Verlierer

von Angelo Wehrli

Donnerstagmorgen um acht Uhr

Uff! Durch den blöden Berufsverkehr habe ich es noch rechtzeitig in die Firma geschafft. Heute Morgen um zehn Uhr wollen sich meine Chefs mit Bankvertretern treffen. Ich soll ein Frühstücksbuffet organisieren, kühle Getränke und heißen Kaffee auftischen und die Ertragsbilanz für alle ausdrucken.

Als ich gestern Abend gehen wollte, saßen sie noch im Konferenzzimmer. Zum Abschied steckte ich meinen Kopf in die Tür und fragte, „Brauchen sie noch etwas, meine Herren? “ Der Senior schaute mich an und meinte lächelnd: „Nein Frau Schade, wir kommen klar. Einen schönen Abend.“

Sie hatten ihre lautstarke Diskussion unterbrochen und schwiegen, solange ich im Raum war. Die Luft roch nach Anspannung, Angstschweiß, abgestandenen Käsebrötchen und kaltem Kaffee. Normalerweise sorgte Frau Raabe mit abfälligen Bemerkungen für gute Laune. Gestern Abend hockte sie merkwürdigerweise zusammengesunken in ihrem Stuhl und starrte mit den drei Männern ins Leere. Aus dem E-Mail-Verkehr und einigen Gesprächsfetzen aus Telefonaten weiß ich, dass sie heute Morgen ihrer Hausbank Liquiditätsprobleme beichten wollten.

Die Geschäfte gingen wegen der Corona Epidemie schlecht. Kurz vor Corona hatten sie gerade zwei Firmen aufgekauft und konnten jetzt die fälligen Kreditraten nicht zahlen. Ihnen fehlten für die nächsten Monate drei Millionen Euro. Sehr ärgerlich! Corona hatte meine Chefs kalt erwischt.

Ich öffne mit meinem Generalschlüssel den Eingang zur Firmenetage und drücke den Lichtschalter. Im langen Flur, mit den vielen Bürotüren rechts und links, flackern die Neonlampen sensorisch an der Decke auf. Scheint noch niemand da zu sein. Über den blauen Teppichboden bewege ich mich eilig zu meinem Büro. Am Ende des Flurs befindet sich der Konferenzraum. Mich wundert, dass hinter der angelehnten Tür der Raum hell erleuchtet ist. Sie sind wohl gestern Abend spät gegangen und haben das Licht brennen lassen.

In meinem Büro schalte ich die Deckenbeleuchtung ein. Der kleine Raum ist mit einem grauen Schreibtisch, Bürostuhl mit PC, Laserdrucker und Besucherstuhl vollgestellt. Eilig hänge ich meinen Mantel an den Garderobenständer und gehe in den Konferenzraum. Um zehn Uhr soll die große Sitzung mit der Bank stattfinden.

Aus der Teeküche, am Ende des Flurs, hole ich hastig ein Tablett, um Leergut, Kaffeekannen und schmutziges Geschirr aus dem Besprechungszimmer abzuräumen. Mit beiden Händen bugsiere ich das Tablett zur geöffneten Tür, stoße sie mit der Hüfte auf, drehe mich um und lasse vor Schreck das Tablett zu Boden fallen.

Was ist das denn?

Am großen Tisch liegen drei leblose Körper. Der schöne Teppich, den ich erst vor einem halben Jahr für den Raum ausgesucht hatte, ist Blut befleckt und die Ölgemälde zeitgenössischer Worpsweder Künstler an den Wänden sind mit Körperflüssigkeiten besudelt.

Unser Junior sitzt leblos am Konferenztisch im seinem schwarzen Lieblingsledersessel aus Rinderleder. Er hatte wohl gestern Abend seine letzte Coca-Cola getrunken. Die halbleere Flasche liegt umgefallen auf dem Tisch und zeigt mit der Öffnung auf seinen zusammengesunkenen Körper. Junior lehnt unnatürlich schräg im Sessel, der Kopf ruht auf seiner Brust, von dort schauen er mich mit seinen braunen mausetoten Augen an. Seine teure Frisur hat Gott sei Dank keinen Schaden genommen.

„Was sehen sie mich so vorwurfsvoll an, Junior? Ich habe sie nicht ermordet,“ weise ich ihn zurecht. Er hatte mich immer gut behandelt. Ich glaube, er mochte mich. Hatte sich bei mir oft über seinen Vater ausgeheult.

Zwischen seinen Augen sehe ich ein kleines dunkles Einschussloch. Seine schöne teure Seidenkrawatte, das weiße Hemd und sein Anzug sind blutverziert. Er war so ein hübscher junger Mann. Dunkle Haare, freundliches Gesicht. Durch seine tägliche Work Outs im Fitness-Center breite Schultern, ordentliche Bizepse, kein Gramm Fett auf seinem Körper.

Hinter Juniors Laptop hängt ein Fuß über dem Tisch. Er steckt in einem braunen handgefertigten Budapester Halbschuh. Breitenreiters Schuh.  Ich recke meinen Hals und sehe, dass er unter dem Tisch eingeklemmt ist. Er hatte immer Wert auf seine Stellung im Unternehmen gelegt. Und jetzt das.

Obwohl er mich nicht mehr hören kann, beuge ich mich herunter und flüstere ihm ins Ohr, „Herr Breitenreiter, so wie sie da liegen, ist wahrscheinlich irgendetwas bei ihren Planungen schiefgelaufen.“

Auf seiner Brust befindet sich ein großes rotes Loch. Aus der Wunde war Blut über Hemd, Hose, seinem Gesicht bis in seine grauen Haarbüschel hinein geronnen. Eigentlich hatte er zu Lebzeiten ein nettes Gesicht gehabt, mit Halbglatze, faltigem Gesicht und freundlichen blauen Augen. Alle, die mit ihm zu tun hatten, vermittelte er Vertrauen, Verständnis und Mitgefühl. Auf manchen wirkte er dabei wie eine zerbrechliche und hilflose Person. Pustekuchen! Ich wusste, dass er der größte Heuchler auf diesem Planeten war. Das schöne Ölbild hinter ihm, mit dem Titel `Arbeit am Container`, hat jetzt mit Breitenreiters roten Blutspritzern über den freundlichen gelben und grünen Farben eine neuartige Kontur erhalten.

Einträchtig an der Seite von Breitenreiter liegt der Senior auf dem Tisch. Einen Einschuss kann ich nicht erkennen. Breitenreiter und Senior hatten sich immer gut verstanden. Gut, dass sie nebeneinander gestorben sind. Das passt doch.

Alles an Senior ist noch grauer als sonst. Die toten Augen, das ausgemergelte Gesicht und der dünne Haarkranz. Ich schaue auf sein geschmackloses Outfit aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts und denke,“ so sieht also eine Milliardärs Leiche aus? Ein schlecht gekleideter hässlicher alter Mann.“

Er war ein gieriger Chef, der nur dann zufrieden atmen konnte, wenn seine Gewinne täglich um 5% stiegen. Seinen Kaffee hatte er nicht mehr austrinken können, der Arme. Die von ihm handschriftlich errechneten Ertragsprognosen sind voller dunkler Blutflecke. Die Bankvertreter können sie bestimmt nicht mehr entziffern.

„Senior, soll ich die heutige Sitzung mit den Bänkern lieber absagen? Was meinen sie,“ frage ich ihn freundlich. Er kann meine Frage leider nicht mehr beantworten.

