
Stella öffnete mehrere Schlösser der Stahltür. Sofort füllte sich der Hauseingang mit Neuschnee. Schneidende Kälte drang in den Raum. Seit Wochen schneite es, die Temperaturen fielen nie unter fünf Grad minus.
Den morbiden Flachbau aus roten Klinkersteinen hatte sie von ihrer Mutter Cindy geerbt. Früher hatte es hier einen großen Park gegeben, den Volkspark. Jetzt war alles abgeholzt. Sie schaute nur noch auf Baumstümpfe. Relikte des ehemaligen Parks. Auch Baumstümpfe wurden jetzt von Menschen ausgegraben, um ein wenig Wärme in diesem harten Winter in ihren Behausungen zu bekommen. Stella war nach der großen Flut in den 50ern aus St. Pauli hierhergezogen.
Sie schnappte sich eine Schaufel und grub sich durch die Schneemassen einen schmalen Weg bis zur Straße frei. Ihr wurde langsam warm. Die Schneedecke war in der Nacht auf ein Meter fünfzig angewachsen und es schneite immer noch.
„Vielleicht bekomme ich von den Schmidts in der August-Kirch-Straße Feuer auf meine Pechfackel geschenkt,“ dachte Stella, klemmte sich eine Fackel unter den Arm, schob einen Flachmann mit altem Whiskey in ihre Tasche und stapfte mühsam durch den hohen Schnee Richtung Familie Schmidt. Da auf der Straße immer viel Verkehr war, gab es heute Morgen schon einen ausgetretenen Trampelpfad.
„Die Schmidts erwarten von mir für das Feuer eine Gegenleistung. Ich kann ihnen den alten Whiskey anbieten,“ überlegte sie und streichelte zärtlich über die kleine Whiskeyflasche in ihrer Manteltasche, während die Schneeflocken schnell Mantel und Mütze mit einer dicken Schicht bedeckten.
Whiskey hatte sie im Überfluss. Das Schnapsdepot ihres lang verstorbenen Großonkels Achim. Onkels Whiskeyvorräte setzte sie seit einigen Jahren als Tauschmittel ein. Eine gute Währung.
Sie erreichte das Haus der Schmidts.
Es waren vier große Häuser aus rotem Klinker im Stil der Hamburger Kaffeemühlen. Aufgrund der aufgelösten staatlichen Ordnung war jeder Bürger für seine eigene Sicherheit verantwortlich. Stella blickte über das Gebäude. Alle Fenster waren vergittert und mit Holzbewehrung verstärkt. Die Häuser waren mit einer vier Meter hohen Mauer mit Stacheldrahtaufsatz umgeben. Sämtliche Eingänge waren mit Stahltüren versehen. Das Videosystem schien nicht mehr zu funktionieren, da es um diese Jahreszeit keinen Solarstrom gab.
Stella klopfte an die Tür. Nach einigen Minuten sah sie im zweiten Stock das hagere Gesicht von Malina auftauchen.
„Stella,“ rief sie erfreut, „Du bist heute früh auf den Beinen. Es ist kurz vor acht. Was gibt’s? Ist etwas passiert?“
„Ich weiß, tut mir leid Malina. Mein Feuer ist ausgegangen. Kannst du mir aushelfen. Ich habe auch eine Fackel dabei.“
Malina schaute sie einen Augenblick an und rief, „Warte, ich komme runter.“
Stella stapfte von einem Bein auf das andere. Die Kälte kroch in ihre Glieder, Schnee fiel von ihrem Mantel auf die Erde.
Das Schlosssystem der Stahltür schnurrte und nach einer kurzen Unterbrechung öffnete Malina die Tür. Sie schaute sich draußen kurz um und zog Stella schnell ins Haus.
„Komm rein. Draußen treiben sich wieder marodierende Banden herum. Die stehlen alles, was nicht niet- und nagelfest ist,“ bemerkte Malina.
