von Angelo Wehrli
Er stand am Fenster und schaute durch die Gitterstäbe nach unten auf den rotgeschotterten Hof. Sein Blick blieb an dem fünfgeschossigen roten Klinkerbau auf der anderen Seite hängen. Block B. Alle Fenster waren vergittert. Er schaute nachdenklich in den blauen Himmel. Obwohl es bereits kurz nach neun war, schien die Sonne immer noch mit grellen Strahlen in seine Zelle. Die Sonnenstrahlen wirbelten in zirkulierenden Mustern durch das Außengitter. Draußen war es sicherlich noch angenehm warm. In seiner Zelle war es stickig, der pulsierende Luftstrom der Klimaanlage roch abgestanden.
Nach dem Abendessen in der Kantine hatte ihn die Vollzugsbeamtin Frau Lange in seiner Zelle eingeschlossen.
Wie jeden Abend.
Er war mittelgroß, 61 Jahre, hatte ein rundes Gesicht, einen grauen Vollbart und schmale, trüb blickende blaue Augen hinter einer Goldrandbrille. Sein Schädel war aus praktischen Gründen kahl. Durch ungesunde Knasternährung und wenig Bewegung hatte er in den letzten Jahren zugenommen. Er wog mittlerweile 90 Kilo. Seine Haut war gelbstichig und schlaff.
Seine Mithäftlinge in der Gärtnerei, in der Bücherei und auf dem Hof mochten ihn. Für sie war er der `kleine Dicke`, der immer einen Scherz auf Lager hatte, gute Ratschläge geben konnte, Probleme lösen half und seine Strafe als vierfacher Mörder absaß.
Nach seiner Verurteilung hatte ihn die Justiz sofort in Fuhlsbüttel untergebracht.
Zuerst fand er sich in seiner neuen Umgebung nicht zurecht. Als Alfa Tier war er es gewohnt vorzugeben, wo es langzugehen hatte.
Hier war das anders.
Er war Gefangener im Vollzug, wie jeder andere auch.
Für die Gefangenen war der Tagesablauf an allen 365 Tagen im Jahr vorgegeben und geregelt.
Aufstehen um 5:45 Uhr, Frühstück von 6:15 bis 6:30 Uhr, Arbeiten von 7:00 bis 12:00 Uhr, Mittagessen von 12:00 bis 12:45, weiter arbeiten von 13:00 bis 16:00 Uhr, Rückkehr in die Zelle 16:00 bis 16.30 Uhr, Abendessen vom 16:30 bis 17:00 Uhr, Freizeitaktivitäten von 17:00 bis 20:30 Uhr, Zelleneinschluss 21:15 Uhr.
Am nächsten Tag wiederholte sich der Ablauf.
Am Wochenende wurde nicht gearbeitet. Er traf sich dann mit anderen Gefangenen, nahm an einem Lesekreis teil. Hin und wieder hatte er Besuch von Draußen.
Seit elf Jahren.
Sein Sohn Till, ehemalige Kollegen und seine Rechtsanwältin Frau Dr. Schrader waren seine einzigen Außenkontakte.
Thea hatte sich vor sechs Jahren von ihm scheiden lassen und das Arschloch Andreas geheiratet. Seine Tochter Anni hatte er seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen. Wahrscheinlich hatte ihr Thea irgendwelche Räuberpistolen erzählt. Als er Till einmal danach fragte, meinte der, sie hätte Angst vor ihm.
„Angst vor mir, ich glaub, ich spinne,“ dachte er, „meine Kinder sind das Einzige, was mir in meinem Leben noch geblieben ist.“
Es schmerzte, dass Anni nichts mehr von ihm wissen wollte.
Till war da anders.
Mit dreiundzwanzig war er als Zeitsoldat zur Bundeswehr gegangen und befand sich gerade auf einen Auslandseinsatz in Afghanistan. Mitunter rief ihn sein Junge, über Satellitentelefon, zu den Besuchszeiten an.
Er war auch bei der Bundeswehr gewesen und war sehr stolz, dass Till den gleichen Berufsweg eingeschlagen hatte.
