
von Angelo Wehrli
Uff! Durch den blöden Berufsverkehr habe ich es noch rechtzeitig in die Firma geschafft. Heute Morgen um zehn Uhr wollen sich meine Chefs mit Bankvertretern treffen. Ich soll ein Frühstücksbuffet organisieren, kühle Getränke und Kaffee auftischen und die Ertragsbilanz für alle ausdrucken.
Als ich gestern Abend gehen wollte, saßen sie noch im Konferenzzimmer. Zum Abschied steckte ich meinen Kopf in die Tür und fragte, „Brauchen sie noch etwas, meine Herren? “ Der alte Olsen schaute mich an und meinte lächelnd: „Nein Frau Schade, wir kommen klar. Einen schönen Abend.“
Sie unterbrachen während meiner kurzen Störung ihre lautstarke Diskussion und schwiegen, solange ich im Raum war. Die Luft roch nach Anspannung, Angstschweiß, abgestandenen Käsebrötchen und kalten Kaffee. Normalerweise sorgte Frau Scholz mit ihren abfälligen Sprüchen über in Ungnade gefallene Mitarbeiter für gute Laune. Gestern Abend hockte sie merkwürdigerweise zusammengesunken in ihrem Stuhl und starrte ins Leere. Aus Kommunikation mit der Bank und einigen Gesprächsfetzen, die ich zwischendurch mal aufgeschnappt hatte, weiß ich, dass sie heute Morgen der Bank ihr Liquiditätsproblem beichten wollten.
Die Geschäfte gingen wegen der Corona Epidemie schlecht. Kurz vor Corona hatten sie gerade zwei Firmen aufgekauft und konnten jetzt die fälligen Kreditraten nicht zahlen. Ihnen fehlten für die nächsten Monate zwei Millionen Euro. Sehr ärgerlich! Corona hatte meine Chefs kalt erwischt.
Ich schließe unseren Firmeneingang auf. Ein einfaches Etagenbüro mit einem kleinen Firmenschild `Olsen Services `. Im langen Flur, mit den vielen Bürotüren rechts und links, flackern die Neonlampen sensorisch an der Decke auf. Scheint noch niemand da zu sein. Über den blauen Teppichboden gehe ich schnellen Schrittes in mein Büro und sehe, mit halbem Auge, am Ende des Flurs, dass die Tür zum Konferenzraum angelehnt ist und das Licht noch brennt. Sie sind wohl spät gegangen und haben es nicht ausgemacht. Im Büro schalte ich blindlinks die Deckenbeleuchtung ein. Der kleine Raum ist mit einem grauen Schreibtisch, Bürostuhl mit PC, Laserdrucker und Besucherstuhl vollgestellt. Eilig hänge ich meinen Mantel an den Garderobenständer und gehe in den Konferenzraum. Um zehn Uhr soll die große Sitzung mit der Bank stattfinden.
Aus der Teeküche, am Ende des Flurs, hole ich hastig ein Tablett, um Leergut, Kaffeekannen und schmutziges Geschirr aus dem Besprechungszimmer abzuräumen. Mit beiden Händen bugsiere ich das Tablett zur geöffneten Tür, stoße sie mit der Hüfte auf, drehe mich um und lasse vor Schreck das Tablett zu Boden fallen.
Was ist das denn?
Am großen Tisch liegen drei leblose Körper in ihrem Blut. Der schöne Teppich, den ich erst vor einem halben Jahr für den Raum ausgesucht hatte, ist jetzt Blut befleckt und die Ölgemälde zeitgenössischer Worpsweder Künstler an den Wänden sind mit Körperflüssigkeiten besudelt.
Der junge Olsen sitzt leblos am Konferenztisch im seinem schwarzen Lieblingsledersessel aus Rinderleder. Er hatte wohl gestern Abend seine letzte Coca-Cola getrunken. Die halbleere Flasche liegt umgefallen auf dem Tisch und zeigt mit der Öffnung auf seinen zusammengesunkenen Körper. Olsen Junior lehnt unnatürlich schräg im Sessel, der Kopf ruht auf seiner Brust, von dort schauen er mich mit seinen braunen mausetoten Augen an. Seine teure Frisur hat Gott sei Dank keinen Schaden genommen.
„Was sehen sie mich so vorwurfsvoll an, Herr Olsen Junior? Ich habe sie nicht ermordet,“ weise ich ihn zurecht. Er hatte mich immer gut behandelt. Ich glaube, er mochte mich. Hatte sich bei mir oft über seinen Senior ausgeheult.
Zwischen seinen Augen sehe ich ein kleines dunkles Einschussloch. Seine schöne teure Seidenkrawatte, das weiße Hemd und sein Anzug sind blutverziert. Er war so ein hübscher junger Mann. Dunkle Haare, freundliches Gesicht. Durch seine tägliche Work Outs im Fitness-Center breite Schultern, ordentliche Bizepse kein Gramm Fett auf seinen Körper.