Stella nickte, zog ihre Handschuhe aus und rieb sich die Hände, „Ihr habt es schön warm hier drinnen.“
„Erdenergie. Meine Eltern haben unser Heizsystem in den 30ern umgestellt. Jetzt ist das die Rettung, nachdem die Energieversorgung vor zwanzig Jahren zusammengebrochen ist.“
Stella schaute Malina an und erinnerte sie,“ Euren schönen Kamin habt ihr bei dem Wetter bestimmt zusätzlich in Betrieb. Ich nehme mir mit meiner Fackel schnell etwas Feuer ab,“ dabei hielt sie die mitgebrachte Fackel hoch.
„Ja klar,“ antwortete Malina mit fragender Miene. Stella wusste genau, dass es von ihr nichts, aber auch gar nicht umsonst gab. Sie war früher mal Brokerin bei der Deutschen Bank. Unmerklich zog Stella den Flachmann aus der Tasche und drückte ihn Malina in die Hand.
„OK,“ meinte Malina und stellte die Flasche auf einen Schrank neben der Tür, bewegte sich zum Wohnzimmer, in dem in einem großen Kamin Holz brannte. Er knackte und zischte und war wohlig warm. Stella schaute in die roten Flammen des Feuers, zog ihre Fackel hervor und nahm mit dem bestrichenen Pech eine Feuerflamme aus der Glut auf. Ihre Fackel fing sofort Feuer, zischte und glühte. Das Zimmer war gemütlich eingerichtet. Schöne Teppich, edle Möbel, viel technisches Spielzeug, das mit einem eigenen Aggregat betrieben wurde. Die Schmidts waren vermögend.
Stella verabschiedete sich mit der brennenden Fackel und machte sich auf den Rückweg.
„Ich hätte meine Schneeschuhe anziehen sollen,“ ärgerte sie sich.
Auf der zugeschneiten Straße begegneten ihr mehrere vermummte Gestalten, die auf dem Weg zu einem Job oder einer Ausgabestelle waren. Niemand schaute sie an, grüßte oder verlor ein freundliches Wort.
Die Menschen verhielten sich gefühlskalt und gleichgültig.
‚Das haben wir den Arschlöchern zu verdanken, die in den letzten Jahrhunderten den Planeten ausgeplündert haben. Die Menschen hatten sich nicht immer so verhalten,‘ schimpfte sie in sich hinein. Stella wusste, dass es sowieso nichts brachte, sich darüber aufzuregen. Es war so, wie es eben war.
Wieder zu Haus angekommen, öffnete sie die Tür, ging mit der brennenden Fackel zur Feuerstelle und entzündete die Sägespäne und mit der Glut das bereitliegende Holz. Die ersten Flammen umspielten die Holzscheite, nach einer halben Stunde knackte, flackerte und zischten die Flammen in der Feuerstelle, so dass sie Wasser für eine Tasse Tee auf dem Kochgestell erhitzen konnte. Sie goss das kochende Wasser in eine Tasse mit Teeblättern. Angenehmer Duft breitete sich aus. Sie schnupperte an der Teetasse und setzte sich auf ihren Schaukelstuhl vor der Feuerstelle. Der Raum wurde langsam warm, der Raureif auf den Möbeln war verschwunden. Vorsichtig legte sie Holzscheite ins Feuer nach. Grauweißer Rauch zog in ruhigen Bahnen nach oben durch den Kamin ab.
Die Ruhe wurde nach kurzer Zeit durch donnerndes Klopfen an ihrer Tür unterbrochen. Von draußen rief ein Mann, „Mach auf, ich weiß, dass du da bist.“
Stella kannte die Stimme. Sie gehörte zu einem ekelhaften Kerl namens Pit. Er erpresste Schutzgelder, vergewaltigte und misshandelte Frauen, beklaute Nachbarn, die selbst nichts zum Überleben hatten. Jeder hatte Angst vor diesem Kerl und seiner Bande.
Polizei und Sicherheitskräfte gab es nicht. Jeder musste sich selbst schützen. Von niemandem war Hilfe zu erwarten. Sie musste die Tür öffnen und die Sache klären. Diese Typen würden sonst keine Ruhe geben.