„Till ist der Einzige, der mich damals verstanden hatte. Er sagte mir vor zwei Jahren bei einem Besuch, ´die Arschlöcher hatten er nicht anders verdient. Ich hätte sie auch kalt gemacht. Die hatten dir das weggenommen, was dir wichtig war. Ich bin stolz auf dich, Papa`.“
„Was war mir damals wichtig?
Mein Job,
mein Status oder das viele Geld?“ überlegte er und stützte sich mit beiden Händen am Fensterrahmen seiner Zelle ab.
Er betrachtete die dicken Gitterstäbe, drehte sich kurz um und begutachtete sein jetziges zu Hause.
Vier Meter fünfzig lang.
Drei Meter breit.
Zwei Meter dreißig hoch.
Weiße Wände.
Ein Bett mit blauweißkariertem Bettlaken, ein Schreibtisch, ein Regal mit Büchern und seiner Prozessakte bestückt, ein kleiner brauner Schrank mit wenigen Kleidungsstücken drin und vor der grauen verschlossenen Stahltür, in weißen Fliesen eingerahmt, Waschbecken und Kloschüssel.
„Jetzt habe ich nur noch Till. Vielleicht kommt Anni irgendwann doch nochmal zu der Einsicht, dass ich kein Monster bin. Vielleicht?“
Seine ehemaligen Kollegen Joe und Ingo fanden seine Tat bescheuert, obwohl sie damals auch unter den Vorstandsidioten zu leiden hatten. Sie meinten, obwohl uns die neuen Firmeneigentümer wie Leibeigene behandelt hatten, würde das keinen Mord rechtfertigen. Sie blieben trotzdem seine Freunde.“
Er setzte sich aufs Bett, beugte sich vor und nahm ein Fotoalbum vom Schreibtisch. Die Zelle war so klein, dass er seine ganzen Besitztümer immer in Reichweite hatte.
Das Album bestand aus einem abgegriffenen schmutzigen hellblauen Plastikumschlag. DIN A4. Die gleichfarbigen Fotoseiten wurden von einer schwarzen Spiralfeder zusammengehalten. Es war eines den wenigen privaten Besitztümer, die ihm die Knastleitung genehmigt hatte. Wie oft hatte er schon in den letzten Jahren darin geblättert?
Tausendmal?
Hundertausendmal?
Er wusste es nicht.
Er schlug das Album auf und betrachtete die alten eingeklebten Fotos.
Thea und er in einer anderen Zeit.
Ihr Haus.
Das Grundstück mit dem großen Garten.
Die Kinder mit ihren Schulfreundinnen und Freunde.
Fotos von Grillabenden mit Nachbarn und Gemeindemitgliedern.
Auf einigen Fotos war eine Person aus den Gruppenaufnahmen rausgerissen.
Andreas, dieses scheinheilige Arschloch.
Andreas hatte schon immer ein Auge auf Thea geworfen. Nach den wöchentlichen Kirchenvorstandssitzungen hatte Andreas beim Griechen immer neben Thea gesessen. Sie stritten dann über die Vorstandsentscheidungen.
Wie soll der Gottesdienst am nächsten Wochenende laufen?
Wer soll das Kollekten Geld bekommen?
Was macht die Gemeinde für Flüchtlinge?
Er freute sich, wie sehr sich Thea für die Gemeinde engagierte. Ihm fiel dabei auf, dass Andreas Thea häufiger als nötig anfasste. Natürlich dachte er sich damals nichts dabei. „Andreas war der Gemeindepfarrer,“ sagte er sich, „der wird Thea schon nicht anbaggern.“
„Vor meiner Verurteilung stand mein Job an erster Stelle. Ich vernachlässigte Thea. Kein Wunder, dass sie es genoss, wenn das Arschloch ihr den Hof machte.“
Heute wusste er, dass Andreas nur darauf gewartet hatte, dass er aus Theas Leben verschwand.
Er schaute ihr gemeinsames Hochzeitfoto an und betrachtete Thea.
Ihr weißes Brautkleid mit dem bezaubernden Dekolletee.
Ihr hübsches Gesicht mit der kunstvollen blonden Hochsteckfrisur.
Ihr Lächeln.
Er schloss kurz seine Augen und spürte den Duft ihres damaligen Parfüms.
`Giorgio Armani`.
Mhm!
Die Hochzeitsfeier hatte ihm ein kleines Vermögen gekostet.
Das war es wert.