Hinter Olsen Juniors Laptop hängt ein Fuß über dem Tisch. Er steckt in einem braunen handgefertigten Budapester Halbschuh. Kruses Schuh. Ich recke meinen Hals und sehe, dass er unter dem Tisch in seinem Rollstuhl eingeklemmt ist. Kruse hatte immer Wert auf seine Stellung im Unternehmen gelegt. Und jetzt das.
Obwohl er mich nicht mehr hören kann, beuge ich mich herunter und sage ihm, „Herr Kruse, so wie sie da liegen, ist wahrscheinlich irgendetwas bei ihren Planungen schiefgelaufen.“
Auf seiner Brust befindet sich ein großes rotes Loch. Aus der Wunde war Blut über Hemd, Hose, seinem Gesicht bis in seine grauen Haarbüschel hinein geronnen. Eigentlich hatte Kruse zu Lebzeiten ein nettes Gesicht gehabt, mit Halbglatze, faltigen Gesicht und freundlichen blauen Augen. Er vermittelte jedem, der mit ihm zu tun hatte Vertrauen, Verständnis und Mitgefühl. In seinem Rollstuhl wirkte er so zerbrechlich und hilflos. Pustekuchen! Ich wusste, dass er der größte Heuchler auf diesem Planeten war. Das schöne Ölbild hinter ihm, mit dem Titel `Arbeit am Container`, hat jetzt mit Kruses roten Blutspritzern über den freundlichen gelben und grünen Farben eine neuartige Kontur erhalten.
Einträchtig an der Seite von Kruse liegt der alte Olsen Senior auf dem Tisch. Einen Einschuss kann ich nicht erkennen. Vielleicht hatte sein schwaches Herz angesichts seiner düsteren Zukunftsaussichten nicht mehr mitgemacht. Kruse und Olsen Senior hatten sich immer gut verstanden. Gut, dass sie nebeneinander gestorben sind. Das passt doch.
Alles am Senior war grau, seine toten Augen, sein Gesicht, Haare hat er keine, die wären sonst auch grau. Ich schaue auf sein geschmackloses Outfit aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts und denke,“ so sieht also eine Milliardärs Leiche aus? Ein schlecht gekleideter hässlicher alter Mann.“
Senior war ein gieriger Chef, der nur dann zufrieden atmen konnte, wenn seine Gewinne täglich um 5% stiegen. Seinen Kaffee hatte er nicht mehr austrinken können, der Arme. Die von ihm handschriftlich errechneten Ertragsprognosen sind voller dunkler Blutflecke. Die Bankvertreter können sie bestimmt nicht mehr entziffern.
„Herr Olsen Senior, soll ich die heutige Sitzung nicht lieber absagen? Was meinen sie,“ fragte ich ihn freundlich. Er kann meine Frage nicht beantworten.
Wo ist denn Frau Schröder?
Hatte sie das Blutbad angerichtet?
Zutrauen würde ich dieser Hexe alles. Wirklich alles.
Falls es erforderlich gewesen wäre, hätte sie ihre eigene Tochter meistbietend auf dem Rathausmarkt versteigert. In Zusammenwirkung mit dem Senior hatte sie bei Firmenkäufen etliche kriminelle Schweinereien durchgezogen. Datenmissbrauch, Steuerbetrug und Arbeitsrechtsverstöße. Einige Manager hatten Frau Schröder unterschätzt. Sie sind von ihr aus der eigenen Firma eiskalt verjagt worden. Keiner hat sie je wiedergesehen.
Die Schröder wirkte neben Senior wie seine Leibeigene. Obwohl sie bereits beim Treppensteigen ordentlich pusten musste, ist sie mit Senior sogar durch den Harz gewandert.
Hatte sie was mit ihm? Keine Ahnung.
Oh, jetzt sehe ich sie.
Einträchtig zu Füssen ihres großen Zampanos Olsen. Ihr scheinheiliges, freundliches Gesicht ist kaum wiederzuerkennen. Ich sehe nur Brei. Da muss wohl jemand sehr wütend auf sie gewesen sein? Wer hat die Hexe nur so zurichten? In ihren Armen hält sie ihren blutüberzogenen Computer wie einen Schmusebär.
Wovor wollte sie den denn beschützen?
Wie immer war sie Super gekleidet. Mit ihren eins fünfzig und einer neunundsechzig Kilofigur hat sie immer das Beste aus dem gemacht, was sie nicht hatte. In ihrem blauen Gucci-Luxuskleid, mit der schönen weißroten Perlenkette, hätte sie top aussehen können. Aber wenn man, wie Frau Schröder, jetzt gesichtslos ist, nützt auch ein Designerkleid nichts mehr.
Noch gestern hatte sie sich darüber gefreut, als ich ihr Kleid bewunderte. Dazu trug sie rote Schuhe. Wo sind high-Heels? Ach da, ich sehe sie, sie liegen unter dem Tisch. Dann ist alles in Ordnung.
