Haben wir alles verloren?

von Angelo Wehrli

Ich schaue Danil an, nicke ihm zu und spiele den ersten Akkord von `Hotel California´ auf meiner alten 59er Les Paul. Nach acht Takes folgt mir Danil mit seiner alten Fender Telecaster. Wir wiederholen die Riffs und Danil singt

„On a dark desert highway, cool wind in my hair,

warm smell of colitas rising up through the air

up ahead in the distance, I saw a shimmering light.“

Die Stimme von Danil passt zu den wunderschönen, massenkompatiblen Gitarrenriffs in spanischer Akkordfolge. Wir haben unsere zwei alten Elite Acoustics D6 -Verstärker vor der Bronzestatue `Sitzende Marktfrau´ auf dem Spritzenplatz aufgebaut.

Hoffentlich bleibt sie heute Nachmittag nicht die einzige Zuschauerin unserer kleinen Show?

Es ist grau und kühl.

Passanten hasten eilig vorbei.

Wir legen in den ersten Song unser gesamtes Können, um wenigstens einige Zuschauer*innen zu finden.

Ist es unsere gute Performance oder Glück?

Zwei junge Frauen bleiben spontan stehen und hören uns zu.

Sie kichern miteinander und freuen sich über den Song.

Die eine ist klein, rundlich mit dunkler Kurzhaarfrisur, die andere ist blond, groß, mit sportlicher Figur.

Beide tragen bunte Steppjacken, breite Wollschals, Jeans und Stiefel.

Nach einem Jahr Pandemie, Ausgangssperren und ewigen Lockdowns vermissen sie Live-Musik und Action.

Wir bieten mit dem Eagle-Hit aus den 70ern mal etwas anderes als Inzidenzwerte, AHA-Regeln und FFP2-Masken.

Sie schenken Danil freundliche Blicke und bewegen sich rhythmisch zu unserem leicht und locker gespielten Groove.

Unser Gitarrenduett und Danils Stimme verführen immer mehr Passanten stehenzubleiben und zuzuhören.

In kurzer Zeit haben sich auf dem Platz viele Menschen versammelt.

Sie stehen ordnungsgemäß im vorgeschriebenen Abstand mit Masken vor unseren Mikros.

Die Menschenansammlung und unser Konzert sind illegal.

Wenn die Polizei hier gleich aufläuft, sind wir geliefert.

Mit unserer Anlage und den Instrumenten können wir nicht so leicht verschwinden.

Das war uns vorher klar.

Auf bessere Zeiten können wir nicht warten.

Es ist so schön zu sehen, dass sich das Publikum über unsere Songs freut.

In glückliche Gesichter zu schauen und die Freude über unsere Musik zu spüren, ist mir die Regelverletzung wert.

Vor allem unsere finanzielle Notlage hat uns hier auf den Spritzenplatz geführt.

Den alten Eagles-Schinken haben wir ausgesucht, weil diesen Song eigentlich jede und jeder mag.

Danil hat dazu die passende schöne Stimme.

In den letzten Monaten hat er sich einen dunklen Vollbart wachsen lassen, trägt eine schwarze Cap, eine alte Motorradjacke, dunkle Jeans und Cowboystiefel.

Wir wissen von unseren Tourneen, dass einige Frauen sich nicht nur von seiner Stimme und seinem Gitarrenspiel angezogen fühlen, sondern auch von seinem guten Aussehen.

Frauen himmeln Danil seit Jahren an. Ich halte mich heute und sonst auch, mit meiner 59er Les Paul, lieber im Hintergrund.

Unsere Blicke begegnen sich.

Danil und ich blinzeln uns zufrieden an und spielen abwechselnd unsere Gitarren-Soli.

Lächelnde Zuhörer*innen werfen Scheine und Münzen in den schwarzen Gitarrenkoffer vor dem Standmikrophon.

Wenn die wüssten, wie dringend wir ihr Geld brauchen.

***

Seit einem Jahr dürfen wir nicht mehr auftreten.

Clubs, Veranstaltungszentren sind geschlossen, Festivals konnten letztes Jahr nicht stattfinden.

Für uns eine beschissene Zeit.

Danil und ich sind Teil der `Night-Crows`. Björn, der Drummer, Anna, unsere Bassistin, müssen arbeiten und können heute Nachmittag nicht dabei sein.

Unsere Band macht `Speed und Power Metal`.

Im Laufe der Jahre hatten wir uns eine kleine Fangemeinde aufgebaut.