Die Familien und ihre Freundinnen und Freunde waren da.
Superstimmung!
Er dachte damals, die Bande zwischen ihm, Thea, den Kindern, seiner Familie und seinen Freunden wäre unzertrennbar.
Andreas, das Arschloch, hatte sie in der Kirche getraut.
Kein einziger Hochzeitsgast hatte sich in den letzten Jahren beim ihm blicken lassen.
Niemand konnte seine Tat verstehen.
Sie hielten ihn für verrückt.
Vermutlich stimmte das sogar.
Gedankenverloren schlug er das Album zu und stellte es an den freien Platz im Bücherregal über den Schreibtisch.
Jedes Mal, wenn er es weglegte, überfiel ihn Trauer und Wut.
Trauer, weil er seine Familie und Freunde verloren hatte.
Wut auf Andreas.
Der hatte ihm Thea weggenommen.
Lange vor der Tat, als er mit seinem Job noch sehr viel Geld verdiente, wurde er von Andreas regelrecht umgarnt.
Gerald hier, Gerald da.
Der Kirchenvorstand braucht dich.
Stell dich zur Wahl.
Kannst du noch eine höhere Spende machen?
Sie hatten oft in seinem Garten gefeiert. Meistens hatte er mehr getrunken und nicht bemerkt, dass Andreas von Anfang an auf Thea scharf war.
„Wenn ich hier je rauskommen sollte, besorg ich mir eine Knarre und erledige ihn. Thea kann ruhig zuschauen.“
Worauf sollte er noch Rücksicht nehmen?
Er war ein verurteilter Mörder ohne Zukunft.
Vor elf Jahren hatten sie ihn wegen vierfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Seine Anwältin Frau Dr. Schäfer hatte seine Hoffnungen auf Haftverkürzung frühzeitig gedämpft.
Für die Justiz war er ein Schwerstkrimineller, dem keine Strafmilderungen gewährt werden konnte.
Der Staatsanwalt meinte am Ende seines Strafprozesses in seinem Plädoyer, „Sie sind eine Gefahr für die Gesellschaft. Eine wandelnde Zeitbombe. Wir müssen die Gesellschaft vor Menschen, wie sie es sind, schützen.“
Er hatte den gesamten Vorstand eines Hannoveraner Traditionsunternehmens ausgelöscht. Die Verstorbenen waren in den Augen von Justiz, Politik und Medien wichtige Stützen der deutschen Wirtschaft.
Für ihn waren sie rücksichtslose Profitgeier, denen das Wohl ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter scheißegal war.
Seine Tat hatte er nie bereut.
Er erinnerte sich noch ganz genau an den Abend.
Nachmittags hatte er von Kollegen aus der Konzernzentrale erfahren, dass der Vorstand seine Abservierung vorbereitete. Daraufhin fuhr nach Hannover, um seine Chefs auf ihrer Vorstandssitzung zur Rede zu stellen.
Immerhin war er doch nicht irgendwer.
Er hatte die Firma sein halbes Leben zu dem gemacht, was sie jetzt war.
Ein Branchenschwergewicht.
Die Umsätze stiegen von Jahr zu Jahr.
Gewinne und seine Gehälter kannten nur eine Richtung, nach oben.
Seine Arbeit für die Firma war sein Lebensinhalt.
Nach einem kurzen Gespräch im Sitzungsraum der Konzernzentrale meinte der Vorstandsvorsitzende damals „Herr Dreyer, ich mache es kurz. Wir trennen uns von ihnen. Holen sie sich im Vorzimmer ihre Kündigung ab.“
Sie wollten ihn wie einen räudigen Köter vom Hof jagen.
Der Konzern hatte seine Firma aufgekauft. Sein früherer Chef musste das Unternehmen aufgrund von Steuerrückständen verkaufen. Mit ihm hatte er sich immer gut verstanden. Er sollte eigentlich sein Nachfolger werden.
Nach der Konzernübernahme bemühte er sich um eine gute Arbeitsbeziehung zu den neuen Besitzern.
Leider waren die neuen Besitzer nicht daran interessiert.
Schmerzlich musste er erkennen, dass der Konzernvorstand für ihn einen anderen Plan bereithielt.