Sie griff nach ihrer alten Kalaschnikow aus den 20er-Jahren, die sie von ihrem Großonkel Achim geerbt hatte, legte ihr zehn Zentimeter langes, superscharf glänzendes Schlachtermesser griffbereit auf den Schlüsselbord und öffnete die Tür mit einer brennenden Fackel in ihrer linken Hand.
„Was willst du,“ fragte Stella und richtete ihre alte Maschinenpistole auf Pit. Hinter ihm standen einige düstere Gestalten mit Gewehren, Pistolen und Schlagstöcken und starrten sie lüstern an.
Stella spürte, dass die Kerle glaubten, sie hätten leichtes Spiel mit ihr.
„Warum so unfreundlich, Stella,“ meinte Pit grinsend,“ wir wollen nur sehen, ob bei dir alles in Ordnung ist.“
Er trug einen dicken Fellmantel. Allein bei seinem jämmerlichen Anblick wurde Stella schon übel. Mit seinem bärtigen, schmutzigen Gesicht, der zahnlosen offenen Mundhöhle und der schiefen Russenmütze auf dem Kopf wirkte er wie eine mausetote Vogelscheuche. Zusätzlich stank er nach Müllkippe.
„Verschwindet, und zwar sofort. Geht arbeiten. Helft in Suppenküchen, macht euch nützlich, aber stiehlt mir nicht meine Zeit.“
„Uh, uh,“ seine Gang lachte und feixte.
„Hör zu, liebe Stella, wir wissen, dass du guten Whiskey im Keller hast, „Pit hustete grinsend, „den wollen wir haben. Rück ihn raus und du bist uns los.“
Stella lief kalter Angstschweiß über den Rücken. Wenn sie diesen Zombies ihre Whiskeyvorräte abtrat, war sie auf lange Zeit bankrott, ihr Weiterleben war von ihrem Whiskeykeller abhängig. Wer in diesen Zeiten keine Tauschwerte hatte, bekam keine Lebensmittel, keine warme Kleidung, nichts. Nach der Klimakatastrophe überlebten nur die Starken und Wohlhabenden. Schwache Menschen ohne Tauschwerte, ohne Hoffnung und Durchhaltevermögen gingen in dieser Welt zugrunde.
„Geht endlich. Ich sage das zum letzten Mal,“ brüllte sie und entsicherte die MP.
„Oh, wir haben jetzt alle furchtbare Angst vor dir,“ lächelte Pit, spuckte auf den Boden und wollte Stella beiseitestoßen, um in das Haus zu gelangen. Seine Spießgesellen waren im Begriff, ihm zu folgen.
Stella drückte Pit die flammende Fackel ins Gesicht. Er schrie, da das glühende Pech ihm Haut und Augen verbrannten. Seine Gang hatte damit nicht gerechnet und wich zurück. Stella riss die MP hoch, schoss eine Salve auf zwei Kerle, die sich an den schreienden Pit vorbei auf sie stürzen wollten. Sie fielen in den Schnee. Die restliche Gang machte sich schnell davon.
Pit lag auf dem Boden und wälzte sich vor Schmerzen schreiend im Schnee. Stella konnte sein Gejammer nicht mehr ertragen, beugte sich über ihn und schoss ihm in den Kopf.
„Ich habe dich gewarnt, du Arschloch,“ schimpfte sie wütend, versetzte der Leiche einen Tritt und übergab sich im nächsten Augenblick.
Endlich Ruhe.
Pit lag im Schnee unter einer roten Blutlache. Hinter ihm zwei weitere Leichen.
Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Menschen erschießen müssen. Sie atmete schwer und zitterte. „Die hätten nicht aufgegeben,“ sagte sich Stella zur Beruhigung und wischte sich Erbrochenes aus dem Gesicht, „ich musste es tun.“
Sie hatte keine Gewissensbisse. In diesen Zeiten ging es nur ums nackte Überleben. Jeder wusste das und handelte entsprechend. Sie hob die immer noch brennende Fackel vor Pits Leiche auf, löschte sie und legte Fackel und Waffen an ihre Plätze zurück.