Wo ist denn Frau Raabe?

Hatte sie das Blutbad angerichtet?

Zutrauen würde ich dieser Hexe alles. Wirklich alles.

Falls es erforderlich gewesen wäre, hätte sie ihre eigene Tochter meistbietend auf dem Rathausmarkt versteigert.

Im Zusammenwirken mit dem Senior hatte sie bei Firmenkäufen etliche kriminelle Schweinereien durchgezogen. Datenmissbrauch, Steuerbetrug und Arbeitsrechtsverstöße. Die ehemaligen Manager der aufgekauften Firmen nahmen Frau Raabe anfänglich nicht ernst. Sie begingen damit einen großen Fehler. Ihren letzten.

Die `Weicheier´, wie sich Frau Raabe immer auszudrücken pflegte, wurden von ihr systematisch aus ihren Firmen rausgeekelt.

Neben Senior wirkte sie wie seine Leibeigene. Niemand redete mit ihm über persönliche Angelegenheiten oder gab sich freiwillig mit ihm privat ab. Die Raabe schon. Sie ging mit ihm jedes Jahr in den Odenwald wandern. Welch ein Wunder, denn sie kam schon beim Treppensteigen aus der Puste.

Hatte sie was mit ihm?

Keine Ahnung.  

Oh, jetzt sehe ich sie.

Einträchtig zu Füssen ihres großen Seniors. Ihr scheinheiliges, freundliches Gesicht ist kaum wiederzuerkennen. Ich sehe nur Brei. Da muss wohl jemand sehr wütend auf sie gewesen sein? Wer hat die Hexe nur so zugerichtet? In ihren Armen hält sie ihren blutüberzogenen Computer wie einen Schmusebär.

Vor wem wollte sie den denn beschützen?

Wie immer war sie super gekleidet. Mit ihren eins fünfzig und einer neunundsechzig Kilofigur hat sie immer das Beste aus dem gemacht, was sie nicht hatte. In ihrem blauen Gucci-Luxuskleid, mit der schönen weißroten Perlenkette, hätte sie top aussehen können. Aber wenn man, wie Frau Raabe, jetzt gesichtslos ist, nützt auch ein Designerkleid nichts mehr.

Gestern hatte sie sich darüber gefreut, dass mir ihr neues Kleid gefiel.

Dazu trug sie rote Schuhe.

Wo sind die denn jetzt?

Ach da, ich sehe sie, sie liegen unter dem Tisch.

Dann ist ja alles in Ordnung.

„Na Frau Raabe, hat sich einer ihrer früheren Mitarbeiter gemeldet? Wie ich sehe, war er wohl noch stinkig über ihre letzte Begegnung?“ frage ich sie freundlich und kann ihr dabei leider nicht mehr ins Gesicht schauen.

Ein Notebook mit zerbröseltem Display liegt zwischen dem zerbrochenen Geschirr auf dem Teppich im Kabelsalat, der Video-BEAMER wirft über den Scheinwerfer immer noch ein Arbeitsblatt mit verzerrten langen Zahlenkolonnen an die Decke.

Der Mörder hat im Konferenzraum eine Riesenschweinerei angerichtet. Hätte er nicht besser aufpassen können? Heutzutage lässt man von den Opfern mit vorgehaltener Knarre Plastikfolien auslegen oder Outdoorgräber ausheben. Das kennt man doch vom sonntäglichen Tatort. Wenn der Mörder guten Willen gezeigt hätte, hätte er die Leichen ohne großen Aufwand sauber entsorgen können. Ich vermute, dass hier ein Dilettant am Werk waren. Jetzt bleibt die ganze Arbeit wieder an mir hängen. Aber so kenne ich meine Chefs. Die Dreckarbeit überlassen sie mir.

Ich hebe mein Tablett vom Boden auf und bringe es zurück in die Teeküche.  Der Konferenzraum befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. So wie meine Chefs den Raum hinterlassen haben, kann dort keine Sitzung stattfinden. Wo soll ich mit dem Aufräumen anfangen. Erst bei den Leichen oder dem schmutzigen Geschirr? Ich bin Sekretärin und keine Putze. Die sollen doch ihr Blut und den ganzen Dreck selbst wegwischen.

Ach so, geht ja nicht.

Sie sind tot.

Mausetot!

Warum eigentlich?

Vorsichtig werfe ich einen zweiten Blick in das Besprechungszimmer. Ich habe nicht geträumt, meine drei Chefs und die Hexe liegen immer noch ganz friedlich auf und unter dem Konferenztisch.

Meinen Job bin ich wohl los. Die brauchen keine Sekretärin mehr. Ich sehe mir meine toten Chefs nochmal an, “ Auf Wiedersehen, meine Herren und meine Dame,“ und schließe leise die Tür.

Neun Jahre musste ich zugesehen, wie sie marode Unternehmen aufkauften, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aussortierten, Patente und Kundenaufträge abzockten.

Ihr Drehbuch war immer gleich.

Phase 1:

Sie kauften marode Firmen für einen Appel und ein Ei.

Phase 2:

Sie drückten der übernommenen Firma ihre Philosophie auf. Die hieß: Geld scheffeln, Geld scheffeln und noch mehr Geld scheffeln.

Phase 3:

Die alte Führungsriege wurde mit Hilfe von Lügen und Intrigen gedemütigt und rausgeworfen.

Phase 4:

Sie wurden noch reicher.

Wer sich Ihren Vorgaben nicht anpassen wollte flog. Die Vernichtung von Existenzen, Menschen und Hoffnungen nahmen sie dabei in Kauf. Es war ihnen egal.

Die Abwicklung der überflüssigen Mitarbeiter überließen sie mir. Damit wollten sie nichts zu tun haben. Das war ihnen lästig. Ich musste das ganze Leid und die Enttäuschungen der geschassten Menschen ertragen.

Meine Chefs hatten gestern Abend bestimmt wieder einen ihrer vielen Geschäftsführer aus den übernommenen Firmen einbestellt, um ihm mitzuteilen, dass sie auf seine weitere Mitarbeit verzichten wollten. Diese Spielchen kenne ich schon. Darin hatten sie große Übung. Es machte ihnen auch Spaß. Sie waren gestern Abend sicher verwundert, dass der eingeladene Geschäftsführer ihr Drehbuch durchkreuzt hat.

Wenn mich die Polizei fragen würde, wer als Täter in Frage kommen könnte, müsste ich ihnen eine lange Adressenliste zusammenstellen. Aber ich glaube, dass Herr Dreyer als Hauptverdächtiger in Frage kommt.