Das Drehbuch der neuen Chefs hatte für ihn folgenden Fahrplan vorgesehen:
- Akt: Honig um den Bart schmieren. „Wir brauchen sie Herrn Dreyer.“
- Akt: Know-How abzocken.
- Akt: Zugriff auf wichtige Kundenkontakte realisieren.
- Akt: Rausschmiss. „Wir müssen uns leider von ihnen trennen.“
„Sind sie übergeschnappt?“ brüllte er damals, sprang auf, zog die P30 aus dem Rucksack, entsicherte sie mit einem klicken und zielte auf den Vorstandssenior und seine Kollegen und Kollegin.
Ihre selbstsichere Arroganz und das sonst zu Schau gestellte Machtgehabe war verschwunden. Sie saßen verängstigt in ihren schönen Ledersitzen und ließen resigniert die Schultern hängen.
Nur Frau Jenssen, die Personalchefin, schaute ihn damals unbeeindruckt an.
„Die Firma, über die wir reden, habe ich aufgebaut“ brüllte er und deutete mit der Pistolenmündung auf den Senior, „Kunden und Mitarbeiter waren bisher mit meiner Arbeit zufrieden. Jetzt kommen sie daher,“ und deutete mit seiner freien Hand auf die vor ihm sitzenden neuen Entscheider, „und wollen mir ernsthaft einreden, wie unfähig ich sei? Die Firma macht 25 Mio. Umsatz im Jahr mit einem zwanzigprozentigen Deckungsbeitrag.“
Weiter kam er nicht, da ihm Frau Jenssen ins Wort fiel.
„Herr Dreyer, stecken sie die Waffe weg,“ sagte sie eiskalt.
Wenn Blicke töten könnten, würde er jetzt tot am Boden liegen.
Sie hatte keine Angst vor ihm.
Verblüfft sah er sie an.
Ohne mit der Wimper zu zucken, hielt sie seinen hasserfüllten Blick stand.
“Reden sie kein Blech,“ fuhr sie fort, zeigte mit dem Zeigefinger auf ihn und schrie, „ihr Auftritt ist erbärmlich, sie langweilen mich. Verschwinden sie einfach.“
Er hob die Waffe mit beiden Händen, zitterte, stellte sich in Schussposition und feuerte ihr aus zwei Meter Entfernung ins Gesicht. Der Knall des Schusses dröhnte im Raum. Vom Nebel und ätzenden Pulvergestank tränten seine Augen. In seinem Gesicht, an den Händen und seiner Kleidung tropfte ihr Blut. An der Wand sah er einen großen feuchten Blutfleck. Frau Jenssen lag zu Füßen ihres Chefs, der entsetzt in seinem Stuhl zurückwich. Das Projektil habe sie am Kopf getroffen. Von ihrem Pokerface war nichts übriggeblieben. Sie war mausetot.
Die verbliebenen drei Vorstände schauten erstarrt auf ihre Leiche.
Seine Ohren waren taub, in seinem Kopf dröhnte es, die Augen tränten. In den stinkenden Rauchschwaden, mit dem nach Metall riechenden Blut an den Händen sah er die verbliebene Runde nur noch verschwommen. Er wischt notdürftig das Blut an seinen Händen an seiner Jacke ab.
Dann erschoss er die restlichen Vorstandsmitglieder.
Während seines Prozesses hatte er aktenkundig erklärt: „Sie hatten es verdient. Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Das eigentliche Opfer bin ich.“
Seine Anwältin Frau Dr. Schrader war über sein unabgesprochenes Statement verärgert.
„Damit haben Sie ihr Strafmaß nochmal erhöht, Herr Dreyer“ blaffte sie ihn damals nach dem Urteil an.
Die Presse hatte ihr Futter.
Am folgenden Tag titelte die BILD-Zeitung „Der Vorstandsmörder Gerald D. behauptet: Das Opfer bin ich!“
Die Staatsanwaltschaft forderte am nächsten Tag `Lebenslänglich´ und danach Sicherheitsverwahrung.
Er würde nie wieder aus dem Gefängnis rauskommen.
Zu seiner Freude musste der Konzern damals wegen der abhanden gekommenen Führung von einem Insolvenzverwalter abgewickelt werden. Ein französischer Wettbewerber übernahm den Konzern und musste lediglich die vakanten Vorstandsposten ohne großen Aufwand neu besetzen.