Mit unserer Musik zogen wir eine interessierte Fangemeinde an und wurden deshalb von den Booker*innen für kleine Clubs, mittlere Hallen und regionale Festivals gerne gebucht.

In den letzten zwanzig Jahren hatten wir einige Album produziert, während der Konzert-Saison waren wir ständig auf Tour.

Wir konnten von unseren Konzertgagen und den Alben-Releases gut leben.

Dann kam Corona.

Unsere Europa-Tour mit `Paradise Lost` wurde abgesagt.

Das letzte Album konnte nicht mehr promotet werden.

Nach und nach trudelten weitere Konzertabsagen ein.

Zuerst haben wir bei Freunden als Gastmusiker auf Studio-Alben mitgespielt. Immer in der Hoffnung, dass die Pandemie schnell vorbei gehen würde.

„Spätestens nach einem halben Jahr wird alles wieder wie vorher sein“, meinte Anna optimistisch.

Diesen Gefallen tat uns die Pandemie leider nicht.

Unsere Managerin schlug vor, es mit Streaming-Auftritten zu probieren.

Funktionierte nicht.

Streamings ersetzen keine Live-Konzerte und Geld ist damit auch nicht zu verdienen.

Wir freuten uns über Crowdfunding-Aktionen unserer Fans.

Leider kam nicht viel Kohle zusammen.

Irgendwann waren alle Rücklagen verbraucht.

Als es enger und enger wurde, wollten wir unser Bühnenequipment verscherbeln.

Potenzielle Interessenten machten unverschämte Angebote.

Wir hatten nichts zu verschenken.

Daraufhin legten wir den Verkauf auf Eis.

Meine Gitarren, Mikrophone und die alte Marshall-Anlage von `Motörhead´ würde ich sowieso nur über meine Leiche abgeben.

Meine Instrumente sind gefühlsmäßig seine zweite Haut.

Mein Handwerkszeug!

Wenn ich meine Gitarren und Keyboards ausschaue und darauf `Night Crow `- Stücke spiele, dann erinnert mich jedes einzelne Instrument an einen geilen Konzertabend im Berliner Tempodrom, schöne Sessions mit Kai Hansen von Helloween und an die vielen Crow-Songs, die ich auf meinen akustischen Gitarren und auf meinem Klavier komponiert hatte.

Ohne meine Gitarren und Tasteninstrumente bin ich ein Nichts.

Kultur ist nicht systemrelevant.

Die Menschen brauchen Obst, Gemüse, Backwaren und Arzneimittel.

Keine Musik.

Musiker werden gerade nicht gebraucht.

Vor einem halben Jahr hatten Danil und ich deshalb Jobs bei einem Lieferservice angenommen. Der Chef war ein Arschloch. Hatte uns wie Idioten behandelt und schlecht bezahlt.

Björn und Anna hatten es mit ihren neuen Arbeitgeber*innen und Kolleg*innen besser getroffen.

Björn arbeitete als Altenpflegehelfer bei Pflegen und Wohnen in der Thadenstraße. Anna verdiente jetzt ihr Geld als Verkäuferin bei Lidl an der Kasse im Frühdienst auf dem Kiez.

Wir trafen uns gelegentlich in unserer Wohnung zum Jammen.

Da wir nicht auftreten konnten, mussten wir uns um Hartz IV und Corona Hilfe für Soloselbständige kümmern.

Auf die Überweisungen warten wir bis heute.

Die Miete für unsere Wohnung konnten wir irgendwann nicht mehr bezahlen.

Unser Vermieter hatte daraufhin ein Räumungsverfahren eingeleitet.

Eines Abends am Küchentisch bei einem Joint meinte Danil, „Das Einzige, was wir können, ist Musik machen.“

Ich nickte!

„Warum gehen wir nicht einfach auf die Straße? Wie früher? Wir spielen einige Songs und sammeln in unserem Gitarrenkoffer das Geld vom Publikum ein.“

„Wenn sie uns dabei erwischen, sind wir am Arsch,“ wandte ich ein und bliess den Rauch über meine Schulter.

„Mehr am Arsch sein geht nicht mehr,“ antwortete Danil, „wir müssen uns mittlerweile bei der Tafel für Lebensmittel anstellen.“

„Wir können es ausprobieren,“ meinte ich und gab ihn Danil den Joint zurück.

***

Wir singen und spielen auf unseren alten Gitarren mit kleiner Ausrüstung, Verstärkerbox, Mikro in der Ottenser Hauptstraße vor der Bronzestatue der sitzenden Marktfrau den Song `Hotel California´.