Menschen, die an ihrem Haus vorbeigingen, hatten die die Schüsse bestimmt gehört. Sie schauten kurz auf die Leichen und liefen wortlos weiter.
So war das.
Keiner stellte Fragen.
Niemand half dem anderen.
Jeder wollte überleben.
Tödliche verlaufende Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung. Niemand mischte sich ein. Wenn Stella am Markttag nach Altona lief, sah sie am Straßenrand oder in den Haus- und Hofeingängen häufig Leichen.
Verseuchte, Verhungerte, Ermordete oder Erfrorene. Menschenleben waren nichts mehr wert.
Stella schloss ihr Mobiltelefon an eine Power Box an, überprüfte, ob sie Empfang hatte und drückte eine Telefonnummer.
Er ging sofort ran.
„Hallo Stella, lange nichts mehr von dir gehört.“
„Hallo Papa, ich habe ein Problem. Drei Leichen. Die müssen hier weg. Kannst du mir helfen?“
Ihr Vater war schon sehr alt. Aber immer noch Clan Chef einer Rockergang. Er würde ihr helfen.
„Geht es dir gut, Liebes? Bist du verletzt?“ fragte er besorgt.
„Nein, ich habe doch die gute alte Kalaschnikow von Onkel Achim. Außerdem hast du mir schießen und kämpfen beigebracht. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, ich komme hier schon klar,“ antwortete sie.
„Ja, ja, Achims Kalaschnikow. Sie hat ihm schon zu Lebzeiten gute Dienste erwiesen. Zuverlässig und treffsicher. Ich schicke Sven. Es wird wegen dem vielen Schnee ein bisschen dauern, bis er bei dir ankommt. Ich muss jetzt auflegen, meine Liebe. Komm bald mal wieder vorbei und pass auf dich auf.“
Bevor sie antworten konnte, war die Verbindung unterbrochen.
Ihr Vater war mit seiner Gang vor der großen Flut rechtzeitig nach Rahlstedt umgesiedelt. In den 50ern hat sich die Elbe Hamburgs Innenstadt und den gesamten Hafen zurückgeholt.
‚Bei dem vielen Schnee und den Umweg über Hennstedt-Ulzburg braucht Sven mit seinem Hundeschlitten mindestens einen halben Tag,‘ überlegte Stella,‘ wenn er ankommt, werden er und seine Hunde hungrig sein. Ich werde den Hunden altes Fleisch aufkochen und ihm eine Kartoffelsuppe mit Würsten machen.‘
Stella machte sich gleich an die Arbeit. Schälte, Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren, fütterte das schwächer werdende Kaminfeuer mit Holz und setzte über die Feuerstelle den Suppentopf auf. Sie würzte die Suppe mit Kräutern, Salz und Pfeffer. Im Raum verbreitete sich angenehmer Essensduft.
Stella setzte sich in den Schaukelstuhl und starrte in die Flammen.
Sie flackerten in allen Farben, rot, blau, gelb, grün, weiß.
‚Mama hatte mir damals viel von den guten Zeiten erzählt. Als noch alles friedlich war und Ordnung herrschte, alle hatten Jobs und genügend Geld zum Leben. Geld? Geld hat heute keinen Wert mehr. Jetzt geht es nur noch darum, was man zum Tausch anbieten kann,‘ sinnierte Stella,‘ im Frühjahr brachten die Landwirte vor sechzig Jahren das Saatgut aus. Man konnte noch Weizen und Gemüse ernten, weil es im Sommer ausreichend regnete. Jetzt waren fast alle Brunnen in der Stadt versiegt. Die Felder trocken und unfruchtbar. Wasser war rationiert. Wo soll das alles noch hinführen?‘
Es klopfte und kratzte an der Tür. Stella erwachte in ihrem Schaukelstuhl. Sie hatte geschlafen. ‚Sven ist da,‘ dachte sie und öffnete die Tür. Sofort stürmten fünf Hunde in den Raum, umrundeten Stella freundlich, bellten so lange, bis sie ihnen Fleischstücke auf den Boden warf. Die Vierbeiner hatten weiße Schnauzen, dunkles kurzes Fell und sahen etwas mager aus. Wie irre stürzten sie sich auf das Futter und rangen sich die Fleischstücke knurrend gegenseitig ab.