„Na Frau Schröder, hat sich einer ihrer früheren Mitarbeiter gemeldet? Der war wohl noch stinkig über ihre letzte Begegnung?“ frage ich und kann ihr dabei leider nicht mehr ins Gesicht schauen. Das ist weg.
Ein Notebook mit zerbröseltem Display liegt mit zerbrochenem Geschirr auf dem Teppich im Kabelsalat, der Video-BEAMER wirft über den Scheinwerfer immer noch ein Arbeitsblatt mit verzerrten langen Zahlenkolonen an die Decke.
Die vier Leichen haben eine Riesenschweinerei verursacht. Hätte der Mörder nicht besser aufpassen können? Heutzutage lässt man von den Opfern mit vorgehaltener Knarre Plastikfolien auslegen oder Outdoor Gräber ausheben. Das kennt man doch vom sonntäglichen Tatort. Wenn der Mörder guten Willen gezeigt hätte, hätte er die Leichen ohne großen Aufwand sauber entsorgen können. Ich vermute, dass hier ein Dilettant am Werk waren. Jetzt bleibt die ganze Arbeit wieder an mir hängen. Aber so kenne ich meine Chefs. Die Dreckarbeit überlassen sie mir.
Ich hebe mein Tablett vom Boden auf und bringe es in die Teeküche zurück. Der Konferenzraum befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. So wie meine Chefs den Raum hinterlassen haben, kann dort keine Sitzung stattfinden. Wo soll ich mit dem Aufräumen anfangen. Erst bei den Leichen oder dem schmutzigen Geschirr? Ich bin Sekretärin und keine Putze. Die sollen doch ihr Blut und den ganzen Dreck selbst wegwischen.
Ach so, geht ja nicht.
Sie sind tot.
Mausetot!
Warum eigentlich?
Vorsichtig schaue ich ein zweites Mal ins Besprechungszimmer. Ich habe nicht geträumt, meine drei Chefs und die Hexe liegen immer noch ganz friedlich auf und unter dem Tisch.
Meinen Job bin ich wohl los. Eine Sekretärin brauchen die jetzt nicht mehr. Ich sehe mir meine toten Chefs nochmal an, “ Auf Wiedersehen meine Herren und meine Dame,“ und schließe leise die Tür.
Neun Jahre musste ich zugesehen, wie sie marode Firmen aufkauften, um das Knowhow der ehemaligen Besitzer auszuweiden, ihnen die Kunden abzunehmen und sie zu demütigen. Ihr Drehbuch war immer gleich.
Phase 1:
Sie kauften marode Firmen für ein Appel und ein Ei auf. Ihr Ziel war: Noch mehr Profit aus den Firmen auszusaugen.
Phase 2:
Sie drückten der übernommenen Firma ohne Rücksicht auf Personen oder Notwendigkeiten ihr Verständnis von Unternehmensführung auf.
Phase 3:
Mit Lügen und Intrigen wurde die alte Riege entmachtet und rausgeworfen.
Phase 4:
Mit dem Abgang der alten Garde und überflüssigen Overhead wurde der Profit gesteigert.
Wer keinen maximalen Profit liefern konnte oder nicht parierte flog. Die Vernichtung von Existenzen, Menschen und Hoffnungen nahmen sie dabei desinteressiert in Kauf. Es war ihnen einfach egal. Das Einzige worauf die vier anschlugen, war Geld, Geld und noch mehr Geld.
Die Abwicklung der überflüssigen Mitarbeiter überließen sie mir. Damit wollten sie nichts zu tun haben. Das war ihnen lässig. Ich musste das ganze Leid und die Enttäuschung der Menschen ertragen.
Meine Chefs waren sicher sehr verwundert, dass gestern Abend irgendjemand da war, um ihr Drehbuch etwas umzuschreiben.
Wenn mich die Polizei fragen würde, wer als Täter in Frage kommen könnte, müsste ich ihnen eine lange Liste mit zweihundert Adressen zusammenstellen.
Mir fällt zum Beispiel Herr Dreyer der Firma Rubikon ein. Er hatte das Drehbuch meiner Chefs schnell begriffen und wollte es für seine eigene Karriere nutzen. Sein Problem: Auf dem angestrebten Geschäftsführersessel saß der alte Firmenbesitzer. Ganz nebenbei, der alte Firmenbesitzer hatte Dreyer Jahrzehnte als seinen Ziehsohn gefördert und aufgebaut. Herr Dr. Kruse konnte Dreyer überzeugen, ihm bei der Abservierung des Firmenbosses zu helfen. Das tat er dann auch. Er wies ihm angebliche Fehler nach und denunzierte ihn bei Dr. Kruse. Der wartete nicht lange und setzte den alten Boss vor die Tür. Dreyer wurde Geschäftsführer. Aber nicht lange. Monate später hatte ihn Capone wegen angeblicher Unfähigkeit fristlos entlassen.
Das Treffen mit den Bankvertretern werde ich absagen müssen. Sollen sich andere um die Leichen kümmern. Ich greife zum Telefonhörer und wähle 110.