„So ein Pech,“ schmunzelte er, als ihn Frau Dr. Schrader die Pressemeldung auf ihrem IPad zeigte.
Er legte sich auf sein Bett.
„Nach der Tat, bin ich zu Andreas gefahren, hab´ ihn nachts aus dem Bett geklingelt,“ dachte er,“ nachdem ich ihm alles erzählt hatte, verlange er von mir die P30. Ich öffnete den Rucksack, er schaute auf die schmierige rote Waffe und zog den Sack auf seine Tischseite. An meinen Händen, in meinem Gesicht, auf meiner Kleidung klebte trockenes Blut. `Ich hole jetzt die Polizei`, meinte Andreas und drückte die Rufnummer vom Revier.“
Er war in seinen Klamotten eingeschlafen. Als er aufwachte war es stockdunkel.
Langsam erhob er sich aus seinem Bett und ging zum Zellenfenster.
Dort blieb er stehen. Die Außenbeleuchtung von Hof und ein wenig Mondlicht schien in seine Zelle hinein. Sein Wecker auf dem Regal zeigte viertel nach Drei.
In der Zelle und auf dem Gang war es totenstill. Aus der Ferne hörte er nur die gedämpften Schritte von Vollzugsdienstmitarbeitern, entfernte Schreie und Gebrüll von Mitgefangenen.
Nachts träumte er ständig den gleichen Traum.
Die Vorstandsermordung.
Das aus ihren leblosen Körpern strömende rote Blut berauschte ihn.
Jedes Mal, wenn er in seinen Träumen die Leichen auf den Boden liegen sah, klopfte er sich wie Tarzan mit beiden Händen auf seine Brust und brüllte, „Ihr habt euch mit dem falschen angelegt. Fahrt zu Hölle!“
Er zog seine Klamotten aus, legte sie über den Stuhl und bewegte sich im Dunkeln zur Nasszelle an der Tür. Drehte den Wasserhahn auf, wusch sich, putzte seine Zähne und schlüpfte in seiner Unterwäsche unter die warme Bettdecke.
***
Um 5:45 Uhr summte an der Tür das morgendliche Wecksignal für die Gefangenen. Verschlafen stand er auf, pinkelte und machte sich arbeitsklar. Waschen, Zähneputzen, saubere Arbeitssachen anziehen.
Um 6:15 Uhr schloss der diensthabende Vollzugsbeamte, wie jeden Morgen, seine Zellentür auf.
„Moin Herr Dreyer, alles klar,“ fragte er ihn freundlich und musterte kurz seine Zelle.
„Guten Morgen Herr Braun, mir geht es gut und ihnen?“
„Alles bestens Dreyer.“
Er nickte.
“An jeden gottverdammten Tag Aufschluss zur gleichen Uhrzeit, die gleichen Ansagen der Schließer, der gleiche Frühstücksfraß und die gleichen hoffnungslosen Gesichter während der Arbeit,“ dachte er.
Braun sagte, was er jedes Mal sagte „Warten sie hier, ich schließe noch die restlichen Zellen auf, dann ab in die Kantine zum Frühstück.“
Er trat auf den Flur. Ein langer fensterloser Gang, grauer Linoleumboden, graue Wände. Vor der nächsten offenen Zellentür wartet sein Nachbar Mustafa und schaute ihn grinsend an. Er trug blaue Arbeitskleidung, hatte dunkle kurzgeschnittene Haare, Vollbart.
„Hallo Gerald, alles klar? Gut geschlafen. Schöne Träume gehabt? Er sprach leise und man merkte, dass Deutsch seine Zweitsprache war. Er war Wilhelmsburger mit elterlichen Wurzeln in Armenien. Fünfunddreißig. Musste noch fünf Jahre wegen Todschlag absitzen.
Gerald lächelte, „Mir geht es gut Mustafa. Ich brauche jetzt einen guten Kaffee,“ und schaute über die Schulter. Braun hatte jetzt den letzten Gefangenen aufgeschlossen.
„Auf geht’s, meine Herren,“ forderte er die vor ihren Zellen wartenden sechszehn Männer auf, ihm zur Kantine zu folgen. Lärmend, lachend und frotzelnd setzte sich die Gruppe in Richtung Treppenhaus in Bewegung.