Gestern Abend hatten sie Herrn Dreyer von der Firma Rubikon einbestellt. Herr Dreyer hatte das Drehbuch meiner Bosse schnell begriffen und sah sich schon als neuer Player an ihrer Seite im Konzernvorstand. Immerhin hatte er ihnen schon gezeigt, was in ihm steckt. Seine Firma Rubikon wurde nach der Übernahme durch den Konzern immer noch vom alten Firmenbesitzer beherrscht. Der hatte Dreyer Jahrzehnte als seinen Ziehsohn gefördert und aufgebaut. Herr Breitenreiter konnte Dreyer überzeugen, ihm bei der Abservierung des alten Firmenbosses zu helfen. Das tat er dann auch. Er wies dem alten Firmenchef angebliche Fehler nach und denunzierte ihn beim Senior. Der wartete nicht lange und setzte den alten Boss vor die Tür. Dreyer wurde Geschäftsführer. Aber nicht für lange Zeit. Mein Chef Herr Breitenreiter hatte mir heute Morgen seine Kündigung diktiert. Die Kündigungsschreiben klangen jedes Mal gleich: „Mit Enttäuschung nehmen wir zur Kenntnis, dass Sie die geplanten Jahresziele nicht erreicht und die Führungsvorgaben nicht umgesetzt haben. Wir kündigen Ihren Geschäftsführervertrag mit sofortiger Wirkung und stellen Sie von Ihren Aufgaben mit dem heutigen Tag frei.“

Das Treffen mit den Bankvertretern werde ich absagen müssen. Sollen sich andere um die Leichen kümmern. Ich greife zum Telefonhörer und wähle 110.

Gestern Abend gegen dreiundzwanzig Uhr

Er lief durch die menschenleere Einkaufspassage.

Der Regen prasselte unentwegt auf das Straßenpflaster. Die Ladenbeleuchtungen der Geschäfte waren längst abgeschaltet. Um diese Tageszeit und bei dem Wetter war niemand mehr auf der Straße.

Seine Kleidung war durchnässt, die klatschnassen Haare hingen wirr ins Gesicht. Beim Schein der glimmenden Straßenlaterne glänzten die Regentropfen auf seiner Stirn und wirkten wie edle Kristalle. Auf seinen Brillengläsern perlten Regentropfen und schränkten seine Sicht ein.

Vor seinem Wagen blieb er stehen. Regentropfen trommelten auf die Karosserie, zischten und perlten über die warme Motorhaube, während der vor einigen Minuten ausgeschaltete Motor leise knackte.

Nachdem er es getan hatte, schwebte er, wie auf einer Traumwolke, aus dem Bürogebäude der Konzernzentrale zu seinem Wagen im Parkhaus.

Mit hundertfünfzig Sachen raste er danach über die regennasse Autobahn. Die Scheibenwischer waren mit dem Spritzwasser der überholenden Autos und den schäumenden Regensturzbächen der zurückbleibenden Sattelschlepper überfordert. Die aufblendenden Scheinwerfer der entgegenkommenden Fahrzeuge nahm er kaum wahr.

Während der Rückfahrt konnte er sich nur mit Mühe auf die Fahrt konzentrieren. Die Straße, der Autoverkehr und die Landschaft zogen verschwommen an ihm vorbei.

Das machte nichts.

Er kannte die Strecke von unzähligen unnützen Fahrten.

Wie durch ein Wunder hatte er es unfallfrei bis hierhergeschafft.

In seinem Kopf dröhnte es, er schwitzte und hatte Magenkrämpfe.

„Sie hatten es nicht anders verdient,“ dachte er,“ Sie glaubten, sie könnten sich alles erlauben? Aber nicht mit mir!“

Jetzt war er in Rissen.

„Wieso bin ich hier gelandet? Warum bin ich nicht nach Hause gefahren?“ fragte er sich und wischte sich die nasskalten Regentropfen aus dem Gesicht.

Langsam verschwand sein Albtraum wie abziehende Nebelschwaden.

Rissen?

Wedeler Landstraße?

„Als ich zurückwollte, hatte ich automatisch das Navi eingeschaltet und irgendeine Straße eingegeben,“ dachte er, „deshalb bin ich hier gelandet!“

Er schaute sich um und stellte sich in den überdachten Eingang einer geschlossenen Taverne.

Zwei kitschige, weiße griechischen Säulen, darüber eine abgeschaltete dreieckige Leuchtreklame. Auf dem Schild stand in Griechisch anmutender, blauer Schrift TAVERNA PLAKA.

Das Vordach schützte ihn vor dem Dauerregen.

Seine Kleidung war bis auf die Haut durchgeweicht, er war todmüde und ihm war kalt.

„Ich habe sie erschossen. Alle!“ dachte er mitleidslos und grinste.

Er schaute die regenasse, dunkle menschenleere Straße hinunter, nahm das hell erleuchtete Polizeigebäude auf der anderen Straßenseite wahr und dachte an die Ereignisse der letzten Monate zurück.

Vor sechs Monaten hatten sie ihn zum Geschäftsführer ernannt.

Endlich!

Er war so stolz darauf.

Seit Jahren hatte er auf diesen Tag gewartet.

In der Firma war er sowieso weit und breit der Einzige, der das Zeug für diese Aufgabe hatte. Der bisherige Inhaber zweifelte seit Jahren an seinen Fähigkeiten. Ihm passten seine mitunter rüden Geschäftsmethoden nicht. Da er damit erfolgreich war, ließ er ihn in Ruhe, aber tat auch nichts, um seine Karriere voranzubringen.

Er konnte nur weiter geduldig auf seine Chance warten.

Die kam dann, als die Firma an den Konzern verkauft wurde.

Jetzt wurden die Karten neu gemischt.

Die neuen Besitzer konnte er schnell von seinen Fähigkeiten überzeugen. Die wichtigsten Kunden wurden nur von ihm bedient und die Gewinnmargen gingen seit Jahren stetig nach oben. Auch die Kenntnis der Mitarbeiterstärken und ihrer Schwächen konnte er bei Bedarf runterbeten.

Er war überzeugt, dass die Firma ohne sein Zutun am Markt chancenlos war. Die neuen Besitzer waren von ihm abhängig.

Leider hatte er sich geirrt.

Nach drei Monaten ordneten sie unerfüllbare Gewinnvorgaben an. Daraufhin schrieb er den neuen Besitzern in einer E-Mail: „Ihre Ziele sind nicht umsetzbar, da unrealistisch. In der Anlage sende ich meine Planung und bitte um Zustimmung.“

In den nächsten Wochen wurde er von Herrn Breitenreiter wöchentlich zur Berichterstattung in die Zentrale zitiert. Breitenreiter war der Vertraute der Konzernbesitzer. Der hielt ihm jedes Mal lange Vorträge, wie er die ihm diktierten Konzernvorgaben erreichen könnte.

Für ihn waren solche Gespräche Zeitverschwendung.

Er kannte seine Aufgaben. Breitenreiter, dieser Konzern-Clown, musste ihm nicht erzählen, was er zu tun oder zu lassen hatte.

Mehrfach machte er ihm deutlich, was er von seinem Geschwätz hielt.

„Der Konzern verlangt von mir Planungszusagen, die nicht erreichbar sind“, meinte er gegenüber Breitenreiter, „sie können mir noch so schlaue Vorträge halten. Dadurch bleiben die von ihnen gewünschten Gewinne Luftnummern.“ Breitenreiter und der Konzern solle sich gefälligst aus seiner Arbeit raushalten. Seine Gewinnplanungen sollten akzeptiert werden und basta. Nach dieser harschen Zurückweisung trommelte Breitenreiter mit seinen Fingern ärgerlich auf seine Schreibtischplatte und schaute ins Leere. Solche Reaktionen kannte Breitenreiter von seinen Untergebenen nicht.