„Hallo Stella, eigentlich benehmen sich meine Hunde sonst anständiger. Aber, sie haben Hunger. Vor der Fahrt hatte ich ihnen gesagt, dass es am Ende der Reise Futter gibt. Heute Morgen hatten sie noch nichts zu fressen bekommen,“ sagte Sven, als er zur Tür reinkam. Aufgrund seiner Größe musste er sich bücken. Er umarmte Stella.
„Komm Sven, setze dich erstmal ans Feuer. Ich habe dir eine Kartoffelsuppe gemacht. Du musst doch nach der Fahrt völlig ausgehungert sein.“
„Ich könnte schon etwas vertragen, danke,“ Sven lächelte.
Er setzte sich auf den Hocker neben ihrem Schaukelstuhl, nahm den heißen Teller Suppe entgegen und aß hastig, so dass Stella ihm nach kurzer Zeit eine zweite Portion reichte.
Sven gehörte schon sehr lange zu Papas Clan und war für die Logistik zuständig. Beschaffung von Waffen, Drogen und Lebensmitteln. Mit seinem kahlrasierten Kopf voller Narben, dem unrasiertem Gesicht mit einem hellen, gesunden blauen Auge, sein zweites hatte er bei einer Auseinandersetzung mit einem feindlichen Clan verloren, und den breiten Schultern sah er ziemlich gefährlich aus.
Er trug einen wattierten Ledermantel, Schneestiefel, eine dunkle Wollmütze mit dem Emblem eines früheren Fußballvereins aus dem Volkspark.
Stella nahm ihm den leeren Teller ab. „Noch was?“ fragte sie und schaute Sven fragend an. Der schüttelte den Kopf, zog einen Tabakbeutel aus seinem Mantel, drehte sich eine Zigarette, zündete sie sich mit einem glühenden Holzscheit an und fragte, ob sie auch eine wolle. „Nein,“ meinte sie,“ hab‘ ich mir abgewöhnt. Rauchen kann ich mir auf Dauer nicht leisten.“ Sven lächelte.
Als Stella den Teller zur Spüle bringen wollte, rief Sven, “Moment!“ griff nach einigen übrig gelassenen Wurststücken und warf sie den Hunden zu. Die balgten sich um die Wurstreste, fraßen in Sekundenschnelle alles auf, jaulten zufrieden und verteilten sich um Sven herum und legten sich ans wärmende Feuer.
„Ihr wisst, was euch guttut,“ lachte Sven und kraulte den Leithund. Stella wusste, dass er Olli hieß.
„Ja,“ seufzte Stella,“ in diesen Zeiten wärmt uns Feuer, wir können die Hitze des Feuers zum Kochen nutzen und unnützes Zeug verbrennen.“
„Apropos,“ grinste Sven, “ ich habe Benzin auf dem Schlitten. Ich werde mal rausgehen und das unnütze Zeug verbrennen.“ Er drückte eine trockene Fackel in die Flammen des Feuers, zog eine glühende kleine Flamme hervor und verließ mit seiner bellenden und jaulenden Hundemeute das Haus.
Stella schaltete die Power Box für Strom ein, um den Plattenspieler und die Musikanlage in Gang zu bringen und legte eine Platte auf. Nach kurzem Rauschen der Boxen füllte eine Hammondorgel und ein Schlagzeug den Raum, der Sänger folgte mit düsterer Stimme:
„Fire shine on me
show me the way to better days.
Water cool mea down so that I Clan see the way.
Fira, water, Earth and Air, Comes together in my Soul
And when you hear me wait form y sign
And I leave for a better time.
Can you hear me, can you hear me.“
(Jane, Album Fire, Water, Earth & Air aus 1975)