Mit unseren normalen Musikprogramm würden wir Einkaufszonen-Zuhörer*innen überfordern, haben wir uns überlegt.

Oberste Priorität haben Gitarrenkoffer, die mit Scheinen und Münzen gefüllt sind.

***

Gitarrenkoffer mit Scheinen und Münzen gibt es nur von einem zufriedenen Publikum.

Nachdem die Idee geboren war, probten wir in unserer Wohnung tagelang alte 70er/80er und 90er-Rockhits. Unseren Gesangs- und Gitarrensound übertrugen wir auf die Songs.

Die Rock-Hits hatten wir in unserer Jugend tausend Mal nachgespielt. Das Songmaterial war schnell einstudiert.

Sie gehörten nicht zu unserem `Night Crow´ Repertoire, brachten aber Spaß. Erinnerungen an alte Zeiten wurden wach. Nach und nach fanden wir für die Cover-Songs unseren eigenen Metal-Groove. Danil stellte mehrere Set-Lists für zwanzig Minuten-Konzerte zusammen und brachte auch zwei eigene etwas softere Stücke von unserem letzten Album unter.

Von den Set-Lists hatten wir fünf Favoriten:

`To be with you` von Mr. Big

`I was made for loving you` von KISS

´ Jump` von van Halen

`Lady in Black´von Uriah Heep

Gestern Abend spielten wir Anna und Björn alle Songs vor.

Beide gaben uns noch Ratschläge für bessere Timings und satteren Groove.

Während des dritten Sets bestanden sie darauf, `Sweet Child of Mine` von Guns & Roses und ´Breaking the Law´ von Judas Priest mitzuspielen.

Björn schnappte sich meine Soundkiste, Anna hatte ihren Contra Bass mitgebracht.

„Vielleicht sollten wir mal ein Cover-Album aufnehmen,“ meinte Anna, als sie ihren Basskoffer auf den Rücken schnallte und sich verabschiedete,“ Ich habe morgen Frühschicht. Brauche noch ein bisschen Schlaf. Sonst stehe ich dieses tägliche Lidl-Irrenhaus nicht durch.“

***

Ich spiele das Gitarrensolo von `Sweet Child of Mine` und Danil singt nach dem Solo

„Where do we go?

Where do we go now?

Oh, sweet Child

Where do we go now?“

Im Publikum fallen mir drei schwarz Gekleidete auf, die sich die Masken heruntergerissen haben und den Refrain

„Where do we go now“

nachgröhlen.

Eine junge Frau in der ersten Reihe, schwarze lange Haare, dunkler Mantel, kaputte Jeans und Doc Martens-Schuhe telefoniert und filmt uns gleichzeitig mit ihrem Smartphone.

Zur selben Zeit nähern sich aus heiterem Himmel zwei Polizeibeamte mit FFP2-Masken durch die Menge und stellen sich vor unserer Anlage.

Wir brechen den Song ab.

Die Zuschauer*innen sind genervt.

Die Polizistin, dunkle Uniform, martialischer Gürtel mit Schlagstock und Pistole, Sprechfunkgerät an der Schulter, blonder Zopf unter Polizeimütze spricht uns an,“ Meine Herren, Straßenmusik ist in Corona-Zeiten leider verboten. Packen Sie bitte ihre Instrumente zusammen und verlassen sie den Platz.“

Der Polizeikollege bewegt sich in die Zuschauermenge und ruft den dort Stehenden zu, „Nicht genehmigte Versammlungen sind verboten. Gehen sie bitte auseinander und halten bitte den Sicherheitsabstand von zwei Metern ein.“

Murrend und nörgelnd folgende die Menschen der Anweisung.

Er zeigt auf die telefonierende und filmende Frau, „Setzen sie bitte ihre Maske auf. Außerdem möchte ich nicht gefilmt werden. Unterlassen sie das.“

„Alles klar,“ lächelt sie und lässt ihr Smartphone in die Jackentasche gleiten.

Die Polizistin schaut erst mich, danach Danil mit dem ernsten Blick einer staatlichen Hoheitsträgerin an.

„Sie wissen, dass sie hier kein Konzert veranstalten dürfen?“

„Ja,“ antworte ich.

Danil nickt zustimmend.

„Ich muss jetzt ihre Personalien aufnehmen. Ihr Verstoß gegen das Versammlungsverbot wird sie eine Stange Geld kosten.“

Wir nicken wie ertappte Unschuldslämmer.