„Herr Dreyer,“ meinte Breitenreiter beim letzten Gespräch,“ wir wollen neben den neuen Gewinnvorgaben und unseren Einsparungsvorschlägen dafür sorgen, dass ihre Firma noch bessere Profite erwirtschaften kann. Ich weiß, dass sie ihr Geschäft verstehen, aber mein Boss will, dass sie seine Vorschläge umsetzen. Ich persönlich würde die Firma nicht so schnell umbauen und zu viel von ihnen verlangen. Aber sie wissen ja, wie der Senior tickt.“

Dreyer verdrehte seine Augen und schüttelte wortlos den Kopf. Die Einsparungswünsche des Konzerns würden seinem Geschäft keinen Mehrwert bringen, sondern nur für unnötige Unruhe im Unternehmen sorgen.

Breitenreiter hätte auch sagen können, „Ich befehle ihnen die Umsetzung der Einsparungen. Ich dulde keinen Widerspruch.“

Das sagte er nicht, weil er keinen Arsch in der Hose hatte.

Wenn er an das sozialpädagogische Gehabe von dem Kerl dachte, wurde ihm übel.

Er ließ sich von diesem unsinnigen Gewäsch nicht einlullen.

Die Firma funktionierte auch ohne Breitenreiter und seine Konzern Fuzzis. Sie würden ihre Profite schon bekommen. Aber zu seinen Bedingungen.

Während der letzten Besprechung antwortete er Breitenreiter: „Ich werde ihre Anweisungen nicht befolgen. Wenn sie mich weiterhin nerven, wechsele ich zum Wettbewerb. Dann verdienen sie und ihre Bosse keinen Cent mit der Firma. Nochmal zum Mitschreiben, `bis hierhin und nicht weiter`. Merken sie sich das.“

Nach diesem Auftritt merkte er, dass Breitenreiter und die Konzerninhaber auf Distanz gingen und seinen Abgang vorbereiteten.

Der Junior besuchte – ohne vorherige Absprache – einige Produktionsbetriebe der Firma und wichtige Kunden.

Auf wütende Nachfrage, was sie mit ihren Vorgehensweisen bezwecken würden, wurde er mit halbgaren Ausreden abgespeist:

`Wir wollen uns einen Überblick über die Produktionsabläufe ihrer Werke verschaffen`

`Die Meinung ihrer Mitarbeiter und Kunden ist uns wichtig`

Oder

`Machen sie sich keine Sorgen, Herr Dreyer. Alles wird gut`.

Er war genervt und dachte erstmalig darüber nach, das Unternehmen zu verlassen.

Vor drei Tagen gliederten sie drei Standorte aus seinem Entscheidungsbereich aus. Sie informierten ihn nachträglich mit einem Zweizeiler. Die Profiteurin der Aktion war Frau Raabe, Geschäftsführerin der Automotive Lightning GmbH.

Als er sich daraufhin wutentbrannt bei Breitenreiter beschwerte, beruhigte der, „seien sie doch froh, Herr Dreyer, dass sie die Produktion nicht mehr betreuen müssen. Die lief ja, nebenbei bemerkt, nicht besonders gut. Die Last haben wir ihnen jetzt abgenommen. Sie können sich jetzt vollkommen auf ihre Hamburger Betriebsstätte konzentrieren.“

„Herr Breitenreiter, sie ziehen drei ertragreiche Werke von der Special Applikation AG ab. Ohne mich vorher zu konsultieren. Ich habe ihnen meine Ertragsziele auf Basis des jetzigen Vertriebsnetzes mitgeteilt. Wie soll ich diese Ziele ohne die Betriebe sicherstellen? Rein rechtlich geht ihr Vorgehen schon gar nicht. Sie hätten mich vorher konsultieren müssen. Zusätzlich brauchen sie einen Gesellschafterbeschluss.“

„Ach Herr Dreyer, die Gesellschafter haben das längst entschieden. Und überhaupt: Deutschland hat mit seinen vielen Automobilproduzenten Potenzial. Die fehlenden Umsätze der drei Werke machen sie mit neuen Aufträgen wett. Sie schaffen das. Herr Dreyer, ich muss Schluss machen, da will jemand auf der anderen Leitung mit mir sprechen. Tschüss!“

Drei Stunden später rief ihn Frau Raabe an,“ Hallo Herr Dreyer, schicken sie mir doch bitte alle Produktionskennziffern der Rubikon Werke 2, 5 und 6 zu.  Ab morgen bin ich zuständig. Danke!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie auf.

Diese heuchlerischen Arschlöcher, dachte er, schaute dabei auf den tutenden Telefonhörer.

„Ich hatte Breitenreiter gewarnt. Die glauben wohl, dass sie mit mir machen können, was sie wollen. “

Er kochte vor Wut.

Gestern hatten sie ihn für heute achtzehn Uhr in die Konzernzentrale einbestellt. Er ahnte schon, dass dieses Treffen für ihn nicht gut ausgehen würde.

Er fuhr nach Hause und  öffnete im Keller seinen Waffentresor, holte die alte Heckler & Koch P30 aus Bundeswehrzeiten heraus, reinigte sie sorgfältig, lud das Magazin mit sechs Patronen durch und steckte sie in seinen Rucksack.

Gegen 18 Uhr traf er in der Zentrale ein, alle Angestellten waren bereits gegangen, nur im Konferenzzimmer brannte noch Licht. Er klopfte und öffnete die Tür. Am Tisch saßen die Konzernichefs Senior und Junior, Breitenreiter und Frau Raabe.

Alle sahen ihn schweigend an.

Der Senior sollte sich mal einen Modeberater gönnen, dachte er. Er lief immer mit dem gleichen grauen verknitterten Anzug, einem verwaschenen blauen Oberhemd und dieser furchtbaren buntgestreiften Krawatte herum. Er saß zusammengesunken in seinem schwarzen Ledersessel, ignorierte seine Anwesenheit, stützte beide Arme auf dem Tisch und grübelte vor seinem Note-Book über irgendwelche Ertragsstatistiken.

Mit den knochigen Fingern blätterte er in einem zusammengeklammerten Schriftstück. Er strahlte Unnahbarkeit aus, die ihm jedes Mal Angst eingeflößt hatte.

Dreyer begann zu schwitzen.

„Schön, dass sie kommen konnten, Herr Dreyer. Hatten sie eine gute Fahrt?“ fragte Breitenreiter freundlich und zeigte auf einen freien Platz.

Weder die Firmenbosse noch Frau Raabe beachteten ihn.

Breitenreiters Outfit entsprach dem seines Bosses: ein abgetragener brauner Straßenanzug mit Weste, weißes Hemd und weinrote Krawatte. Er war fast 1,90 m groß, schmale Schultern, wenige graue Haare auf dem Kopf, ein langes Gesicht, schmale Nase, kleiner Mund.

Mit seinen strahlenden blauen Augen, seinem Lächeln und seiner verbindlichen Ansprache erschlich er sich das Vertrauen seiner Mitarbeiter, um es später zu missbrauchen. Jede Information, die man ihm gab, nutzte er zum gegebenen Zeitpunkt als Argument zur Durchsetzung seiner Interessen. Er durchschaute Breitenreiters Masche leider erst, nachdem er ihm bereits viele persönliche und firmeninterne Informationen anvertraut hatte.

Er sah sich im Sitzungsraum um und setzte sich wortlos auf den zugewiesenen freien Platz gegenüber von Breitenreiter.

„Kaffee? Wasser?“ fragte der Junior-Konzernchef und schaute unsicher zu seinem Vater rüber.

Der rührte sich nicht.

Dreyer schüttelte seinen Kopf, setzte sich an den Konferenztisch,“ Nein, danke!“

Er schaut in die Runde und fragte, „Sie wollten mich sprechen? Worum geht es?“ kam er gleich zur Sache, schluckte kurz und stellte seinen Rucksack auf den Tisch.

Dicke Schweißperlen liefen ihm über die Stirn.

„Lieber Herr Dreyer,“ mit seinen blauen Augen schaute ihn Breitenreiter durchdringend an, „es ist uns sehr unangenehm, aber wir müssen über ihr Führungsverhalten und über diverse Kundenbeschwerden sprechen. Sie wissen ja, dass wir uns mit ihren Mitarbeitern und Kunden getroffen haben. In den Gesprächen haben wir erfahren, dass viele Mitarbeiter und Kunden über ihre häufigen cholerischen Ausbrüche genervt sind. Leistungsträger planen deshalb die Firma zu verlassen und Kunden wollen aufgrund ihrer schlechten Umgangsformen zum Wettbewerb wechseln.“

„Das verstehe ich nicht Herr Breitenreiter,“ unterbrach er ihn ärgerlich,“ bisher habe ich nie Klagen über meine Arbeit gehört. Das muss ein Missverständnis sein.“

Seine Handflächen wurden feucht.

„Leider nein, Herr Dreyer,“ setzte Breitenreiter seinen Redebeitrag unbeeindruckt fort, „einige Kunden haben uns mitgeteilt, dass sie mit ihnen keine Geschäfte mehr machen wollen. Mensch Herr Dreyer, was ist bloß mit ihnen los?“

Er schaute Dreyer lächelnd an und erwartete keine Antwort.  

„Sie scheinen nach Gründen zu suchen, um mich loszuwerden? Ist es nicht so?“ fragte Dreyer mit belegter Stimme, schaute zum Senior rüber und nestelte an seinem Rucksack.

Niemand widersprach ihm.

„Wir hatten sie vor einem halben Jahr zum Geschäftsführer ernannt, Herr Dreyer,“ meinte Junior, „weil wir anfänglich von ihnen und ihrer Arbeit überzeugt waren. Wir haben uns leider getäuscht. Sie schädigen das Ansehen der Firma. Dadurch gefährden sie unsere Gewinnvorgaben.“

Der Senior nickte und blätterte in seinen Unterlagen.

Junior schaute auf sein iPad und schrieb lächelnd eine Antwort auf eine gerade eingetroffene WhatsApp.

Frau Raabe mischte sich ein,“ ich habe mir gestern die Produktionskennzahlen und den Absatz ihrer drei Werke angesehen.“ Sie verzog angewidert ihren Mund, als ob sie in einen faulen Apfel gebissen hätte, “sie wissen ja, Dreyer, die drei, die ich übernommen habe.“

Sie war klein, dick, hässlich und machtgeil.

 Er hasste diese Frau.

Wütend tastete er in seinem Rucksack nach der P 30. Als seine rechte Hand den Pistolengriff fand, umschloss er ihn mit zittriger Hand.

Die Berührung seiner Waffe gab ihm sofort Selbstvertrauen.

„Mensch Dreyer, so eine desolate Produktions- und Vertriebsarbeit ist mir lange nicht mehr untergekommen. Erstens, sie haben Aufträge von VW verloren und sich nicht mal darum bemüht, sie wieder zurückzuholen. Zweites, Kundenbeschwerden von Daimler und BMW wegen fehlerhafter Leuchtelemente wurden von ihnen ignoriert. Drittens, sie haben seit einem Jahr keine Ausschreibung mehr gewonnen. Das ist jämmerlich. Ich kann verstehen, dass die Geduld der Herren aufgebraucht ist. Seien sie ein Mann und kündigen hier und jetzt.“

Ärgerlich schüttelte er den Kopf.

Der alte Konzernchef blickte von seiner Aktenlektüre auf, räusperte sich, während seine dunklen Knopfaugen ihn mitleidlos taxierten, „Herr Dreyer, ich mache es kurz. Wir sind mit ihrer Arbeit unzufrieden und müssen uns von ihnen trennen, um größeren Schaden von ihrer Firma abzuwenden. Gehen sie zu Frau Schade rüber, wenn sie noch in ihrem Büro ist, und holen sich dort ihre Kündigung ab. Alles andere klären die Juristen. Nicht wahr?“

Das war zu viel für ihn.

„Sind sie alle übergeschnappt?“ brüllte er, sprang auf, zog die P30 aus dem Rucksack, entsicherte sie mit einem Klicken und zielte auf den Senior. Der erhob sich mit einem Ruck von seinem Platz, riss entsetzt die Arme hoch, seine Brille fiel auf den Teppich, öffnete seinen Mund und wimmerte ängstlich, „Nein, nein, nicht schießen!“

Breitenreiter stieß sich in seinem Bürostuhl hilflos vom Tisch ab, während die Raabe ihn ungerührt anstarrte. Junior hantierte vor seinem Sessel stehend an seinem Mobiltelefon. Vermutlich suchte er den Notruf.

„Junior! Legen sie das Handy auf den Tisch und die anderen setzen sich wieder hin,“ befahl er.

Er gehorchte.

Die selbstsichere Arroganz und das Macht Gehabe der drei Männer war verschwunden. Der Alte und Junior setzen sich und ließen resigniert die Schultern hängen, Breitenreiter saß zusammengesunken am Tisch, weinte leise und jammerte ängstlich, „Wie konnte es nur so weit kommen? Wir machen doch nur unsere Arbeit, Herr Dreyer.“

 Nur die Raabe schaute ihn hasserfüllt an.

„Ihre Arbeit? Mir kommen die Tränen. Sie wollen mich und meine Firma platt machen,“ brüllte er und deutete mit der Pistolenmündung auf den Senior, „ich lebe seit zwanzig Jahren für diese Firma und habe sie erfolgreich am Markt etabliert. Alle waren bisher mit meiner Arbeit zufrieden. Jetzt kommen sie daher,“ er zeigte mit der freien Hand auf Breitenreiter und Frau Raabe, „und wollen mir ernsthaft einreden, wie unfähig ich sei? Die Firma macht 25 Mio. Umsatz im Jahr mit einem zwanzigprozentigen Deckungsbeitrag. Reicht euch Idioten das immer noch nicht. Sie gierige Bestien.“

Weiter kam er nicht, da ihm die Raabe mit einer abwertenden Handbewegung ins Wort fiel.

„Dreyer, stecken sie die Waffe weg,“ schrie sie ihn an.

Wenn Blicke töten könnten, müsste er jetzt tot umfallen.

Verblüfft musterte er sie.

Ohne mit der Wimper zu zucken, hielt sie seinem verachtenden Blick stand.

“Reden sie kein Blech,“ fuhr sie fort, zeigte mit dem Zeigefinger auf ihn und brüllte, „ihr Auftritt ist erbärmlich, sie langweilen mich. Verschwinden sie einfach.“

Dreyer hob die Waffe mit beiden Händen, er zitterte, stellte sich in Schussposition und feuerte ihr aus zwei Meter Entfernung ins Gesicht.

Der Knall des Schusses hallte in seinen Ohren. Seine Augen tränten vom ätzenden Pulvergestank.

Frau Raabe fiel vom Stuhl.

Sie war tot.

Er spürte feuchtes Blut in seinem Gesicht, an den Händen, der Waffe und auf seiner Kleidung.