Die Zuschauer haben den Platz verlassen, lediglich die beiden schwarz gekleideten Zuschauer und die Zuschauerin sind geblieben.

Der Kollege der Polizistin, Kurzfrisur, jung, groß und stämmig, grinst und meint, „Ich kenne euch. Ende 2019 war ich in eurem Sporthallenkonzert dabei. Der Abend war super. Ihr wart richtig, richtig gut.“

„Marcus, auch wenn du die Musiker kennst und ihre Musik magst, ich rate dir, ihre Daten aufzunehmen. Sie haben eine Ordnungswidrigkeit begangen und müssen bestraft werden. Wenn du die Anzeige verschwinden lässt, bekommst du Ärger mit mir.“

Wir schauen die Beamtin an und dann ihren Kollegen Marcus.

Marcus zuckt mit den Schultern und meint entschuldigend,“ Klar Susi. Mach ich“, und notiert unsere Daten.

„Ich kann nichts für euch machen Jungs. Ihr seid jetzt dran,“ flüstert er uns zu.

Er machte ein Selfi mit uns, “Meine Freundin glaubt mir sonst nicht, dass ich euch bei einem Konzert verwarnen musste. Sie wird mir heute nach dem Dienst bestimmt die Hölle heiß machen, weshalb ich euch nicht gerettet habe.“

Die blonde Zuschauerin fragt Marcus, „Was kostet der Spaß, Marcus?“

Susi antwortet mit bösem Blick für Marcus,“ Gehören sie zu den Musikern?“

„Ja.“

Wir schauen die Frau fragend an.

„Dann schreib sie mit auf, Marcus.“

Nachdem die Polizisten die Formalitäten erledigt haben und gegangen sind, packen wir unsere Sachen zusammen.

„Ich heiße Svenja,“ stellt sich unser selbsternanntes Bandmitglied vor, “ das sind Jan und Andi.“

Beide grinsen uns an, „Wir wussten gar nicht, dass ihr gefälligen Softrock spielt.“

„Glaubt ihr,“ fragt Danil und zündet sich eine Zigarette an,“ dass das Normalo-Publikum Power-Speed-Metal hören will?“

„Baut einfach einige Stücke ein. Ich denke an `I want out` oder `Change´. Das mag jeder.“

„Warum hast du dich als Bandmitglied ausgegeben?“ frage ich Svenja.

„Ich bezahle die Strafe für euch. Nehmt es als Gage.“

Wir schauen uns schweigend an.

Danil hatte das Geld der Zuschauer gezählt.

„Einhundertdreißig Euro. Wenn Svenja die Strafe übernimmt, das Doppelte,“ sagt er.

Wir lächeln, „Danke Svenja!“

Sie freut sich, dass wir uns freuen.

„Sagt mal, könnt ihr nicht eine kleine Hamburg-Tour, so wie hier, durch die Einkaufszonen machen? Ich würde es übernehmen die `Night Crow`-Szene zu mobilisieren. Die Leute würden sich echt freuen und bestimmt zahlreich auflaufen.“

„Jedes Konzert mit Bulleneinsatz? Beschlagnahme unseres Equipments, Übernachtung im Holstenglacis? Ist das der Plan?“

Einer der beiden Jungs meint,“ Wir können Kurzkonzerte als Flashmob organisieren. Equipment aufstellen. Zwanzig Minuten Konzert. Equipment abbauen, weg und zum nächsten Auftritt.“

Wir schauen die drei ungläubig an.

„Wir würden uns auch um die Polizei kümmern,“ ergänzt er.

„Warum macht ihr das?“ frage ich sie.

„Wir mögen eure Musik und wollen, dass ihr Konzerte gebt. Eure Fans wollen euer neues Album live hören.“

Danil denkt kurz nach und fragt mich,“ Was meinst du?“

„Könnte funktionieren,“ antworte ich lächelnd.

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Angelos.blog

Ich schreibe Kurzgeschichten über Kriminelle, Menschen in extremen Situationen, Rocker und Musikfans. In den Fünfzigern bin ich in einem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel geboren, wuchs in Wilhelmshaven auf und studierte dort Betriebswirtschaft. Seit 1978 arbeitete und lebe ich in Hamburg. Hatte 1982 die Hamburger Grünen mitgegründet. Von 1995 bis 2015 war ich Mitinhaber eines großen Hamburger Unternehmens. Bin verheiratet und habe eine erwachsene Tochter. Über den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der Universität Hamburg hat mich das Schreiben gepackt.

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