Hinter Raabes Leiche hatte sich an der Wand ein Blutfleck gebildet. Daraus perlte dicke Blutflüssigkeit auf den Teppich.

Ihre leblosen Augen starrten den Senior fragend an.

Er senkte die Waffe und schaute die Leiche lächelnd an.

„Herr Dreyer,“ bat Breitenreiter unter Tränen und schaute zu seinen beiden Chefs rüber,“ machen sie sich nicht unglücklich. Wir können über alles reden.“

Seine Bosse nickten hektisch.

Er grinste und spürte seine wiedergewonnene Überlegenheit.

„Zu spät,“ sagte er leise und drückte dreimal ab.

Den erneuten mörderischen Donner konnte um diese Zeit niemand hören.

Durch die Qualm Schwaden schaute er zuerst auf die Leiche von Breitenreiter.

Auf seinem weißen Hemd nahm er ein großes rundes rotes Loch wahr. Aus der Wunde leckte Blut über die Anzughose auf den Teppichboden. Der elende Heuchler sah ihn mit halboffenen toten blauen Augen an. So wie er in seinem Bürostuhl hing, wirkte er jetzt wie ein zerbrechliches hilfloses kleines Kind.

Dann sah er sich Junior an. Der saß leblos am Konferenztisch im seinem schwarzen Sessel , der Kopf ruhte auf seiner Brust, von dort starrten ihn dessen mausetoten braunen Augen an.

Er hatte ihn mitten auf der Stirn getroffen.

Ein kleines rotes Einschussloch.

Auf dem hinter ihm hängenden Wandgemälde hatte ein großer Blutfleck die Farbenpracht ergänzt.

Zuletzt betrachtete er den Senior.

Einen Einschuss konnte er nicht erkennen.

Vielleicht hatte in den letzten Minuten sein schwaches Herz versagt.

Die P 30 in seiner Hand rauchte noch.

Er hielt sie umklammert und schaute wütend in die Runde.

Vor ihm lagen vier leblose Körper in roten Blutpfützen, auf dem Tisch, zwischen umgefallenen Stühlen und auf dem Teppich.

Es roch nach Urin und Schmutz. Die Wände, selbst die schönen Bilder, waren mit Körperflüssigkeiten besudelt.

„Ich hatte euch gewarnt!“ beschimpfte er die tote Führungsrunde, „`keinen Schritt weiter` hatte ich Breitenreiter gesagt. Aber ihr habt mich immer weiter gedemütigt.“

Er wischte eine Wut Träne aus dem linken Auge weg und schaute auf seine blutverschmierten Hände,“ ihr wolltet nicht hören. Das habt ihr jetzt davon!“ Angewidert stieß er die Leiche von Breitenreiter aus dem Bürostuhl und verließ der Sitzungssaal.

Auf dem Flur sicherte er die Waffe, steckte sie in den Rucksack, schultere ihn und schaute in das Büro von Frau Schade.

Im Raum war es dunkel.

Sie hatte wohl früher als sonst Feierabend gemacht.

Auf ihrem Schreibtisch lag eine Postmappe. Er öffnete Sie und fand seine Kündigung. Er lass, “der Geschäftsführer Gerald Dreyer ist mit Gesellschafterbeschluss vom heutigen Tage als Geschäftsführer abberufen worden…“. Er riss das Schreiben aus der Mappe, zerknüllte es und warf das Papierbällchen in den Abfallkorb.

In der Toilette nahm er seine Brille ab und wusch sich Blut aus seinem Gesicht und den Händen. Das Wasser im Waschbecken war blutrot. Im Spiegel sah er kurz in sein müdes Gesicht, hielt sich mit beiden Händen am Waschbeckenrand fest, reinigte seine Brille, setzte sie auf, drehte sich um und verließ die Büroetage.

Die Nässe holte ihn aus seinen Gedanken in die Gegenwart zurück.

Was wollte es hier im kalten Hauseingang?

Er griff nach seinem Mobiltelefon, drückte die Rufnummer von zu Hause.

„Ja,“ meldete sich die Stimme seiner Frau, „wo bleibst du denn, Gerald. Ich warte mit dem Essen.“

„Mona,“ er schluckte, zusätzlich zu den kalten Regentropfen liefen warme Tränen über sein Wangen, „ich komme heute nicht mehr.“

„Sowie das denn, was ist passiert?“

„Ich rufe dich Morgen an und erzähle dir alles. Hörst du.“

„Gerald,“ hörte er noch, beendete das Gespräch, überquerte die Straße, stieg in seinen Wagen und fuhr Wilhelmsburg.

Vor der Kirche hielt er an und klingelte an der Haustür des Nebengebäudes. Es war mitten in der Nacht. Nach einiger Zeit öffnete ein bärtiger junger Mann in Bademantel die Tür.

„Gerald,“ sagte der erstaunt,“ wie siehst du denn aus? Was ist passiert?“ Er trat zur Seite und deutete mit einer kleinen Handbewegung Richtung Küche, „Komm´ rein, ich mach uns einen Tee.“

Zwölf Jahre später, Dienstagabend kurz nach neun.

Er stand am Fenster und schaute durch die Gitterstäbe nach unten auf den rotgeschotterten Hof. Sein Blick blieb an dem fünfgeschossigen roten Klinkerbau auf der anderen Seite hängen. Block B. Alle Fenster waren vergittert. Nachdenklich betrachtete er den blauen Abendhimmel. Obwohl es bereits kurz nach neun war, schien die Sonne immer noch in seine Zelle. Die Sonnenstrahlen wirbelten in zirkulierenden Mustern durch das Außengitter. Draußen war es sicherlich noch angenehm warm. In seiner Zelle war es stickig, der pulsierende Luftstrom der Klimaanlage roch abgestanden.

Nach dem Abendessen in der Kantine hatte ihn die Vollzugsbeamtin in seiner Zelle eingeschlossen.

Wie jeden Abend.

Er war mittelgroß, 61 Jahre, hatte ein rundes Gesicht, einen grauen Vollbart und schmale, trüb blickende blaue Augen hinter einer Goldrandbrille. Sein Schädel war aus praktischen Gründen kahl. Durch ungesunde Knasternährung und wenig Bewegung hatte er in den letzten Jahren zugenommen. Er wog mittlerweile 90 Kilo. Seine Haut war gelbstichig und schlaff.

Seine Mithäftlinge in der Gärtnerei, in der Bücherei und auf dem Hof mochten ihn. Für sie war er der `kleine Dicke`, der immer einen Scherz auf Lager hatte, gute Ratschläge geben konnte, Probleme lösen half und seine Strafe als vierfacher Mörder absaß.

Nach seiner Verurteilung hatte ihn die Justiz sofort in Fuhlsbüttel untergebracht.

Zuerst fand er sich in seiner neuen Umgebung nicht zurecht. Als Alfa Tier war er es gewohnt vorzugeben, wo es langzugehen hatte.

Hier war das anders.

Er war Gefangener im Vollzug, wie jeder andere auch.

Für die Gefangenen war der Tagesablauf an allen 365 Tagen im Jahr vorgegeben und geregelt.

Aufstehen um 5:45 Uhr, Frühstück von 6:15 bis 6:30 Uhr, Arbeiten von 7:00 bis 12:00 Uhr, Mittagessen von 12:00 bis 12:45, weiter arbeiten von 13:00 bis 16:00 Uhr, Rückkehr in die Zelle 16:00 bis 16.30 Uhr, Abendessen vom 16:30 bis 17:00 Uhr, Freizeitaktivitäten von 17:00 bis 20:30 Uhr, Zelleneinschluss 21:15 Uhr.

Am nächsten Tag wiederholte sich der Ablauf.

Am Wochenende wurde nicht gearbeitet. Er traf sich dann mit anderen Gefangenen, nahm an einem Lesekreis teil. Hin und wieder hatte er Besuch von Draußen. 

Seit elf Jahren.

Sein Sohn Till, ehemalige Kollegen und seine Rechtsanwältin Frau Dr. Schrader waren seine einzigen Außenkontakte.

Mona hatte sich vor sechs Jahren von ihm scheiden lassen und das Arschloch Andreas geheiratet. Seine Tochter Anni hatte er seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen. Wahrscheinlich hatte ihr Mona irgendwelche Räuberpistolen erzählt. Als er Till einmal danach fragte, meinte der, sie hätte Angst vor ihm.

„Angst vor mir, ich glaub, ich spinne,“ dachte er.

Es schmerzte, dass Anni nichts mehr von ihm wissen wollte.

Till war da anders.

Mit dreiundzwanzig war er als Zeitsoldat zur Bundeswehr gegangen und befand sich gerade auf einen Auslandseinsatz in Mali. Mitunter rief ihn sein Junge, über Satellitentelefon, zu den Besuchszeiten an.

Er war auch bei der Bundeswehr gewesen und war sehr stolz, dass Till den gleichen Berufsweg eingeschlagen hatte.

„Till ist der Einzige, der mich damals verstanden hatte. Er sagte mir vor zwei Jahren bei einem Besuch, ´die Arschlöcher hatten er nicht anders verdient. Ich hätte sie auch kalt gemacht. Die hatten dir das weggenommen, was dir wichtig war. Ich bin stolz auf dich, Papa`.“

„Was war mir damals wichtig?“ überlegte er und stützte sich mit beiden Händen am Fensterrahmen seiner Zelle ab, „Mein Job? Mein Status oder das viele Geld?“

Er betrachtete die dicken Gitterstäbe, drehte sich kurz um und begutachtete sein jetziges zu Hause.

Vier Meter fünfzig lang.

Drei Meter breit.

Zwei Meter dreißig hoch.

Weiße Wände.

Ein Bett mit blauweißkariertem Bettlaken, ein Schreibtisch, ein Regal mit Büchern und seiner Prozessakte bestückt, ein kleiner brauner Schrank mit wenigen Kleidungsstücken drin und vor der grauen verschlossenen Stahltür, in weißen Fliesen eingerahmt, Waschbecken und Kloschüssel.

„Jetzt habe ich nur noch Till. Vielleicht kommt Anni irgendwann doch nochmal zu der Einsicht, dass ich kein Monster bin. Vielleicht?“ 

Seine ehemaligen Kollegen Tom und Helmut fanden seine Tat bescheuert, obwohl sie damals auch unter den Vorstandsidioten zu leiden hatten. Sie meinten, die neuen Firmeneigentümer hätten sie zwar wie Leibeigene behandelt, aber das würde niemals einen Mord rechtfertigen. Sie blieben trotzdem seine Freunde.

Er setzte sich aufs Bett, beugte sich vor und nahm ein Fotoalbum vom Schreibtisch. Die Zelle war so klein, dass er seine ganzen Besitztümer immer in Reichweite hatte.

Das Album bestand aus einem abgegriffenen schmutzigen hellblauen Plastikumschlag. DIN A4. Die gleichfarbigen Fotoseiten wurden von einer schwarzen Spiralfeder zusammengehalten. Es war eines den wenigen privaten Besitztümer, die ihm die Knastleitung genehmigt hatte.

Wie oft hatte er schon in den letzten Jahren darin geblättert?

Tausendmal?

Hundertausendmal?

Er wusste es nicht.

Er schlug das Album auf und betrachtete die alten eingeklebten Fotos.

Mona und er in einer anderen Zeit.

Ihr Haus.

Das Grundstück mit dem großen Garten.

Die Kinder mit ihren Schulfreundinnen und Freunde.

Fotos von Grillabenden mit Nachbarn und Gemeindemitgliedern.

Auf einigen Fotos war eine Person aus den Gruppenaufnahmen rausgerissen.

Andreas, dieses scheinheilige Arschloch.

Andreas hatte schon immer ein Auge auf Mona geworfen. Nach den wöchentlichen Kirchenvorstandssitzungen hatte Andreas beim Griechen immer neben Mona gesessen. Sie stritten dann über Vorstandsentscheidungen.

Wie soll der Gottesdienst am nächsten Wochenende laufen?

Wer soll das Kollekten Geld bekommen?

Was macht die Gemeinde für Flüchtlinge?

Er freute sich, wie sehr sich Mona für die Gemeinde engagierte. Ihm fiel dabei auf, dass Andreas seine Frau häufiger als nötig anfasste. Natürlich dachte er sich damals nichts dabei. „Andreas war der Gemeindepfarrer,“ sagte er sich, „der wird Mona schon nicht anbaggern.“

„Vor meiner Verurteilung stand mein Job an erster Stelle.  Ich vernachlässigte Mona. Kein Wunder, dass sie es genoss, wenn das Arschloch ihr den Hof machte,“ überlegte er oft.

Heute wusste er, dass Andreas nur darauf gewartet hatte, dass er aus Monas Leben verschwand.

Er schaute ihr gemeinsames Hochzeitfoto an und betrachtete seine Ex-Frau.

Ihr weißes Brautkleid mit dem bezaubernden Dekolletee.

Ihr hübsches Gesicht mit der kunstvollen blonden Hochsteckfrisur.

Ihr Lächeln.

Er schloss kurz seine Augen und spürte den Duft ihres damaligen Parfüms.

`Giorgio Armani`.

Mhm!

Die Hochzeitsfeier hatte ihm ein kleines Vermögen gekostet.

Das war es wert.

Die Familien und ihre Freundinnen und Freunde waren da.

Superstimmung!

Er dachte damals, die Bande zwischen ihm, Mona, den Kindern, seiner Familie und seinen Freunden wäre unzertrennbar. 

Andreas, das Arschloch, hatte sie in der Kirche getraut.

Kein einziger Hochzeitsgast hatte sich in den letzten Jahren beim ihm blicken lassen.

Niemand konnte seine Tat verstehen.

Sie hielten ihn für verrückt.

Vermutlich stimmte das sogar.

Gedankenverloren schlug er das Album zu und stellte es an den freien Platz im Bücherregal über den Schreibtisch.

Jedes Mal, wenn er es weglegte, überfiel ihn Trauer und Wut.

Trauer, weil er seine Familie und Freunde verloren hatte.

Wut auf Andreas.

Der hatte ihm seine geliebte Frau weggenommen.

Lange vor der Tat, als er mit seinem Job noch sehr viel Geld verdiente, wurde er von Andreas regelrecht umgarnt.

Gerald hier, Gerald da.

Der Kirchenvorstand braucht dich.

Stell dich zur Wahl.

Kannst du noch eine höhere Spende machen?

Sie hatten oft in seinem Garten gefeiert. Meistens hatte er mehr getrunken und nicht bemerkt, dass Andreas von Anfang an auf Mona scharf war.

„Wenn ich hier jemals rauskommen sollte,“ dachte er manchmal wütend, wenn er allein in seiner Zelle war,“ dann besorg ich mir eine Knarre und erledige ihn. Sie kann dabei ruhig zuschauen.“

Worauf sollte er noch Rücksicht nehmen?

Er war ein verurteilter Mörder ohne Zukunft.

Vor elf Jahren hatten sie ihn wegen vierfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Seine Anwältin hatte seine Hoffnungen auf Haftverkürzung frühzeitig gedämpft.

Für die Justiz war er ein Schwerstkrimineller, dem keine Strafmilderungen gewährt werden konnte.

Der Staatsanwalt meinte am Ende seines Strafprozesses in seinem Plädoyer, „Sie sind eine Gefahr für die Gesellschaft. Eine wandelnde Zeitbombe. Wir müssen die Gesellschaft vor Menschen, wie ihnen, schützen.“

Er hatte die komplette Konzernleitung eines Traditionsunternehmens ausgelöscht. Die Verstorbenen waren in den Augen von Justiz, Politik und Medien wichtige Stützen der deutschen Wirtschaft.

Für ihn waren sie rücksichtslose Profitgeier, denen das Wohl ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter scheißegal war. 

Seine Tat hatte er nie bereut.

Er erinnerte sich noch ganz genau an den Abend.

Nachmittags hatte er von Kollegen aus der Konzernzentrale erfahren, dass die Konzernchefs seine Abservierung vorbereitete. Daraufhin fuhr er die hundert Kilometer zur Zentrale, um seine Chefs auf ihrer Vorstandssitzung zur Rede zu stellen. 

Immerhin war er doch nicht irgendwer.

Er hatte die Firma sein halbes Leben zu dem gemacht, was sie jetzt war.

Ein Branchenschwergewicht.

Nach einem kurzen Gespräch im Sitzungsraum der Konzernzentrale meinte der Seniorchef „Herr Dreyer, ich mache es kurz. Wir trennen uns von ihnen.“

Diese Demütigung war zu viel für ihn.

Seine Expertise und seine Leistungen interessierte diese geldgierige Bande nicht.

Er entschied, die Welt von diesen elenden Heuchlern zu befreien.

Während seines Prozesses hatte er aktenkundig erklärt: „Sie hatten es verdient. Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Das eigentliche Opfer bin ich.“

Seine Anwältin Frau Dr. Schrader war über sein nicht mit ihr abgesprochenes Statement verärgert.

„Damit haben Sie ihr Strafmaß nochmal erhöht, Herr Dreyer“ blaffte sie ihn nach dem Urteil an.

Die Presse hatte ihr Futter.

Am folgenden Tag titelte die BILD-Zeitung „Der Vorstandsmörder Gerald D. behauptet: Das Opfer bin ich!“

Die Staatsanwaltschaft forderte am nächsten Tag `Lebenslänglich´ und danach Sicherheitsverwahrung.

Er würde nie wieder aus dem Gefängnis rauskommen.

Zu seiner Freude musste der Konzern wegen der abhanden gekommenen Führung Insolvenz anmelden. Ein französischer Wettbewerber übernahm das Konsortium und musste lediglich die vakanten Vorstandsposten neu besetzen.

„So ein Pech,“ schmunzelte er, als ihn Frau Dr. Schrader die Pressemeldung auf ihrem IPad zeigte.

Er legte sich auf sein Bett.

„Nach der Tat, bin ich zu Andreas gefahren, hab´ ihn nachts aus dem Bett geklingelt,“ dachte er,“ nachdem ich ihm alles erzählt hatte, verlange er von mir die P30. Ich öffnete den Rucksack, er schaute auf die schmierig rote Waffe und zog den Sack auf seine Tischseite. An meinen Händen, in meinem Gesicht, auf meiner Kleidung klebte damals getrocknetes Blut. `Ich hole jetzt die Polizei`, meinte Andreas und drückte die Rufnummer vom Revier.“

 Er war in seinen Klamotten eingeschlafen. Als er aufwachte war es stockdunkel.

Langsam erhob er sich aus seinem Bett und ging zum Zellenfenster.

Dort blieb er stehen. Die Außenbeleuchtung von Hof und ein wenig Mondlicht schien in seine Zelle hinein. Sein Wecker auf dem Regal zeigte viertel nach Drei.

In der Zelle und auf dem Gang war es totenstill. Aus der Ferne hörte er nur die gedämpften Schritte von Vollzugsdienstmitarbeitern, leise Schreie und Gebrüll von Mitgefangenen.

Nachts träumte er ständig den gleichen Traum.

Jedes Mal zieht er freudig seine P30 und knallt die vier Arschlöcher ab.

Das aus ihren leblosen Körpern strömende Blut streicht er zufrieden über seinen nackten Körper und klopft sich wie Tarzan mit beiden Händen auf die Brust und brüllt, „Ihr habt euch mit dem falschen angelegt. Fahrt zu Hölle!“

Er zog langsam seine Klamotten aus, legte sie über den Stuhl und bewegte sich im Dunkeln zur Nasszelle an der Tür, drehte den Wasserhahn auf, wusch sich, putzte seine Zähne und schlüpfte in seiner Unterwäsche unter die warme Bettdecke.

                                                           ***

Um 5:45 Uhr summte an der Tür das morgendliche Wecksignal für die Gefangenen. Verschlafen stand er auf, pinkelte und machte sich arbeitsklar. Waschen, Zähneputzen, saubere Arbeitssachen anziehen.

Um 6:15 Uhr schloss der diensthabende Vollzugsbeamte, wie jeden Morgen, seine Zellentür auf.

„Moin Herr Dreyer, alles klar,“ fragte er ihn freundlich und musterte kurz seine Zelle.

„Guten Morgen Herr Braun, mir geht es gut und ihnen?“

„Alles bestens Dreyer.“

Er nickte.

“An jeden gottverdammten Tag Aufschluss zur gleichen Uhrzeit, die gleichen Ansagen der Schließer, der gleiche Frühstücksfraß und die gleichen hoffnungslosen Gesichter während der Arbeit,“ dachte er.

Braun sagte, was er jedes Mal sagte „Warten sie hier, ich schließe noch die restlichen Zellen auf, dann ab in die Kantine zum Frühstück.“

Er trat auf den Flur. Ein langer fensterloser Gang, grauer Linoleumboden, graue Wände. Vor der nächsten offenen Zellentür wartet sein Nachbar Mustafa und schaute ihn grinsend an. Er trug blaue Arbeitskleidung, hatte dunkle kurzgeschnittene Haare, Vollbart.

„Hallo Gerald, alles klar? Gut geschlafen. Schöne Träume gehabt? Er sprach leise und man merkte, dass Deutsch seine Zweitsprache war. Er war Wilhelmsburger mit elterlichen Wurzeln in Armenien. Fünfunddreißig. Musste noch fünf Jahre wegen Todschlag absitzen.

Gerald lächelte, „Mir geht es gut Mustafa. Ich brauche jetzt einen guten Kaffee,“ und schaute über die Schulter. Braun hatte jetzt den letzten Gefangenen aufgeschlossen.

„Auf geht’s, meine Herren,“ forderte er die vor ihren Zellen wartenden sechszehn Männer auf, ihm zur Kantine zu folgen. Lärmend, lachend und frotzelnd setzte sich die Gruppe in Richtung Treppenhaus in Bewegung.

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